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  • 13. August 2026 2:16

Die bipolare Störung – Zwischen Himmel und Abgrund

ByMatthias Walter

Aug. 5, 2026

Teil I – Vom Wesen einer Krankheit, die das Erleben verändert

Es gibt Erkrankungen, die ein Organ angreifen, eine Funktion beeinträchtigen oder Schmerzen verursachen. Und es gibt Erkrankungen, die tiefer reichen: Sie verändern die Art, wie ein Mensch die Welt wahrnimmt, Entscheidungen trifft und sich selbst erlebt. Die bipolare Störung gehört zu dieser zweiten Kategorie. Sie betrifft nicht allein die Stimmung. Sie greift in jene biologischen Prozesse ein, aus denen Denken, Fühlen und Handeln hervorgehen.

Wer von außen auf einen Menschen mit einer bipolaren Störung blickt, erkennt die Krankheit häufig nicht. Zwischen den Krankheitsphasen führen viele Betroffene ein scheinbar unauffälliges Leben, arbeiten erfolgreich, gründen Familien, übernehmen Verantwortung. Gerade diese oft langen Intervalle psychischer Stabilität erschweren die Diagnose. Nicht selten vergehen Jahre, bis hinter wiederkehrenden Depressionen die eigentliche Erkrankung erkannt wird.

Dabei handelt es sich keineswegs um eine seltene Störung. Schätzungen zufolge sind weltweit ein bis drei Prozent der Bevölkerung von einer Bipolar-I- oder Bipolar-II-Störung betroffen; bezieht man das gesamte bipolare Spektrum ein, liegt die Häufigkeit noch darüber. Damit zählt die Erkrankung zu den bedeutendsten Ursachen psychisch bedingter Einschränkungen im jungen Erwachsenenalter.

Der Gedanke, dass Depression und Manie zwei Seiten derselben Krankheit sein könnten, ist keineswegs neu. Bereits Aretaeus von Kappadokien beschrieb im ersten Jahrhundert nach Christus den auffälligen Wechsel zwischen tiefer Melancholie und außergewöhnlicher Erregung. Seine Beobachtung geriet über Jahrhunderte in Vergessenheit, bevor sie im 19. Jahrhundert von Karl Ludwig Kahlbaum und vor allem Emil Kraepelin wieder aufgegriffen wurde. Kraepelins Konzept des „manisch-depressiven Irreseins“ bildet bis heute die historische Grundlage unseres Verständnisses der bipolaren Erkrankungen.

Der Begriff „bipolar“ bezeichnet die beiden Pole, zwischen denen sich die Krankheit entfalten kann: Depression und Manie. Beide Zustände sind mehr als Steigerungen gewöhnlicher Gefühle. Sie verändern die innere Logik des Erlebens.

Emotionen erfüllen normalerweise eine biologische Aufgabe. Freude folgt auf Erfolg, Trauer auf Verlust, Angst auf Gefahr. Sie helfen dem Menschen, sich an seine Umwelt anzupassen. Bei einer bipolaren Episode gerät dieses Regulationssystem zeitweise aus seinem Gleichgewicht. Gefühle lösen sich teilweise von ihrem äußeren Anlass und entwickeln eine Eigendynamik, die mit den tatsächlichen Lebensumständen kaum noch übereinstimmt.

In einer manischen Phase entstehen Antrieb, Optimismus und Selbstvertrauen mit einer Intensität, die sich der willentlichen Kontrolle entzieht. Umgekehrt kann eine depressive Episode jede Form von Energie, Hoffnung und Lebensfreude nahezu vollständig zum Erliegen bringen. Die Krankheit verändert damit nicht lediglich das Gefühlsleben. Sie verändert die subjektive Wirklichkeit.

Gerade hierin liegt ihre Tragik. Außenstehenden erscheinen Betroffene oft lediglich besonders euphorisch oder ungewöhnlich niedergeschlagen. Für den Erkrankten selbst verschiebt sich jedoch der innere Maßstab, nach dem Entscheidungen, Risiken und Möglichkeiten bewertet werden. Zeit wird anders erlebt, Grenzen verlieren ihre Selbstverständlichkeit, die eigene Person erscheint verändert. Nach überstandenen Episoden berichten viele Betroffene, sie könnten kaum begreifen, wie sie selbst bestimmte Entscheidungen getroffen oder Überzeugungen vertreten konnten. Die Erinnerungen bleiben – doch das damalige Denken wirkt wie das eines anderen Menschen.

Die Neurowissenschaft beschreibt diese Veränderungen heute nicht mehr als Folge einer einzelnen chemischen Störung. Vielmehr geraten Netzwerke aus verschiedenen Hirnregionen zeitweise aus ihrer Balance. Besonders betroffen sind jene Systeme, die Emotionen, Motivation, Impulskontrolle und planerisches Denken miteinander verbinden. Neurotransmitter wie Dopamin, Noradrenalin, Serotonin, Glutamat und GABA spielen dabei eine wichtige Rolle; entscheidend ist jedoch weniger ein isolierter Botenstoff als das Zusammenspiel ganzer neuronaler Schaltkreise.

Gerade diese Dynamik unterscheidet die bipolare Störung von vielen neurologischen Erkrankungen. Die biologischen Veränderungen sind nicht kontinuierlich gleich ausgeprägt, sondern verlaufen in Episoden. Phasen erheblicher psychischer Entgleisung können sich mit langen Zeiträumen nahezu vollständiger Stabilität abwechseln. Diese Wechselhaftigkeit macht die Erkrankung diagnostisch anspruchsvoll und für Betroffene wie Angehörige gleichermaßen schwer verständlich.

Die Ursachen gelten heute als multifaktoriell. Genetische Veranlagung, Veränderungen der biologischen Rhythmik, insbesondere des Schlaf-Wach-Systems, neurobiologische Regulationsmechanismen sowie Umwelt- und Belastungsfaktoren greifen ineinander. Ein einzelnes „Krankheitsgen“ oder einen isolierten biologischen Defekt gibt es nach heutigem Wissensstand nicht. Vielmehr entsteht die Erkrankung aus dem Zusammenwirken zahlreicher Einflüsse, die sich im Laufe des Lebens unterschiedlich entfalten können.

Diese Erkenntnis verändert auch den Blick auf die Betroffenen. Eine bipolare Störung ist weder Ausdruck mangelnder Disziplin noch eine Frage der Persönlichkeit. Sie ist eine schwere neuropsychiatrische Erkrankung, deren Symptome auf nachweisbaren Veränderungen biologischer und psychologischer Prozesse beruhen. Zugleich erschöpft sich kein Mensch in seiner Diagnose. Zwischen den Extremen von Manie und Depression bleibt eine Persönlichkeit mit Fähigkeiten, Beziehungen, Hoffnungen und einer eigenen Lebensgeschichte, die sich nicht auf die Krankheit reduzieren lässt.

Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf jene Phase, die die bipolare Störung so faszinierend wie gefährlich macht: die Manie. Sie beginnt oft mit gesteigerter Energie und ungewöhnlicher Produktivität. Innerhalb weniger Tage kann daraus jedoch ein Zustand entstehen, in dem Schlaf entbehrlich erscheint, Selbstzweifel verschwinden, Risiken ihre Bedeutung verlieren und schließlich selbst die Grenze zur psychotischen Wirklichkeit überschritten wird.

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By Matthias Walter

Matthias Walter ist Fachinformatiker, Autor und Kolumnist bei DMZ-News. Er schreibt zu Fußball und Sportkultur, Politik, politischer Philosophie, Gesellschaft, Lyrik und Essays. Seine Texte verbinden journalistische Recherche mit philosophischen und literarischen Perspektiven und zeichnen sich durch analytische Tiefe, kritische Reflexion und klare Argumentation aus.

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