Es gibt in der Schweiz kaum einen Berufsstand, über den so viel gesprochen wird wie über die Bauern. Und kaum einen, der so zuverlässig mit Heimat verbunden wird. Kühe auf der Weide. Gepflegte Wiesen. Bergdörfer. Regionale Produkte. Der Bauer als Bewahrer einer Landschaft, die ohne ihn verschwinden würde.
Das Bild ist sympathisch. Und manches daran stimmt. Nur sollte man gelegentlich auch die Rechnung anschauen. Denn die Schweizer Landwirtschaft ist längst kein Wirtschaftszweig mehr, der sich einfach am Markt behaupten muss. Der Staat unterstützt sie in erheblichem Umfang. Gleichzeitig schützt er den heimischen Agrarmarkt vor einem Teil der ausländischen Konkurrenz. Beides ist politisch gewollt.
Es ist aber auch teuer.
2025 zahlte der Bund 2,794 Milliarden Franken an Direktzahlungen an die Landwirtschaft. 912 Millionen davon entfielen auf die Versorgungssicherheit, 534 Millionen auf die Kulturlandschaft und weitere 703 Millionen auf Produktionssystembeiträge. Insgesamt flossen rund drei Milliarden Franken an Staatsbeiträgen in den Sektor. Das entsprach etwa 19 Prozent seiner gesamten Ressourcen.
Drei Milliarden Franken sind viel Geld.
Nun kann man natürlich sagen: Dafür bekommt die Gesellschaft etwas. Und das stimmt. Die Zahlungen sind ausdrücklich an Leistungen von öffentlichem Interesse geknüpft – etwa an Versorgungssicherheit, Landschaftspflege, Biodiversität oder bestimmte Produktionsweisen.
Aber gerade deshalb darf man eine ziemlich einfache Frage stellen: Was bekommt die Schweiz für dieses Geld? Das ist keine Frage gegen die Landwirtschaft. Es ist die Frage, die man bei jeder staatlich finanzierten Leistung irgendwann stellen muss.
Die Rechnung steht nicht nur im Bundeshaushalt
Noch interessanter wird es, wenn man nicht nur auf die Direktzahlungen schaut. Die Schweizer Landwirtschaft wird nicht allein mit Steuergeld unterstützt. Sie wird auch durch den Grenzschutz vor einem Teil der ausländischen Konkurrenz abgeschirmt. Zollkontingente und hohe Zölle außerhalb dieser Kontingente gehören zum System.
Die OECD kommt dabei zu einer bemerkenswerten Zahl: Die Preise, die Schweizer Produzenten erhielten, lagen 2022 bis 2024 im Durchschnitt 47 Prozent über den internationalen Referenzpreisen. Die Marktpreisstützung machte 44 Prozent der gesamten Produzentenstützung aus. Das ist die zweite Rechnung. Sie erscheint nicht als Überweisung auf dem Konto des Bundesamtes für Landwirtschaft. Sie taucht vielmehr dort auf, wo der Konsument sie spürt: beim Preis.
Der Schweizer Konsument bezahlt also nicht nur für das Lebensmittel. Er bezahlt in einem geschützten Markt auch dafür, dass ausländische Anbieter nicht einfach zu internationalen Preisen mit Schweizer Produzenten konkurrieren können. Die OECD kommt deshalb zum Schluss, dass Schweizer Konsumenten über höhere Preise indirekt an die Produzenten transferieren. Der entsprechende Wert lag 2022 bis 2024 deutlich über dem OECD-Niveau.
Wer nur auf die Direktzahlungen schaut, sieht deshalb nur einen Teil des Systems.
Fast die Hälfte – aber nicht so, wie es klingt
Eine andere OECD-Zahl ist noch auffälliger. Die Unterstützung der Schweizer Landwirtschaft entsprach 2022 bis 2024 durchschnittlich 49 Prozent der Bruttoeinnahmen der Betriebe. Das war in diesem Zeitraum der höchste Wert unter den von der OECD erfassten Ländern; der OECD-Durchschnitt lag bei 13 Prozent.
Man sollte diese Zahl allerdings nicht falsch verstehen. Sie bedeutet nicht, dass ein Bauer persönlich 49 Prozent seines Einkommens als Subvention auf dem Konto hat. Die OECD-Kennzahl umfasst unterschiedliche Formen staatlicher Unterstützung, darunter insbesondere die Marktpreisstützung. Das ändert aber nichts am Grundbefund: Die Schweizer Landwirtschaft gehört international zu den am stärksten unterstützten Agrarsektoren. Das ist zunächst eine politische Tatsache. Ob man das für richtig hält, ist eine andere Frage.
Die Bauern produzieren trotzdem
Nun wäre es ebenso falsch, daraus die Geschichte zu machen, die Bauern würden Milliarden kassieren und ansonsten wenig leisten. Die Schweizer Landwirtschaft produziert. Und zwar erheblich. Der Produktionswert lag 2025 bei rund 12,5 Milliarden Franken. Die gesamten Produktionskosten beliefen sich auf rund 12,2 Milliarden. Einschließlich Produktionswert, Staatsbeiträgen und weiteren Einnahmen kamen die Ressourcen des Sektors auf 15,4 Milliarden Franken. Das daraus berechnete Nettounternehmenseinkommen lag bei 3,2 Milliarden Franken.
Damit ist auch klar: Die Landwirtschaft ist kein reines Zuschussgeschäft. Aber die andere Frage bleibt bestehen. Wie sähe dieses Einkommen aus, wenn die Branche nicht in einem derart stark geschützten und unterstützten System arbeiten würde?
Das lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Die OECD-Zahlen zeigen aber, dass Unterstützung und Grenzschutz für den Schweizer Agrarsektor keine Nebensache sind. Sie sind ein struktureller Bestandteil des Geschäftsmodells. Und genau deshalb sollte man darüber reden können, ohne sofort so zu tun, als habe jemand die Bauern persönlich angegriffen.
Und wer ernährt nun die Schweiz?
Ein Satz gehört in fast jede politische Debatte über Landwirtschaft: Ohne unsere Bauern wären wir nicht mehr sicher mit Lebensmitteln versorgt. Ganz so einfach ist es nicht. Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz liegt nach Angaben des Bundes heute bei rund 46 Prozent. Mehr als die Hälfte der konsumierten Nahrungsenergie stammt damit nicht aus der heimischen Landwirtschaft.
Das ist weder überraschend noch automatisch ein Problem. Die Schweiz hat wenig Fläche, schwierige topografische Bedingungen und kann zahlreiche Produkte gar nicht selbst herstellen. Aber die Zahl korrigiert ein verbreitetes Bild. Die Schweiz ernährt sich nicht aus eigener Kraft. Sie ist Teil eines internationalen Ernährungssystems. Schweizer Bauern sind ein wichtiger Bestandteil dieses Systems. Sie sind aber nicht seine einzige Grundlage.
Versorgungssicherheit ist deshalb ein vernünftiges politisches Ziel. Nur folgt daraus nicht automatisch, dass jede heutige Produktionsstruktur geschützt werden muss.
Landwirtschaft ist nicht automatisch Naturschutz
Noch schwieriger wird es beim Umweltargument. Natürlich hält Landwirtschaft Landschaft offen. Natürlich würde sich manche Kulturlandschaft ohne Bewirtschaftung verändern. Und selbstverständlich gibt es Betriebe, die sehr sorgfältig mit Boden, Tieren und Natur umgehen.
Aber Landwirtschaft ist nicht schon deshalb ökologisch, weil sie Landwirtschaft ist. Die OECD weist weiterhin auf erhebliche Stickstoffüberschüsse hin. Der Schweizer Überschuss liegt demnach etwa doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig sind tierische Produkte der wichtigste Treiber der Treibhausgasemissionen und Nährstoffüberschüsse innerhalb des Schweizer Agrarsektors.
Das gehört ebenfalls zur Rechnung. Der Staat bezahlt Bauern dafür, bestimmte Umweltleistungen zu erbringen. Gleichzeitig muss er versuchen, die Umweltbelastungen der Landwirtschaft zu begrenzen. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Deshalb sollte man den Bauern weder pauschal zum Umweltschützer erklären noch pauschal zum Umweltproblem. Die Wirklichkeit ist komplizierter – und gerade deshalb interessanter.
Auch das Tierwohl braucht Kontrolle
Die Schweiz hat hohe Tierschutzstandards. Das ist eine Errungenschaft. Aber ein hoher gesetzlicher Standard bedeutet nicht, dass in jedem Stall automatisch alles stimmt. Wenn der Staat für bestimmte Formen der Tierhaltung Geld bezahlt, muss er kontrollieren, ob die entsprechenden Anforderungen erfüllt werden. Das ist keine Schikane. Es ist die logische Konsequenz daraus, dass öffentliche Mittel an bestimmte Leistungen geknüpft werden.
Bei einem Bauprojekt, einer Straße oder einem subventionierten Unternehmen würde man das ebenfalls nicht als Angriff auf die Betroffenen verstehen. Warum sollte es in der Landwirtschaft anders sein?
Die Landwirtschaft hat eine Sonderstellung. Aber warum genau?
Es gibt gute Gründe, die Landwirtschaft politisch besonders zu behandeln. Sie arbeitet mit Boden, Wetter und biologischen Kreisläufen. Sie kann ihre Produktion nicht beliebig verlagern. In einer Krise kann eigene Produktionskapazität von strategischem Wert sein. Und Landschaften entstehen nicht einfach von selbst.
All das spricht für Landwirtschaftspolitik. Es beantwortet aber noch nicht die Frage, wie diese Politik aussehen muss. Der Staat kann Landschaftspflege bezahlen. Er kann Biodiversität fördern. Er kann Tierwohl verlangen. Er kann Produktionskapazitäten sichern.
Nur muss er dafür nicht zwangsläufig jede bestehende Struktur auf Dauer schützen. Das ist der Unterschied zwischen einer Leistung und einer Branche. Wenn die Gesellschaft eine bestimmte Leistung will, sollte sie möglichst diese Leistung bezahlen.
Nicht das Etikett.
Weniger Mythos, mehr Markt
Die Schweiz hat ihren Agrarmarkt über die vergangenen Jahrzehnte zwar schrittweise geöffnet. Von einem freien Agrarmarkt kann trotzdem keine Rede sein. Die OECD bezeichnet die Marktpreisstützung weiterhin als größten Bestandteil der Produzentenstützung. Gleichzeitig liegen die Preise für Schweizer Produzenten im Durchschnitt deutlich über den internationalen Preisen.
Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und politische Entscheidungen darf man kritisieren. Vielleicht wäre deshalb eine einfachere Logik sinnvoll: Der Staat bezahlt möglichst genau für das, was er von der Landwirtschaft haben möchte.
- Will er Biodiversität, soll er Biodiversität bezahlen.
- Will er Landschaftspflege, soll er Landschaftspflege bezahlen.
- Will er Versorgungssicherheit, soll er dafür Produktionskapazitäten sichern.
Und wenn er einen geschützten Markt will, soll er auch offen sagen, dass dieser Schutz letztlich nicht nur beim Staat, sondern auch beim Konsumenten zu Buche schlägt. Damit wäre die Diskussion ehrlicher.
Ein wenig Demut wäre nicht zu viel verlangt
Es geht nicht darum, Bauern zu beschimpfen. Und es geht auch nicht darum, die Landwirtschaft abzuschaffen. Die Schweiz wird Bauern brauchen. Aber daraus folgt nicht, dass jede Form der heutigen Landwirtschaft unverändert erhalten werden muss. Und es folgt auch nicht, dass jede Forderung der Branche mit dem Hinweis erledigt ist, Bauern seien für die Schweiz unverzichtbar.
Wer jedes Jahr Milliarden aus öffentlichen Kassen erhält und gleichzeitig von einem geschützten Binnenmarkt profitiert, muss damit leben können, dass jemand nach dem Gegenwert fragt. Das gilt für Bauern genauso wie für jede andere Branche. Vielleicht wäre deshalb etwas weniger Pathos und etwas mehr wirtschaftliche Nüchternheit angebracht.
Nicht jeder Bauer ist Umweltschützer. Nicht jeder Hof ist ein Musterbetrieb. Und Landwirtschaft ist nicht automatisch ein öffentliches Gut. Aber Landwirtschaft ist eben auch nicht überflüssig. Die Schweiz muss sich deshalb nicht zwischen zwei Karikaturen entscheiden: zwischen dem Bauern als Rückgrat der Nation und dem Bauern als Relikt einer vergangenen Zeit.
Sie muss schlicht entscheiden, welche Landwirtschaft sie will – und was sie dafür bezahlen will. Und wenn diese Rechnung auf dem Tisch liegt, sollte auch die Landwirtschaft bereit sein, sie auszuhalten. Das wäre keine Geringschätzung. Es wäre Normalität.
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