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  • 8. September 2026 20:31

Wenn der Klimawandel unsichtbar bleibt

ByLena Wallner

Aug. 19, 2026

KOMMENTAR

Hitzewellen, Überschwemmungen und Waldbrände werden als einzelne Ereignisse erzählt. Dabei lässt sich inzwischen vielfach bestimmen, wie die Erderwärmung ihre Wahrscheinlichkeit und Intensität verändert. Der Journalismus sollte diesen Zusammenhang nicht behaupten, wo er nicht belegt ist. Aber er sollte ihn dort nicht verschweigen, wo die Wissenschaft ihn nachweisen kann.

Ein Waldbrand hat meistens eine konkrete Ursache. Ein Grill kippt um. Eine Maschine setzt trockenes Gras in Brand. Jemand legt Feuer. Manchmal genügt ein Blitz.

Das ist eine klare Geschichte: Ursache, Feuer, Schaden.

Nur ist sie nicht immer die ganze Geschichte.

Denn ob aus einem Feuer ein überschaubarer Brand oder ein Ereignis wird, das über Tausende Hektar läuft, hängt von den Bedingungen ab, unter denen es brennt. Von der Trockenheit der Vegetation, der Bodenfeuchte, der Temperatur, dem Wind. Und diese Bedingungen verändern sich mit dem Klima. Das ist keine politische Deutung. Es ist eine Frage der Physik.

Der Weltklimarat IPCC kommt zu dem Schluss, dass der menschliche Einfluss bereits zahlreiche Wetter- und Klimaextreme verändert hat. Für Hitzeextreme ist der Befund besonders eindeutig. Auch bei Starkniederschlägen und verschiedenen Formen von Dürre gibt es nachweisbare Veränderungen, allerdings mit erheblichen regionalen Unterschieden.

Beim Feuer ist die Sache komplizierter. Nicht jedes Feuer wird durch den Klimawandel wahrscheinlicher. Entscheidend ist zunächst, ob überhaupt etwas brennt und wie viel brennbares Material vorhanden ist. Erst dann kommt das Wetter ins Spiel. Gerade deshalb ist der Begriff Feuerwetter hilfreicher als die pauschale Aussage vom „Klimafeuer“.

Die unmittelbare Ursache ist nicht die ganze Erklärung

Journalismus arbeitet gern mit konkreten Ursachen. Das ist nachvollziehbar. Eine umgestürzte Stromleitung lässt sich zeigen, ein Brandstifter lässt sich befragen, ein gebrochener Deich fotografieren. Ein veränderter statistischer Erwartungswert ist schwerer zu erzählen.

Doch genau darum geht es bei der sogenannten Ereignisattribution. Die Forschung fragt nicht nur, ob ein bestimmtes Extremereignis stattgefunden hat. Sie untersucht, ob und in welchem Ausmaß der menschliche Einfluss auf das Klima seine Wahrscheinlichkeit oder Intensität verändert hat. Dafür werden Beobachtungen und Klimamodelle herangezogen und mit einer Welt verglichen, in der der menschliche Einfluss auf das Klima nicht vorhanden wäre.

Das klingt technisch. Für Journalisten ist es aber eine ausgesprochen praktische Unterscheidung. Denn die Frage „Hat der Klimawandel dieses Ereignis verursacht?“ führt häufig in eine Sackgasse. Die bessere Frage lautet: Was hat sich durch die Erwärmung an den Bedingungen für dieses Ereignis verändert?

Manchmal lässt sich darauf eine ziemlich klare Antwort geben. Manchmal nicht. Und manchmal reicht die Datenlage nicht aus. Genau diese Unterschiede gehören zur wissenschaftlichen Aussage dazu.

Der Klimawandel muss nicht in jede Meldung

Daraus folgt nicht, dass künftig unter jede Nachricht über einen Waldbrand, ein Hochwasser oder eine Hitzewelle ein Satz über den Klimawandel gehört. Das wäre genauso falsch.

Nicht jedes Extremereignis lässt sich auf dieselbe Weise attribuieren. Der Einfluss der Erwärmung hängt vom Ereignistyp und von der Region ab. Die World Weather Attribution weist ausdrücklich darauf hin, dass manche Ereignisse durch den Klimawandel wahrscheinlicher oder intensiver werden, während dies bei anderen nicht in gleicher Weise nachweisbar ist.

Gerade deshalb sollte der Journalismus nicht mit einer fertigen Klimabotschaft an ein Ereignis herangehen. Er sollte mit einer Frage beginnen.

Was wissen wir darüber, ob sich die Bedingungen für dieses Ereignis verändert haben?

Das ist ein Unterschied.

Wer nach einer Hitzewelle fragt, hat heute sehr gute wissenschaftliche Gründe, den Klimawandel einzubeziehen. Der IPCC bewertet den menschlichen Einfluss auf die Zunahme von Hitzeextremen als eindeutig. Bei Starkregen ist die Lage ebenfalls gut untersucht, aber regional differenzierter. Bei Dürren kommt es darauf an, ob man etwa Niederschlagsdefizite, Bodenfeuchte oder die Kombination aus Niederschlag und Verdunstung betrachtet. Bei Waldbränden wiederum spielen neben dem Wetter die Zündquelle, Vegetation und Landnutzung eine große Rolle.

Das ist keine Schwäche der Klimaforschung. Es ist ihre Stärke. Sie zwingt dazu, nicht alles über einen Kamm zu scheren.

Ein blinder Fleck der Berichterstattung

Das eigentliche Problem liegt deshalb vielleicht nicht darin, dass Medien falsche Aussagen über Extremereignisse machen. Oft machen sie richtige Aussagen. Ein Brand wurde durch menschliche Unachtsamkeit ausgelöst. Ein Fluss ist nach starken Regenfällen über die Ufer getreten. Eine Hitzewelle hat Temperaturen von mehr als 40 Grad gebracht. Eine Dürre hat die Ernte geschädigt.

All das kann stimmen.

Und trotzdem kann ein wesentlicher Teil der Erklärung fehlen.

Denn der Leser erfährt dadurch unter Umständen zwar, was passiert ist, aber nicht, ob sich die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses verändert hat. Das ist inzwischen eine relevante journalistische Frage. Der Klimawandel wirkt nicht nur in jenen Momenten, in denen über ihn ausdrücklich berichtet wird. Er verändert langfristig die physikalischen Rahmenbedingungen, unter denen Wetterextreme auftreten.

Das macht ihn für den Nachrichtenjournalismus schwierig. Eine Hitzewelle beginnt an einem bestimmten Tag. Ein Hochwasser erreicht einen Ort zu einer bestimmten Uhrzeit. Ein Waldbrand breitet sich an einem bestimmten Nachmittag aus. Die Erderwärmung lässt sich dagegen nicht auf einen Zeitpunkt reduzieren. Sie verändert Mittelwerte und Extrembedingungen über längere Zeiträume und verschiebt damit Wahrscheinlichkeiten. Die Nachricht handelt vom Ereignis. Der Klimawandel verändert zunehmend den Hintergrund, vor dem das Ereignis stattfindet.

Das Risiko der Übertreibung

Es gibt allerdings einen zweiten Fehler, den Journalisten vermeiden sollten: aus dem Wunsch nach Kontext eine Kausalität zu machen, die wissenschaftlich nicht belegt ist. „Der Klimawandel hat diesen Waldbrand verursacht“ kann eine unzulässige Verkürzung sein. „Der Klimawandel hat die Bedingungen für schwere Brände verändert“ kann dagegen eine wissenschaftlich überprüfbare Aussage sein.

Das gilt auch für andere Extremereignisse. Ein Starkregen wird nicht dadurch zum Klimawandel, dass er in einem wärmeren Klima stattfindet. Entscheidend ist, ob sich die Wahrscheinlichkeit oder Intensität dieses Starkregens verändert hat. Eine Dürre ist nicht automatisch eine Klimafolge. Eine Hitzewelle ist nicht automatisch vollständig durch die Erwärmung erklärbar.

Die Attribution soll gerade dabei helfen, solche Unterschiede sichtbar zu machen. Journalisten müssen diese Forschung deshalb nicht vereinfachen, bis nur noch die Schlagzeile übrig bleibt. Sie können ihre Unsicherheiten mitliefern. Das macht einen Text nicht schwächer. Es macht ihn glaubwürdiger.

Die bessere Klimanachricht

Vielleicht braucht die Klimaberichterstattung deshalb weniger große Formeln und mehr Präzision.

Nicht:

„Der Klimawandel ist schuld.“

Sondern:

„Forscher haben untersucht, wie stark die Erderwärmung die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses verändert hat.“

Nicht:

„Jeder Waldbrand ist eine Folge des Klimawandels.“

Sondern:

„Trockenheit und Hitze haben die Bedingungen für die Ausbreitung des Feuers verschärft; die Zündquelle war unabhängig davon.“

Nicht:

„Das Hochwasser beweist den Klimawandel.“

Sondern:

„Die Forschung zeigt, dass sich die Bedingungen für bestimmte Starkregenereignisse verändert haben – mit regionalen Unterschieden und Unsicherheiten.“

Das ist vielleicht weniger griffig. Aber es ist Journalismus, der die wissenschaftliche Methode ernst nimmt.

Die Frage ist nicht, ob der Klimawandel erwähnt wird

Die Diskussion darüber, ob in einem Artikel das Wort „Klimawandel“ vorkommt, greift deshalb zu kurz. Ein Text kann den Begriff zehnmal verwenden und trotzdem wissenschaftlich oberflächlich sein. Ein anderer kann ihn gar nicht verwenden und einen Zusammenhang zwischen Hitze, Trockenheit und Brandgefahr korrekt beschreiben.

Entscheidend ist nicht das Schlagwort. Entscheidend ist der Kontext. Wenn die Wissenschaft zeigen kann, dass sich die Bedingungen für ein Extremereignis verändert haben, sollte der Leser davon erfahren. Wenn ein solcher Zusammenhang nicht nachgewiesen ist, sollte der Journalist ihn auch nicht konstruieren. Das ist eine ziemlich einfache Regel. Sie ist nur anspruchsvoller, als sie klingt.

Denn sie verlangt Recherche dort, wo eine Meldung bereits eine scheinbar ausreichende Erklärung anbietet. Sie verlangt, wissenschaftliche Studien zu lesen, Unsicherheiten zu verstehen und zwischen Ursache, Verstärker und Hintergrundbedingung zu unterscheiden. Und sie verlangt gelegentlich auch, einen Satz wegzulassen, der zwar gut klingt, aber wissenschaftlich nicht hält.

Der blinde Fleck ist nicht zwangsläufig ein Versagen

Deshalb würde ich auch mit dem Wort „Medienversagen“ vorsichtig umgehen. Es gibt keinen belastbaren wissenschaftlichen Maßstab, nach dem sich sagen ließe, dass die Medien insgesamt beim Klimawandel „versagen“. Dafür ist die Berichterstattung zu unterschiedlich. Es gibt hervorragende Klimaberichterstattung. Es gibt oberflächliche. Es gibt Nachrichten, bei denen der Klimakontext relevant ist, und andere, bei denen er es nicht ist.

Der interessantere Vorwurf ist ein anderer:

Der Journalismus läuft Gefahr, die unmittelbaren Ursachen eines Ereignisses stärker zu erzählen als die veränderten Bedingungen, unter denen dieses Ereignis stattfindet.

Wenn das geschieht, ist die einzelne Meldung nicht unbedingt falsch. Sie ist nur möglicherweise unvollständig. Und genau darin liegt die Herausforderung der kommenden Jahre. Der Klimawandel wird nicht als eigene Nachricht verschwinden. Er wird vielmehr immer häufiger Teil anderer Nachrichten sein: von Hitzewellen, Bränden, Überschwemmungen, Dürren, Ernteausfällen und gesundheitlichen Risiken. Die journalistische Aufgabe besteht nicht darin, jedes dieser Ereignisse mit einer Klimabotschaft zu versehen.

Sie besteht darin, den Zusammenhang dort sichtbar zu machen, wo er wissenschaftlich belegt ist. Nicht als politische Pflichtübung. Nicht als moralischen Zusatz.

Sondern weil er zur Erklärung der Wirklichkeit gehört.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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