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  • 22. September 2026 15:36

Bei Long Covid und dem chronischen Erschöpfungssyndrom ME/CFS verdichtet sich ein Forschungsstrang, der die Erkrankungen nicht länger primär als funktionelle Störungen einzelner Organsysteme deutet. Stattdessen rückt eine mögliche Beteiligung grundlegender Gewebestrukturen in den Blick – insbesondere der Gefäßwände und der extrazellulären Matrix.

Ausgangspunkt der aktuellen Diskussion sind mehrere neuere Arbeiten, die strukturelle Auffälligkeiten in Kapillaren und Bindegewebe beschreiben. Zusammengeführt werden sie in einem Überblicksbeitrag des US-amerikanischen Forums Health Rising, der die Befundlage systematisiert, ohne selbst neue Daten zu liefern.

Kapillaren – Hinweise, keine Belege

Besonders diskutiert wird die Basalmembran kleiner Blutgefäße, Teil der extrazellulären Matrix. Einzelne Arbeiten berichten über strukturelle Veränderungen oder Verdickungen in diesem Bereich.

Das Bild bleibt jedoch unscharf. Die Studienlage ist heterogen, die Fallzahlen klein, die Methoden unterschiedlich. Von einem konsistenten Muster kann bislang keine Rede sein.

Gleichwohl ist die Hypothese nicht ohne Relevanz: Schon geringe Störungen im kapillären Austausch könnten die Muskelversorgung beeinträchtigen. Das passt zu einem zentralen Symptomkomplex beider Erkrankungen – der ausgeprägten Belastungsintoleranz. Erklärt ist damit allerdings wenig.

Endothel: ein unspezifischer Befund

Auch das Endothel steht im Fokus. Bei Long Covid zeigen mehrere Studien Hinweise auf eine gestörte Gefäßfunktion und persistierende Entzündungszeichen.

Das ist zunächst nicht überraschend – endotheliale Dysfunktion gilt als unspezifischer Begleitbefund chronischer Erkrankungen aller Art. Von einem spezifischen Marker kann keine Rede sein.

Diskutiert werden zudem Signalwege wie TGF-β, die Gewebeumbauprozesse steuern. Dass sie beteiligt sind, ist biologisch plausibel. Ob sie eine zentrale Rolle spielen, bleibt offen.

Ein Modell in der Schwebe

In der Zusammenschau entsteht ein mögliches, aber keineswegs gesichertes Bild: Long Covid und ME/CFS als Erkrankungen an der Schnittstelle von Immunaktivierung, Gefäßfunktion und Gewebestruktur.

Der Reiz dieser Hypothese liegt in ihrer Integrationsleistung. Sie könnte erklären, warum die Symptome so breit streuen – von kognitiven Einschränkungen bis zu Kreislaufproblemen. Belastbar ist dieses Modell jedoch nicht.

Die Datenbasis ist fragmentiert, die Studien sind klein, die Ergebnisse nur begrenzt reproduziert. Vor allem fehlt es an größeren, methodisch einheitlichen Untersuchungen.

Die Forschung bewegt sich erkennbar in Richtung struktureller Erklärungsansätze. Ob daraus ein konsistentes Krankheitsmodell wird, ist offen. Derzeit stehen eher Hinweise nebeneinander als ein belastbares Gesamtbild.

Einordnung

Gesichert:
Hinweise auf Mikrozirkulationsstörungen, endotheliale Dysfunktion und immunologische Aktivierung bei Long Covid; ähnliche Signale bei ME/CFS.

Unklar:
Ob strukturelle Gewebeveränderungen Ursache, Folge oder Begleitphänomen sind.

Nicht belegt:
Eine durchgängige „Gewebeschädigungs-Theorie“ als übergreifendes Modell beider Erkrankungen.

Konkurrenzmodelle:
Autonome Dysregulation, mitochondriale Störungen, persistierende Immunaktivierung, mikrothrombotische Hypothesen – ohne klare Hierarchie der Evidenz.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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