KOMMENTAR

„Es hat mein Denken verlangsamt.” So beschreibt ein 15-jähriger US-Schüler, was die KI auf seinem Schullaptop mit ihm gemacht hat. Die Hausaufgaben waren schnell erledigt, die Abschlussprüfung in Mathe ging schief. Das WSJ hat dazu über 60 Lehrer, Eltern und Therapeuten befragt.
Die Forschung dazu ist jung, teilweise auf wenig Daten besierend. Aber das Muster ähnelt sich fatal, ich habe es hier oft thematisiert, zuletzt mit einer chinesischen Schülerstudie. Die Ergebnisse legen aber nah, dass es nicht nur Kinder betrifft, sondern durchaus Gruppen, die das von sich selbst eher nicht vermuten würden:
- PISA 2025 (OECD, 760.000 Schüler): Wer KI täglich zum Schreiben nutzt, liegt in Naturwissenschaften rund 20 Punkte zurück, etwa ein Schuljahr.
- Türkei (Bastani et al., PNAS): +48 % bei den Übungsaufgaben, −17 % in der Klausur. Ein Tutor, der nur Hinweise gab, richtete keinen Schaden an.
- Unternehmensberater (BCG/Harvard, 2023): Innerhalb der KI-Fähigkeiten waren sie schneller und besser. Bei Aufgaben knapp außerhalb lagen sie mit KI um 19 Prozentpunkte seltener richtig. Sie vertrauten Antworten, die gut klangen.
- Entwickler (Shen & Tamkin, 2026): Sie verstanden Code schlechter und fanden Fehler schlechter.
Die Richtung ist überall dieselbe: KI erzeugt schnell gute Ergebnisse, wer dabei seine Fähigkeiten KI überlässt, verliert sie. Die notwendige Antwort ist aus meiner Sicht, fachspezifische Fähigkeiten mit KI-Fähigkeiten gemeinsam zu schulen. Das passiert in meinem Hörsaal seit einem Jahr und es ist herausfordernd. In Kollegenkreisen werbe ich dafür, es weiter zu entwickeln, das ganze Bildungssystem sollte es tun – mit den Schulen beginnend. Aber in Unternehmen ist es genauso erforderlich, am besten mit Aufsichtsräten und Vorständen beginnend.
KI und Mensch müssen und können klare Rollen finden. Das setzt beim Menschen Veränderung und sowohl bisherige wie neue Kompetenzen voraus, während reproduzierbare Umsetzungskompetenz vielleicht sogar bei KI besser aufgehoben ist. Dazwischen mag KI auch gute Sparringsrollen leisten, was – professionell und bewusst genutzt – menschlichen Bias reduzieren kann.
Falsch eingesetzt, passiert genau das Gegenteil. Die Bewertungs- und Entscheidungshoheit wandert zur KI, Ergebnisse sind irgendwas zwischen erratisch und noch mehr Bias-geprägt. Der Mensch wird inkompetenter.
Letztlich vielleicht komplexer denn je, aber wie gehabt: Nicht das Werkzeug entscheidet, sondern die Nutzung. Antwort-Automat oder Sparringspartner und kontrollierter Ergebnisproduzent. Das muss gelernt werden, systematisch und für jeden.
Nur so geraten wir vor die Welle und nicht darunter.
Fehler- und Korrekturhinweise
Fehler gefunden?
Wir sind dankbar für jeden Hinweis, der uns hilft, unsere Berichterstattung zu verbessern. Bitte senden Sie eine kurze E-Mail an feedback@dmz-news.online mit folgenden Angaben:
- Die genaue URL des Artikels
- Beschreibung des Fehlers
- (Optional) Vorschlag zur Korrektur
Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus
Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.
Wir glauben daran, dass jede und jeder das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.
Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.
Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.
Im Fokus
- Milch – wirklich so gesund, wie wir immer hören?„Trink deine Milch, die ist gesund.“ Diesen Satz haben viele von uns schon als Kinder gehört. Milch galt über Jahrzehnte als etwas, das einfach dazugehört. Sie soll starke Knochen machen, beim Wachstum helfen und überhaupt ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung sein. Aber stimmt das wirklich? Wenn man sich die wissenschaftliche Literatur genauer anschaut, wird… Weiterlesen: Milch – wirklich so gesund, wie wir immer hören?
- Die WohlstandsvernichterKOMMENTAR Eine lesenswerte Studie zum Populismus, die wie andere zuvor zu dem Ergebnis kommt, dass wir in einem Zeitalter des Populismus leben. Es ist viel vom Faschismus die Rede, aber vermutlich werden irgendwann auch Historiker vom Populismus reden und ihn vom Faschismus abgrenzen. Bei einigen Parallelen ist aus meiner Sicht der größte Unterschied, dass Populisten… Weiterlesen: Die Wohlstandsvernichter
- Die Demokratie darf sich nicht wegduckenÜber die AfD, die politische Gewöhnung und die Pflicht eines wehrhaften Rechtsstaats KOMMENTAR Es gibt einen Satz, der jede Diskussion über die AfD zuverlässig beendet: Sie sei schließlich demokratisch gewählt worden. Das ist richtig. Und es ist trotzdem kein Argument gegen Kritik. Eine Partei wird durch Wahlen dazu legitimiert, politische Macht auszuüben. Mehr zunächst einmal… Weiterlesen: Die Demokratie darf sich nicht wegducken
- Brot und Spiele 2.0: Wie Sport und Unterhaltung uns von der Realität ablenkenKOMMENTAR In einer Welt, die von sozialen und politischen Krisen geprägt ist, suchen immer mehr Menschen nach Wegen, dem täglichen Druck zu entkommen. Eine der am weitesten verbreiteten Fluchtstrategien ist die Flucht in die Welt des Sports – sei es durch das Mitfiebern bei Fußball-Weltmeisterschaften, den packenden Wettkämpfen bei den Olympischen Spielen oder den packenden… Weiterlesen: Brot und Spiele 2.0: Wie Sport und Unterhaltung uns von der Realität ablenken
- Kolonialismus ohne Kolonien: Die Schweiz und ihr verdrängtes ErbeZwar betrieb die Schweiz keinen eigenen Kolonialismus, doch war sie indirekt stark in koloniale Strukturen und den Sklavenhandel eingebunden. Schweizer Produkte, Waffen und Alkohol wurden nach Westafrika exportiert, wo Menschen als Sklaven verschifft und in der Neuen Welt verkauft wurden. Viele Schweizer Handelsunternehmen, aber auch private Unternehmer wie Alfred Escher, Jacques-Louis Pourtales oder David de… Weiterlesen: Kolonialismus ohne Kolonien: Die Schweiz und ihr verdrängtes Erbe





