KOMMENTAR
Manchmal reicht ein Blick in die Kommentarspalten, um zu glauben, die vergangenen sechs Jahre hätten überhaupt nicht stattgefunden.
Sobald irgendwo das Wort Corona auftaucht, sind sie wieder da: „Plandemie“, „alles erfunden“, „die Impfung war nutzlos“, „es ging nie um ein Virus, sondern um Kontrolle“. Die meisten Menschen haben das Thema längst hinter sich gelassen. Eine kleine Minderheit dagegen scheint sich geradezu verpflichtet zu fühlen, jede passende Gelegenheit zu nutzen, um die alten Erzählungen wieder hervorzuholen.
Das Erstaunliche daran ist weniger, dass Menschen skeptisch sind. Skepsis ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Eine Demokratie braucht Menschen, die Entscheidungen von Regierungen, Behörden und Experten hinterfragen.
Aber zwischen Skepsis und der Überzeugung, dass praktisch alles eine einzige große Täuschung gewesen sein muss, liegt ein ziemlich großer Unterschied.
Und nach sechs Jahren sollte man diesen Unterschied eigentlich erkennen können.
Aktuell liefern ausgerechnet zwei Namen aus dem Schweizer Sport wieder Anlass für solche Diskussionen. Gegen Granit Xhaka ermittelt die Luzerner Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit einem möglichen gefälschten Covid-Zertifikat. Was genau passiert ist, muss das Verfahren erst klären. Xhaka gilt, wie jeder Beschuldigte, als unschuldig, solange nichts anderes bewiesen ist. Mehr sollte man daraus im Moment auch nicht machen.
Bei Patrick Fischer ist die Lage eine andere. Der ehemalige Schweizer Nationaltrainer wurde wegen Urkundenfälschung verurteilt, nachdem er für die Olympischen Spiele in Peking ein gefälschtes Covid-Zertifikat verwendet hatte. 2026 sperrte ihn die Internationale Eishockey-Föderation IIHF zudem für vier Jahre auf Nationalmannschaftsebene. Gegen diese Sperre geht Fischer vor.
Das sind zwei unterschiedliche Fälle. Der eine ist ein laufendes Ermittlungsverfahren, der andere ein bereits geahndetes Fehlverhalten. Beides darf man kritisieren. Und selbstverständlich darf man sich fragen, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen Zertifikate fälschten oder sich auf andere Weise über geltende Regeln hinwegsetzten.
Nur: Was hat das mit der Existenz eines Virus zu tun?
Eigentlich nichts.
Ein gefälschtes Zertifikat ist kein gefälschtes Virus.
Trotzdem wird genau daraus in den sozialen Netzwerken immer wieder ein Beweis konstruiert, dass die Pandemie angeblich gar nicht existiert habe. Das ist ein ziemlich bemerkenswerter Sprung. Man nimmt einen konkreten Regelverstoß und erklärt damit rückwirkend die gesamte medizinische und epidemiologische Realität für erfunden.
So funktioniert Wissenschaft nicht.
Und damit sind wir bei einem Punkt, der mir inzwischen fast wichtiger erscheint als die einzelnen Corona-Debatten. Natürlich haben Regierungen Fehler gemacht. Natürlich wurden Entscheidungen unter großer Unsicherheit getroffen. Natürlich darf man über Lockdowns, Maskenpflichten, Schulschließungen, Zertifikate, Kommunikation und die Verhältnismäßigkeit einzelner Maßnahmen streiten. Einige dieser Fragen werden uns noch lange beschäftigen.
Man darf sogar sehr hart mit der damaligen Politik ins Gericht gehen.
Nur muss man dabei nicht gleich das Virus abschaffen.
Das ist vielleicht die einfachste Unterscheidung, die in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist: Die Tatsache, dass eine Regierung eine falsche Entscheidung trifft, beweist nicht, dass die medizinische Ausgangslage falsch war. Dass ein Zertifikat gefälscht wurde, beweist nicht, dass Impfungen wirkungslos waren. Und dass sich Experten in einzelnen Fragen geirrt haben, beweist nicht, dass sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse eine große Inszenierung waren.
Das klingt banal. Offenbar ist es das nicht.
Die internationale Gesundheitsnotlage wegen Covid-19 wurde im Mai 2023 beendet. Das war ein wichtiger Einschnitt. Es bedeutete aber nicht, dass SARS-CoV-2 plötzlich verschwunden war. Das Virus zirkuliert weiterhin. In ihrer aktuellen Risikobewertung vom August 2026 beschreibt die Weltgesundheitsorganisation die globale Gefahr weiterhin als moderat und weist darauf hin, dass Covid-19 nach wie vor schwere Erkrankungen und Todesfälle verursachen kann, insbesondere bei älteren und gesundheitlich vorbelasteten Menschen. Seit Beginn der Pandemie wurden der WHO mehr als 779 Millionen bestätigte Fälle und mehr als sieben Millionen bestätigte Todesfälle gemeldet. Die tatsächliche Zahl liegt höher, weil längst nicht jede Infektion erfasst wird.
Man muss diese Zahlen nicht dramatisieren. Aber man sollte sie auch nicht wegdiskutieren.
Dasselbe gilt für die Impfungen.
Auch hier ist die Wahrheit weniger bequem, als es manche Kommentarspalten gerne hätten. Die Impfstoffe waren nicht perfekt. Sie verhinderten nicht jede Infektion, und ihr Schutz vor einer Infektion nahm mit der Zeit ab und unterschied sich je nach Virusvariante. Daraus folgt aber nicht, dass sie nutzlos waren.
Die WHO hält auch 2026 fest, dass die zugelassenen Covid-Impfstoffe vor schweren Krankheitsverläufen und Tod schützen. Die aktuellen Empfehlungen richten sich besonders auf Menschen mit erhöhtem Risiko.
Das ist eine viel langweiligere Aussage als „Die Impfung war eine Lüge“. Aber langweilig ist nicht dasselbe wie falsch.
Vielleicht ist genau das unser eigentliches Problem.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass jede komplizierte Frage möglichst schnell in zwei Lager aufgeteilt wird. Wer die Pandemiepolitik kritisiert, gilt als Corona-Leugner. Wer die Wirksamkeit der Impfungen verteidigt, wird zum Impf-Fanatiker erklärt. Wer auf wissenschaftliche Erkenntnisse verweist, ist angeblich obrigkeitshörig. Wer Zweifel äußert, hält sich plötzlich für den einzigen Menschen, der noch selbst denkt.
Dabei ist die Wirklichkeit fast immer komplizierter.
Man kann eine Impfung für sinnvoll halten und trotzdem eine konkrete Impfpflicht ablehnen. Man kann anerkennen, dass Covid gefährlich war, und trotzdem eine bestimmte Lockdown-Maßnahme für falsch halten. Man kann die Existenz des Virus für selbstverständlich halten und gleichzeitig fragen, ob Behörden zu einem bestimmten Zeitpunkt angemessen reagiert haben.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Was mich deshalb an den immer gleichen Kommentaren so nervt, ist nicht einmal die Kritik. Es ist die völlige Unbeweglichkeit dahinter.
Sechs Jahre sind eine lange Zeit. In diesen sechs Jahren sind Milliarden von Menschen mit dem Virus in Kontakt gekommen. Es gab unzählige Studien, neue Virusvarianten, Impfstoffe, Auffrischungen, Krankheitsverläufe, Überwachungsdaten und immer wieder neue Erkenntnisse. Vieles wurde bestätigt, manches musste korrigiert werden.
Genau so funktioniert Wissenschaft.
Sie sagt nicht: Wir hatten am ersten Tag auf alles die richtige Antwort.
Sie sagt: Das wissen wir derzeit. Das wissen wir noch nicht. Und wenn neue Daten kommen, ändern wir unsere Einschätzung.
Eigentlich ist das eine Stärke.
In manchen Kommentarspalten wird es dagegen als Schwäche behandelt. Dort scheint es fast als persönliches Versagen zu gelten, eine frühere Meinung zu korrigieren.
Vielleicht liegt darin ein Teil des Problems. Wer 2020 sehr laut verkündet hat, Corona sei völlig harmlos, eine Erfindung oder Teil eines gigantischen Plans, müsste heute erklären, was er damals falsch eingeschätzt hat. Das ist unangenehm. Vor allem dann, wenn man diese Aussagen öffentlich unter seinem eigenen Namen gemacht hat.
Da ist es vermutlich einfacher, an der alten Geschichte festzuhalten.
Nur wird sie dadurch nicht wahrer.
Und ja, manchmal frage ich mich tatsächlich, wie viel Zeit manche Menschen eigentlich darauf verwenden, diese alten Geschichten immer wieder unter neue Beiträge zu schreiben. Es ist schon eine besondere Form von Ausdauer, wenn man sechs Jahre später noch immer unter einem Bericht über Corona denselben Kommentar hinterlässt wie damals.
Vielleicht sollte man irgendwann einfach weitergehen.
Nicht jede Pandemie muss zur Weltanschauung werden.
Was wir stattdessen bräuchten, wäre eine vernünftige Aufarbeitung. Welche Maßnahmen waren sinnvoll? Welche waren überzogen? Wo haben Behörden versagt? Was haben wir über die Kommunikation in einer Krise gelernt? Wie hätte man ältere und besonders gefährdete Menschen besser schützen können? Welche Entscheidungen würden wir bei einer nächsten Pandemie anders treffen?
Das sind wichtige Fragen.
Und sie sind viel interessanter als die Behauptung, dass alles erfunden gewesen sei.
Denn wenn wir aus der Pandemie überhaupt etwas lernen wollen, müssen wir zwei Dinge gleichzeitig aushalten: dass es reale Fehler gab – und dass deshalb nicht automatisch die gesamte Wirklichkeit falsch war.
Vielleicht wäre das nach sechs Jahren ein ganz guter Anfang. Nicht die Forderung, dass jeder seine Meinung ändern muss. Sondern die etwas bescheidenere Erwartung, dass jeder bereit sein sollte, sie zu überprüfen.
Auch die eigene.
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