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  • 9. Oktober 2026 10:00

Öl und Diesel: Der Krieg wird zur Wirtschaftsgeschichte

ByLena Wallner

Okt. 3, 2026

Der Ölpreis liegt wieder über 100 Dollar. Doch für die Schweiz ist nicht allein das Rohöl entscheidend. Die eigentliche Belastungsprobe findet beim Diesel statt – und bei den Lieferwegen, über die Europa seine Treibstoffe bezieht.

Die Marke ist zurück: Am Freitagmorgen kostete ein Barrel Brent rund 101,60 Dollar. Am Donnerstag war der Preis zeitweise noch stärker gestiegen. Für den Ölmarkt ist die Zahl von 100 Dollar vor allem ein psychologischer Fixpunkt. Für Schweizer Autofahrer und Unternehmen ist aber eine andere Frage wichtiger: Wie lange bleibt der Markt angespannt?

Denn beim Rohöl hat sich die Lage zuletzt teilweise entspannt. Durch die Straße von Hormus fließen wieder wesentlich größere Mengen als noch im Frühjahr. Gleichzeitig bleibt der Transport raffinierter Produkte, insbesondere Diesel, deutlich stärker eingeschränkt. Genau darin liegt das Risiko für Europa.

Das Rohöl kommt wieder – der Diesel weniger

Die Zahlen zur Schifffahrt durch Hormus unterscheiden sich je nach Datenanbieter. Das ist in der aktuellen Lage wichtig, weil ein Teil der Tanker ihre Positionen nicht oder nur verspätet übermittelt und alternative Transportwege genutzt werden.

Die jüngste Analyse des Guardian, die sich auf Schiffs- und Marktdaten stützt, kommt für September auf rund 16,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag durch die Meerenge. Im März waren es demnach etwa sechs Millionen. Andere Marktbeobachter kommen je nach Messmethode und Zeitraum auf niedrigere Werte. Die Richtung ist jedoch eindeutig: Die Rohölströme haben sich deutlich erholt, liegen aber weiterhin unter normalen Bedingungen, wenn man den gesamten Golfraum betrachtet.

Bei raffinierten Produkten sieht das Bild anders aus. Der Guardian schätzt die durch Hormus transportierte Menge im September auf rund 677’000 Barrel pro Tag, gegenüber 3,6 Millionen vor dem Krieg. Auch hier sind die exakten Werte datenquellenabhängig. Der Einbruch gegenüber dem Vorkriegsniveau ist jedoch erheblich.

Das erklärt, weshalb der Dieselmarkt derzeit stärker unter Druck steht als es der reine Blick auf Brent vermuten lässt. Ein Barrel Rohöl muss schließlich noch zu einem verkaufsfertigen Produkt verarbeitet werden. Dafür braucht es Raffinerien, funktionierende Häfen und Transportwege. Wenn einer dieser Teile ausfällt, kann Diesel knapp werden, obwohl wieder mehr Rohöl auf den Markt gelangt.

Mehrere Störungen treffen gleichzeitig aufeinander

Hinzu kommen die Folgen der Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Region und in Russland. Russland ist ein bedeutender Anbieter raffinierter Produkte. Werden Raffinerien beschädigt oder Exporte eingeschränkt, fehlt Diesel auf anderen Märkten. Auch China schützt derzeit seinen eigenen Markt. Peking hat die Ausfuhr raffinierter Ölprodukte für Oktober eingeschränkt. Für Europa bedeutet das weniger verfügbare Ware auf dem Weltmarkt.

Die Folge ist kein klassischer weltweiter Ölmangel. Es ist ein Logistik- und Raffinerieproblem, das sich regional sehr unterschiedlich auswirkt. Das macht die Preisentwicklung schwerer vorhersehbar.

Die Schweiz ist nicht leer gelaufen

Von einer unmittelbaren Treibstoffknappheit kann in der Schweiz derzeit nicht gesprochen werden. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung schreibt, die Versorgung mit Mineralölprodukten sei wieder sichergestellt und aktuell nicht mehr auf Bezüge aus Pflichtlagern angewiesen. Im September waren vorübergehend bis zu 30’000 Kubikmeter Diesel und 30’000 Kubikmeter Benzin aus Pflichtlagern freigegeben worden. Beim Diesel wurden davon rund zwei Drittel genutzt. Inzwischen hat auch die Raffinerie Cressier ihren Betrieb wieder aufgenommen.

Gleichzeitig bleibt die Logistik anfällig. Auf dem Rhein herrscht weiterhin Niedrigwasser. Der Schiffsverkehr ist nach Angaben der Landesversorgung faktisch zum Erliegen gekommen. Für die Schweiz ist das relevant, weil der Rhein eine wichtige Importroute für Mineralölprodukte ist. Das Land hat damit derzeit genügend Treibstoff. Aber die Lieferkette hat weniger Reserven als unter normalen Bedingungen.

Was bedeutet das für den Preis an der Tankstelle?

Ein höherer Ölpreis schlägt nicht eins zu eins auf den Schweizer Benzin- oder Dieselpreis durch. Zwischen dem Rohölpreis in London und dem Literpreis an einer Schweizer Tankstelle liegen Raffineriekosten, Transport, Lagerung, Wechselkurs, Steuern und Margen. Dazu kommt der Zeitverzug: Tankstellen verkaufen heute teilweise Ware, die zu einem früheren Preis eingekauft wurde.

Deshalb wäre es falsch, aus dem Sprung über 100 Dollar unmittelbar auf einen bestimmten Anstieg an der Schweizer Zapfsäule zu schließen. Anders sieht es aus, wenn die Dieselknappheit anhält. Dann können sich die höheren Beschaffungskosten zunächst bei Speditionen und Transportunternehmen bemerkbar machen. Anschließend geraten Branchen unter Druck, die viel Diesel benötigen: Bau, Landwirtschaft, Logistik und Teile der Industrie. Ob daraus höhere Preise für Konsumenten entstehen, hängt davon ab, wie lange der Kostenschub anhält und wie viel davon Unternehmen weitergeben können.

Für die Inflation ist die Dauer entscheidend

Die Schweiz kommt derzeit nicht aus einer neuen Inflationswelle. Die Jahresteuerung lag im September bei 1,0 Prozent. Gleichzeitig verteuerten sich unter anderem Benzin, Diesel und Heizöl. Andere Positionen entwickelten sich günstiger und dämpften die Gesamtteuerung.

Das spricht gegen einen unmittelbaren breiten Preisschock. Die Gefahr läge vielmehr in einem längeren Energiepreisschub. Dann könnten höhere Treibstoff- und Transportkosten nach und nach auf andere Preise übergreifen. Für die Schweizerische Nationalbank ist deshalb nicht entscheidend, ob Brent an einem einzelnen Handelstag 98 oder 102 Dollar kostet. Die Frage lautet: Wird daraus ein vorübergehender Ausschlag – oder ein länger anhaltender Kostenschub?

Die SNB hält ihren Leitzins derzeit bei 0 Prozent. Ein dauerhaft höherer Energiepreis würde ihre Einschätzung der Inflationsrisiken erschweren.

Drei Szenarien für die nächsten Wochen

Erstens: Entspannung.
Wenn die Schifffahrt im Golf weiter normalisiert wird, Raffinerien ihre Produktion erhöhen und die Exportbeschränkungen gelockert werden, könnte sich der Dieselmarkt beruhigen. Der Ölpreis müsste dafür nicht sofort auf das Niveau vor dem Krieg zurückfallen.

Zweitens: zähe Knappheit.
Bleiben die Lieferwege offen, aber teuer und unzuverlässig, könnte Brent um die Marke von 100 Dollar schwanken, während Diesel deutlich stärker unter Druck bleibt. Für die Schweiz wäre das vor allem ein Kostenproblem für Transport und Industrie.

Drittens: neue Eskalation.
Sollten die Schifffahrt durch Hormus oder wichtige Raffinerie- und Exportanlagen erneut stärker beeinträchtigt werden, könnte der Preisauftrieb deutlich zunehmen. Wie stark, lässt sich seriös nicht vorhersagen. Dafür hängen zu viele Faktoren voneinander ab. Genau diese Unsicherheit ist derzeit das Problem.

Die entscheidende Zahl ist nicht 100

Die Marke von 100 Dollar liefert eine gute Schlagzeile. Sie erzählt aber nur einen Teil der Geschichte. Wichtiger sind in den kommenden Wochen vier andere Signale: Wie viele Tanker passieren Hormus? Wie viel Diesel wird tatsächlich exportiert? Wie entwickeln sich die europäischen Dieselpreise? Und wie lange bleiben die Schweizer Lieferwege über Rhein und Raffinerien belastet?

Die Schweizer Behörden können bei einer echten Mangellage auf Pflichtlager zurückgreifen. Für den Moment ist das nicht nötig. Damit bleibt die Lage angespannt, aber beherrschbar. Für die Schweizer Konsumenten könnte sich das in den nächsten Wochen zunächst ganz unspektakulär zeigen: nicht an leeren Tankstellen, sondern an einem etwas höheren Preis pro Liter – und später möglicherweise an höheren Transportkosten.

Der Ölkrieg wird deshalb nicht zwingend dort sichtbar, wo die Schlagzeilen ihn vermuten lassen. Er könnte zuerst in den Kosten für Diesel, Transporte und Waren auftauchen.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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