MEINUNG
Mich beunruhigt sehr, dass der Hasspegel in unserer Gesellschaft auf eine beängstigende, unheilvolle Weise dramatisch zunimmt. Ich nehme seit einiger Zeit eine wachsende Anzahl von Menschen auf äußerst unangenehme Weise als unerträglich gereizt, ja sogar hasserfüllt wahr.
Beispiele dieser bedenklichen Entwicklung sind für mich: wüste Schlägereien allerorts, sinkender Respekt gegenüber Andersdenkenden, brutale Angriffe auf Polizisten, Randale in Bars und Restaurants, Pöbeleien in der Eisenbahn, Mord und Totschlag, üble Gewaltexzesse bei Fußballspielen, grenzenloser Hass auf Migranten, Asylsuchende, andere Kulturen, Sexismus, Rassismus sowie gegen Menschen aus den Bereichen LGBTQ+ und POC – um nur einige verwerfliche Beispiele zu nennen.
Natürlich ist diese Bedrohung von Sitten und Anstand nicht neu. Die Häufigkeit und Heftigkeit haben jedoch klar erkennbar massiv zugenommen. Für mich steht fest, dass diese negativen Emotionen vor dem Aufkommen von Social Media nicht so drastisch ausgefallen sind. Vor allem die Gewaltbereitschaft habe ich früher als deutlich geringer erlebt. Es kam sehr wohl zu hitzigen Debatten und harten Auseinandersetzungen, aber blindwütiger Hass, wie er heute für Unruhe sorgt, war selten eine Bedrohung und kaum ein Thema.
Auch ich kann mich davon nicht ausnehmen. Ich bin gereizter als früher, auch wegen Nebensächlichkeiten. Irgendwie ist meine Fähigkeit, besonnen auf Bedrohungen zu reagieren, gesunken. Ich gebrauche inzwischen peinliche Kraftausdrücke, für die ich mich früher geschämt hätte. Ich fühle mich mit der Fülle von Problemen im In- und Ausland, dem Informationsoverkill auf allen Kanälen, immer mehr überfordert.
Der Hass ist vorwiegend auf ein ganz bestimmtes Objekt gerichtet, in der Regel auf eine Person. Es handelt sich um ein sehr starkes, negatives Gefühl der Aggression, gekennzeichnet durch Vernichtungswillen, feindselige Abneigung, starkes Gefühl der Ablehnung und Feindschaft. Er vertreibt den Menschen aus sich selbst. Zwei grundlegende Ängste treiben den Menschen um: wertlos zu sein und Bedrohungen ausgeliefert zu sein. Fühlt man sich bedroht, reagiert man entweder mit Angst oder mit Aggression.
Die steigende Angst vor einem sozialen Abstieg ist nur ein Beispiel unter vielen. Der Hass, oft auch als Gegenpol der Liebe bezeichnet, ist die destruktivste und bedrohlichste aller menschlichen Emotionen – und gehört doch zu unserer psychischen Grundausstattung. Er kann sich äußern in verbalen Attacken, persönlichen oder gesellschaftlichen Konflikten, am intensivsten jedoch in Verbrechen und Krieg. Es ist leicht, den Schmerz mit Hass zu ersetzen. Der Hass baut nichts auf, er beraubt, unterdrückt und zerstört.
Der Hass hört niemandem zu, er stellt sich gegen und über andere Menschen. Der Hass kapselt die Trauer ein und verhindert Wachstum und Entwicklung. Er ist eine Kraft, die sich gegen das Leben stellt. Es ist leichter zu hassen, als Frieden zu stiften. Besonders abstoßend finde ich die intolerante, sture Rechthaberei und das Niederschreien der Argumente von Andersdenkenden – hassen statt zuhören.
Ich bin der Überzeugung, dass vor allem die sogenannten sozialen Medien, insbesondere Plattformen wie Facebook, Telegram, das Darknet und X (Twitter), das Ausleben von Hass fördern. Auf ihnen wird ungehemmt gehasst, beleidigt, mit Mord gedroht, gehetzt, gelogen und gemobbt. Hassreden, der sogenannte Hate Speech, sind besonders bei Jugendlichen ein weit verbreitetes Phänomen.
Hinsichtlich der Beschleunigung des Hasspegels sind sich Experten uneinig. Einige sehen den Krieg in der Ukraine, andere Corona als treibende Kraft. Ich habe erleben müssen, wie hasserfüllt und ablehnend viele Corona-Leugner und Impfgegner reagieren, wenn jemand nicht ihrer Meinung ist. Ein fairer Diskurs ist mehrheitlich unmöglich. Ein weiterer Zankapfel ist Wokeness und das Gendern – die Auseinandersetzung mit diesen Themen weckt bei Befürwortern wie Gegnern oft unglaubliche Aggressionen.
Wir leben trotz aller großen Probleme in vielen Bereichen in einem der schönsten und friedlichsten Länder der Welt. Uns fliegen keine Bomben und Gewehrkugeln um die Ohren. Wir müssen uns nicht in Schutzkellern verstecken. Wir müssen keine kriegsbedingten Opfer beklagen – um nur einige Beispiele zu nennen.
Mich ärgert, wenn Menschen wegen Nebensächlichkeiten wütend sind, weil sie ihren oft wohlstandsverwahrlosten Lebensstil nicht mehr in überbordendem Maße ausleben dürfen oder sich nicht mehr alles leisten können. Mich empört, dass vor allem politisch rechts stehende Politiker Hass und Zwietracht schüren, um ihre menschenverachtende Politik einer frustrierten Wählerschaft schmackhaft zu machen. Bedenklich finde ich, wie sie mit Lügen, Desinformation, gehässigen Beleidigungen und dem Lächerlichmachen politischer Gegner in weiten Teilen der Bevölkerung erfolgreich sind. Diese Wählerschaft übernimmt diesen schändlichen Umgang mit Andersdenkenden und feiert sich mit hasserfüllten Kommentaren, ganz besonders in den sozialen Medien.
Einige Beschimpfungen gehen unter die Gürtellinie. Die genannten Politiker sorgen für eine unerträgliche Verschärfung des Umgangstons im Parlament. Ich weiß, dass dies im Ausland, vor allem in autokratisch geführten Staaten, noch schlimmer ist – auch in Demokratien wie den USA. Wir müssen mit aller Kraft eine Trumpisierung der Politik in der Schweiz und in der Gesellschaft verhindern.
Ich finde, dass mehr Dankbarkeit und Zufriedenheit statt Hass und Frust das Zusammenleben erleichtern würden. Aber wenn man Frieden und Eintracht stiften will, muss man dem anderen zuhören und bereit sein, seinen Gedanken zu folgen. Ich bedauere sehr, dass eine steigende Anzahl von Menschen sich immer schwerer damit tut. Auch ich muss dafür sorgen, dass ich mich von diesen selbstzerstörerischen Aggressionen löse. Hass ist definitiv keine Lösung.
Ich wünsche uns allen: Peace, Love and Understanding.
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