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  • 9. Oktober 2026 9:34

Was eine schwere Virusinfektion in der Lunge hinterlassen kann

ByLena Wallner

Sep. 24, 2026

Eine neue Studie findet einen Zusammenhang zwischen schweren Covid-Verläufen und späteren Lungenkrebsdiagnosen. Experimente an Mäusen liefern einen möglichen Mechanismus. Für eine zusätzliche Krebsfrüherkennung nach Covid reichen die Daten allerdings noch nicht.

Eine schwere Lungenentzündung ist irgendwann vorbei. Das Fieber sinkt, der Sauerstoffbedarf normalisiert sich, der Patient wird entlassen. Doch was im Lungengewebe zurückbleibt, ist damit nicht unbedingt erledigt.

Eine Studie, die im Mai 2026 im Fachjournal Cell erschienen ist, lenkt den Blick auf genau diesen Zeitraum nach der Infektion. Forscher um Wei Qian und Jie Sun von der University of Virginia haben untersucht, was schwere Virusinfektionen langfristig im Lungengewebe verändern können. Dabei stießen sie auf einen Zusammenhang, der Fragen aufwirft: Menschen, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt worden waren, erkrankten später häufiger an Lungenkrebs. In Versuchen mit Mäusen beschleunigten sowohl SARS-CoV-2 als auch Influenza nach einer überstandenen Infektion das Wachstum von Lungentumoren.

Die Studie ist deshalb interessant. Sie ist aber kein Beleg dafür, dass Covid beim Menschen Lungenkrebs verursacht. Und sie liefert auch keinen Grund für die Empfehlung, jeden Menschen nach einer schweren Covid-Erkrankung routinemäßig per CT auf einen Tumor zu untersuchen.

Ein statistischer Zusammenhang

Für den ersten Teil ihrer Arbeit werteten die Wissenschaftler Gesundheitsdaten von rund 75,9 Millionen Erwachsenen aus. Berücksichtigt wurden Menschen ohne Covid-Infektion sowie Patienten mit unterschiedlich schweren Verläufen. Anschließend wurde untersucht, wie häufig in den folgenden Jahren Krebs diagnostiziert wurde.

Bei Menschen mit schwerem Covid zeigte sich ein erhöhtes Risiko für eine spätere Lungenkrebsdiagnose. Die Hazard Ratio lag nach Angaben der Studie bei etwa 1,24. Alter, Geschlecht und Rauchstatus wurden bei der statistischen Analyse berücksichtigt. Eine solche Zahl wird leicht missverstanden. Sie bedeutet nicht, dass 24 Prozent der ehemaligen Covid-Patienten zusätzlich an Lungenkrebs erkrankten. Sie beschreibt einen relativen Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen.

Und sie beantwortet auch nicht die entscheidende Frage nach der Ursache. Menschen, die schwer an Covid erkranken, sind im Durchschnitt nicht mit Menschen vergleichbar, die überhaupt nicht oder nur leicht erkranken. Es können Unterschiede bei Vorerkrankungen, medizinischer Versorgung, Lebensstil und anderen Risikofaktoren bestehen. Selbst wenn bekannte Faktoren statistisch berücksichtigt werden, bleiben bei einer retrospektiven Untersuchung mögliche Verzerrungen.

Hinzu kommt eine weitere Möglichkeit: Manche später entdeckten Tumoren könnten bereits vor der Covid-Erkrankung vorhanden gewesen sein, ohne dass sie zu diesem Zeitpunkt diagnostiziert worden waren. Der Befund beim Menschen ist deshalb zunächst genau das: ein statistischer Zusammenhang.

Was im Tierversuch geschah

Die Forscher wollten wissen, ob hinter diesem Zusammenhang ein biologischer Mechanismus stecken könnte. Dafür untersuchten sie Mäuse. Die Tiere wurden mit SARS-CoV-2 oder Influenza infiziert. Nach der akuten Erkrankung setzten die Forscher verschiedene Modelle für die Entstehung beziehungsweise das Wachstum von Lungentumoren ein.

Das Ergebnis war auffällig: Nach einer vorausgegangenen Virusinfektion wuchsen die Tumoren schneller. Die Infektion hatte also nicht einfach unmittelbar einen Krebs erzeugt. Sie hatte offenbar die Umgebung verändert, in der sich der Tumor entwickelte.

Das passt zu einem Bild, das die Krebsforschung schon länger zeichnet. Ein Tumor besteht nicht nur aus entarteten Zellen. Er ist eingebettet in Gewebe, Blutgefäße und ein komplexes Netzwerk von Immunzellen. Diese Umgebung kann darüber mitentscheiden, ob ein Tumor unter Kontrolle bleibt oder wächst. Nach einer schweren Virusinfektion scheint sich dieses Umfeld zumindest bei den untersuchten Mäusen verändern zu können.

Die Entzündung bleibt nicht ohne Folgen

Besonders interessant waren die neutrophilen Granulozyten. Sie gehören zu den wichtigsten Zellen der frühen Immunabwehr und werden bei einer akuten Infektion in großer Zahl in das betroffene Gewebe gerufen. Ihre Aufgabe ist zunächst klar: Erreger bekämpfen und beschädigte Zellen beseitigen. Im Umfeld eines Tumors können Neutrophile jedoch unterschiedliche Funktionen übernehmen. Unter bestimmten Bedingungen unterstützen sie die Immunabwehr gegen Krebszellen, unter anderen können sie das Tumorwachstum begünstigen.

Nach der Virusinfektion fanden die Forscher in den Mäusen vermehrt tumorassoziierte neutrophile Zellen. Zugleich beobachteten sie Veränderungen in der Genregulation verschiedener Zellen des Lungengewebes. Dabei handelt es sich nicht einfach um eine dauerhafte Veränderung der DNA. Vielmehr geht es um sogenannte epigenetische Prozesse: Die Aktivität bestimmter Gene kann sich verändern, ohne dass sich die genetische Sequenz selbst ändert.

Das könnte erklären, warum die Folgen einer schweren Entzündung länger anhalten als die eigentliche Infektion. Die Lunge wäre in diesem Fall nach der Genesung biologisch nicht vollständig in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt. Ein im Juli 2026 veröffentlichter Kommentar in Trends in Molecular Medicine ordnet die Ergebnisse in diesen Zusammenhang ein. Die Autoren sehen Hinweise darauf, dass schwere virale Lungenentzündungen über langfristige Veränderungen des Immunsystems und der Genregulation ein Umfeld schaffen könnten, in dem Tumoren leichter wachsen.

Es geht möglicherweise nicht nur um Covid

Dass die Forscher auch Influenza untersuchten, ist deshalb mehr als eine Nebenbeobachtung. In den Mäuseexperimenten zeigte auch die Grippeinfektion später einen ähnlichen Effekt auf das Tumorwachstum. Das spricht dafür, dass nicht unbedingt SARS-CoV-2 selbst für die beobachteten Veränderungen verantwortlich ist. Entscheidend könnte vielmehr die Schwere der Entzündung in der Lunge sein.

Covid wäre dann ein besonders gut untersuchtes Beispiel für ein allgemeineres Problem: Was hinterlässt eine schwere virale Lungenentzündung in einem Organ? Diese Frage ist auch deshalb interessant, weil schwere Infektionen heute häufig aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Während der akuten Erkrankung lässt sich relativ gut messen, wie schwer ein Patient betroffen ist. Schwieriger ist die Frage, was Monate oder Jahre später noch von der Infektion übrig ist.

Die Forschung zu Long Covid hat bereits gezeigt, dass manche Beschwerden lange nach der akuten Erkrankung fortbestehen können. Die neue Arbeit fügt dieser Diskussion einen anderen Aspekt hinzu: mögliche Veränderungen des Gewebes und des Immunsystems. Ob daraus beim Menschen tatsächlich ein dauerhaft erhöhtes Krebsrisiko entsteht, ist noch offen.

Kein Anlass für ein CT nach jeder schweren Covid-Erkrankung

Damit ist auch klar, was sich aus der Studie derzeit nicht ableiten lässt. Eine schwere Covid-Erkrankung allein ist keine anerkannte Indikation für ein routinemäßiges Lungenkrebs-Screening. In Deutschland gibt es seit 2026 ein organisiertes Früherkennungsprogramm für Lungenkrebs. Es richtet sich an eine klar definierte Hochrisikogruppe: aktive und ehemalige starke Raucher zwischen 50 und 75 Jahren können jährlich mit einer Niedrigdosis-Computertomographie untersucht werden. Eine zurückliegende Covid-Infektion gehört nicht zu den Kriterien.

Das hat einen einfachen Grund. Für ein Screening muss nicht nur gezeigt werden, dass eine Erkrankung häufiger auftritt. Es muss sich auch zeigen, dass die frühere Entdeckung einen relevanten Vorteil bringt. Gleichzeitig müssen die möglichen Nachteile berücksichtigt werden: falsch-positive Befunde, weitere invasive Untersuchungen, Überdiagnosen und die Strahlenbelastung.

Für ehemalige Covid-Patienten fehlen solche Daten bislang. Wer nach einer schweren Infektion dauerhaft unter Atemnot, Husten oder anderen Beschwerden leidet, sollte diese selbstverständlich ärztlich abklären lassen. Das ist allerdings eine Frage der individuellen medizinischen Situation und keine Konsequenz aus der neuen Krebsstudie.

Auch die Impfung ist Teil der Forschung

Eine weitere Beobachtung der Wissenschaftler ist interessant, sollte aber ebenfalls nicht überinterpretiert werden. In den Tierversuchen war der spätere Einfluss der Virusinfektion auf das Tumorwachstum geringer, wenn die Tiere zuvor gegen den jeweiligen Erreger immunisiert worden waren. Die naheliegende Erklärung ist, dass eine Impfung schwere Infektionen verhindern oder abschwächen kann und damit auch die starke Entzündungsreaktion ausbleibt.

Das bedeutet nicht, dass die Impfung in diesen Experimenten als Krebsmedikament wirkte. Es geht vielmehr um die Vermeidung eines möglichen Auslösers für die langfristigen Veränderungen im Lungengewebe. Ob sich dieser Zusammenhang beim Menschen bestätigt, muss erst noch untersucht werden.

Die Forscher gingen noch einen Schritt weiter. Sie untersuchten Signalwege, über die Immunzellen in das Tumorgewebe gelangen und dort die Reaktion anderer Abwehrzellen beeinflussen. Eingriffe in diese Prozesse konnten bei den Mäusen das Tumorwachstum bremsen. Für die Medizin bedeutet das vorerst vor allem eines: Es gibt Ansatzpunkte für weitere Forschung. Eine entsprechende Behandlung für Menschen nach Covid existiert nicht.

Eine offene Frage über die Pandemie hinaus

Die Studie beantwortet damit eine Frage nicht, sie macht sie erst sichtbar. Was passiert in einem Organ, nachdem das Virus verschwunden ist? Bei einer schweren Lungenentzündung wird Gewebe verletzt, das Immunsystem wird über Tage oder Wochen massiv aktiviert, anschließend beginnt die Reparatur. Die neue Forschung legt nahe, dass dieser Prozess nicht immer einfach zum Ausgangszustand zurückführt.

Das könnte für die Lunge bedeutsam sein, möglicherweise aber auch für andere Organe und andere Infektionen. Ob die beobachteten Veränderungen vorübergehend sind oder über Jahre bestehen bleiben, welche Patienten besonders betroffen sind und wie groß das tatsächliche zusätzliche Krebsrisiko ist, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

Auch die Frage, ob die bei Mäusen beobachteten Prozesse beim Menschen in gleicher Weise ablaufen, ist offen. Die Stärke der Arbeit liegt deshalb weniger in einer unmittelbaren medizinischen Konsequenz als in der Verbindung zweier Beobachtungen: In großen Gesundheitsdaten findet sich ein Zusammenhang zwischen schweren Covid-Verläufen und späteren Lungenkrebsdiagnosen. Im Tierversuch lässt sich zugleich ein biologischer Mechanismus beobachten, der diesen Zusammenhang zumindest plausibel macht.

Mehr lässt sich derzeit nicht seriös behaupten. Die Vorstellung, eine überstandene Covid-Erkrankung könne im Körper noch lange nachwirken, ist allerdings weniger spekulativ, als sie noch vor einigen Jahren erschien. Für die Forschung beginnt die interessante Phase möglicherweise erst nach dem Ende der Infektion. Die Lunge vergisst eine schwere Entzündung womöglich nicht so schnell, wie es die Genesung vermuten lässt.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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