KOMMENTAR
In der Blasen-Debatte hört man immer dieselben Argumente: Chips werden teurer, alte GPUs sind nach zwei, drei Jahren wertlos, Token-Preise fallen im Preiskrieg – also kein Geschäftsmodell. Einige dieser Aussagen lassen sich schlicht widerlegen.
1. Alte Chips sind nicht wertlos. Nvidias H100 laufen bis heute und werden aktiv gehandelt, die Miete liegt im Median bei rund 3,50 $ pro Stunde. Einjahresverträge sind seit Herbst 2025 sogar um fast 40 % gestiegen. Werden sie irgendwann wertlos, dann weil Betreiber etwas ökonomisch Besseres haben. Das ist ein Vorteil, kein Verlust.
2. Neue Chips werden pro Leistung billiger, nicht teurer. Ein B200 kostet pro Stunde rund 50 % mehr als ein H100, produziert Tokens aber 2,5- bis 6-mal günstiger und schafft etwa dreimal so viele Tokens pro Megawatt. Die Mär vom steigenden Chippreis ist falsch!
3. Knappheitspreise sind nicht von Dauer. Eigene Chips der Hyperscaler wachsen 2026 fast dreimal so schnell wie GPUs, Nvidias Bruttomarge sinkt bereits.
4. Fallende Token-Preise sind nur eine Metrik. Sie fallen in Spannen: bei Spitzenmodellen um das 5- bis 10-Fache pro Jahr, bei einfacheren Aufgaben um bis zu das 900-Fache. Zugleich sinken die Produktionskosten – durch neue Hardware und durch effizientere Algorithmen, allein Letztere um etwa das Dreifache pro Jahr. Und die Menge steigt, bei Google etwa um das Siebenfache. Das ist zunächst eine ökonomisch logische Preis-Mengen-Reaktion. Nur die Preise zu nennen, ist keine Aussage.
5. Reine KI-„Hersteller“ gibt es nicht, nur Betreiber mit oder ohne eigene Modelle. Entscheidend könnte sein, auf wie vielen Ebenen der Transformation sie aktiv sind – von Chips über Modelle bis zum Kunden – und wie gut bestehende Kundenbeziehungen und Geschäftsmodelle dazu passen. Meine Prognose: Die Geschäftsberichte einiger angeblicher “Geldverbrenner” dürften ziemlich überraschen!
6. Für Infrastrukturanbieter wie Nvidia ist die Transformation eine Gelddruckmaschine, bis Wettbewerb und Sättigung eintreten. Das kann noch Jahre dauern oder bei Überraschungen, etwa aus China, sehr schnell gehen. Investoren müssen alles einpreisen, vom schleichenden Erosionsprozess bis zum plötzlichen Kipppunkt.
Das heißt nicht, dass alle gewinnen. Bei der Auslese von Gewinnern und Verlierern kann es zu Ausfällen im hohen dreistelligen Milliardenbereich kommen. Ob das Finanzsystem dahinter eine Blase erzeugt hat, die dann wie beim Subprime-Markt oder in der Euro-Krise platzt, ist ein anderes Thema – nicht weniger wichtig, aber keine „KI-Blase“.

Quellen: SemiAnalysis InferenceX, Epoch AI, „The Price of Progress“ (arXiv), GetDeploying, SemiAnalysis/TrendForce, Nvidia-Geschäftsbericht FY2026
Fehler- und Korrekturhinweise
Fehler gefunden?
Wir sind dankbar für jeden Hinweis, der uns hilft, unsere Berichterstattung zu verbessern. Bitte senden Sie eine kurze E-Mail an feedback@dmz-news.online mit folgenden Angaben:
- Die genaue URL des Artikels
- Beschreibung des Fehlers
- (Optional) Vorschlag zur Korrektur
Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus
Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.
Wir glauben daran, dass jede und jeder das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.
Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.
Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.
Im Fokus
- Milch – wirklich so gesund, wie wir immer hören?„Trink deine Milch, die ist gesund.“ Diesen Satz haben viele von uns schon als Kinder gehört. Milch galt über Jahrzehnte als etwas, das einfach dazugehört. Sie soll starke Knochen machen, beim Wachstum helfen und überhaupt ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung sein. Aber stimmt das wirklich? Wenn man sich die wissenschaftliche Literatur genauer anschaut, wird… Weiterlesen: Milch – wirklich so gesund, wie wir immer hören?
- Die WohlstandsvernichterKOMMENTAR Eine lesenswerte Studie zum Populismus, die wie andere zuvor zu dem Ergebnis kommt, dass wir in einem Zeitalter des Populismus leben. Es ist viel vom Faschismus die Rede, aber vermutlich werden irgendwann auch Historiker vom Populismus reden und ihn vom Faschismus abgrenzen. Bei einigen Parallelen ist aus meiner Sicht der größte Unterschied, dass Populisten… Weiterlesen: Die Wohlstandsvernichter
- Die Demokratie darf sich nicht wegduckenÜber die AfD, die politische Gewöhnung und die Pflicht eines wehrhaften Rechtsstaats KOMMENTAR Es gibt einen Satz, der jede Diskussion über die AfD zuverlässig beendet: Sie sei schließlich demokratisch gewählt worden. Das ist richtig. Und es ist trotzdem kein Argument gegen Kritik. Eine Partei wird durch Wahlen dazu legitimiert, politische Macht auszuüben. Mehr zunächst einmal… Weiterlesen: Die Demokratie darf sich nicht wegducken
- Brot und Spiele 2.0: Wie Sport und Unterhaltung uns von der Realität ablenkenKOMMENTAR In einer Welt, die von sozialen und politischen Krisen geprägt ist, suchen immer mehr Menschen nach Wegen, dem täglichen Druck zu entkommen. Eine der am weitesten verbreiteten Fluchtstrategien ist die Flucht in die Welt des Sports – sei es durch das Mitfiebern bei Fußball-Weltmeisterschaften, den packenden Wettkämpfen bei den Olympischen Spielen oder den packenden… Weiterlesen: Brot und Spiele 2.0: Wie Sport und Unterhaltung uns von der Realität ablenken
- Kolonialismus ohne Kolonien: Die Schweiz und ihr verdrängtes ErbeZwar betrieb die Schweiz keinen eigenen Kolonialismus, doch war sie indirekt stark in koloniale Strukturen und den Sklavenhandel eingebunden. Schweizer Produkte, Waffen und Alkohol wurden nach Westafrika exportiert, wo Menschen als Sklaven verschifft und in der Neuen Welt verkauft wurden. Viele Schweizer Handelsunternehmen, aber auch private Unternehmer wie Alfred Escher, Jacques-Louis Pourtales oder David de… Weiterlesen: Kolonialismus ohne Kolonien: Die Schweiz und ihr verdrängtes Erbe





