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  • 19. Februar 2026 8:29

Klangvoll knusprig – Musik, die man zum Fressen gern hat

ByPeter Biro

Feb. 2, 2026

SATIRE

Nach dem fulminanten Großkonzert des Ersten Philharmonischen Orchesters von Pitipalki ist die weltweite Nachfrage nach essbaren Musikinstrumenten sprunghaft angestiegen. Kaum jemand hatte erwartet, dass ein künstlerisch anspruchsvoller Musikabend, wie er am vergangenen Donnerstag in der ausverkauften Jahrtausendhalle stattfand, derart massive ökonomische wie auch kulinarische Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Zum besseren Verständnis dieser ungewöhnlichen Erscheinung sei festgehalten, dass es sich bei essbaren Musikinstrumenten selbstverständlich nur um solche handeln kann, die aus gängigen Ausgangsmaterialien der konventionellen Gastronomie gefertigt wurden. Dazu zählen Streichinstrumente aus kross gebackenen Teigwaren mit Resonanzböden aus gepressten Kartoffelschalen sowie in heißer Mehlschwitze gefestigte Eiweißmäntel, dezent abgeschmeckt mit Zimt und Zucker. Blechblasinstrumente aus faserverstärkten Tofuscheiben mit Krokantüberzug können sowohl musikalischen Ansprüchen als auch kulinarischen Erwartungen genügen, sofern sie frisch beblasen und noch warm verzehrt werden. Etwas problematischer gestalten sich Streichbögen und aus Zitronengras geflochtene Saiten; doch mit dem gezielten Einsatz von Digestiva lassen sich auch diese Bestandteile in der Regel anstandslos verdauen.

Ich erinnere mich gern daran, wie ich aus der hintersten Reihe des Konzertsaals den Klängen des Orchesters folgte, die während des Adagios von Bruckners Siebter allmählich in lautes Schmatzen und zufriedenes Rülpsen übergingen. Zuerst verstummten die kleineren Holzbläser, nachdem sie mehr als zur Hälfte verschlungen worden waren. Lediglich die Querflöten gingen mit fortschreitender Verkürzung zu immer höheren Tönen über, bevor sie mit einem letzten Quietschen endgültig zum Schweigen gebracht wurden. Daraufhin traf es der Reihe nach die ersten Geigen, die zweiten derselben, Bratschen und Violoncelli; ganz zuletzt die Kontrabässe. Diese benötigten nicht nur erheblich mehr Zeit, um bissgerecht zerkleinert zu werden, auch ihre Verdauung verlangte den ohnehin wohlgesättigten Musikern beträchtliche magentechnische Fertigkeiten ab.

Als gegen Ende der Symphonie die Streicher ihre leeren Geigenkästen genüsslich ausschleckten, war aus dieser Abteilung kein Ton mehr zu vernehmen. Deutlich länger hielten sich die Blechbläser, die sichtlich Mühe mit den recht bissfesten Ventilmechanismen hatten. Doch auch dort verwandelten sich die herausposaunten Töne zunehmend in zufriedenes Grunzen sichtlich gesättigter Genussmenschen mit musikalischem Hintergrund. Zum finalen Tutti knallte die Pauke unter einem letzten Schlag mit dem Soßenlöffel, worauf sich der Dirigent unter frenetischen Ovationen mehrfach zum Publikum verbeugte und sich dabei einige verirrte Brösel seines Taktstocks vom Revers wischte.

Seitdem stehen die Menschen stundenlang vor Musikgeschäften an, um eines der begehrten, wohlschmeckenden Instrumente zu ergattern, bevor sie zum x-ten Mal ausverkauft sind. Auch ich, obwohl weitgehend unmusikalisch, ließ mich von dieser Begeisterung anstecken, musste mich jedoch nach endloser Wartezeit mit einem halbwegs knusprigen Triangel zufriedengeben. Dieses ursprünglich wohlklingende Kleinod war bereits nach der ersten Runde familiärer Hausmusik restlos aufgezehrt; zurück blieben lediglich dumpf knirschende Krümel. Beim nächsten Mal, so habe ich es mir fest vorgenommen, werde ich versuchen, wenigstens eine in Kräuteressig und Knoblauch marinierte Piccoloflöte zu ergattern – eine musikalische Wegzehrung, die zumindest für einen Tag reichen sollte. Von einer im Salzmantel gebratenen Basstuba wage ich allerdings nicht mal zu träumen.

Willy, mein linker Nachbar, den ich bei jenem denkwürdigen Konzert drei Reihen vor mir erspäht hatte, marschierte gestern mit einem von glänzendem Bratfett triefenden Saxofon durch seinen Garten. Zuvor hatte er es auf dem Gasgrill knusprig gebraten. Freundlich wie er ist, reichte er mir das fein duftende Mundstück über den Zaun, damit ich sein musikalisch-gastronomisches Talent erneut würdigen könne. Was ich umgehend tat, denn das fein gemaserte, einladend dampfende Rohrblatt schmeckte ausgezeichnet – selbst noch beim Anblasen unharmonischer Misstöne. Dabei erklärte Willy, er plane, die Wurlitzerorgel seiner Kinder gegen ein in Wurzelgemüse gedünstetes Klavier einzutauschen. Damit seien nicht nur die gestiegenen musikalischen Ambitionen der Sprösslinge besser berücksichtigt, sondern zugleich ausreichende Nahrungsreserven für den kommenden Winter angelegt. Er wolle nicht noch einmal, wie im letzten Jahr, von Schneemassen eingeschlossen werden und wegen Lieferschwierigkeiten eine erneute unfreiwillige Hungerkur erleiden.

Das gab auch mir zu denken. Ich muss wenigstens ein in Olivenöl und Balsamico eingelegtes Akkordeon auftreiben, um mit meiner Familie über die schlimmste Not des stillen Hungerns hinwegzukommen. Mit diesem Entschluss wäre alles wohlgeordnet gewesen, hätte mich nicht eine Verlautbarung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie und Ernährungsphilosophie (DGGEP) jäh aus meinen musikalisch-kulinarischen Träumen gerissen.

In einem Merkblatt voller warnender Hinweise rät die DGGEP nachdrücklich vom Verzehr frisch zubereiteter Musikinstrumente ab. Unter dem Titel „Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt!“ wird darauf hingewiesen, dass es insbesondere nach Kammerkonzerten zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen könne – vor allem dann, wenn ungeübte Zuhörer sich an der abschließenden Mahlzeit mit den Orchestermitgliedern beteiligen. Während diese an derartige Ernährung gewöhnt seien, drohten Neulingen erhebliche Verdauungsprobleme. Besonders riskant sei der Verzehr größerer Instrumente auf leeren Magen sowie das Unterlassen ausreichender Gleitmittelzufuhr in Form von Salatöl. Süffisant fragt der Autor, ein gewisser Dr. Klein-Sattenheimer: „Wer geht schon mit einem Fläschchen Salatöl ins Konzert?“ Es folgen erwartbare Beschwerden: Völlegefühl nach panierten Bassgeigen, pulsierende Bauchschmerzen infolge unzureichend erhitzter Perkussionsinstrumente und – besonders gravierend – massive Flatulenzen mit lautstarken Windabgängen nach hastig verschlungenen Blasinstrumenten.

Ich werde diesen Warnungen die gebührende Beachtung schenken, mich jedoch nicht vollends von meinem künstlerisch-nahrhaften Vorhaben abbringen lassen. Erfahrungsgemäß lässt sich durch stetige, behutsame Steigerung der Nahrungszufuhr auch schwer Verdauliches erlernen. Ich gedenke, mich von kleineren zu immer größeren Streichinstrumenten durchzuarbeiten – vorausgesetzt, sie wurden zuvor bestens gestimmt, sorgfältig bespielt und noch sorgfältiger zubereitet. Ganz besonders scharf bin ich auf fein filetierte Violoncelli in Tomatensoße. Sollte es dabei zu gelegentlichem Saitenstechen kommen, bin ich bereit, dies als unvermeidliche Begleiterscheinung musikalisch erquicklicher und sättigender Ernährung in Kauf zu nehmen.

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By Peter Biro

Prof. Dr. med. Peter Biro ist pensionierter Anästhesiearzt und Titularprofessor an der Universität Zürich. Er veröffentlicht Satiren, Parodien, kulturhistorische Betrachtungen sowie Prosawerke im Genre des Magischen Realismus. Seine Texte zielen auf literarisch gehobene Unterhaltung, die Wissen, Humor und Reflexion miteinander verbindet.

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