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  • 14. Juni 2026 9:31

KI und Elektrifizierung sind für Europa Chance und Existenzrisiko zugleich

ByDirk Specht

Mai 23, 2026

Die Federal Reserve Bank of Chicago hat ein interessantes Paper über den wesentlichen Treiber der US-Wirtschaft veröffentlicht: Den IT-Sektor.

Dazu wird die Produktivität der Wirtschaft nach Sektoren seit 1988, also dem Beginn des Digitalisierungsbooms untersucht. Wichtig ist die Anmerkung, dass anders als in vielen Statistiken hier die Gesamtproduktivität ausgewiesen ist, nicht nur die Arbeitsproduktivität. Das ist ein enorm wichtiger Unterschied, denn das Mantra „mehr arbeiten“, dessen toxische Schwester übrigens „billiger arbeiten“ lautet, führt schnell zu falschen Schlussfolgerungen. In der hier ausgewiesenen Produktivität sind vielmehr alle Ressourcen, die Unternehmen einsetzen, berücksichtigt. Also neben Arbeitsleistung vor allem Kapital, Betriebsmittel, Patente, Forschung und Entwicklung. Das ist vorsichtig formuliert eine „etwas“ modernere Bewertung, wie Unternehmen und Volkswirtschaften in diesem Jahrtausend funktionieren.

Chart 1 zeigt das mittlere jährliche Wachstum dieser Gesamtproduktivität (Total Factor Productivity, TFP) seit 1988 und hier liegt der IT-Sektor weit vorn. Der zweite Teil des Charts zeigt, welchen Anteil die Sektoren am Produktivitätswachstum der gesamten Volkswirtschaft haben und hier ragt der IT-Sektor nochmals heraus. Als Nebenbefund sieht man, dass Handel und Großhandel die Plätze dahinter einnehmen, also der in den USA so wichtige Konsum, gefolgt vom Finanzsektor.

Chart2 zeigt, wie sich dieses Produktivitätswachstum im Zeitverlauf aufgebaut hat. Im oberen Teil wird eindrucksvoll dargestellt, dass der IT-Sektor hier weiter zulegt, übrigens seit der sogenannten Dotcom-Blase noch schneller. Das ist ausgerechnet der bis heute als große Internet-Krise behauptete Wendepunkt, an dem in den USA die Digitalisierung mit Google&Co so richtig durchstartete, während Europa leider falsch abbog. Es wäre daher wirklich „nett“, wenn die Europäer 25 Jahre später wenigstens aufhören würden, von einer geplatzten Blase oder einer großen Krise zu sprechen. Im unteren Teil des Charts sieht man zunächst überraschend, dass der Beitrag des IT-Sektors auf Ebene der Gesamtwirtschaft zwar zunimmt, aber nicht beherrschend wird.

Den Grund findet man in Charts 3+4, denn der IT-Sektor war 1988 verschwindend klein im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft, ferner erzeugt der zwar dramatisch wachsenden Output, aber zugleich einen signifikanten Preisrückgang.

Die Autoren schließen daraus, was in unseren Medien nur selten berichtet wird: Die positiven Makrodaten der US-Wirtschaft – also Größe, Wachstum, pro Kopf, Produktivität etc. – werden seit 1988 durch nur einen Sektor getrieben, das sollte man Digitalisierung nennen. Daraus ist zu schließen, dass die anderen Sektoren sich beispielsweise keineswegs so dynamisch entwickeln, wie das in Summe aussieht. Das wird in dem Paper entsprechend bemerkt und als Abhängigkeit von nur einem Sektor kritisiert.

Aus Sicht Europas kann man folgendes ablesen:

  • Europa hat die Digitalisierung sträflich versäumt.
  • In den breiten Sektoren einer Volkswirtschaft sind die Amerikaner aber keineswegs besser unterwegs.

Das aber sollte mit Blick auf die Zukunft folgendes heißen:

  • Mit KI wird sich diese Sektordominanz ausweiten.
  • Der europäische Industriesektor wird nicht von den Amerikanern herausgefordert, sondern von Asiaten.

Fazit: Wir sehen in den USA ein Spielfeld, das deren Erfolg begründet und das wir nun endlich betreten sollten. Mit der anämischen KI-Entwicklung, genährt durch die nächste dumme Angst vor einer „Blase“, wird das schwierig. Beim Industriesektor, bisher eine Stärke der Europäer, gilt der Blick auf den relevanten Wettbewerb. Der sitzt nicht im Westen, sondern im Osten. Dort wächst die Produktivität durch die Kombination aus IT und Produktion. Technologisch durch Robotik plus Elektrifizierung, Zwillinge, die Produktion und Produkte effizienter machen. Auf allen Ebenen, von Energie über Automatisierung bis zur Nutzung.

Das hat mit „mehr arbeiten“ genau so wenig zu tun wie mit „sparen“. Die vielen Ängste vor Überkapazitäten, Fehlinvestments oder der Irrglaube, man könne solche Entwicklungen kalkulatorisch optimieren, damit es sich „garantiert rechnet“, helfen auch nicht.

Wir sollten zunächst moderner denken, dann wird auch das Arbeiten produktiver. Die Strategie ist aus meiner Sicht sonnenklar:

  • KI-Nutzung als Sprunginnovation in der Digitalisierung.
  • Elektrifizierung der Industrie, um diese ebenfalls zu digitalisieren.

Die Narrative von “mehr arbeiten” bis zum Erhalt fossiler Geschäftsmodelle und Produkte, um irgendwas “wirtschaftlicher” zu machen, sind Todfeinde dieser Kernstrategie.

Vor 25 Jahren ist vor allem Deutschland von Kupferkabeln bis zu Sparmaßnahmen bei Zukunftsmodellen in einer anlogen Welt stecken geblieben, die wir bis heute nicht komplett verlassen haben. Heute droht derselbe Fehler mit dem Versäumnis der nächsten Digitalisierungswelle und dem Steckenbleiben in einer fossilen Welt.

Digitalisierung und Industrie finden mit KI und Elektrifizierung immer enger zusammen. Das ist eine große Chance, zugleich für das industrielle Europa ein gewaltiges Risiko. Diesen Trend zu verpassen, würde noch schlechter enden als der Tiefschlaf vor 25 Jahren.

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By Dirk Specht

Dirk Specht ist deutscher Autor und Kommentator mit den Schwerpunkten Wirtschafts-, Energie- und Gesellschaftspolitik. Er veröffentlicht Analysen und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie. Zuvor war er Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und ist als Dozent und Gesprächspartner in Fachveranstaltungen aktiv. Seine Texte in der DMZ-News zeichnen sich durch analytische Tiefe und die klare Einbindung wirtschaftlicher und technischer Zusammenhänge aus.

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