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  • 9. Oktober 2026 9:22

Das Oktoberfest und seine Schattenseiten

ByAnton Aeberhard

Sep. 29, 2026

Eine faktenbasierte Bestandsaufnahme der Schattenseiten

Es gibt diese Bilder von der Wiesn, die jedes Jahr aufs Neue funktionieren. Blasmusik. Dirndl. Lederhosen. Ein voller Biergarten. Eine Bedienung, die zwölf Maß gleichzeitig trägt und dabei aussieht, als wäre das alles ganz selbstverständlich. Dazu das Riesenrad über der Theresienwiese und irgendwo im Hintergrund die Türme Münchens.

Das Oktoberfest kann sehr schön sein. Es kann ausgelassen sein, gesellig, kitschig, laut und für viele Menschen schlicht ein paar Stunden gute Unterhaltung. Nur ist das nicht die ganze Geschichte.

Denn sobald die Wiesn ihre Tore öffnet, beginnt neben dem eigentlichen Fest ein zweites Ereignis. Eines, das weniger fotografiert wird. Sanitäter behandeln Tausende Menschen. Krankenhäuser stellen sich auf zusätzliche Patienten ein. Die Polizei registriert Körperverletzungen, Sexualdelikte und Drogendelikte. Und wenn die Zelte längst wieder abgebaut sind, zeigt sich ein Teil der Folgen erst noch. Das ist die Seite des Oktoberfests, die in der offiziellen Erzählung vom größten Volksfest der Welt naturgemäß weniger Platz bekommt.

Tausende medizinische Fälle

Im Jahr 2025 kamen nach Angaben der Aicher Ambulanz 7.158 Menschen während des Oktoberfests zur medizinischen Behandlung. Das waren 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Am ersten Wiesn-Samstag wurden allein 910 Patienten versorgt. Der höchste gemessene Alkoholwert lag bei 3,8 Promille; 30 Minderjährige mussten wegen einer Alkoholintoxikation behandelt werden.

Man muss diese Zahlen allerdings richtig einordnen. Ein Sanitätsfall ist nicht automatisch ein schwerer Notfall. Viele Patienten können vor Ort versorgt werden. Die Aicher Ambulanz meldete für 2025 sogar eine niedrigere Schwere der Fälle als in manchen früheren Jahren; auch die Zahl der Transporte in Krankenhäuser ging zurück. Trotzdem bleibt die Größenordnung bemerkenswert.

Mehr als siebentausend Menschen benötigen innerhalb von gut zwei Wochen medizinische Hilfe auf einem einzigen Festgelände. Dafür gibt es eigene Sanitätsstationen, eigene Einsatzteams und diagnostische Technik. Ein mobiles CT gehört inzwischen ebenso zur Wiesn-Infrastruktur wie Bierzelte und Fahrgeschäfte.

Das ist zunächst einmal ein Erfolg guter Organisation. Man sollte daraus keinen Skandal machen. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei diese Infrastruktur aus reiner Vorsicht aufgebaut worden.

Die Wiesn endet nicht am Ausgang

Auch die regulären Krankenhäuser bekommen die Veranstaltung zu spüren. Das LMU Klinikum behandelte während der 16 Wiesn-Tage 2025 insgesamt 1.299 Patienten in der Zentralen Notaufnahme. Das waren rund 17 Prozent mehr als in den Wochen vor dem Fest. 208 Patienten kamen mit Kopfverletzungen. Rund 240 Untersuchungen wurden am mobilen Wiesn-CT durchgeführt.

Interessant ist dabei weniger die einzelne Kopfverletzung als das Prinzip dahinter: Das Oktoberfest ist inzwischen so groß, dass sich das Gesundheitswesen darauf einstellen muss. Die Kliniken wissen, wann es losgeht. Sie wissen, welche Arten von Verletzungen zu erwarten sind. Sie planen zusätzliches Personal und Kapazitäten ein.

Man könnte sagen: Das System funktioniert.

Das stimmt.

Nur sagt dieser Satz eben auch etwas über die Größe des Problems aus.

Ein Ereignis, das Millionen Menschen in wenigen Wochen zusammenbringt, produziert nicht nur Umsatz und Bilder, sondern auch einen vorhersehbaren medizinischen Mehraufwand.

Die Maß ist nicht schuld. Aber sie spielt eine Rolle.

Über Alkohol lässt sich auf der Wiesn besonders leicht streiten, weil er dort nicht bloß Getränk ist. Er gehört zur Inszenierung. Die Maß steht auf jedem Tisch. Sie gehört zum Ritual, zum Anstoßen, zum Mitsingen, zum Aufstehen auf der Bierbank und zum nächsten Foto. Wer auf dem Oktoberfest von „einer Maß“ spricht, meint damit nicht selten den Beginn eines Abends und nicht dessen Ende.

Die Aicher Ambulanz berichtete 2025 zur Halbzeit, dass rund 40 Prozent der behandelten Fälle auf Intoxikationen entfielen, überwiegend alkoholbedingt. Natürlich trinkt nicht jeder Besucher zu viel. Und natürlich führt Alkohol nicht zwangsläufig zu einem medizinischen Notfall. Millionen Menschen trinken auf der Wiesn Bier und gehen anschließend nach Hause, ohne dass etwas passiert.

Aber Alkohol verändert nun einmal die Wahrnehmung, die Koordination und die Hemmschwelle. Und auf einem Gelände, auf dem gleichzeitig Millionen Menschen unterwegs sind, bleibt das nicht immer folgenlos. Man sieht das in den Sanitätsstationen. Und man sieht es in der Polizeistatistik.

784 Fälle in der Polizeibilanz

Nach der offiziellen Abschlussbilanz des Polizeipräsidiums München wurden 2025 insgesamt 784 Straftaten und Ordnungswidrigkeiten registriert. Die Bilanz hat den Stand vom 5. Oktober 2025, 5 Uhr. 236 Fälle betrafen Körperverletzungen. Darunter waren 75 gefährliche Körperverletzungen. In 24 Fällen wurde ein Maßkrug als Tatmittel eingesetzt. Hinzu kamen 72 Sexualdelikte und 148 Anzeigen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Solche Zahlen brauchen Kontext. Bei rund 6,5 Millionen Besuchern bedeutet das nicht, dass man auf der Wiesn ständig Gefahr läuft, Opfer einer Straftat zu werden. Die überwältigende Mehrheit der Besucher hat keinen Polizeikontakt. Aber die Zahlen zeigen etwas anderes: Gewalt gehört zur Realität des Festes.

Besonders auffällig sind die Maßkrug-Fälle. Der Maßkrug ist eigentlich eines der harmlosesten Symbole der Wiesn. Er steht für Gemütlichkeit, Bayern und Bier. In einer Auseinandersetzung wird aus demselben Gegenstand ein gefährliches Schlagwerkzeug. 24 Fälle sind gemessen an Millionen Besuchern eine kleine Zahl. Für die 24 Betroffenen sind sie es nicht.

Zwischen Feiern und Grenzüberschreitung

Noch schwieriger ist die Frage nach sexuellen Übergriffen. Die Polizei registrierte 2025 72 Sexualdelikte. Auch diese Zahl darf man nicht mit der tatsächlichen Zahl aller Vorfälle gleichsetzen. Sexualdelikte werden nicht immer angezeigt, und polizeiliche Statistiken können naturgemäß nur das abbilden, was den Behörden bekannt wird.

Dazu kommt ein Problem, das bei der Betrachtung von Studien häufig übersehen wird. Untersuchungen über sexuelle Belästigung auf der Wiesn beziehen sich teilweise auf bestimmte Gruppen, etwa Beschäftigte in den Festzelten. Die Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf alle Besucherinnen und Besucher übertragen. Trotzdem bleibt der Befund relevant.

Wo Alkohol, Enge, körperliche Nähe und eine ausgelassene Atmosphäre zusammentreffen, können persönliche Grenzen leichter überschritten werden. Das ist kein spezifisches Münchner Phänomen. Aber auf der Wiesn bekommt es eine besondere Größenordnung. Und deshalb gehört auch dieser Teil zur Realität des Festes.

Nicht nur Bier

Die 148 Anzeigen nach dem Betäubungsmittelgesetz erinnern außerdem daran, dass die Wiesn längst nicht nur ein Ort des traditionellen Bierkonsums ist. Auch hier muss man zwischen registrierten Fällen und tatsächlichem Konsum unterscheiden. Polizeiliche Anzeigen sind keine Volkszählung. Sie sagen nichts darüber aus, wie viele Menschen tatsächlich Drogen konsumiert haben.

Sie zeigen lediglich, dass solche Fälle vorkommen und von der Polizei verfolgt werden. Das genügt, um die romantische Vorstellung vom reinen Bierfest ein wenig zu korrigieren. Die Wiesn ist inzwischen ein internationales Massenereignis. Was auf anderen großen Veranstaltungen vorkommt, findet auch dort statt.

Der Teil, der erst später kommt

Vielleicht wird die gesundheitliche Seite des Oktoberfests dort am interessantesten, wo sie nicht mehr unmittelbar sichtbar ist. Wer am letzten Wiesn-Tag nach Hause fährt, hat das Fest für sich beendet. Für den Körper und für das Gesundheitssystem kann die Geschichte noch weitergehen.

Das LMU Klinikum berichtete nach dem Oktoberfest 2025 von mehr Atemwegsinfektionen in der Notaufnahme. Auch unter den Beschäftigten des Krankenhauses nahm die Zahl der Erkrankungen zu. Die Ärzte rechneten damit, dass sich Infektionen nach dem Fest weiter bemerkbar machen. Das Wort „Wiesn-Grippe“ klingt zwar griffig, ist medizinisch aber unsauber. Eine eigene Krankheit dieses Namens gibt es nicht.

Was es gibt, sind große Menschenansammlungen, dichtes Gedränge und Kontakte zwischen Menschen aus vielen Regionen und Ländern. Das sind Bedingungen, unter denen Atemwegsviren übertragen werden können. Für Covid-19 gibt es dafür sogar konkrete wissenschaftliche Hinweise.

Eine 2025 veröffentlichte Studie untersuchte das Oktoberfest 2022 und kam zu dem Ergebnis, dass die Infektionsraten während und nach dem Fest signifikant anstiegen. Besonders betroffen waren die Altersgruppen von 15 bis 34 sowie von 35 bis 59 Jahren. Die Untersuchung fand zudem Hinweise auf einen Effekt bei den Hospitalisierungen.

Das ist ein anderer Befund als die bloße Vermutung, dass sich Menschen auf einem Volksfest anstecken könnten. Gleichzeitig sollte man daraus nicht mehr machen, als die Studie hergibt. Sie untersuchte das Oktoberfest 2022 und Covid-19. Daraus lässt sich keine allgemeine Zahl für alle folgenden Wiesn-Jahre ableiten.

Und bei Influenza oder RSV wäre eine konkrete Zuschreibung noch vorsichtiger zu behandeln. Beide Viren haben ihre eigenen saisonalen Verläufe. Dass ein Massenereignis Übertragungen begünstigen kann, ist plausibel. Eine spezifische Wiesn-Zahl lässt sich daraus aber nicht seriös ableiten, solange entsprechende Untersuchungen fehlen.

Das klingt vielleicht weniger spektakulär. Es ist aber die sauberere Aussage.

Eine Stadt im Ausnahmebetrieb

Das Oktoberfest ist auch deshalb interessant, weil seine Folgen nicht auf der Theresienwiese bleiben. Die Polizei arbeitet mit einem erhöhten Kräfteansatz. Rettungsdienste richten zusätzliche Strukturen ein. Krankenhäuser bereiten sich vor. Ein mobiles CT steht auf dem Festgelände. Sicherheitskräfte und Behörden koordinieren sich über Wochen. Nichts davon ist ein Vorwurf.

Im Gegenteil: Es zeigt, dass München gelernt hat, mit einem gigantischen Massenereignis umzugehen. Nur wird dabei eine Sache leicht übersehen. Diese Infrastruktur kostet Geld und bindet Personal. Sie muss jedes Jahr aufs Neue vorgehalten werden. Das ist bei Großveranstaltungen normal. Bei einem Fußballspiel, einem Konzert oder einem Stadtfest ist es nicht anders.

Der Unterschied ist die Größenordnung. Das Oktoberfest gehört zu den Veranstaltungen, bei denen die Zahl der Besucher nicht mehr in Hunderttausenden, sondern in Millionen gemessen wird. Damit wächst zwangsläufig auch die Zahl der Menschen, die Hilfe benötigen.

Was die Zahlen nicht sagen

Es wäre deshalb falsch, aus den Zahlen eine simple Geschichte zu machen. Sie sagen nicht, dass das Oktoberfest gefährlich ist. Sie sagen auch nicht, dass Alkoholiker auf der Theresienwiese unterwegs sind oder dass die Stadt ihre Bürger vor der Wiesn schützen müsste. Und sie sagen schon gar nicht, dass jeder Besucher dieselben Erfahrungen macht.

Die meisten Menschen gehen hin, trinken etwas, essen etwas, fahren vielleicht Achterbahn und gehen wieder nach Hause. Ohne Notaufnahme, ohne Polizei und ohne Zwischenfall. Genau das macht die Debatte kompliziert. Ein Fest kann gleichzeitig überwiegend harmlos verlaufen und doch eine beträchtliche Zahl ernster Vorfälle hervorbringen.

Die Frage ist also weniger, ob die Wiesn „gut“ oder „schlecht“ ist. Mit solchen Kategorien kommt man bei einem Ereignis dieser Größe nicht besonders weit. Interessanter ist die Frage, welche Nebenwirkungen eine Gesellschaft akzeptiert, wenn sie ein Fest dieser Größenordnung veranstaltet.

Die Kosten des Vergnügens

Das Oktoberfest wird gern über seine wirtschaftliche Bedeutung beschrieben. Hotels profitieren, Restaurants, Taxifahrer, Händler und Schausteller. Die Stadt zieht internationale Besucher an. München präsentiert sich. All das gehört zur Wahrheit. Zur Wahrheit gehört aber auch die andere Seite: zusätzliche Polizeiarbeit, zusätzliche medizinische Versorgung, Verletzungen, Alkoholintoxikationen, Sexualdelikte, Drogenfälle und ein möglicher Nachlauf bei Infektionskrankheiten.

Es geht dabei nicht darum, diese Dinge gegeneinander aufzurechnen. Man kann den wirtschaftlichen Nutzen nicht einfach gegen 236 Körperverletzungen verrechnen. Ebenso wenig lässt sich der kulturelle Wert eines Volksfestes in Sanitätsfällen ausdrücken.

Die Zahlen erzählen vielmehr davon, wie komplex ein Ereignis geworden ist, das im öffentlichen Bild häufig noch immer wie eine besonders große Version eines traditionellen Volksfestes erscheint. Das ist es längst nicht mehr. Die Wiesn ist ein globales Massenereignis mit bayerischer Kulisse. Und vielleicht sollte man sie auch genau so betrachten.

Man muss die Wiesn nicht abschaffen, um sie nüchtern zu sehen

Es wäre billig, aus diesen Zahlen eine Abrechnung mit dem Oktoberfest zu machen. Dafür sind die Fakten zu widersprüchlich. Die meisten Besucher haben eine gute Zeit. Die medizinische Versorgung funktioniert. Die Polizei kann das Geschehen weitgehend kontrollieren. Die Stadt verdient Geld und profitiert vom internationalen Interesse. Aber ebenso billig wäre es, die Schattenseiten einfach als unvermeidliche Begleiterscheinungen abzuhaken.

Denn irgendwann wird aus einer Begleiterscheinung eine Größenordnung.

  • 7.158 medizinische Behandlungen sind eine Größenordnung.
  • 236 Körperverletzungen sind eine Größenordnung.
  • 75 gefährliche Körperverletzungen sind eine Größenordnung.
  • 72 registrierte Sexualdelikte sind eine Größenordnung.

Und auch die Tatsache, dass ein Krankenhaus nach dem Fest mehr Atemwegsinfektionen beobachtet, ist zumindest bemerkenswert.

Die Wiesn ist deshalb weder ein Skandal noch ein Märchen. Sie ist ein großes, gut organisiertes, wirtschaftlich bedeutendes und kulturell aufgeladenes Massenereignis, das zugleich erhebliche Ressourcen benötigt, um seine eigenen Nebenwirkungen zu bewältigen. Vielleicht liegt gerade darin die nüchternste Betrachtung. Man muss das Oktoberfest nicht verbieten. Man muss es auch nicht verteidigen.

Man kann hingehen, wenn man möchte. Man kann fernbleiben. Man kann die Musik mögen und das Bier ablehnen oder umgekehrt. Man kann die Tradition schätzen und trotzdem über ihre Schattenseiten sprechen. Nur eines sollte man nicht tun: so tun, als bestünde die Wiesn ausschließlich aus Blasmusik, Dirndl und einer gut eingeschenkten Maß. Dafür erzählen die Sanitätsstationen, die Notaufnahmen und die Polizeiberichte eine zu andere Geschichte.

Und vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Festes: Nicht, dass dort so viel gefeiert wird. Sondern dass eine Stadt für einige Wochen ein Ereignis organisiert, das Millionen Menschen anzieht – und anschließend eine ganze Infrastruktur damit beschäftigt ist, mit dem umzugehen, was von dieser Feier übrig bleibt.

Das ist kein Skandal. Aber es ist eine Tatsache. Und über Tatsachen lässt sich bekanntlich nüchterner sprechen als über Legenden.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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