ANALYSE
Antibiotika haben die moderne Medizin möglich gemacht. Nun verlieren sie an Wirkung. Das ist keine Katastrophe, die eines Tages über uns hereinbrechen wird. Sie hat längst begonnen – und wir behandeln sie noch immer zu sehr wie ein Spezialproblem der Medizin.
Es gibt Dinge, deren Wert man erst bemerkt, wenn sie fehlen. Elektrizität gehört dazu. Sauberes Wasser. Eine funktionierende Justiz. Und Antibiotika.
Dass eine bakterielle Lungenentzündung heute in vielen Fällen behandelbar ist, erscheint uns so selbstverständlich, dass man sich kaum noch vorstellt, was es bedeutet hätte, ohne wirksame Antibiotika zu leben. Operationen wären riskanter, Intensivmedizin hätte engere Grenzen, Transplantationen wären schwieriger, manche Krebsbehandlungen kaum denkbar. Selbst eine kleine Verletzung könnte wieder zu einer ernsten Angelegenheit werden.
Die moderne Medizin hat sich an eine Welt gewöhnt, in der Bakterien besiegbar erscheinen. Sie sind es nicht. Die Weltgesundheitsorganisation meldet, dass im Jahr 2023 weltweit etwa jede sechste im Labor bestätigte bakterielle Infektion, für die entsprechende Daten vorlagen, gegen Antibiotika resistent war. Bei einem erheblichen Teil der untersuchten Erreger-Arzneimittel-Kombinationen nahm die Resistenz in den vergangenen Jahren weiter zu.
Das sind globale Zahlen, und globale Zahlen haben die unangenehme Eigenschaft, weit entfernt zu wirken. Ein Patient in Deutschland sieht keine „globale Resistenz“. Er sieht einen Arzt, eine Blutprobe, ein Rezept. Doch genau dort beginnt das Problem.
Bakterien haben Zeit
Antibiotikaresistenz ist zunächst eine Geschichte der Evolution. Bakterien vermehren sich schnell. In einer großen Population entstehen Varianten. Einige sind gegenüber einem bestimmten Medikament weniger empfindlich als andere. Wird das Antibiotikum eingesetzt, haben diese Bakterien einen Vorteil. Sie überleben eher und können sich weiter vermehren.
Das ist keine Fehlfunktion des Medikaments. Es ist die erwartbare Antwort eines lebenden Systems auf Selektionsdruck. Deshalb ist die verbreitete Vorstellung falsch, wir könnten Antibiotika irgendwann einfach „aufbrauchen“. Eine Tablette verschwindet nicht aus dem Arzneischrank, weil sie zu oft genommen wurde. Was verloren gehen kann, ist etwas viel Wertvolleres: ihre Wirksamkeit gegen bestimmte Bakterien. Und diese Wirksamkeit lässt sich nicht ohne Weiteres zurückkaufen.
Der Arzt steht vor einem Dilemma
Das macht die Sache komplizierter, als manche Kampagnen vermuten lassen. Natürlich sollte ein Antibiotikum nicht verschrieben werden, wenn es nicht notwendig ist. Natürlich sind unnötige Anwendungen problematisch. Aber der einzelne Arzt entscheidet nicht in einem Laborversuch über Evolution, sondern in einer konkreten Situation: vor einem kranken Menschen, dessen Diagnose möglicherweise noch nicht feststeht.
Ist es eine Virusinfektion oder eine bakterielle? Wie schwer wird die Erkrankung? Kann man auf das Ergebnis einer Kultur warten? Welcher Erreger kommt infrage? Und welches Medikament trifft ihn tatsächlich? Die Medizin braucht hier etwas, das lange unterschätzt wurde: Geschwindigkeit bei der Diagnose.
Je schneller sich feststellen lässt, was einen Patienten krank macht und gegen welches Antibiotikum der Erreger empfindlich ist, desto weniger muss die Behandlung im Dunkeln beginnen. Das ist kein spektakulärer medizinischer Durchbruch. Es ist eher die unscheinbare Infrastruktur, auf der ein vernünftiger Umgang mit Antibiotika beruht. Die beste Antibiotikapolitik ist deshalb nicht jene, die möglichst wenige Antibiotika verwendet.
Es ist jene, die unnötige Antibiotika vermeidet und notwendige Antibiotika zuverlässig verfügbar hält. Das ist ein Unterschied, der in der öffentlichen Debatte gern verloren geht.
Auf das neue Wundermittel zu warten reicht nicht
Natürlich muss die Forschung neue Wirkstoffe hervorbringen. Resistente Bakterien lassen sich nicht allein mit Appellen bekämpfen. Doch auch hier lohnt ein nüchterner Blick auf die Ökonomie. Ein neues Antibiotikum ist ein merkwürdiges Produkt. Sein gesellschaftlicher Wert steigt gerade dann, wenn es sparsam eingesetzt wird. Ein Reserveantibiotikum soll nicht zum Medikament werden, das bei jedem banalen Infekt verschrieben wird. Es soll im entscheidenden Moment noch funktionieren.
Für einen Pharmamarkt, der Investitionen normalerweise über möglichst große Absatzmengen refinanziert, ist das ein schwieriges Geschäftsmodell. Die Konsequenz ist bekannt. Die Entwicklung neuer Antibiotika hält mit dem Bedarf nicht Schritt. Die WHO hat in den vergangenen Jahren wiederholt auf die begrenzte Zahl wirklich innovativer Wirkstoffe in der Pipeline hingewiesen.
Das Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass man Forschung einfach „mehr fördern“ will. Man muss sich auch fragen, wie ein Unternehmen mit einem Medikament Geld verdienen soll, dessen verantwortungsvoller Gebrauch darin besteht, es möglichst wenig zu verkaufen. Das ist eine politische Frage, keine rein wissenschaftliche.
Ein Krankenhaus kann die Evolution nicht an der Tür abweisen
Hinzu kommt, dass Resistenzen nicht im Krankenhaus entstehen und dort auch nicht bleiben. Bakterien bewegen sich zwischen Menschen, Tieren und Umwelt. Antibiotika werden in der Human- und Tiermedizin eingesetzt. Resistenzgene können sich verbreiten. Abwasser, Lebensmittelketten, Tierbestände und Gesundheitseinrichtungen sind keine voneinander abgeschotteten Welten.
Deshalb ist der Begriff „One Health“ mehr als ein modischer Ausdruck aus internationalen Gesundheitsorganisationen. Er beschreibt eine biologische Tatsache: Gesundheitspolitik, Tiermedizin und Umweltpolitik haben an dieser Stelle ein gemeinsames Problem. Das bedeutet ausdrücklich nicht, die Landwirtschaft zum Hauptschuldigen zu erklären. Ebenso wenig wäre es sinnvoll, jeden medizinischen Einsatz von Antibiotika unter Generalverdacht zu stellen. Es bedeutet nur, dass eine politische Grenze dort nicht existiert, wo die biologische Grenze ebenfalls nicht existiert.
Prävention ist die unspektakulärste Form des Fortschritts
Die vielleicht wichtigste Maßnahme gegen Resistenzen ist deshalb zugleich diejenige, über die am wenigsten gesprochen wird: Infektionen verhindern. Hygiene gehört dazu. Impfungen gehören dazu. Gute Infektionskontrolle in Krankenhäusern gehört dazu. Eine funktionierende Surveillance gehört dazu. Das wirkt gegenüber einem neuen Medikament beinahe langweilig.
Aber ein nicht infizierter Patient braucht kein Antibiotikum. Dieser einfache Satz enthält einen erheblichen Teil der Lösung. Die moderne Medizin hat sich daran gewöhnt, Probleme zu behandeln, sobald sie auftreten. Bei Antibiotikaresistenzen muss sie stärker darüber nachdenken, wie sich die Zahl der Situationen verringern lässt, in denen überhaupt behandelt werden muss.
Deutschland kann sich nicht herauskaufen
Für Deutschland kommt noch eine andere Versuchung hinzu: der Glaube, ein wohlhabendes Gesundheitssystem könne sich im Zweifel freikaufen. Es kann das nicht. Geld kann Forschung beschleunigen. Es kann Diagnostik verbessern. Es kann neue Medikamente verfügbar machen. Aber es kann keinen Erreger dazu bringen, seine Resistenz wieder zu verlieren.
Deutschland kann seine Krankenhäuser besser ausstatten. Es kann Überwachungssysteme ausbauen. Es kann Anreize für die Entwicklung neuer Antibiotika schaffen. Es kann in Forschung investieren und internationale Initiativen unterstützen.
Aber resistente Bakterien kennen keine nationale Gesundheitspolitik. Ein Erreger braucht kein Visum.
Die falsche Wahl zwischen Alarmismus und Verharmlosung
Beim Thema Antibiotikaresistenz schwankt die Debatte häufig zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht die Untergangserzählung: Bald werde kein Antibiotikum mehr wirken, und die Medizin stehe vor einer Rückkehr ins Mittelalter. Das ist wissenschaftlich nicht seriös.
Resistenz entwickelt sich nicht überall gleich. Manche Erreger bleiben gegenüber bestimmten Wirkstoffen empfindlich. Neue Medikamente und andere Therapien können entwickelt werden. Medizinische Forschung ist kein statischer Zustand. Auf der anderen Seite steht die bequemere Annahme, das Problem werde sich schon lösen, wenn es wirklich ernst wird. Auch dafür gibt es keinen Grund.
Die Entwicklung ist bereits messbar. Und die Zeit zwischen dem Auftreten einer Resistenz und der Entwicklung eines neuen, wirksamen Medikaments kann lang sein. Vernünftige Politik muss weder Panik verbreiten noch Entwarnung geben. Sie muss handeln, bevor Handeln zum Notfall wird.
Wir haben die Wirksamkeit geerbt. Erhalten müssen wir sie selbst.
Vielleicht liegt darin die eigentliche politische Pointe der Antibiotikakrise. Die Generationen vor uns haben eine Medizin aufgebaut, deren Möglichkeiten heute beinahe selbstverständlich erscheinen. Wir haben diese Möglichkeiten übernommen. Aber wir haben nicht automatisch die Garantie übernommen, dass sie erhalten bleiben. Antibiotika sind kein unerschöpfliches Erbe.
Sie sind eine Art gemeinschaftliches Kapital. Man kann es langsam verbrauchen, ohne es zu bemerken. Man kann es pflegen. Man kann neue Formen dieses Kapitals schaffen. Oder man kann darauf hoffen, dass irgendjemand rechtzeitig eine Lösung findet. Die letzte Variante wäre die bequemste. Und die schlechteste.
Es braucht keine Weltuntergangsrhetorik, um die Bedeutung des Problems zu erkennen. Es genügt, sich eine einfache Frage zu stellen: Was geschieht, wenn eine medizinische Selbstverständlichkeit aufhört, selbstverständlich zu sein? Die Antwort darauf entscheidet sich nicht erst im Operationssaal. Sie entscheidet sich heute – in der Forschung, in der Diagnostik, in Arztpraxen, Krankenhäusern, der Tiermedizin und in der Politik.
Antibiotikaresistenz ist deshalb keine Krise der Zukunft. Sie ist eine Rechnung der Gegenwart. Die Frage ist nur, wie hoch wir sie noch werden lassen.
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