KOMMENTAR
Wenn man in der Schweiz über das Asylwesen spricht, fallen schnell grosse Zahlen. Milliardenbeträge klingen nach enormen Kosten. Das ist verständlich. Aber man sollte sich die Zahlen auch einmal im Verhältnis zur Grösse der Schweiz anschauen.
Für 2025 wurden im klassischen Asylbereich auf Bundesebene rund 1,25 Milliarden Franken ausgegeben. Verteilt man diesen Betrag auf die rund 9 Millionen Einwohner der Schweiz, sind das ungefähr 138 Franken pro Person und Jahr. Also knapp 11.50 Franken im Monat oder rund 38 Rappen pro Tag.
Das relativiert die Milliarden etwas. Wichtig ist allerdings: Die 138 Franken sind nicht die gesamten Kosten des Schweizer Asylwesens. Darin sind beispielsweise nicht sämtliche Ausgaben der Kantone und Gemeinden enthalten. Auch die Kosten für Personen mit Status S sowie verschiedene Integrationsleistungen kommen zusätzlich dazu.
Man sollte deshalb nicht behaupten, die Schweiz bezahle für das gesamte Asyl- und Flüchtlingswesen nur 138 Franken pro Einwohner. Das wäre schlicht nicht korrekt.
Trotzdem finde ich die Zahl interessant. Denn in der politischen Diskussion werden häufig nur die Milliarden genannt. 1,25 Milliarden Franken hören sich gewaltig an. Wenn man denselben Betrag auf die gesamte Bevölkerung verteilt, bekommt man ein anderes Bild.
Wohin fliesst das Geld?
Ein weiterer Punkt wird oft vergessen: Das Geld wird nicht einfach an Asylsuchende ausbezahlt und verschwindet dann. Ein grosser Teil wird für Unterkünfte, Betreuung, Sicherheit, Verpflegung, Gesundheitskosten, Transporte, Übersetzungen und andere Dienstleistungen verwendet. Dafür braucht es Menschen und Unternehmen.
Bundesasylzentren beschäftigen beispielsweise Mitarbeitende und arbeiten mit privaten Firmen zusammen. Es braucht Sicherheitsdienste, Betreuungsorganisationen, Reinigung, Verpflegung, Übersetzer und weitere Dienstleistungen. Das Staatssekretariat für Migration weist selbst darauf hin, dass Bundesasylzentren Arbeitsplätze schaffen und Aufträge an Unternehmen in der Region vergeben.
Das bedeutet nicht, dass diese Ausgaben plötzlich gratis wären. Der Staat gibt das Geld trotzdem aus. Aber man sollte auch nicht so tun, als wäre jeder Franken einfach weg. Ein Teil davon wird als Lohn an Menschen in der Schweiz ausbezahlt. Ein anderer Teil geht an Schweizer Unternehmen. Diese bezahlen wiederum Löhne, Steuern und Sozialabgaben. Die Mitarbeitenden geben ihr Einkommen ebenfalls wieder aus. Es entsteht also ein wirtschaftlicher Kreislauf.
Und die Verwaltung?
Auch bei den Verwaltungskosten lohnt sich ein genauer Blick. Für 2025 wurden beispielsweise rund 22,5 Millionen Franken als Verwaltungskostenpauschalen für neue Asyl- und Status-S-Anträge ausgewiesen. Das ist im Vergleich zu den rund 1,25 Milliarden Franken des klassischen Asylbereichs ein relativ kleiner Betrag.
Dabei muss man allerdings aufpassen: Diese 22,5 Millionen Franken sind nicht die gesamten Verwaltungskosten des Schweizer Asylwesens. Es handelt sich um eine bestimmte, separat ausgewiesene Pauschale. Andere Personal- und Betriebskosten finden sich an anderen Stellen im Budget. Trotzdem zeigt die Zahl etwas Interessantes.
Wenn über „Verwaltungskosten“ gesprochen wird, klingt es manchmal so, als würde dieses Geld einfach für einen riesigen Verwaltungsapparat verschwinden. Tatsächlich handelt es sich auch hier um Arbeitsplätze und Löhne. Menschen verdienen damit ihr Geld, bezahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge und geben einen Teil ihres Einkommens wieder in der Schweiz aus.
1,25 Milliarden sind viel Geld – 138 Franken aber auch eine wichtige Zahl
Beides kann gleichzeitig stimmen. 1,25 Milliarden Franken sind viel Geld. Der Staat muss mit diesem Geld sorgfältig umgehen. Es ist völlig legitim, zu fragen, ob Verfahren effizient sind, ob Unterkünfte sinnvoll organisiert werden und ob Integrationsmaßnahmen tatsächlich etwas bringen.
Aber genauso legitim ist es, die Summe einmal auf die Bevölkerung herunterzurechnen. Dann sieht man, dass die 1,25 Milliarden Franken im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung rund 138 Franken pro Einwohner und Jahr entsprechen. Die Rechnung macht die Kosten nicht kleiner. Sie zeigt einfach eine andere Perspektive.
Was dabei zusätzlich berücksichtigt werden muss
Natürlich endet die Rechnung nicht beim Bund. Kantone und Gemeinden haben ebenfalls Ausgaben. Dazu kommen Integrationsmaßnahmen und weitere Kosten, die nicht in diesen 1,25 Milliarden enthalten sind. Auch die Ausgaben für Personen mit Status S müssen separat betrachtet werden.
Wer über die tatsächlichen Gesamtkosten sprechen will, muss deshalb alle diese Bereiche zusammennehmen. Umgekehrt wäre es aber genauso falsch, nur die größtmögliche Zahl in den Raum zu stellen und daraus abzuleiten, das gesamte Geld sei eine reine Belastung für die Schweizer Wirtschaft. Denn das Asylsystem beschäftigt Menschen und vergibt Aufträge. Es entstehen Löhne und Umsätze bei Unternehmen. Das ist eine Tatsache, auch wenn daraus nicht automatisch ein wirtschaftlicher Gewinn entsteht.
Am Schluss sollte man mit den Zahlen ehrlich umgehen
Ich denke, genau das fehlt in der Diskussion manchmal. Man kann sagen: Die Schweiz gibt Milliarden für das Asylwesen aus.
Das stimmt.
Man kann aber genauso sagen: Der Bund gibt im klassischen Asylbereich rund 1,25 Milliarden Franken aus. Auf die Bevölkerung verteilt sind das rund 138 Franken pro Einwohner und Jahr.
Auch das stimmt.
Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht.
Was man nicht machen sollte, ist aus den 138 Franken die Behauptung abzuleiten, das gesamte Asylwesen koste tatsächlich nur diesen Betrag. Dafür ist die Rechnung zu eng.
Aber die Zahl zeigt trotzdem etwas: Für ein Land mit rund neun Millionen Einwohnern muss man nicht nur auf die grosse Milliardenzahl schauen. Man sollte auch fragen, was diese Ausgaben pro Einwohner bedeuten, wohin das Geld fliesst und welche wirtschaftliche Tätigkeit dadurch gleichzeitig entsteht.
Eine sachliche Diskussion über das Asylwesen sollte deshalb nicht nur fragen, was es kostet. Sie sollte auch fragen, wofür das Geld ausgegeben wird, wer davon bezahlt wird und welche Kosten langfristig tatsächlich entstehen. Aber bei all diesen Zahlen sollte eines nicht vergessen werden: Der wichtigste Grund für ein Asylsystem sind nicht Milliarden, Budgets oder Statistiken. Es geht um Menschen, die Schutz brauchen. Ihnen zu helfen, wenn sie vor Krieg, Verfolgung oder anderen schweren Gefahren fliehen müssen, sollte immer der eigentliche Sinn des Systems sein. Alles andere – auch die Kosten – kommt danach.
Quellen:
Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV), Staatsrechnung 2025 – Band II, EJPD; Staatssekretariat für Migration (SEM), Prüfbericht Jahresabschluss 2025; SEM, Subventionen des Bundes; SEM, Subventionen im Sozial- und Nothilfebereich; SEM, Subventionen im Bereich Integrationsförderung.
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