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  • 22. September 2026 15:02

Das Tal ist nicht erreicht

ByDirk Specht

Sep. 22, 2026

KOMMENTAR

Die politische Debatte fokussiert sich nun auf den Trainerwechsel, nachdem wichtige Spiele verloren wurden. Das ist verkürzt, denn der Kipppunkt liegt weit vorher.

Friedrich Merz war erledigt, als die Union ihn aufstellte. Als man aus der Opposition mit einer durch Springer unterstützten, medial einmaligen Antikampagne gegen die Grünen monokausale politische Akzente setzte. Als man auch noch die Schuldenbremse als Werkzeug einsetzte. Ein Werkzeug, dessen Gift man eigentlich kennen musste. Der Steigbügelhalter des Steigbügelhalters war der politische Vollversager Lindner, der vermutlich sogar dachte, er könne mit Merz die Politik des Landes bestimmen. Merz wird Lindner folgen, die Fallhöhe ist noch etwas deutlicher. Nebenbei bemerkt freundlich assistiert durch eine SPD, der die Schwächung der Grünen nicht unrecht war, durch einen Kanzler, der den Feind in den eigenen Reihen erst abräumte, als es nur noch ein Symbol war.

Es wäre aber verkürzt, diese Protagonisten ihrer Parteien alleine zu nennen. Söder, Spahn, Reiche, Kubicki, Dürr sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit Repräsentanten dieser Politik. Eine Politik, die sich alleine um die Erreichung der Macht im etablierten politischen Wettbewerb drehte. Die “Halbierung der AfD” kann man Merz abnehmen, das war die Hybris, mit einer AfD schon zurecht zu kommen, wenn die anderen Gegner erst abgeräumt sind.

Ebenso die Hybris, mit politischem Handwerk der 80er regieren zu können. Solide Haushalte, die diversen Lobbys der wichtigsten Unternehmen und Branchen ans Werk lassen, der alte Deal: Die Union singt das Lied der wichtigsten Verbände und die Unternehmen lassen die Wirtschaft brummen.

Vermutlich denkt Merz heute noch, dass die deutsche Rüstungsindustrie ein Verteidigungswunder bereit stellt, wenn man ihr das Geld beschafft, dass Reiche dem Öl-, Gas- und Kraftwerksoligopol nur wieder das Feld räumen muss, um ein Energiewunder hinzustellen, dass man als Autokanzler die politischen Vorgaben aus Wolfsburg, Stuttgart und München bekommt, dass man ein paar “Reformen” bei Arbeitskosten und Steuerlast machen muss, damit die Unternehmen ein Wirtschaftswunder erzeugen.

Das ist auf allen Ebenen, von der innenpolitischen Strategie bis zu geostrategischen Herausforderungen so unterkomplex und dysfunktional, dass es nicht mal zufällig eine auch nur minimale Erfolgschance hätte.

Nun ist zu vermuten, dass nicht nur Merz Lindner, sondern die Union der FDP folgen wird. Das sind kranke Systeme, die nicht die falsche Strategie erkennen, sondern überwiegend glauben, man müsse die Dosis der Fehler nur erhöhen. Besser als bei der FDP kann man das nicht erkennen, vom Kandidaten bis zu der ganzen Kommunikation ist das stumpf mehr vom gleichen. Keinerlei Einsicht, keinerlei Moderne. Von der politischen Strategie bis zum hoch effizienten Verbrenner ist das hirntot. In beiden Parteien!

Nun werden die hirntoten dieser Reihen, wenn sie das überhaupt lesen, einen frustrierten Grünen vermuten, denn das ist die einzig ertragbare Erklärung für die Diagnose.

Auch das ist ein Irrtum. Zum Nachdenken vielleicht eine Statistik, die aus meiner Sicht die Dynamik dieses Kipppunkts am besten validiert: Die Erstwähler, die ein guter Indikator dafür sind, in welche Hände man Zukunft legen möchte, haben vor fünf Jahren noch mit überwältigender Mehrheit FDP und Grüne gewählt, heute sind es die politischen Ränder.

Ein fürchterlicher Befund und ich habe leider keine Hoffnung, dass dieser Prozess ausgerechnet von denen noch gestoppt werden kann, die mit Konzepten von vorgestern sowohl den politischen Wettbewerb betreiben als auch regieren.

Das schreibt weder ein Grüner, noch jemand, der dabei irgendeine Freude entwickelt. Das Tal ist nicht erreicht und erst dann wird sich zeigen, ob sich in Politik und Wirtschaft endlich die geeigneten Persönlichkeiten finden, die das komplette System modernisieren. Geistig, moralisch, methodisch, organisatorisch.

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By Dirk Specht

Dirk Specht ist deutscher Autor und Kommentator mit den Schwerpunkten Wirtschafts-, Energie- und Gesellschaftspolitik. Er veröffentlicht Analysen und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie. Zuvor war er Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und ist als Dozent und Gesprächspartner in Fachveranstaltungen aktiv. Seine Texte in der DMZ-News zeichnen sich durch analytische Tiefe und die klare Einbindung wirtschaftlicher und technischer Zusammenhänge aus.

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