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  • 9. Oktober 2026 9:55

Der Forscher Mark Ungrin von der University of Calgary kritisiert gegenüber CTV News, Gesundheitsbehörden hätten die Bedeutung von Aerosolen bei der Übertragung von SARS-CoV-2 zu spät berücksichtigt. Ein Blick auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigt, warum die Debatte bis heute nachwirkt.

Man kann sich die entscheidende Frage der Covid-Pandemie erstaunlich einfach vorstellen: Was passiert mit der Luft in einem Raum, wenn einer der Anwesenden infiziert ist?

Im Frühjahr 2020 war diese Frage noch keineswegs so selbstverständlich, wie sie heute erscheint. Im Mittelpunkt der öffentlichen Empfehlungen standen Abstand, Händehygiene und die Vermeidung enger Kontakte. Übertragung über die Luft wurde zwar wissenschaftlich diskutiert, aber außerhalb bestimmter medizinischer Situationen nicht als der entscheidende Weg behandelt.

Heute beschreibt die Weltgesundheitsorganisation die Sache anders. SARS-CoV-2 kann über infektiöse Partikel übertragen werden, die beim Atmen, Sprechen, Husten oder Niesen freigesetzt werden. Solche Partikel können in der Luft bleiben. Besonders relevant ist das in geschlossenen oder schlecht belüfteten Räumen.

Mark Ungrin, Forscher an der University of Calgary, hält die damalige Einschätzung für einen Fehler, dessen Folgen noch immer sichtbar seien. Gegenüber CTV News kritisierte er, die kanadische Gesundheitspolitik habe zu lange an einem überholten Verständnis der Übertragung festgehalten. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen hätten früher auf die Bedeutung von Aerosolen hingewiesen. Seine Kritik zielt damit auf mehr als die Frage, ob einzelne Empfehlungen im Jahr 2020 richtig oder falsch waren. Es geht um die Geschwindigkeit, mit der wissenschaftliche Erkenntnisse Eingang in die Arbeit von Behörden finden.

Was im März 2020 bekannt war

Ein Blick in die damaligen Dokumente zeigt zunächst etwas anderes als eine einfache Geschichte vom Ignorieren neuer Erkenntnisse. In einem Briefing vom 29. März 2020 beschrieb die WHO die Übertragung von SARS-CoV-2 vor allem über respiratorische Tröpfchen und direkten oder indirekten Kontakt. Eine Übertragung über Aerosole wurde nicht als etablierter Hauptweg dargestellt.

Das hatte einen praktischen Hintergrund. Zu Beginn einer neuen Epidemie musste die Wissenschaft aus wenigen Daten ein Bild des Virus entwickeln. SARS-CoV-2 war erst seit wenigen Monaten bekannt. Viele Fragen waren offen: Wie lange bleibt das Virus infektiös? Welche Rolle spielen asymptomatische Infektionen? Welche Dosis ist für eine Ansteckung erforderlich? Und welche Bedeutung haben die verschiedenen Partikelgrößen bei der Übertragung?

Auch der Begriff „Aerosol“ führte zu Missverständnissen. In der öffentlichen Diskussion entstand leicht der Eindruck eines Gegensatzes: hier große Tröpfchen, die schnell zu Boden fallen, dort winzige Aerosole, die lange in der Luft schweben. Tatsächlich ist die Physik komplizierter. Beim Ausatmen entsteht ein Gemisch unterschiedlich großer Partikel. Wie weit sie gelangen und wie lange sie in der Luft bleiben, hängt unter anderem von Größe, Luftbewegung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit ab.

Die Frage war also nicht, ob Menschen überhaupt Aerosole ausatmen. Das war bekannt. Unklarer war, welche Rolle diese Partikel bei der Übertragung eines neuen Coronavirus unter realen Bedingungen spielten. Das änderte sich im Verlauf des Jahres.

Restaurants, Chöre und schlecht gelüftete Räume

Im Sommer 2020 häuften sich Beobachtungen, die schwer mit einem ausschließlich auf größere Tröpfchen und unmittelbare Nähe ausgerichteten Übertragungsmodell zu erklären waren. Die WHO verwies im Juli auf Infektionsgeschehen in dicht besetzten Innenräumen, darunter Restaurants, Fitnessstudios und Chöre. In solchen Situationen konnten sich Menschen infizieren, obwohl nicht jeder von ihnen über längere Zeit unmittelbar neben einer erkrankten Person gestanden hatte.

Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen begannen deshalb, die Rolle der Luft stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Im Juli 2020 erschien im JAMA eine Analyse zur möglichen luftgetragenen Übertragung von SARS-CoV-2. Weitere wissenschaftliche Arbeiten kamen zu dem Schluss, dass Aerosole insbesondere in Innenräumen eine wichtige Rolle spielen könnten.

Die WHO änderte ihre Darstellung schrittweise. In ihrem Briefing vom 9. Juli 2020 hielt sie weiterhin daran fest, dass Tröpfchen und Kontakt wichtige Übertragungswege seien. Zugleich räumte sie die Möglichkeit einer Aerosolübertragung außerhalb medizinischer Verfahren ein, insbesondere in bestimmten schlecht belüfteten Innenräumen.

Es war keine plötzliche wissenschaftliche Kehrtwende. Eher verschob sich das Gewicht der Belege. Das ist bei einer neuen Krankheit nicht ungewöhnlich. Erkenntnisse entstehen nicht in einem einzigen Experiment. Sie werden durch epidemiologische Daten, Laboruntersuchungen, Ausbruchsuntersuchungen und physikalische Modelle allmählich belastbarer. Für Behörden ist das allerdings ein Problem. Sie müssen handeln, während die Erkenntnisse noch entstehen.

Die Frage nach der Lüftung

Für den Infektionsschutz macht es einen erheblichen Unterschied, welche Übertragungswege man für relevant hält. Wenn der Blick vor allem auf größere Tröpfchen gerichtet ist, liegt es nahe, Abstand und Kontaktvermeidung besonders stark zu betonen. Spielt die Luft eine größere Rolle, wird auch der Raum selbst zum Gegenstand des Infektionsschutzes.

Dann geht es um Frischluftzufuhr, Luftfilter, Raumbelegung und die Dauer eines Aufenthalts. Auch Masken lassen sich unter diesem Gesichtspunkt anders betrachten: Nicht allein die Frage, ob jemand einen Erkrankten unmittelbar anhustet, ist entscheidend, sondern auch, wie viele infektiöse Partikel überhaupt eingeatmet werden können.

Die heutige WHO-Beschreibung von Covid-19 trägt dieser Sichtweise Rechnung. Sie verweist auf die Übertragung über infektiöse Partikel und auf das erhöhte Risiko in Innenräumen, insbesondere bei unzureichender Belüftung. Auch die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC empfiehlt Maßnahmen zur Verbesserung der Innenraumluft als Teil des Schutzes vor Atemwegsviren. Das ist inzwischen keine spezielle Covid-Debatte mehr. Gute Raumluft kann auch die Übertragung anderer Atemwegsinfektionen reduzieren.

Was Ungrin den Behörden vorwirft

Ungrin geht in seiner Kritik allerdings weiter. Er verweist auf ein Verständnis der Aerosolübertragung, das seiner Ansicht nach bereits vor Covid überholt gewesen sei. Nach seiner Darstellung habe es Warnungen gegeben, die von den zuständigen Stellen nicht ausreichend berücksichtigt worden seien. Er verweist dabei auch auf Erfahrungen mit SARS aus den Jahren 2003 und 2004. Der kanadische SARS-Bericht von 2006 hatte sich ausführlich mit der Frage beschäftigt, wie sich infektiöse Partikel in Innenräumen und über die Luft verbreiten können.

Daraus lässt sich eine berechtigte Frage ableiten: Warum dauerte es während Covid-19 so lange, bis die Innenraumluft einen vergleichbaren Stellenwert bekam?

Eine umfassende Antwort darauf ist schwieriger. Die wissenschaftliche Debatte über Aerosole war 2020 nicht frei von Unsicherheiten. Dass Virusmaterial in Aerosolen nachgewiesen werden kann, ist nicht dasselbe wie der Nachweis, dass diese Partikel im Alltag regelmäßig infektiöse Übertragungen verursachen. Dafür braucht es andere Formen von Evidenz.

Auch die damaligen Behörden mussten mit widersprüchlichen Daten arbeiten. Empfehlungen wurden deshalb im Verlauf der Pandemie mehrfach geändert. Dass eine Empfehlung von März 2020 später korrigiert wurde, ist für sich genommen noch kein Beleg für institutionelles Versagen. Entscheidend ist vielmehr, wie schnell neue Erkenntnisse aufgenommen werden und wie transparent ihre Unsicherheit kommuniziert wird.

Das Virus ist weiterhin da

SARS-CoV-2 zirkuliert weiterhin weltweit. Die WHO überwacht die Entwicklung des Virus und veröffentlicht regelmäßig Daten zur Viruszirkulation, zu Varianten und zu schweren Krankheitsverläufen. Die Überwachung ist inzwischen weniger dicht als während der akuten Phase der Pandemie. Deshalb lässt sich die tatsächliche Zahl der Infektionen heute nur eingeschränkt bestimmen.

Die veränderte Lage darf deshalb nicht mit dem Verschwinden des Virus verwechselt werden. Covid-19 ist weiterhin eine Infektionskrankheit, die Menschen schwer erkranken lassen und zum Tod führen kann. Zugleich hat sich die Risikosituation seit 2020 verändert. Impfungen, frühere Infektionen und verbesserte Behandlungsmöglichkeiten haben die Ausgangslage verändert.

Das stellt den Infektionsschutz vor eine andere Aufgabe als in den ersten Monaten der Pandemie. Es geht weniger um eine einheitliche Reaktion auf eine unbekannte Bedrohung als um einen dauerhaften Umgang mit einem Virus, das inzwischen Teil des weltweiten Atemwegsgeschehens ist. Gerade deshalb geht es heute nicht darum, die Maßnahmen der ersten Pandemiejahre einfach zurückzubringen.

Die interessantere Frage lautet, was von den damaligen Erkenntnissen dauerhaft bleiben sollte. Die Antwort könnte unspektakulär ausfallen: bessere Innenraumluft, mehr Aufmerksamkeit für die Qualität von Lüftungsanlagen, eine realistischere Kommunikation über die Übertragung von Atemwegsviren und Behörden, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in ihre Empfehlungen einarbeiten.

Das sind keine Maßnahmen, die Schlagzeilen produzieren. Sie verlangen auch keine neuen Verbote. Sie verändern vielmehr den Blick auf einen Ort, an dem Menschen einen großen Teil ihres Lebens verbringen: den Raum, den sie mit anderen teilen.

Was eine Pandemie mit Institutionen macht

Die Aerosoldebatte ist deshalb interessant, weil sie ein grundsätzliches Problem wissenschaftlicher Politikberatung sichtbar macht. Wissenschaft liefert selten am ersten Tag Gewissheit. Politik kann dagegen nicht warten, bis Gewissheit erreicht ist. Irgendwann muss eine Behörde entscheiden, welche Erkenntnisse für eine Empfehlung ausreichen.

Die entscheidende Fähigkeit besteht deshalb nicht darin, beim ersten Versuch immer richtigzuliegen. Das wäre bei einer neuen Krankheit unrealistisch. Entscheidend ist die Fähigkeit zur Korrektur. Die Geschichte von Covid-19 zeigt, dass diese Korrektur Zeit braucht. Manchmal zu viel Zeit.

Für künftige Pandemien wird deshalb nicht nur die Entwicklung neuer Impfstoffe oder Medikamente wichtig sein. Ebenso wichtig ist die Frage, wie schnell wissenschaftliche Erkenntnisse durch die Institutionen wandern – vom Labor in die Behörde, von dort in eine Empfehlung und schließlich in den Alltag.

Die gemeinsame Atemluft ist immer da. Nur wird ihre Bedeutung erst nach und nach verstanden.

Weiterführende Quellen

  • Weltgesundheitsorganisation (WHO): Modes of transmission of virus causing COVID-19: implications for IPC precaution recommendations – wissenschaftliche Einschätzung vom 29. März 2020. WHO – Scientific Brief, 29. März 2020
  • Morawska, Lidia / Cao, Juni: Airborne transmission of SARS-CoV-2: The world should face the reality. Environmental International, 2020. PubMed – Originalpublikation
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO): Roadmap to improve and ensure good indoor ventilation in the context of COVID-19 – technische Empfehlungen zur Innenraumlüftung, 2021. WHO – Roadmap zur Innenraumlüftung
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO): COVID-19 Global Risk Assessment – Version 10 – aktuelle globale Risikobewertung vom 6. August 2026. WHO – Global Risk Assessment 2026
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO): SARS-CoV-2 (COVID-19): global epidemiological update – aktuelle Daten zur weltweiten Viruszirkulation, Juni 2026. WHO – Global Epidemiological Update
  • University of Calgary: Profil von Mark Ungrin, Forscher an der University of Calgary. University of Calgary – Mark Ungrin

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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