SATIRE
Da steht es. Auf der Stirnseite der letzten Stufe zum Eingang der Käseboutique «Gebrüder Strunz & Co»: «ACHTUNG STUFE!» Schwarz auf Gelb, in einem Ton, als hätte man sich bereits etwas zuschulden kommen lassen.
So empfängt man also an dieser vornehmen Adresse den ahnungslosen Käsegourmet. Wie ein geduckter Tiger lauert der ominöse Schriftzug vor dem Eingang, bereit, sich auf jeden herannahenden Liebhaber kultivierter Milchprodukte zu stürzen.
Da frage ich mich: Muss das sein? Darf man einen geschätzten Kunden, der in friedlicher Absicht etwas Gruyère erwerben möchte, vielleicht auch ein wenig Ziegenkäse, bereits vor dem Betreten des Tempels wohlgereifter Milchprodukte derart anfahren? Ich habe den Herren Strunz nichts getan, keine verärgerten Leserbriefe an die Lokalzeitung geschickt und auch nichts gegen den beißenden Schriftzug unternommen – obwohl ich nicht übel Lust hätte, ihn mit einer vorsichtig formulierten Mitteilung zu überschreiben, wie zum Beispiel: «Lieber Kunde, haben Sie die Güte, hier besonders aufmerksam zu sein und diese leider aus baulichen Gründen unvermeidliche Stufe sachte zu erklimmen.»
Ich weiß, ich weiß. Die sicherheitsbewussten Strunzens möchten lediglich verhindern, dass ein Kunde in ihren Laden stolpert, auf flacher Flugbahn die Auslage erreicht, deren Glasfront mit dem ungeschützten Scheitel durchbricht und mit dem Gesicht im französischen Weichkäse aus erstklassiger Sahne landet. Hundert Gramm zu Fr. 8.75. Da möchte auch ich nicht mit dem ganzen Kopf hinein.
Eines ist sicher: Ich kann es diesen sprachlich eingeschränkten Käseingenieuren nicht übelnehmen, dass sie sich nur plump ausdrücken konnten. Schöne Wortfindung ist nun mal nicht jedermann gegeben, erst recht nicht in einer Branche, in der man im Wesentlichen nur darauf wartet, dass die Ware älter wird.
Ebenso leuchtet mir ein, dass ein ungewollter, kinetisch heftiger Zwischenfall die Kundenbindung beeinträchtigen könnte. Wer bei Strunz wiederholt zu Boden geht, wird sich irgendwann nach einem ebenerdigen Anbieter umsehen. Im schlimmsten Fall wechselt er gleich das Lager und wird Stammkunde der Charcuterie «Halberstadt» gegenüber, wo imposante Blutwurstkringel im Schaufenster hängen. Ein herber Verlust für die gehobene Käsekultur. Und ein unverdienter Gewinn für bluttriefende Selchwaren – nur wegen einer vermaledeiten Stufe beim Ladeneingang.
Die Warnung hat also ihre Berechtigung. Aber muss sie aussehen, als beginne hinter der Tür ein militärisches Sperrgebiet? Wer weiß, wie viele Interessenten für italienischen Hartkäse aus Parma – hundert Gramm zu Fr. 6.45 – sich angesichts dieser unvermittelt angekündigten Gefahr wieder abgewendet haben? Wie viele sich den wohl gereiften Stilton aus Nottingham entgehen ließen, obwohl er nur noch bis Freitagabend für sage und schreibe 3,99 Fr. a 100 g im Sonderangebot war?
Über die Schar bisher Verunglückter ließen sich vermutlich vielsagende Details herausfinden, denn entsprechende Verletzungen haben medizinische Maßnahmen und womöglich sogar Schadenersatzforderungen zur Folge. Über die lediglich Abgeschreckten hingegen führt niemand Buch. Das ist das Tückische an der Sache: Vom Kunden, der gar nicht erst hereinkommt, erfahren die Strunzens nichts, er taucht nicht in ihrer Buchführung auf und bedeutet sogar einen nicht unerheblichen Ausfall an Gewerbesteuern.
Ich beschloss, den Strunzältesten auf das Problem aufmerksam zu machen. Nachdem ich die ominöse Eingangsstufe sorgfältig erklommen hatte, ging ich schnurstracks zur Kasse, wo der älteste der Strunzgebrüder seines Amtes waltete.
Ich erläuterte ihm zunächst die abschreckende Wirkung der aktuellen Beschriftung – so wie sie dort draußen vor der Türschwelle prangte. Um deutlich zu machen, dass ich die baulichen Gegebenheiten durchaus in meine Überlegungen einbezogen hatte, führte ich anschließend die Flugbahn eines strauchelnden Käsekunden vor. Dabei achtete ich peinlich auf die Einhaltung der durchschnittlichen Flugzeit bei normalem Körpergewicht: eine Flugsekunde pro Käsekunde. Hierzu musste ich etwas ausholen, zur Tür hereinstürmen und mich demonstrativ auf den Boden werfen. Ich schloss mit einer plastischen Beschreibung der Landung im französischen Weichkäse und ahmte das Zerspringen der Vitrine so naturgetreu nach, dass eine Kundin am anderen Ende der Theke zusammenfuhr und ihren soeben entgegengenommenen Tilsiter fallen ließ.
Der Angesprochene, Alois Strunz mit Namen, sah mich einen Augenblick an.
«Deshalb haben wir ja den Warnhinweis.»
Es war bedrückend. Ich hatte ihm die ganze Tragweite des Problems vor Augen geführt, und er verwies mich ausgerechnet auf jenen abscheulichen schwarzgelben Schriftzug, der mich erst zu dieser Intervention genötigt hatte.
Ich erklärte ihm, dass sich eine vornehme Käseboutique von überregionaler Bedeutung auch bei der Warnung vor einer Stolperfalle einer angemessenen Sprache bedienen müsse. Ein Kunde wolle mit einer fröhlichen, aufmunternden Begrüssung willkommen geheißen werden. Er wolle Vertrauen fassen. Er wolle sich mit einer gewissen inneren Ruhe den ersehnten Käseköstlichkeiten zuwenden können. Und nicht mit einer panikerzeugenden Warnung vor akuter Sturzgefahr aufgrund eines banalen Höhenunterschieds konfrontiert werden.
Alois Strunz nickte.
«Möchte der Herr den Gouda geschnitten oder am Stück?»
Nun muss ich zugeben, dass ich mich schon lange nicht mehr so unverstanden gefühlt hatte. Ich stand vor ihm, noch außer Atem von der Veranschaulichung seiner Geschäftsrisiken, und dieser Mann dachte an nichts anderes als seinen Käse. Als ließe sich die tiefe Verwundung meiner Seele mit drei Millimeter dicken Scheiben von Gouda zudecken, selbst bei einem konkurrenzlosen Angebot für 2,95 Fr. das Dekagramm.
«Man könnte die Stufe durch eine leichte Schräge ersetzen», warf ich in meiner Verzweiflung ein. Damit wäre zugleich den Kinderwagen und Rollstühlen gedient. Ich bin eben ein Mensch und Verbraucher, der über den persönlichen Käsebedarf hinausdenkt.
«Darf’s ein wenig mehr sein?», fragte der nach wie vor sichtlich unbeeindruckte Strunz, während er die von mir keineswegs bestellten Goudascheiben auf der Waage aufschichtete.
Angesichts solcher Indolenz brach ich meine Ausführungen ab, verließ den Laden und ging über die Straße zum glatt ebenerdigen Halberstadt. Dort kaufte ich zwei Deka Hinterschinken für Fr. 12.65.
Den Preis fand ich unverschämt. Aber man hatte mich freundlich begrüsst.
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