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  • 9. Oktober 2026 9:21

Was wir über Atemwegsviren wissen – und warum Händewaschen nicht die ganze Geschichte erzählt

Es beginnt meist unspektakulär. Jemand hustet in der Straßenbahn. Im Büro fehlen plötzlich mehrere Kollegen. In der Schule geht eine Erkältungswelle herum. Und in Arztpraxen füllen sich die Wartezimmer. Mit dem Herbst kommen auch die bekannten Empfehlungen zurück: Hände waschen, in die Armbeuge husten, Abstand halten, bei Krankheit zu Hause bleiben und empfohlene Impfungen nutzen. Das alles ist sinnvoll. Aber es erzählt nur einen Teil der Geschichte.

Denn Atemwegsviren werden nicht ausschließlich über Hände und Oberflächen weitergegeben. Influenza, SARS-CoV-2 und RSV können unter anderem über infektiöse Partikel aus den Atemwegen übertragen werden. Beim Atmen, Sprechen, Husten oder Niesen gelangen solche Partikel in die Umgebung. Welche Übertragungswege im Einzelfall besonders wichtig sind, hängt vom Erreger und von der jeweiligen Situation ab.

Damit kommt eine Größe ins Spiel, die im Alltag leicht übersehen wird: die Luft. Händewaschen kann bestimmte Übertragungswege unterbrechen. Es kann aber nicht die Konzentration infektiöser Partikel in einem Raum verändern. Man kann sich also gerade die Hände gewaschen haben und trotzdem neben einer infektiösen Person in einem schlecht belüfteten Raum sitzen. Das eine schließt das andere nicht aus.

Nicht jede Infektion beginnt an einer Türklinke

Die Vorstellung einer Ansteckung über eine Oberfläche ist leicht nachvollziehbar: Jemand hustet in die Hand, fasst eine Türklinke an, der nächste Mensch berührt sie und fasst sich später ins Gesicht. So können Erreger übertragen werden. Deshalb bleibt Händehygiene wichtig. Bei Atemwegsinfektionen sollte man sich allerdings nicht auf dieses Bild beschränken.

Menschen geben beim Atmen, Sprechen, Husten und Niesen Partikel aus den Atemwegen an ihre Umgebung ab. Ein Teil davon kann von anderen Menschen eingeatmet werden. Unter bestimmten Bedingungen können infektiöse Partikel in der Raumluft verbleiben und sich dort verteilen. Wie relevant dieser Übertragungsweg ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab: vom Erreger, von der Entfernung, der Dauer des Kontakts, der Aktivität und den Bedingungen im Raum. Ein Waschbecken kann daran nichts ändern. Das ist kein Argument gegen das Händewaschen. Es bedeutet nur, dass unterschiedliche Maßnahmen unterschiedliche Übertragungswege ansprechen.

Die Luft ist Teil des Problems

Bei Atemwegsviren wird häufig zwischen „Tröpfchen“ und „Aerosolen“ unterschieden. In der Realität ist die Sache weniger sauber getrennt. Die Größe der Partikel, ihre Verdunstung, Luftbewegungen, Abstand und Aufenthaltsdauer beeinflussen, wie sie sich nach dem Ausatmen verhalten. Für den Alltag muss man diese Physik nicht im Detail kennen.

Wichtiger ist eine einfache Tatsache: Infektiöse Partikel können sich in Innenräumen ausbreiten.

Dabei spielt die Umgebung eine Rolle. Wie viele Menschen sind im Raum? Wie lange bleiben sie dort? Wie groß ist der Raum? Wie viel Außenluft kommt hinein? Wird die Luft gefiltert oder gereinigt? Ein kurzer Kontakt im Freien ist deshalb nicht ohne Weiteres mit einem mehrstündigen Aufenthalt in einem kleinen, schlecht belüfteten Raum vergleichbar. Das bedeutet nicht, dass jeder Innenraum automatisch ein hohes Infektionsrisiko darstellt. Aber die Raumluft kann beeinflussen, wie stark Menschen infektiösen Partikeln ausgesetzt sind. Genau deshalb gehört Lüften zur Prävention von Atemwegsinfektionen.

Sauber ist nicht dasselbe wie gut belüftet

Ein Raum kann sauber sein und trotzdem schlecht belüftet. Das gilt für ein Klassenzimmer ebenso wie für ein Büro, ein Wartezimmer oder einen Besprechungsraum. Oberflächen können regelmäßig gereinigt werden, während gleichzeitig nur wenig Außenluft in den Raum gelangt. Beides sind unterschiedliche Dinge.

Beim Lüften wird verbrauchte Innenluft durch Außenluft ersetzt beziehungsweise verdünnt. Geeignete Luftreinigungssysteme können dagegen Partikel aus der vorhandenen Raumluft entfernen. Das kann sich ergänzen. Gerade die Luftqualität hat allerdings einen Nachteil gegenüber einer verschmutzten Oberfläche: Man sieht sie nicht. Bei einer Türklinke kann man unmittelbar feststellen, ob sie gereinigt wurde. Ob die Luft in einem Raum ausreichend ausgetauscht wird, lässt sich dagegen nicht zuverlässig am Aussehen des Raumes erkennen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum dieser Teil des Infektionsschutzes im Alltag so leicht untergeht.

Und die Maske?

Kaum eine andere Schutzmaßnahme ist in den vergangenen Jahren so stark mit gesellschaftlichen und politischen Debatten verbunden gewesen wie die Maske. Das macht die nüchterne Frage dahinter manchmal unnötig kompliziert. Die Frage lautet zunächst einmal: Kann ein gut sitzender Atemschutz die Exposition gegenüber infektiösen Partikeln verringern?

Ja.

Wie groß dieser Effekt im konkreten Alltag ist, hängt allerdings von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem der Maskentyp, die Passform, die Tragedauer und die Situation, in der die Maske verwendet wird. Eine gut sitzende Atemschutzmaske kann die Menge infektiöser Partikel reduzieren, die eine Person einatmet. Masken können je nach Ausführung außerdem die Abgabe von Partikeln durch eine infizierte Person verringern.

Besonders relevant kann das in geschlossenen, überfüllten oder schlecht belüfteten Räumen sein. Eine Maske ist trotzdem keine Garantie dafür, dass sich niemand ansteckt. Das muss sie auch nicht sein. Infektionsschutz funktioniert nicht erst dann, wenn eine Maßnahme jede Übertragung verhindert. Schon eine Verringerung der Exposition kann Teil eines Schutzkonzepts sein. Und sie lässt sich mit anderen Maßnahmen kombinieren.

Wenn gleichzeitig gelüftet wird, sinkt die Konzentration infektiöser Partikel in der Raumluft. Eine Maske kann dann zusätzlich die eingeatmete Menge reduzieren. Also Maske ist immer besser, als keine Maske.

Es gibt selten nur eine Maßnahme

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt bei der ganzen Diskussion. Wer krank ist und zu Hause bleibt, vermeidet Kontakte. Wer einen Raum lüftet, kann die Konzentration infektiöser Partikel verringern. Wer in einer bestimmten Situation einen geeigneten Atemschutz trägt, kann seine Exposition reduzieren. Abstand kann ebenfalls eine Rolle spielen. Impfungen können – je nach Erreger und Person – vor Erkrankung und insbesondere vor schweren Verläufen schützen.

Keine dieser Maßnahmen muss alles leisten.

Und nicht jede Maßnahme ist in jeder Situation gleich wichtig. Wer allein im Park spazieren geht, hat eine andere Exposition als jemand, der zwei Stunden in einem vollen Konferenzraum sitzt. Ein kurzer Kontakt ist etwas anderes als ein längerer Aufenthalt. Und der Kontakt zu einer Person mit einer akuten Atemwegsinfektion ist etwas anderes als der Kontakt zu jemandem ohne erkennbare Symptome. Das Risiko lässt sich deshalb nicht allein einem Raum, einem Virus oder einer einzelnen Person zuschreiben. Es entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Es ist nicht immer die Grippe

Wenn im Winter viele Menschen husten und fiebern, sprechen wir schnell von der „Grippewelle“. Influenza ist zweifellos ein wichtiger Atemwegserreger. Aber eben nicht der einzige. In Europa zirkulieren neben Influenza auch SARS-CoV-2, RSV und zahlreiche weitere Viren, die Atemwegsinfektionen verursachen können. Das ECDC überwacht deshalb mehrere respiratorische Erreger gemeinsam und verfolgt ihre Entwicklung über die verschiedenen europäischen Länder hinweg.

Das ist mehr als eine Frage der Terminologie.

Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, Fieber oder Müdigkeit sagen für sich genommen nicht zuverlässig, welcher Erreger dahintersteckt. Ein ähnliches Krankheitsbild kann durch ganz unterschiedliche Viren entstehen. Wenn von einer „Grippewelle“ gesprochen wird, kann damit also ein Teil des Geschehens gemeint sein. Das gesamte Bild ist meist größer.

SARS-CoV-2 ist nicht verschwunden

Die Situation ist heute eine andere als in den Jahren 2020 und 2021. SARS-CoV-2 ist trotzdem weiterhin da. Das Virus wird in Europa weiterhin überwacht, gemeinsam mit anderen respiratorischen Erregern wie Influenza und RSV. Die Überwachung soll unter anderem zeigen, welche Viren zirkulieren und wie sich die Situation im Laufe der Zeit verändert.

Das bedeutet nicht, dass die heutige Situation mit der akuten Phase der Pandemie gleichzusetzen wäre. Immunität in der Bevölkerung, Virusvarianten, medizinische Möglichkeiten und Erfahrungen im Umgang mit COVID-19 haben sich verändert.

Aber das Virus ist weiterhin Teil der Landschaft der Atemwegsinfektionen. Wer über deren Übertragung spricht, kommt deshalb an SARS-CoV-2 nicht vorbei.

RSV zeigt, warum die Unterscheidung wichtig ist

Auch RSV passt nicht in das einfache Bild einer „Grippewelle“. Für viele Menschen verläuft eine RSV-Infektion relativ mild. Bei Säuglingen, älteren Menschen und Personen mit bestimmten Vorerkrankungen kann sie jedoch schwerer verlaufen. In Europa gibt es inzwischen verschiedene Möglichkeiten, besonders gefährdete Gruppen vor schweren RSV-Erkrankungen zu schützen. Welche Impfungen oder Immunisierungen empfohlen werden, unterscheidet sich allerdings von Land zu Land.

Auch bei RSV gilt: Husten ist keine Diagnose. Der Begriff „Erkältung“ beschreibt im Alltag ein Krankheitsbild und keinen bestimmten Erreger. Das ist wichtig, weil ähnliche Beschwerden von unterschiedlichen Viren verursacht werden können – und weil derselbe Erreger für verschiedene Menschen ein unterschiedliches Risiko bedeuten kann.

Was im Alltag tatsächlich hilft

Die Konsequenzen sind weniger spektakulär, als manche Diskussionen vermuten lassen. Wer krank ist, sollte Kontakte reduzieren und andere Menschen möglichst nicht unnötig anstecken. Regelmäßiges Händewaschen und gute Hustenhygiene bleiben sinnvoll.

In Innenräumen kommt die Raumluft hinzu.

Wo es möglich ist, sollte regelmäßig gelüftet werden. In dicht besetzten oder schlecht belüfteten Räumen kann es sinnvoll sein, den Aufenthalt zu verkürzen oder – abhängig von der persönlichen Situation – einen gut sitzenden Atemschutz zu verwenden.

Wer Kontakt zu besonders gefährdeten Menschen hat, sollte bei eigenen Symptomen besonders vorsichtig sein.

Und Impfungen bleiben für bestimmte Infektionen ein wichtiger Bestandteil der Prävention. Welche Impfungen empfohlen werden, hängt vom jeweiligen Land, vom Alter und von individuellen Risikofaktoren ab. Es geht dabei nicht darum, jede Begegnung mit anderen Menschen als Risiko zu betrachten. Es geht darum, die Situation richtig einzuschätzen.

Was wir aus der Pandemie behalten sollten

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion der vergangenen Jahre: Bei Atemwegsinfektionen lohnt es sich, genauer hinzusehen, wie Übertragung tatsächlich funktioniert. Ein Virus wird nicht zum „Händevirus“, nur weil Händewaschen sinnvoll ist. Und die Tatsache, dass Masken die Exposition gegenüber infektiösen Partikeln reduzieren können, macht es nicht automatisch zu einem „Luftvirus“.

Die Biologie des jeweiligen Erregers entscheidet darüber, welche Übertragungswege eine Rolle spielen. Die konkrete Umgebung entscheidet darüber, wie stark Menschen diesen Übertragungswegen ausgesetzt sind. Deshalb sollte man Schutzmaßnahmen nicht gegeneinander ausspielen.

  • Händehygiene bleibt wichtig, wenn Hände an der Übertragung beteiligt sind.
  • Lüften ist dort sinnvoll, wo infektiöse Partikel in der Raumluft eine Rolle spielen.
  • Geeignete Luftreinigung kann die Belastung der Raumluft zusätzlich reduzieren.
  • Ein gut sitzender Atemschutz kann in bestimmten Situationen die eingeatmete Menge infektiöser Partikel verringern.
  • Wer krank ist und Kontakte reduziert, schützt andere.
  • Und Impfungen können – abhängig vom Erreger und von der jeweiligen Person – zusätzlichen Schutz bieten.
  • Es muss nicht die eine perfekte Maßnahme geben.
  • Oft ist es sinnvoller, mehrere einfache Maßnahmen miteinander zu kombinieren.

Die Luft gehört zur Gesundheitsvorsorge

Die Erkenntnis ist, dass Raumluft nicht einfach eine Nebensache ist.

Ein Klassenzimmer braucht nicht nur saubere Tische. Ein Krankenhaus braucht nicht nur Händedesinfektionsmittel. Auch Büros, öffentliche Einrichtungen und andere gemeinsam genutzte Innenräume profitieren davon, wenn die Luftversorgung mitgedacht wird. Das sollte nicht erst dann passieren, wenn bereits eine Infektionswelle durch ein Gebäude läuft.

Gute Raumluft macht einen Innenraum natürlich nicht automatisch virenfrei. Sie ist auch kein Ersatz für andere Schutzmaßnahmen. Aber sie ist ein beeinflussbarer Faktor. Und einer, den man lange unterschätzt hat.

Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens in Innenräumen. Wir teilen dort die Luft mit anderen Menschen. Wenn infektiöse Partikel über die Atemwege übertragen werden können, ist diese gemeinsame Luft Teil des Übertragungswegs.

Das ist keine dramatische Erkenntnis. Aber eine praktische.

Nicht nur auf die Hände schauen

Am Ende lässt sich die Frage ziemlich einfach stellen: Wie gelangt ein Erreger von einem Menschen zum nächsten?

Erst dann sollte man überlegen, welche Schutzmaßnahme an dieser Stelle tatsächlich etwas bewirken kann.

  • Händewaschen, wenn Hände eine Rolle spielen.
  • Maske beziehungsweise gut sitzender Atemschutz, wenn die eingeatmete Menge infektiöser Partikel reduziert werden soll.
  • Lüften, wenn infektiöse Partikel in der Raumluft relevant sind.
  • Geeignete Luftreinigung, wenn die Raumluft zusätzlich gefiltert werden kann.
  • Abstand, wenn die Situation ihn ermöglicht.
  • Kontakte reduzieren, wenn man selbst krank ist.
  • Impfungen, wenn für den jeweiligen Erreger und die betreffende Person eine Impfung empfohlen wird.

Das ist kein Entweder-oder. Saubere Hände bleiben wichtig. Aber sie verändern nicht die Luft in einem schlecht belüfteten Raum.
Wer Atemwegsinfektionen vermeiden oder ihre Ausbreitung begrenzen will, sollte deshalb nicht weniger auf Hygiene achten.

Er sollte die Perspektive erweitern. Denn die Luft, die wir gemeinsam einatmen, ist bei vielen Atemwegsinfektionen mehr als bloße Umgebung. Sie kann Teil des Übertragungswegs sein. Und damit gehört sie auch zur Prävention.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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