KOMMENTAR
Alice Weidel hat heute in der Bundespressekonferenz Adolf Hitler erneut als „Linksextremisten“ bezeichnet. Sie sprach von einer „völlig linksgerichteten Politik“ und nannte Hitler einen „Linksextremisten“. Das ist keine historische Petitesse und auch keine harmlose Provokation. Es ist eine politische Umdeutung der deutschen Geschichte – und vor allem ist es keine neue Behauptung.
Am Montag, dem 21. September 2026, traten Weidel und Tino Chrupalla nach den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam vor der Bundespressekonferenz auf. Es ging um die Wahlergebnisse, den politischen Kurs der AfD und den Anspruch der Partei, eine neue Volkspartei zu sein. Und dann kam Hitler.
Weidel wiederholte ihre bekannte Darstellung, Hitler sei politisch links gewesen. Bereits im Januar 2025 hatte sie im Gespräch mit Elon Musk behauptet, Hitler sei ein „sozialistisch-kommunistischer Typ“ gewesen und nicht rechts oder konservativ. Diese Darstellung wurde damals von Historikern und Faktencheckern deutlich zurückgewiesen.
Heute legt Weidel noch einmal nach.
Der Parteiname allein macht niemanden zum Linken
Das Argument dahinter ist schnell erzählt: Die NSDAP hieß „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“, im Programm und in der Propaganda tauchten soziale und antikapitalistische Begriffe auf. Also müsse Hitler links gewesen sein.
Nur funktioniert Geschichte so nicht.
Politische Bewegungen werden nicht danach eingeordnet, welche Wörter sie in ihrem Parteinamen verwenden. Entscheidend sind Ideologie, politische Ziele und tatsächliches Handeln.
Der Nationalsozialismus beruhte auf völkischem Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus und war fundamental antimarxistisch. Kommunisten und Sozialdemokraten wurden verfolgt, Gewerkschaften zerschlagen und die parlamentarische Demokratie beseitigt. Die Nationalsozialisten errichteten eine rassistische Diktatur.
Genau diese historische Einordnung wird auch in der Forschung vertreten. ZDF-Faktenchecker verwiesen bereits 2025 darauf, dass Weidels Darstellung eines „sozialistisch-kommunistischen“ Hitler dem breiten Konsens der Geschichtsforschung widerspricht.
Man kann über die genaue politische Einordnung einzelner wirtschaftspolitischer Maßnahmen des NS-Regimes diskutieren. Man kann auch darüber sprechen, welche sozialen Versprechen die Nationalsozialisten propagandistisch eingesetzt haben. Daraus folgt aber nicht, dass Hitler zum Linksextremisten wird. Das ist keine komplizierte historische Spitzfindigkeit. Es ist eine grundlegende Frage.
Warum diese Erzählung politisch so bequem ist
Wenn Hitler plötzlich „links“ gewesen sein soll, verschiebt sich der historische Blickwinkel. Dann muss die extreme Rechte nicht mehr erklären, warum der Nationalsozialismus aus einem radikal nationalistischen, rassistischen und antimarxistischen Weltbild heraus entstand. Stattdessen wird der politische Gegner zum eigentlichen historischen Erben des Nationalsozialismus erklärt.
Aus „rechts“ wird „links“.
Aus Rechtsextremismus wird angeblicher Linksextremismus.
Und aus dem Kampf gegen Faschismus kann in dieser Erzählung plötzlich selbst ein Problem werden.
Weidel hat in diesem Zusammenhang auch bereits die Vorstellung aufgegriffen, Faschismus werde zurückkehren, ohne sich selbst so zu nennen, sondern als „Antifaschismus“. Genau solche Aussagen verschieben die politische Bedeutung von Begriffen: Nicht mehr der historische Faschismus steht im Mittelpunkt, sondern die Behauptung, der eigentliche Faschismus komme heute von links. Das ist politische Umdeutung – keine seriöse Aufarbeitung der Geschichte.
Und die AfD?
Besonders bemerkenswert ist der Ort und der Zeitpunkt dieser Aussage. Weidel äußert sie nicht irgendwann in einem sozialen Netzwerk oder in einem privaten Gespräch. Sie sagt sie als Bundessprecherin der AfD auf einer offiziellen Pressekonferenz. Neben ihr sitzt Tino Chrupalla, ebenfalls Bundessprecher der Partei. Mit dabei sind außerdem die Berliner AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker und der mecklenburg-vorpommersche AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jedes AfD-Mitglied diese historische Darstellung teilt.
Aber es wirft eine andere Frage auf:
Wo bleibt der öffentliche Widerspruch?
Bislang ist keine öffentliche Distanzierung der AfD-Spitze von Weidels heutiger Hitler-Aussage bekannt. Auch auf den aktuellen Presse- und Mitteilungsseiten der Partei findet sich bislang keine entsprechende Distanzierung.
Das beweist nicht, dass die gesamte Partei Weidels Geschichtsbild teilt. Aber bei einer derart grundlegenden Aussage über Adolf Hitler wäre ein klarer Widerspruch durchaus erwartbar.
Und genau deshalb sollte man nicht nur auf Weidel schauen, sondern auch darauf, wie ihre Partei mit solchen Aussagen umgeht.
Es geht nicht um ein Redeverbot
Weidel darf diese Meinung äußern. Niemand muss ihr deshalb ein Redeverbot erteilen. Aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass historische Tatsachen plötzlich zur Geschmacksfrage werden. „Ich halte die Linke für gefährlich“ ist eine politische Bewertung.
„Adolf Hitler war ein Linksextremist“ ist dagegen eine historische Behauptung. Und diese Behauptung steht im Widerspruch zu der etablierten historischen Einordnung des Nationalsozialismus.
Das ist der entscheidende Punkt.
Man muss Weidel dafür auch nicht mit möglichst großen politischen Schimpfwörtern belegen. Das ist gar nicht nötig. Ihre konkrete Aussage reicht völlig aus.
Sie ist historisch nicht haltbar. Und sie ist nicht neu.
Das Problem ist die Wiederholung
Gerade die Wiederholung macht die Sache politisch relevant. 2025 sagte Weidel, Hitler sei ein „sozialistisch-kommunistischer Typ“. 2026 bezeichnet sie ihn erneut als Linksextremisten. Das ist jedenfalls kein einmaliger Ausrutscher.
Es ist eine wiederkehrende Darstellung, die ein bestimmtes politisches Geschichtsbild transportiert. Und je öfter eine solche Behauptung wiederholt wird, desto mehr besteht die Gefahr, dass aus einer falschen Behauptung für einen Teil des Publikums vermeintliche Selbstverständlichkeit wird.
Deshalb sollte man sie widersprechen. Nicht, weil Weidel keine andere Meinung haben darf.
Sondern weil Geschichte nicht dadurch demokratischer wird, dass man sie so lange umdeutet, bis sie politisch besser passt.
Geschichte lässt sich nicht per Pressekonferenz umschreiben
Man kann die heutige Politik der Bundesregierung kritisieren. Man kann Migration, Wirtschaft, Energie, Steuern oder Sicherheit völlig anders bewerten als die Bundesregierung. All das gehört zur politischen Auseinandersetzung. Aber wer über die Gegenwart diskutieren will, sollte bei der Vergangenheit nicht die Fakten austauschen.
Adolf Hitler wird nicht dadurch zum Linksextremisten, dass die NSDAP das Wort „Sozialismus“ im Namen trug. Der Nationalsozialismus wird nicht dadurch zu einer linken Bewegung, dass die Nazis soziale Parolen verwendeten.
Und die politische Verantwortung der extremen Rechten für die eigene Geschichte verschwindet nicht dadurch, dass man versucht, diese Geschichte einem politischen Gegner zuzuschieben. Weidels Aussage ist deshalb mehr als eine provozierende Bemerkung. Sie ist ein Beispiel dafür, wie politische Auseinandersetzung funktioniert, wenn historische Begriffe so lange verschoben werden, bis sie in die eigene Erzählung passen.
Wer Hitler zum Linksextremisten erklärt, ändert nicht die Vergangenheit. Er ändert nur die Geschichte, die er seinem Publikum erzählen will.
Und genau deshalb sollte man bei solchen Aussagen nicht wegschauen.
Denn wer die Vergangenheit zurechtbiegt, macht sich die Gegenwart deutlich bequemer.
Quellen: Bundespressekonferenz, Pressekonferenz der AfD vom 21. September 2026; Die Presse, 21. September 2026; ZDF, Faktencheck zum Gespräch zwischen Alice Weidel und Elon Musk, Januar 2025; Bundeszentrale für politische Bildung, „Nationalsozialismus – Aufstieg und Herrschaft“.
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