KOMMENTAR
Der Begriff „Eidgenosse“ gehört zu den ältesten politischen Selbstbezeichnungen der Schweiz. Historisch verweist er auf ein Bündnissystem, das nicht über Abstammung, sondern über einen gegenseitigen Eid definiert war. In aktuellen migrationspolitischen Debatten taucht der Begriff jedoch erneut auf – teils als historischer Bezug, teils als identitätsstiftende Abgrenzungsformel.
Historischer Ursprung: ein politischer Eid, kein ethnischer Begriff
Der Begriff geht zurück auf die frühe Eidgenossenschaft von 1291, ein Verteidigungs- und Beistandsbündnis zwischen Uri, Schwyz und Unterwalden. Entscheidend war dabei nicht gemeinsame Herkunft, Sprache oder Kultur, sondern eine vertraglich besiegelte Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe.
„Eidgenosse“ bedeutet wörtlich: jemand, der durch einen Eid Teil dieses Bündnisses ist. Der Begriff beschreibt damit ursprünglich eine politische Rechtsgemeinschaft – kein ethnisches Kollektiv.
Mit der Ausweitung der Eidgenossenschaft im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit wurde das Bündnissystem zunehmend heterogener: deutsch-, französisch- und italienischsprachige Gebiete kamen hinzu, ebenso Stadt- und Landkantone mit sehr unterschiedlichen politischen Strukturen.
Migration als Konstante der Schweizer Geschichte
Auch die spätere Entwicklung der heutigen Schweiz ist ohne Migration kaum erklärbar. So flohen im 16. und 17. Jahrhundert zahlreiche Hugenotten aus Frankreich in protestantische Regionen wie Genf oder Neuenburg. Sie prägten dort Handwerk, Bankenwesen und Handel nachhaltig.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war es vor allem die Arbeitsmigration aus Italien, die die Schweiz veränderte. Italienische Arbeiter waren zentral am Bau großer Infrastrukturprojekte beteiligt – etwa am Gotthard-Eisenbahntunnel. Viele dieser Familien blieben dauerhaft und wurden Teil der Gesellschaft.
Aktuelle politische Debatten und der Begriff „Eidgenosse“
In der Gegenwart wird der Begriff „Eidgenosse“ in politischen Diskursen unterschiedlich verwendet. Offiziell dient er weiterhin als traditionelle Bezeichnung für Schweizer Bürgerinnen und Bürger („Schweizerische Eidgenossenschaft“).
In migrationspolitischen Auseinandersetzungen taucht er jedoch auch im Kontext identitärer Rhetorik auf – insbesondere im Umfeld der Schweizerische Volkspartei (SVP), die seit Jahren eine restriktive Migrationspolitik vertritt.
Ein Beispiel ist die sogenannte „Masseneinwanderungsinitiative“ von 2014, die mit starken visuellen Kampagnen begleitet wurde. Bekannt wurde insbesondere ein Plakat mit schwarzen und weißen Schafen, das international für Diskussionen sorgte. In diesem Umfeld wurde immer wieder auf eine klare Unterscheidung zwischen „Einheimischen“ und „Zuwanderung“ rekurriert – Begriffe wie „Eidgenosse“ werden in solchen Debatten teilweise als Gegenbild zur Migration verstanden, auch wenn sie historisch eine andere Bedeutung haben.
Auch aktuelle Initiativen – etwa zur Begrenzung der Zuwanderung oder zur sogenannten „Nachhaltigkeit der Bevölkerung“ (politische Debatten um eine „10-Millionen-Schweiz“) – greifen Fragen nationaler Identität und Bevölkerungsgrenzen auf. Der Begriff „Eidgenosse“ wird dabei gelegentlich als kultureller Referenzpunkt genutzt, ohne dass er ursprünglich eine ethnische Abgrenzung impliziert.
Historische Bedeutung vs. politische Semantik
Sprachhistorisch bleibt zentral: Der Eid war kein Instrument der Abgrenzung nach Herkunft, sondern ein Mechanismus politischer Integration unterschiedlicher Gemeinschaften. Gerade in seiner Entstehungslogik war die Eidgenossenschaft kein „geschlossenes Volk“, sondern ein wachsendes Bündnissystem sehr unterschiedlicher Regionen.
Die heutige politische Verwendung historischer Begriffe wie „Eidgenosse“ zeigt daher weniger eine Kontinuität als eine Umdeutung: Ein ursprünglich rechtlich-politischer Begriff wird in modernen Debatten zunehmend als Identitätsmarker gelesen.
Der Begriff „Eidgenosse“ steht historisch für Bündnis und Vertrag, nicht für Abstammung. Seine aktuelle Verwendung in politischen Debatten ist deshalb weniger Ausdruck einer direkten historischen Kontinuität als vielmehr Teil einer modernen Auseinandersetzung darüber, wie offen oder geschlossen nationale Zugehörigkeit definiert wird.
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