KOMMENTAR
Religiöse Überzeugungen können Halt und Orientierung geben. Zugleich zeigen zahlreiche Fälle, dass sie missbraucht werden können, um autoritäre Strukturen und problematische Machtverhältnisse zu legitimieren. In solchen Konstellationen wird Glauben nicht selten zum Instrument der Kontrolle.
Im Fokus aktueller Berichterstattung steht der Schweizer Chocolatier Jürg Läderach. Ehemalige Schülerinnen und Schüler der von ihm mitbegründeten evangelikalen Privatschule „Domino Servite“ (heute „Christliche Schule Linth“) erhoben schwere Vorwürfe wegen körperlicher Misshandlungen während ihrer Schulzeit.
Die Schule wurde 1995 im sankt-gallischen Kaltbrunn gegründet und vertrat von Beginn an ein strikt religiös geprägtes Erziehungskonzept. In den vergangenen Jahren wurden Berichte öffentlich, in denen ehemalige Betroffene schildern, körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein.
Bereits Ende der 1990er-Jahre existierten entsprechende Vorwürfe. Eine umfassende Untersuchung kam damals nicht zustande, unter anderem aufgrund fehlender belastbarer Aussagen. Zudem verteidigten Eltern die Schule. Erst durch Recherchen des Schweizer Fernsehens („SRF DOK“) wurden die Vorwürfe systematisch aufgearbeitet.
Ein von der Schule selbst beauftragter Bericht bestätigte die Schilderungen der Betroffenen. Dokumentiert wurden körperliche Bestrafungen und Formen ritualisierter Züchtigung. Aufgrund der Verjährung sind die meisten Taten rechtlich nicht mehr verfolgbar.
Jürg Läderach bestreitet die Vorwürfe und erklärte öffentlich, niemals selbst Gewalt gegen Schülerinnen oder Schüler ausgeübt zu haben. Die damalige Internatsleiterin bestätigte hingegen, Kinder gezüchtigt zu haben.
Der Fall macht deutlich, wie wichtig unabhängige Kontrolle, klare rechtliche Rahmenbedingungen und konsequente Aufarbeitung in religiösen Bildungseinrichtungen sind. Er zeigt zudem, wie problematisch es sein kann, wenn religiöse Auslegungen zur Legitimation von Disziplinierungs- und Strafpraktiken herangezogen werden.
Religiöse Texte und Glaubensvorstellungen lassen Raum für Interpretation. Entscheidend ist, dass sie nicht dazu dienen, Gewalt, Demütigung oder Machtmissbrauch zu rechtfertigen – unabhängig vom weltanschaulichen Kontext.
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