Alice Weidel erzählt gern von der Flucht ihrer Familie aus Schlesien. Weniger bekannt war lange die Geschichte ihres Großvaters Hans Weidel, eines Juristen und Militärrichters im nationalsozialistischen Deutschland. Beides gehört zu ihrer Familiengeschichte. Politisch interessant wird der Fall dort, wo Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen.
Es gibt Familiengeschichten, die sich leicht erzählen lassen. Und es gibt solche, bei denen man irgendwann an einen Punkt kommt, an dem die Erzählung kompliziert wird. Bei Alice Weidel liegt dieser Punkt in Oberschlesien.
Die AfD-Vorsitzende hat mehrfach von der Flucht ihrer Familie am Ende des Zweiten Weltkriegs berichtet. Ihr Vater wurde 1939 in Oberschlesien geboren. Im Februar 1945 floh er als Kind mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Westdeutschland. Diese Geschichte gehört zum familiären Selbstverständnis Weidels und ist Teil einer Generationenerfahrung, die in vielen westdeutschen Familien präsent war.
Weniger bekannt war lange, was der Familie auf der anderen Seite vorausging. Weidels Großvater Hans Weidel war Jurist. Er trat Ende 1932 der NSDAP bei und wurde Anfang 1933 Mitglied der SS. Während des Krieges war er als Militärrichter im besetzten Warschau tätig. 1944 wurde er zum Oberstabsrichter befördert. Recherchen der Welt am Sonntag haben seine Laufbahn anhand von Unterlagen aus deutschen und polnischen Archiven rekonstruiert.
Das ist eine belastete Biographie. Mehr lässt sich daraus zunächst nicht ableiten. Insbesondere wäre es falsch, die Tätigkeit Weidels als Militärrichter mit der gesamten Todesjustiz der Wehrmacht gleichzusetzen oder ihm ohne Beleg konkrete Urteile zuzuschreiben. Die deutsche Militärjustiz verhängte während des Krieges zehntausende Todesurteile. Welche persönliche Verantwortung Hans Weidel für einzelne Entscheidungen trug, ist eine andere Frage.
Auch nach 1945 wurde diese Vergangenheit nicht in einem Strafprozess abschließend geklärt. Weidel konnte in der Bundesrepublik wieder als Rechtsanwalt und Notar arbeiten und engagierte sich in Vertriebenenorganisationen. Später erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Das ist vielleicht der bemerkenswerteste Teil der Geschichte. Nicht, weil damit eine besondere Schuld der Enkelin verbunden wäre. Sondern weil sich daran etwas über die Nachkriegsgesellschaft ablesen lässt.
Der Übergang vom nationalsozialistischen Deutschland in die Bundesrepublik verlief nicht für alle mit einem klaren Schnitt. Viele Juristen, Beamte, Offiziere und andere Funktionsträger des alten Regimes fanden ihren Platz in der neuen Ordnung. Die Aufarbeitung der Vergangenheit blieb über Jahrzehnte lückenhaft. Hans Weidel war bereits tot, als seine Enkelin politisch bekannt wurde. Er starb 1985, Alice Weidel war damals sechs Jahre alt. Sie hat erklärt, sie habe ihren Großvater wegen familiärer Konflikte kaum gekannt und nichts von dessen NS-Vergangenheit gewusst.
Ob das so war, lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Es wäre auch unangemessen, aus einer Familienbiographie, die eine spätere Generation nicht selbst verursacht hat, eine persönliche Schuld abzuleiten.
Interessanter ist eine andere Verbindung.
Weidel spricht über die Flucht ihrer Familie aus Schlesien, während sie politisch zu den bekanntesten deutschen Vertreterinnen einer Partei gehört, die den Begriff „Remigration“ zu einem ihrer zentralen politischen Schlagworte gemacht hat. Damit entsteht ein historischer Kontrast, der sich nicht einfach auflösen lässt.
Denn die Flucht der Deutschen aus den östlichen Gebieten des damaligen Deutschen Reiches am Ende des Krieges war Teil eines gewaltigen Umbruchs. Millionen Menschen verloren ihre Heimat. Zugleich stand diese Flucht am Ende eines Krieges, den das nationalsozialistische Deutschland begonnen hatte, und einer Besatzungs- und Vernichtungspolitik, die weite Teile Europas verwüstet hatte.
Wer diese Geschichte erzählt, muss deshalb beides im Blick behalten: das individuelle Leid der Flüchtlinge und den historischen Zusammenhang, in dem es entstand. Das gilt auch für Weidels Familiengeschichte. Sie kann aus der Flucht ihres Vaters keine politische Legitimation für die heutige Migrationspolitik ableiten. Ebenso wenig lässt sich aus der NS-Vergangenheit ihres Großvaters ein Argument gegen ihre heutigen politischen Positionen konstruieren. Enkel tragen nicht die politische Verantwortung ihrer Großeltern.
Aber Familiengeschichten beeinflussen, welche Vergangenheit Menschen erzählen. Und sie beeinflussen, welche Teile dieser Vergangenheit öffentlich sichtbar werden. Weidel hat die Flucht aus Schlesien ausführlich geschildert. Die Geschichte ihres Großvaters dagegen wurde erst durch journalistische Recherchen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das ist kein Beweis für bewusstes Verschweigen. Weidel war ein kleines Kind, als ihr Großvater starb, und sie bestreitet, von seiner Vergangenheit gewusst zu haben.
Trotzdem bleibt der Gegensatz bestehen. Auf der einen Seite steht die Erinnerung an eine Familie, die 1945 ihre Heimat verlor und in Westdeutschland neu anfangen musste. Auf der anderen steht ein Großvater, dessen beruflicher Weg durch die Institutionen des nationalsozialistischen Staates führte und der nach dem Krieg in der Bundesrepublik wieder gesellschaftlich Fuß fasste.
Beide Geschichten gehören zusammen, ohne dass die eine die andere erklärt. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Falls. Deutsche Familiengeschichte lässt sich nur selten in die einfachen Kategorien von Täter und Opfer, Einheimischem und Fremdem, Flucht und Vertreibung einordnen. Manchmal liegen diese Erfahrungen nur eine Generation auseinander.
Auch deshalb ist der Begriff „Remigration“ politisch nicht frei von Geschichte. In der gegenwärtigen Debatte bezeichnet er je nach Zusammenhang unterschiedliche Vorstellungen, von freiwilliger Rückkehr bis hin zu weitreichenden Konzepten zur Entfernung von Menschen mit Migrationsgeschichte aus Deutschland. Die politische Bedeutung des Begriffs ergibt sich deshalb nicht aus dem Wort allein, sondern daraus, wer ihn verwendet und was damit konkret gemeint ist.
Bei Weidel ist dieser Begriff Teil einer Politik, die Migration deutlich begrenzen will. Ihre eigene Familiengeschichte erzählt dagegen von einer Generation, die selbst erfahren hat, was es bedeutet, eine Heimat zu verlieren und anderswo neu anzufangen.
Das ist kein Widerspruch, den man politisch für sie auflösen müsste. Es ist ein Widerspruch, den man zur Kenntnis nehmen sollte.
Denn die Geschichte ihrer Familie ist weder eine Anklageschrift gegen Alice Weidel noch eine Rechtfertigung ihrer Politik. Sie ist komplizierter. Und gerade deshalb ist sie aufschlussreich: für die Biographie einer Politikerin, aber auch für den Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Vergangenheit.
Fehler- und Korrekturhinweise
Fehler gefunden?
Wir sind dankbar für jeden Hinweis, der uns hilft, unsere Berichterstattung zu verbessern. Bitte senden Sie eine kurze E-Mail an feedback@dmz-news.online mit folgenden Angaben:
- Die genaue URL des Artikels
- Beschreibung des Fehlers
- (Optional) Vorschlag zur Korrektur
Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus
Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.
Wir glauben daran, dass jede und jeder das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.
Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.
Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.
