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  • 19. Februar 2026 7:40

Der Herzchirurgie-Fall am Universitätsspital Zürich: Faktenlage, Vorwürfe und laufende Untersuchungen

BySarah Koller

Feb. 1, 2026

Zwischen 2016 und 2020 ereignete sich an der Klinik für Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich (USZ) eine Reihe von Vorfällen, die seit 2019 intensiv von Behörden und in der Öffentlichkeit geprüft werden. Zentrale Themen sind ungewöhnlich hohe Sterblichkeitsraten bei herzchirurgischen Eingriffen, der Einsatz des Transkatheter-Implantats Cardioband® sowie Unstimmigkeiten bei der internen Qualitätssicherung.

Für diese Zusammenstellung wurde unter anderem ein Manuskript von Dr. Andreas Keusch, MEDVICE, Pfäffikon SZ, herangezogen, das der Redaktion vorliegt.

Erhöhte Mortalität und unabhängige Prüfung

Gemäß öffentlichen Angaben starben zwischen 2016 und 2020 rund 350 Patientinnen und Patienten im Zusammenhang mit Herzoperationen am USZ – eine Zahl, die als außergewöhnlich hoch gilt und die Grundlage für weitere Untersuchungen bildet.

Im August 2024 wurde eine unabhängige Untersuchungs- und Taskforce-Kommission unter der Leitung des ehemaligen Bundesrichters Niklaus Oberholzer eingesetzt. Ihr Mandat umfasst die Prüfung, ob tatsächlich eine erhöhte Mortalität vorlag, welche Ursachen dafür identifiziert werden können und wie organisatorische, strukturelle oder personelle Faktoren dazu beigetragen haben könnten. Dabei werden auch medizinische Geräte wie Cardioband®, TriCinch und Cardiovalve berücksichtigt.

Die Ergebnisse dieser Kommission stehen derzeit noch aus und werden erst im Frühjahr 2026 erwartet. Bisher veröffentlichte Untersuchungen zeigen keine abschließende Feststellung einer systematischen Gefährdung der Patientensicherheit, sondern liefern eine Basis für vertiefte Analysen.

Der Whistleblower-Fall und interne Vorwürfe

2019 meldete der damalige USZ-Kardiologe André Plass intern Unregelmäßigkeiten in der Herzchirurgie, worauf interne und externe Prüfungen gestartet wurden. Später verließ Plass die Klinik; er kritisierte die Untersuchungen als unzureichend.

Sein Nachfolger in der Leitung, Prof. Paul Robert Vogt, machte öffentlich auf statistische Auffälligkeiten aufmerksam, die auf schwerwiegende Probleme hinwiesen. Medienberichte erwähnten eine potenziell vermeidbare Zahl von Todesfällen – diese wurde offiziell jedoch nicht bestätigt und spiegelt vor allem statistische Beobachtungen des Zeitraums wider. Vogt sah sich später mit Vorwürfen konfrontiert, wurde jedoch in einem Strafverfahren vollständig freigesprochen.

Das Cardioband®-System: Entwicklung, Einsatz und Komplikationen

Das Cardioband®-System ist ein minimal-invasives Gerät zur transkatheterbasierten Mitralklappenreparatur. Es wurde ursprünglich von Valtech Cardio Ltd. entwickelt und erhielt 2015 die CE-Zertifizierung zur Behandlung von Mitralklappeninsuffizienz in Europa. 2017 erwarb Edwards Lifesciences das System von Valtech.

Fachliteratur und klinische Berichte beschreiben technische Herausforderungen und Komplikationen, darunter Anker-Disengagement und Dehiszenz, die Nachinterventionen erforderlich machten. Todesfälle werden dabei nicht generell auf das Gerät zurückgeführt, sondern als Einzelfälle im Rahmen komplexer Patientenverläufe dokumentiert. Internationale Publikationen weisen darauf hin, dass frühe Patientenkohorten Ankerprobleme zeigten, was zu Modifikationen des Systems führte.

In der Schweiz wird Cardioband® am USZ nicht mehr eingesetzt; die Nutzung in Europa hat deutlich abgenommen, und es existieren öffentliche Rückruf- und Sicherheitshinweise zu Komponenten des Systems.

Stellungnahmen und institutionelle Reaktionen

Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich sowie die USZ-Leitung betonen, dass alle Vorgänge transparent aufgearbeitet werden sollen und Patientensicherheit höchste Priorität hat. Interne wie externe Prüfungen wurden durchgeführt, eine systematische Gefährdung konnte bisher nicht abschließend nachgewiesen werden.

Politische und ärztliche Kreise bewerten die bisherigen Aufarbeitungen unterschiedlich: Einige sehen sie als notwendige Klärung für die Zukunft, andere kritisieren Verzögerungen oder Auslassungen im Prozess.

Einordnung

Der Fall am USZ steht beispielhaft für die Herausforderungen großer universitärer Herzzentren: Innovation und klassische chirurgische Praxis müssen mit höchsten Qualitäts- und Sicherheitsstandards vereinbar sein. Bei komplexen MedTech-Entwicklungen wie Cardioband® sind sorgfältige Studien, transparente Daten und strenge Überwachung entscheidend, um das Vertrauen der Patientinnen und Patienten zu sichern.

Aktuelle Ergebnisse der offiziellen Untersuchungskommission werden mit Spannung erwartet und könnten wichtige Impulse für zukünftige Standards in der Herzchirurgie liefern.

Quellenverzeichnis

  1. Universitätsspital Zürich (USZ): „Stand der Dinge bei der Untersuchung der Herzchirurgie USZ“ (Update Dezember 2025). Verfügbar unter: https://www.usz.ch/stand-der-dinge-bei-der-untersuchung-der-herzchirurgie-usz-2
    (Bestätigt: Untersuchungen weitgehend abgeschlossen, Veröffentlichung nicht vor Frühjahr 2026.)
  2. Medinside: „USZ-Herzchirurgie: Warten auf den Frühling“ (17. Dezember 2025). Verfügbar unter: https://www.medinside.ch/de/usz-herzchirurgie-warten-auf-den-fruehling-20251217
    (Zusammenfassung des USZ-Statements, Verzögerung und Kontext zur Kommission.)
  3. Universitätsspital Zürich (USZ): „Spitalrat des USZ erteilt Dr. Niklaus Oberholzer das Mandat als Leiter der unabhängigen Untersuchungskommission“ (22. August 2024). Verfügbar unter: https://www.usz.ch/spitalrat-des-usz-erteilt-dr-niklaus-oberholzer-das-mandat-als-leiter-der-unabhaengigen-untersuchungskommission
    (Einsetzung der Kommission UK 16/20, Mandat und Fokus.)
  4. Blick: „Herzklinik-Affäre am Unispital Zürich: Whistleblower bezeichnet Untersuchung als «Farce»“ (27. Juli 2025). Verfügbar unter: https://www.blick.ch/politik/herzklinik-affaere-am-unispital-zuerich-whistleblower-bezeichnet-untersuchung-als-farce-id21085399.html
    (Kritik von André Plass an der Kommission, Dossiers nicht beigezogen.)
  5. Tages-Anzeiger: „Herzchirurgie in Zürich: Freispruch für Ex-Klinikchef“ (10. Juli 2025). Verfügbar unter: https://www.tagesanzeiger.ch/herzchirurgie-in-zuerich-freispruch-fuer-ex-klinikchef-923395415523
    (Obergericht-Freispruch Paul Vogt, Juli 2025.)
  6. Neue Zürcher Zeitung (NZZ): „Freispruch für Herzchirurg Paul Vogt bestätigt“ (11. Juli 2025). Verfügbar unter: https://www.nzz.ch/zuerich/freispruch-fuer-herzchirurg-paul-vogt-bestaetigt-von-einer-geschichte-die-mit-einem-schwerwiegenden-verdacht-begann-bleibt-kaum-etwas-uebrig-ld.1893330
    (Detaillierte Berichterstattung zum Freispruch und Kontext.)
  7. Watson: „Herzchirurgie-Affäre: Umstrittener Chirurg darf weiteroperieren“ (23. August 2024). Verfügbar unter: https://www.watson.ch/schweiz/zuerich/475892986-herzchirurgie-affaere-umstrittener-chirurg-darf-weiteroperieren
    (Erwähnung der 350 Todesfälle und Kommissionseinsetzung.)
  8. Tages-Anzeiger: „Maisano: Ex-Bundesrichter untersucht Todesfälle am USZ“ (22. August 2024). Verfügbar unter: https://www.tagesanzeiger.ch/maisano-ex-bundesrichter-untersucht-todesfaelle-am-usz-681199989763
    (Zusammenhang Mortalität und Kommission.)
  9. Fachliteratur und Herstellerangaben zu Cardioband®: Edwards Lifesciences (Sicherheitsupdates und klinische Berichte, 2018–2025); ergänzende Publikationen in internationalen Fachzeitschriften (z. B. zu Ankerproblemen und Modifikationen).
    (Keine spezifische Annullierung der CE-Zulassung 2024/2025 gefunden; Nutzungsrückgang und Komplikationen basieren auf publizierten Studien und Medinside-Berichten Juli 2024.)
  10. Manuskript von Dr. Andreas Keusch, MEDVICE, Pfäffikon SZ (der Redaktion vorliegend, Stand 2025/2026).
    (Als ergänzende interne Analyse/Expertenmeinung; nicht öffentlich zugänglich.)

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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