KOMMENTAR
Sehr anschaulicher Beitrag des WSJ, der einen Inflationstreiber in den USA wunderbar durch reale Kausalitäten auflöst und damit ein sehr anschauliches Beispiel für die Grenzen deskriptiver Ökonomiemodelle liefert. Hier geht es um den Einfluss des Ölpreises auf die Transportkosten und die daraus resultierende breite Inflationswirkung auf alle möglichen Preise. Der Beitrag arbeitet dabei teilweise forensisch die realen Kausalitäten wie folgt heraus:
Der Ölpreis treibt den Dieselpreis, also den Treibstoff für LKWs, Schiffe, Güterzüge. Das kennen wir. Aber das ist kein isolierter Effekt, denn zugleich hat die Migrationspolitik von Trump einen Mangel an Fahrern erzeugt. Ein Fehler, den die Briten beim Brexit bereits kennen lernten, aber man kann das natürlich wie jeden Fehler wiederholen. Trump kann das gut, denn sein Zollchaos ist auch nicht neu, wirkt hier aber ebenfalls: Da derzeit rechtswidrig erhobene Zölle zurückfließen und reihenweise ex-post Gewinne bei Unternehmen erzeugen, die a priori von Konsumenten inflationstreibend bezahlt wurden, decken Unternehmen sich derzeit in einer Einkaufswelle mit Waren ein, bevor die nächste Zollwelle kommt. Das erzeugt eine gerade jetzt dysfunktionale Nachfrage nach Transportkapazitäten, die sich bis in die globalen Container-Frachtraten auswirkt.
Was der Beitrag sogar auslässt, ist die Bedeutung von Oligopolen bei den Dieselraffinerien, das durch Hormuz viele Anbieter in beliebige Preissetzungsmacht bringt. Das könnte sich verschärfen, wenn Trump den Export der US-Raffinerien verbietet, was übrigens Xi schon im April gemacht hat. Das sind also geoökonomische Preiseinflüsse, die wiederum auf ein weiteres Phänomen hinweisen: Entlang jeder Lieferkette wird jeder Akteur versuchen, Preissteigerungen bei den Zulieferungen mit Marge weiter zu geben. Wenn das gelingt, ist das ein Hebel für die Inflation, wenn es misslingt, leidet die Ertragskraft der Wirtschaft. Nichts davon ist gut, denn es entscheidet nur, wie sehr der Profit der Ölkonzerne die Gesamtwirtschaft schädigt.
Ich muss hoffentlich nicht ergänzen, dass die deutschen „Tankrabatte“, die platt mit der Gießkanne ausgerechnet die Endpreise subventionieren, genauso blöde sind, wie dieses Trump’sche Chaos – nur weit weniger wirksam. Der einzige Vorzug dieser schwachen Regierung ist, dass ihren schwachen Maßnahmen eines gemein ist: Sie wirken schwach. Vielleicht abgesehen von der Fehlbesetzung im Wirtschaftsministerium, die ausgerechnet die vielen Fehler der fossilen Energiepolitik schlimmstenfalls sogar für Jahrzehnte absichert.
Ich bin überzeugter Marktwirtschaftler, aber das post-pubertäre Geplärre vom freien Markt, der alles regelt, kann ich nicht mehr ertragen. Das war schon bei Adam Smith tiefer angelegt, der weit mehr über die Rolle des Staats geschrieben hat, als über die „unsichtbare Hand“. Die Realität zeigt, dass es nicht nur des bereits theoretisch erforderlichen Staatseinflusses bedarf, damit Märkte überhaupt entstehen können, sondern vielmehr, dass der schlicht unvermeidbar existiert und dass es vor allem darauf ankommt, ob der klug oder fahrlässig falsch wirkt. Nota bene: Wirkt, nicht, was gewollt ist.
Wir befinden uns in einem Systemwettbewerb. Dabei geht es sogar primär darum, wie der Staatseinfluss real wirkt. Wer das nicht erkennt, hat von den kausalen Realitäten der Marktwirtschaft noch nie Ahnung gehabt und bewegt sich mit braven Ökonomiemodellen vor allem der deutsch/österreichischen Schule definitiv eher im Spannungsbogen zwischen Ideologie und Religion.

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