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  • 22. September 2026 14:17

Die stille Last der Atemwegsinfektionen

ByLena Wallner

Sep. 20, 2026

Grippe, RSV und andere Atemwegsinfektionen gehören zum Winter wie Kälte und kurze Tage. Gerade deshalb wird ihre medizinische Bedeutung leicht unterschätzt. Dabei zeigen neue Studien, wie eng Infektionen mit Herz-Kreislauf-Komplikationen verbunden sein können. Bei anderen behaupteten Langzeitfolgen ist die Forschung dagegen weit weniger eindeutig.

Jeden Winter wiederholt sich ein vertrautes Bild: volle Wartezimmer, überlastete Notaufnahmen, zusätzliche Betten auf den Stationen. Irgendwann ebbt die Welle ab, und mit ihr verschwindet das Thema aus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Vielleicht ist genau das Teil des Problems.

Anders als eine Pandemie hat die saisonale Infektionswelle keinen Anfang, der sich ins kollektive Gedächtnis einprägt, und kein dramatisches Ende. Sie kommt wieder. Influenza, RSV, Covid-19 und andere Atemwegserreger gehören zum Alltag. Doch alltäglich bedeutet nicht harmlos.

Eine Gruppe französischer Ärzte, Wissenschaftler und Patientenvertreter hat deshalb in einer am 18. September veröffentlichten Tribüne in Le Monde eine mehrjährige Präventionsstrategie gefordert. Die Autoren sprechen von einer „stillen Banalisierung“ der Atemwegsepidemien und verweisen auf Folgen für Patienten, Angehörige, Beschäftigte im Gesundheitswesen und die Gesellschaft. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem die Infektiologin Elisabeth Botelho-Nevers, der Epidemiologe Antoine Flahault, der Geriater Olivier Guérin und der Kardiologe Ariel Cohen.

Der Befund, auf dem dieser Appell aufbaut, ist nicht schwer zu bestreiten: Atemwegsinfektionen können schwer verlaufen. Interessanter ist die Frage, was sie darüber hinaus bewirken – und was davon tatsächlich wissenschaftlich belegt ist.

Wenn die Grippe das Herz trifft

Besonders deutlich wird die Bedeutung von Influenza beim Blick auf das Herz-Kreislauf-System. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 17 Studien fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen Influenza und akutem Myokardinfarkt. In den untersuchten Studien war das Risiko eines Herzinfarkts während beziehungsweise kurz nach einer Influenzaerkrankung erhöht.

Das Ergebnis passt zu dem, was man biologisch erwarten würde. Eine schwere Infektion kann Entzündungsreaktionen, Fieber, erhöhten Sauerstoffbedarf und Veränderungen der Blutgerinnung auslösen. Für Menschen mit vorgeschädigten Gefäßen kann eine solche Belastung zum entscheidenden Auslöser werden. Noch interessanter ist die Frage, ob sich dieser Zusammenhang durch eine Impfung beeinflussen lässt.

Eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse von sieben randomisierten kontrollierten Studien mit 12.224 Menschen, die bereits an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung litten, fand bei den Geimpften weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse und eine niedrigere kardiovaskuläre Sterblichkeit. Für Herzinfarkte und die Gesamtsterblichkeit war der Effekt dagegen statistisch weniger eindeutig; bei Schlaganfall und Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz zeigte sich kein signifikanter Unterschied.

Das ist eine wichtige Nuance. Die Daten rechtfertigen die Aussage, dass die Grippeimpfung bei Menschen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung einen zusätzlichen Schutz vor bestimmten schweren Ereignissen bieten kann. Sie rechtfertigen nicht die pauschale Behauptung, die Grippeimpfung sei generell eine Herzschutzimpfung.

Was die Impfung verhindert – und was nicht

Auch bei der Verhinderung schwerer Influenzaerkrankungen ist die Datenlage inzwischen umfangreich. Eine große systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit 165 Studien untersuchte die Wirksamkeit der saisonalen Influenzaimpfung gegen schwere Krankheitsverläufe. Die Autoren fanden unter anderem eine relevante Verringerung von Hospitalisierungen und intensivmedizinisch behandelten Erkrankungen.

Der Effekt ist allerdings nicht jedes Jahr gleich groß. Das liegt unter anderem daran, welche Influenzaviren in einer Saison dominieren, wie gut der Impfstoff zu ihnen passt und welche Alters- und Risikogruppen untersucht werden.

Das klingt weniger spektakulär als das Versprechen eines vollständigen Schutzes. Es entspricht aber besser der Realität: Die Impfung muss nicht jede Infektion verhindern, um medizinisch wertvoll zu sein. Entscheidend ist, ob sie schwere Verläufe verhindert.

Und genau dafür gibt es belastbare Evidenz.

RSV wird erst allmählich sichtbar

Während Influenza seit Jahrzehnten bekannt ist, hat RSV in der öffentlichen Wahrnehmung erst in den vergangenen Jahren stärker an Bedeutung gewonnen. Das Respiratorische Synzytial-Virus ist vor allem für zwei Gruppen relevant: sehr junge Kinder und ältere Menschen. Bei älteren Erwachsenen kann eine RSV-Infektion zu einer schweren Erkrankung der unteren Atemwege führen und eine bestehende Herz- oder Lungenerkrankung verschlechtern.

Wie groß das Problem ist, zeigt eine systematische Untersuchung aus Ländern mit hohem Einkommen. Die Autoren schätzten für Menschen ab 65 Jahren eine erhebliche Zahl RSV-bedingter Hospitalisierungen. Die genaue Größenordnung ist wegen unterschiedlicher Teststrategien und der häufig fehlenden Routinediagnostik mit Unsicherheiten behaftet.

Mittlerweile lässt sich auch die andere Seite der Gleichung untersuchen: die Prävention. Eine 2025 publizierte randomisierte Studie mit mehr als 131.000 Menschen ab 60 Jahren verglich eine RSV-Impfung mit keiner Impfung. RSV-bedingte respiratorische Hospitalisierungen waren in der Impfgruppe deutlich seltener.

Auch hier sollte man nicht mehr behaupten, als die Daten hergeben. Der Impfstoff verhindert nicht jede RSV-Infektion. Aber die randomisierten Daten sprechen dafür, dass er schwere Verläufe und insbesondere Krankenhausaufnahmen verhindern kann.

Der interessanteste Satz aus Paris ist zugleich der problematischste

Die französischen Autoren gehen in ihrer Le-Monde-Tribüne weiter. Sie schreiben, Atemwegsinfektionen könnten langfristige Folgen haben und unter anderem den kognitiven Abbau beschleunigen. Außerdem verweisen sie auf Studien, nach denen verschiedene Impfungen mit einem geringeren Risiko für Alzheimer und andere Demenzerkrankungen verbunden seien.

Hier beginnt die Zone, in der man genauer hinsehen muss.

Denn einen Zusammenhang gibt es tatsächlich. Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse von acht Kohortenstudien mit fast zehn Millionen Menschen untersuchte die Beziehung zwischen Influenzaimpfung und Demenz. In der Gesamtbevölkerung war das Ergebnis jedoch nicht statistisch signifikant: Hazard Ratio 0,93, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,86 bis 1,01. In bestimmten Hochrisikogruppen fanden die Forscher dagegen eine niedrigere Demenzrate bei mehrfach Geimpften.

Das ist interessant. Es ist aber kein Beweis dafür, dass die Grippeimpfung Alzheimer verhindert. Denn Menschen, die sich impfen lassen, sind nicht notwendigerweise mit Menschen vergleichbar, die darauf verzichten. Sie gehen möglicherweise häufiger zum Arzt, achten stärker auf ihre Gesundheit oder unterscheiden sich in anderen Faktoren, die wiederum das Demenzrisiko beeinflussen können. Eine solche Studie kann einen Zusammenhang zeigen. Sie kann aber nicht ohne weiteres Ursache und Wirkung voneinander trennen. Das sollte man gerade bei Alzheimer nicht verwischen.

Ein erstaunlicher Befund bei Menschen mit Demenz

Gleichzeitig gibt es einen anderen, weniger spektakulären, aber medizinisch unmittelbar relevanten Befund. Eine dänische Registerstudie untersuchte 134.002 Menschen mit bereits diagnostizierter Demenz. Bei den gegen Influenza Geimpften lagen Hospitalisierungen und Sterblichkeit niedriger als bei den nicht Geimpften. Die Hospitalisierungsrate war um etwa neun bis zehn Prozent niedriger, die Mortalität ebenfalls um neun Prozent.

Auch diese Studie beweist keinen Schutz vor dem Entstehen einer Demenz. Sie beantwortet vielmehr eine andere Frage: Was passiert, wenn Menschen mit Demenz eine Influenzaimpfung erhalten? Für die medizinische Praxis ist diese Unterscheidung keineswegs nebensächlich.

Die Zahl 19 braucht ein Sternchen

Die französische Tribüne nennt noch eine andere beeindruckende Zahl: Impfprogramme für Erwachsene könnten bis zum 19-Fachen des eingesetzten Geldes zurückbringen. Die Zahl stammt aus gesundheitsökonomischen Modellierungen. Sie ist deshalb nicht falsch – aber sie ist auch keine Rendite, die sich an einer Kasse ablesen lässt. Solche Modelle rechnen unterschiedliche Größen zusammen: vermiedene Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte, Arbeitsausfälle, Pflegebedürftigkeit und Todesfälle. Je nachdem, wie diese Effekte bewertet werden und welche Impfkosten, Impfquoten und Erkrankungsrisiken angenommen werden, verändert sich das Ergebnis.

Für gesundheitspolitische Entscheidungen sind solche Berechnungen sinnvoll. Man sollte sie nur als das bezeichnen, was sie sind: Modelle möglicher gesellschaftlicher Erträge, nicht experimentell gemessene Renditen.

Was an der französischen Warnung trotzdem wichtig ist

Man könnte die Tribüne von Le Monde deshalb leicht zerlegen: Einige Formulierungen sind stärker als die Evidenz, andere beziehen sich auf Modellrechnungen, wieder andere auf Beobachtungsstudien.

Aber damit wäre der eigentliche Punkt verfehlt.

Denn man braucht weder eine Alzheimer-Schutzwirkung der Grippeimpfung noch eine neunzehnfache ökonomische Rendite, um die Bedeutung der Prävention zu begründen. Es reicht bereits, dass Influenza bei gefährdeten Menschen schwere Erkrankungen auslösen kann; dass solche Infektionen mit akuten kardiovaskulären Ereignissen verbunden sind; dass Impfungen schwere Verläufe reduzieren können; und dass mit RSV ein weiterer Erreger hinzukommt, gegen den inzwischen wirksame Präventionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Die wissenschaftlich interessante Entwicklung besteht deshalb nicht darin, dass plötzlich alle Atemwegsinfektionen als gefährlich erkannt würden. Sie besteht darin, dass die Medizin immer genauer unterscheiden kann, für wen eine Infektion gefährlich wird und an welcher Stelle Prävention den größten Unterschied macht.

Das ist eine nüchternere Botschaft als ein „Immunisierungsschild“ für die gesamte Gesellschaft. Aber vermutlich auch die nachhaltigere. Denn die wichtigste Frage lautet am Ende nicht, ob man vor Atemwegsinfektionen Angst haben sollte. Sondern, welche Menschen geschützt werden können – und welche Mittel dafür nachweislich funktionieren.

Bei Influenza und RSV ist die Antwort inzwischen deutlich konkreter als noch vor wenigen Jahren. Bei den langfristigen Folgen, insbesondere bei Demenz, ist sie es noch nicht.

Gerade diese Unterscheidung gehört zur guten Prävention: nicht weniger warnen, sondern genauer.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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