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  • 11. März 2026 11:16

Ein Neujahrsgruß voller Exotik und erregender Angstzustände

ByPeter Biro

Jan. 2, 2026

SATIRE

Die DMZ hat mich inständig gebeten, zum heutigen Anlass einen kulturell wertvollen Beitrag zu leisten: etwa ein heiteres Trinklied vorzutragen oder eine meiner weithin gerühmten Bodenakrobatiknummern vorzuführen. Diese gewiss attraktiven Kulturbeiträge können jedoch im aktuellen Format einer Online-Zeitung nicht zur Darstellung gebracht werden. Deshalb kann ich hier keinen meiner spektakulären Purzelbäume mit Funkenflug und Knalleffekt vorführen. Stattdessen erlaube ich mir einen textlichen Neujahrsgruß an die Leser und Macher der DMZ in Prosaform abzuliefern.

Besagte Kurzprosa beruht auf einem Fundstück aus dem 18. Jahrhundert, das ich auf dem Flohmarkt von Solothurn für sieben Franken erstanden habe. Es handelt sich um einen zweiseitigen Bericht des angesehenen Gelehrten Johann Albrecht von Hohenfeld, Historiograph an der kurfürstlichen Universität zu Halle, den er zuhanden seines fürstlichen Arbeitgebers erstellt hat. Darin bezieht er sich auf die von ihm angefertigte Übersetzung eines Pergaments aus dem ausgehenden Mittelalter:

Dero Tractätlein ist ein handschriftlicher Bericht, welcher mir in der Bibliotheca Pisana zu Gesicht kam. Der Verfasser nennt sich Nicolò Polo, vermutlich ein Bruder des wohlbekannten Reiseleiters. Der Bericht ist im alten Venezianisch abgefasst und zeugt von großen Gemüthsbewegungen. Hier alles auf Teutsch, auf dass man es ohne Dolmetsch verstehe:

Ich, Nicolò Polo aus Venedig, durch widrige Weltläufe mehr gereist als mir zuträglich, will hiermit bekunden, wie ich vom Wege meines Bruders abkam und in Länder geriet, welche kein Christenmensch freiwillig betrete.

Als wir im Hafen von Goa lagen, allda Arabien und Indien einander in Hitze, Gestank und Geschrei begegnen, verließ ich das Schiff auf kurze Frist, alldieweil ich noch ein Geschäft im Dutyfree zu verrichten hatte.

Als ich zurückkehrte, war das Schiff verschwunden – und mit ihm mein Bruder Marco, mein Gepäck und meine Hoffnung, dereinst die Quelle jener im Abendland geschätzten Köstlichkeit zu finden, namentlich des blauweißen japanischen Fußpilzes.

In meiner Not schloss ich mich einer arabischen Dau an, die vorgab, gen Osten zu segeln, um dortselbst gedörrte Kamelzungen gegen Fußpilz zu tauschen. Jedoch kaum waren wir auf offener See, da erhob sich ein Sturm, dass niemand mehr wusste, ob er noch lebte oder bereits ersoffen war.

Drei Tage und Nächte schleuderten uns die Wellen umher, bis am Morgen des Silvestertages Anno Domini 1286 unser Schiff an den Felsen eines fernen Eilands zerschellte, allda der Pfeffer wächst und allerlei exotisches Getier sich gegenseitig Gute Nacht wünscht.

Kaum an Land gekrochen, wurden wir von Eingeborenen umringt, die uns, mit Messer und Gabel fuchtelnd, freundlich begrüßten. Sie luden uns ein, das Abendmahl mit ihnen zu teilen – mit einer Fröhlichkeit, die mir verdächtig vorkam.

Reizende Jungfrowen servierten ein Mahl aus sieben Gängen, ein jeder wunderlicher als der vorige. Dazwischen wurde getanzt, gesungen und reichlich Bananenlikör getrunken.

Das Mahl mundete ungewohnt, etwas süßlich, doch sehr sättigend. Mir dünkte jedoch, dass nach jedem Gange ein Platz am Tische leer blieb. Zuerst hielt ich dies für Müdigkeit oder Trunkenheit.

Aber als man mir ein besonders zartes Stück reichte, serviert in einer vorzüglichen Kokosmilch-Pfeffer-Sauce, fand sich darin ein Ring, den zuvor einer meiner Gefährten getragen hatte.

Da dünkte es mich, dass hier etwas nicht ganz nach uneigennütziger Gastfreundschaft aussah. Schlimmer noch, dass ich womöglich selbst für die Nachspeise vorgesehen sei – jenen ungesunden siebten Gang, den ich lieber auslassen sollte.

Drum stellte ich mich unpässlich und bat um Permission zu retirieren. Mein mit Muscheln und Haifischzähnen geschmückter Tischnachbar klopfte mir ermunternd auf die Schulter und sagte mir, ich solle mich beeilen, denn er habe mich zum Fressen gern.

Ich ging – und kam nicht mehr zurück, sondern wählte den Weg der hastigen Selbsterhaltung durch das dichte Buschwerk, schnurstracks zum nächstgelegenen Flughafen.

Soweit Nicolò Polo.

Meine lieben Freunde der kurfürstlich-sächsischen Akademie zu Halle, ich beschließe mit dem Rat:
Wer fremde Sitten bestaunen will – und etwa im Rahmen seiner Bemühungen um Inklusion und postkolonialer Reuebekundung ein Abendessen im Kreise fröhlich feiernder Folkloreanbietern genießen möchte –, der kläre besser zuvor, ob er nur als Gast oder gar als Menüpunkt eingeladen sei.

Hinweis: Dieser Beitrag ist satirisch. Alle Figuren, Ereignisse und Schilderungen sind frei erfunden und dienen der humorvollen Unterhaltung.

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By Peter Biro

Prof. Dr. med. Peter Biro ist pensionierter Anästhesiearzt und Titularprofessor an der Universität Zürich. Er veröffentlicht Satiren, Parodien, kulturhistorische Betrachtungen sowie Prosawerke im Genre des Magischen Realismus. Seine Texte zielen auf literarisch gehobene Unterhaltung, die Wissen, Humor und Reflexion miteinander verbindet.

One thought on “Ein Neujahrsgruß voller Exotik und erregender Angstzustände”
  1. Dieser Artikel war ursprünglich ein künstlerisch-dilettantischer Beitrag zur Silvesterfeier des Theater Stok in Zürich, deren Leitung den Anlass als Abschiedsevent veranstaltete – ausgelöst durch die ausbleibende Unterstützung seitens der Stadt Zürich. In gewisser Weise handelte es sich um einen Abgesang auf subventionierte lokale Kultur, die wohlgemerkt ohne Subventionen kaum überlebensfähig ist.
    Die Eingeladenen waren aufgefordert, während des Abendessens für jeweils rund eine Stunde eigene Beiträge zu präsentieren – in Form von Lesungen, Musik oder kurzen Sketchen. Mein Beitrag bestand in einer Silvesteransprache, die in abgewandelter Form den obenstehenden Artikel zum Inhalt hatte.
    Was will ich damit ausdrücken? Nur so viel: Es handelt sich hier um ein Paradebeispiel kulturpflegenden Recyclings – und um eine Praxis, die durchaus Nachahmung verdient.

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