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  • 13. August 2026 1:20

Der erfundene Anfang der Schweiz

ByAnton Aeberhard

Juli 31, 2026

Wie ein symbolisches Datum, historische Legenden und politische Deutungen das Bild einer Nation geprägt haben

Am Abend des 1. August sieht die Schweiz aus, als würde sie ihren eigenen Geburtstag feiern. Auf Dorfplätzen brennen Feuer, Fahnen hängen an Häusern, Kinder tragen Lampions, und über den Bergen werden Feuerwerke entzündet. Für viele Menschen gehören diese Bilder selbstverständlich zur Schweizer Identität.

Doch der Ursprung dieser Feier ist historisch weniger eindeutig, als die Tradition vermuten lässt.

Der 1. August ist kein Geburtstag der Schweiz im modernen staatlichen Sinn. Es gibt kein Ereignis an diesem Tag im Jahr 1291, das mit der Gründung eines Staates vergleichbar wäre. Der Bundesbrief, der in der nationalen Erinnerung als Ursprung der Eidgenossenschaft gilt, war ein mittelalterliches Bündnis zwischen einzelnen Orten. Er ist ein wichtiges historisches Dokument – aber keine Gründungsurkunde der modernen Schweiz.

Dass dieses Datum heute eine solche Bedeutung besitzt, ist selbst ein Teil der Geschichte. Die Schweiz hat den Bundesbrief von 1291 im Laufe der Neuzeit zu einem zentralen Symbol ihrer Herkunft verdichtet.

Das macht den 1. August nicht wertlos. Aber es macht ihn interessant: Er erzählt weniger davon, wie die Schweiz tatsächlich entstanden ist, als davon, wie eine Gesellschaft ihre eigene Entstehung erinnert.

Ein symbolischer Anfang statt eines staatlichen Ursprungs

Die Eidgenossenschaft entstand nicht an einem einzigen Tag. Sie entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg durch Bündnisse, Konflikte, territoriale Veränderungen und politische Kompromisse. Die frühen Eidgenossen bildeten keine Nation im heutigen Sinn, sondern einen Zusammenschluss verschiedener Orte mit unterschiedlichen Interessen.

Der moderne Schweizer Bundesstaat entstand erst 1848. Damals wurde aus dem alten Staatenbund ein föderaler Staat mit einer gemeinsamen Verfassung, Bundesbehörden und einer politischen Ordnung, die bis heute prägend ist.

Aus historischer Sicht wäre 1848 deshalb das naheliegendere Gründungsdatum der heutigen Schweiz.

Doch 1848 erzählt eine andere Geschichte. Es geht nicht um einen mythischen Befreiungsmoment, sondern um politische Verhandlungen, Machtfragen und Kompromisse. Die moderne Schweiz wurde nicht auf einem Schlachtfeld oder durch einen Schwur geschaffen, sondern durch institutionelle Entscheidungen. Gerade solche Prozesse sind schwerer in eine nationale Ursprungserzählung zu verwandeln.

Nationen suchen häufig nicht nach dem kompliziertesten Anfang, sondern nach einem erzählbaren Anfang. Sie brauchen Bilder, Figuren und Momente, in denen sich ein gemeinsames Selbstverständnis ausdrücken lässt. Der 1. August erfüllt genau diese Funktion.

Wie Traditionen entstehen

Auch die Bilder des Nationalfeiertags sind jünger, als sie erscheinen. Höhenfeuer, organisierte Festveranstaltungen, Reden, Fahnen und Feuerwerk wirken wie eine direkte Verbindung zu den Anfängen der Eidgenossenschaft.

Tatsächlich gehören viele Formen der heutigen Bundesfeier zur modernen Nationalkultur des 19. und 20. Jahrhunderts. Besonders die 600-Jahr-Feier des Bundesbriefs von 1291 im Jahr 1891 spielte eine wichtige Rolle bei der nationalen Aufwertung dieses Datums. Seit 1899 wird der 1. August jährlich als Bundesfeier begangen.

Damit folgt die Schweiz einem Muster, das viele moderne Staaten kennen: Nationale Gemeinschaften schaffen sichtbare Rituale, um historische Erinnerungen zu bündeln.

Solche Traditionen sind nicht automatisch künstlich oder wertlos. Auch eine relativ junge Tradition kann gesellschaftlich bedeutend werden. Entscheidend ist, zu verstehen, wie und wann sie entstanden ist.

Wilhelm Tell und die Macht der Legende

Kaum eine Figur steht stärker für die Schweizer Ursprungserzählung als Wilhelm Tell.

Die Geschichte vom Freiheitskämpfer, der sich gegen den habsburgischen Vogt Gessler stellt, gehört zu den bekanntesten europäischen Freiheitslegenden. Der Apfelschuss und der Widerstand gegen fremde Herrschaft sind zu festen Bildern der Schweizer Erinnerung geworden.

Historisch lässt sich die Existenz Wilhelm Tells jedoch nicht nachweisen. Die Erzählung erscheint erst Jahrhunderte nach der angeblichen Lebenszeit Tells in schriftlichen Quellen. Auch einzelne Motive der Geschichte finden sich in ähnlicher Form in anderen europäischen Überlieferungen.

Trotzdem wäre es zu einfach, eine Legende nur danach zu beurteilen, ob sie historisch überprüfbar ist. Mythen erfüllen eine andere Aufgabe als historische Dokumente. Sie bewahren nicht nur Erinnerungen an Ereignisse, sondern auch Vorstellungen darüber, welche Werte eine Gemeinschaft mit ihrer Vergangenheit verbindet.

Wilhelm Tell ist deshalb weniger eine belegte historische Person als eine Figur des kulturellen Gedächtnisses. Er steht für Freiheit, Widerstand gegen Willkür und die Vorstellung, dass politische Macht begrenzt werden muss.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob eine Gesellschaft Mythen besitzt. Fast jede Gesellschaft besitzt sie. Die entscheidende Frage ist, wie sie mit ihnen umgeht.

Wem gehört die Vergangenheit?

Historische Symbole sind selten politisch neutral. Wer sich auf eine bestimmte Vergangenheit beruft, verbindet damit häufig auch Vorstellungen darüber, welche Werte und welche Identität zur Nation gehören.

Begriffe wie „Eidgenossen“, „Urschweiz“ oder die Berufung auf Wilhelm Tell und den Rütlischwur wurden in verschiedenen Zeiten unterschiedlich verwendet. Besonders konservative und national orientierte Bewegungen haben diese Bilder häufig aufgegriffen, um Vorstellungen von Tradition, Kontinuität und einer ursprünglichen nationalen Identität zu formulieren.

Dabei entsteht leicht das Bild einer alten, unveränderten Schweiz, die über Jahrhunderte dieselbe geblieben sei.

Historisch war die Eidgenossenschaft jedoch nie ein homogenes Gemeinwesen.

Sie bestand aus unterschiedlichen Regionen, Sprachen, Konfessionen und politischen Kulturen. Deutschsprachige, französischsprachige, italienischsprachige und rätoromanische Gebiete hatten unterschiedliche historische Erfahrungen. Katholische und reformierte Regionen standen sich über lange Zeit politisch gegenüber.

Die Schweiz entstand deshalb nicht aus einer gemeinsamen Abstammung, sondern aus dem Versuch verschiedener Gruppen, eine gemeinsame politische Ordnung zu schaffen.

Gerade darin liegt ihre historische Besonderheit.

Die eigentliche Stärke der Schweiz

Die Schweiz muss ihre Gründungsmythen nicht abschaffen. Traditionen verlieren ihren Wert nicht dadurch, dass man ihre Entstehung kritisch betrachtet. Die eigentliche politische Leistung der Schweiz liegt ohnehin nicht in einem perfekten Ursprung. Sie liegt in der Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten und daraus gemeinsame Institutionen zu entwickeln.

Die Schweiz wurde nicht durch einen einzigen Schwur geschaffen. Sie entstand durch Jahrhunderte von Verhandlungen, Konflikten und Lösungen. Der 1. August kann deshalb weiterhin gefeiert werden. Aber vielleicht sollte er weniger als Beweis für eine unveränderte nationale Herkunft verstanden werden, sondern als Erinnerung daran, dass politische Gemeinschaften immer wieder neu gestaltet werden.

Die stärkste Geschichte der Schweiz ist nicht die eines perfekten Anfangs. Es ist die Geschichte eines Landes, das aus Vielfalt eine gemeinsame Ordnung geschaffen hat.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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