Warum wir nicht nur zehn Prozent unseres Gehirns verwenden – und warum wir es trotzdem gern glauben
Immer wieder taucht die Behauptung auf, der Mensch nutze nur einen kleinen Teil seines Gehirns – mal zehn, mal zwanzig Prozent. Der Rest liege brach und warte darauf, endlich freigeschaltet zu werden. Die Vorstellung ist verführerisch: In jedem von uns, so die Botschaft, schlummert ein gewaltiges geistiges Potenzial. Man müsste es nur aktivieren.
Mit der Wirklichkeit des Gehirns hat das wenig zu tun.
Wie der Mythos entstanden ist, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb der Psychologe William James davon, dass Menschen ihre geistigen Möglichkeiten nur zu einem kleinen Teil ausschöpften. Das war eine Aussage über menschliches Potenzial, kein Befund über die Anatomie des Gehirns. Die konkrete Zahl von zehn Prozent wurde James später zugeschrieben, ohne dass sie sich in seinen Schriften findet. Über Ratgeberliteratur und Populärkultur wurde aus einer vagen Vorstellung schließlich eine scheinbar wissenschaftliche Tatsache.
Die Neurowissenschaft spricht eine andere Sprache. Das heißt allerdings nicht, dass zu jedem Zeitpunkt sämtliche Nervenzellen des Gehirns gleichzeitig aktiv wären. Das wäre weder nötig noch sinnvoll. Je nach Aufgabe verändern sich die Aktivitätsmuster; manche Netzwerke treten in den Vordergrund, andere arbeiten weniger stark mit. Entscheidend ist etwas anderes: Es gibt keinen riesigen Teil des Gehirns, der dauerhaft funktionslos wäre.
Bildgebende Verfahren zeigen Aktivität in unterschiedlichen Hirnregionen auch dann, wenn wir gerade keine bestimmte Aufgabe erledigen. Selbst im Schlaf ist das Gehirn keineswegs abgeschaltet. Es arbeitet weiter, sortiert, verarbeitet und reguliert.
Genau hier steckt ein Denkfehler des Zehn-Prozent-Mythos: „Nicht maximal aktiv“ bedeutet nicht „ungenutzt“. Das Gehirn arbeitet nicht wie ein Schalter, der entweder an oder aus ist. Seine Leistungen entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Netzwerke, deren Aktivität sich ständig verändert.
Auch der Energieverbrauch passt schlecht zur Vorstellung vom großen ungenutzten Rest. Das menschliche Gehirn macht nur etwa zwei Prozent der Körpermasse aus, beansprucht aber ungefähr ein Fünftel des Energieverbrauchs des Körpers. Dieser Aufwand fällt auch im Ruhezustand und während des Schlafs an. Ein so energiehungriges Organ kann es sich nicht leisten, den größten Teil seiner Substanz dauerhaft ohne Funktion mitzuführen.
Noch deutlicher wird der Irrtum in der Klinik. Schon relativ kleine Schädigungen können Sprache, Bewegung, Wahrnehmung oder Gedächtnis beeinträchtigen. Welche Folgen eine Verletzung hat, hängt davon ab, welche Region betroffen ist und in welchem Maß andere Netzwerke Aufgaben übernehmen können. Das Gehirn kann sich verändern und bis zu einem gewissen Grad reorganisieren. Aber das ist etwas anderes als ein riesiger Vorrat an überflüssigem Gewebe.
Warum hält sich die Geschichte dann so hartnäckig?
Vielleicht, weil sie eine ziemlich angenehme Geschichte über uns erzählt. Sie sagt: Du bist noch längst nicht am Ende deiner Möglichkeiten. In dir steckt mehr, als du bisher abrufen konntest. Man muss nur den richtigen Schlüssel finden.
Die Wahrheit ist weniger spektakulär – und vielleicht gerade deshalb interessanter. Das Gehirn besitzt tatsächlich die Fähigkeit, sich zu verändern. Lernen, Übung und Erfahrung können neuronale Verbindungen und Netzwerke verändern. Diese Plastizität ermöglicht es uns, Fähigkeiten zu erwerben und vorhandene Leistungen zu verbessern.
Dafür muss allerdings kein verborgenes Reservoir von neunzig Prozent aktiviert werden. Es geht nicht darum, einen ausgeschalteten Teil des Gehirns zum Leben zu erwecken. Es geht darum, mit einem bereits hochaktiven System zu arbeiten: Wissen aufzubauen, Aufmerksamkeit zu lenken, Zusammenhänge herzustellen, Fähigkeiten zu üben.
Die Grenzen unserer geistigen Leistungsfähigkeit liegen deshalb nicht in einem dunklen Kontinent des Gehirns, den wir bislang nicht betreten hätten. Sie liegen eher in Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Wissen, Übung und der Fähigkeit, Informationen sinnvoll miteinander zu verknüpfen.
Das ist weniger spektakulär als die Vorstellung vom verborgenen Neunzig-Prozent-Potenzial. Aber vielleicht ist es die bessere Nachricht: Unser Gehirn ist kein halb leerer Speicher, der darauf wartet, gefüllt zu werden. Es ist ein ständig arbeitendes, energieintensives und erstaunlich anpassungsfähiges Organ.
Wer mehr aus ihm herausholen will, muss deshalb nicht neunzig Prozent einschalten, sondern mit dem arbeiten, was bereits da ist.
Quellen
Zur Entstehung des Mythos
William James: The Energies of Men (1907). James spricht darin über das ungenutzte menschliche Potenzial, nicht über eine anatomisch brachliegende Hirnmasse.
Originalausgabe bei Internet Archive
Zur fortlaufenden Aktivität des Gehirns
Raichle, M. E.: The Restless Brain: How Intrinsic Activity Organizes Brain Function. Überblick über die intrinsische Hirnaktivität und den hohen Energieverbrauch des Gehirns auch im Ruhezustand.
PubMed/PMC – Volltext
Zum Energieverbrauch des Gehirns
Kety, S. S. et al. / NCBI: Regulation of Cerebral Metabolic Rate. Das Gehirn macht etwa zwei Prozent der Körpermasse aus, verbraucht aber ungefähr 20 Prozent der Energie im Ruhezustand; der Stoffwechsel läuft auch während des Schlafs weiter.
NCBI Bookshelf – Fachkapitel
Zur Plastizität durch Lernen und Übung
Maguire, E. A. et al.: Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers. Eine vielzitierte Originalstudie zur erfahrungsabhängigen Veränderung menschlicher Hirnstrukturen.
PubMed
Zur schnellen Veränderung durch Training
Classen, J. et al.: Rapid plasticity of human cortical movement representation induced by practice. Die Studie zeigt, dass bereits kurze Übungsphasen messbare Veränderungen in der kortikalen Repräsentation einer Bewegung hervorrufen können.
PubMed – Originalstudie
Zum Zusammenhang von Lernen und struktureller Hirnveränderung
Scholz, J. et al.: Training induces changes in white-matter architecture. Eine Originalarbeit zur Veränderung der weißen Substanz durch Training und Lernen.
PubMed
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