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  • 9. Oktober 2026 10:08

Mehr Sprachförderung, weniger Geld?

BySarah Koller

Sep. 12, 2026

Was Prien aus den neuen PISA-Ergebnissen macht

KOMMENTAR

Deutschland hat ein Bildungsproblem. Das ist nach den neuen PISA-Ergebnissen kaum noch zu bestreiten. Die am 8. September veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025 zeigen für Deutschland in allen drei untersuchten Bereichen einen neuen Tiefstand: 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen und 464 in Mathematik. Gleichzeitig ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg so stark wie nie zuvor in der Geschichte der Studie.

Rund jeder fünfte Jugendliche erreicht in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen. Die politische Reaktion darauf ließ nicht lange auf sich warten. Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien fordert mehr Aufmerksamkeit für Basiskompetenzen und eine stärkere Förderung schon vor dem Schuleintritt. Die Sprache steht dabei besonders im Mittelpunkt.

Das ist zunächst nachvollziehbar. Wer Schwierigkeiten früh erkennt, hat zumindest die Chance, früher gegenzusteuern. Nur: Wer soll das alles leisten – und wer soll es bezahlen?

Die Probleme beginnen nicht mit PISA

PISA untersucht 15-Jährige. Die Unterschiede, die sich in diesem Alter zeigen, entstehen aber nicht erst kurz vor der Studie. Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule. Manche kennen Bücher, haben einen großen Wortschatz und sind es gewohnt, Geschichten zu erzählen und Fragen zu stellen. Andere hatten diese Möglichkeiten deutlich seltener.

Das ist nicht automatisch eine Frage von Migration. Und es wäre falsch, die schlechten Bildungsergebnisse pauschal zu einem „Migrationsproblem“ zu erklären. Ein entscheidender Faktor ist die soziale Herkunft. Auch die PISA-Daten zeigen, wie eng der Bildungserfolg in Deutschland mit dem sozioökonomischen Hintergrund zusammenhängt. Wer aus einem privilegierten Elternhaus kommt, hat statistisch deutlich bessere Bildungschancen als ein Kind aus einem sozial benachteiligten Umfeld.

Deshalb ist der Gedanke einer früheren Förderung durchaus sinnvoll. Wenn ein Kind bereits im Kindergarten Schwierigkeiten mit der Sprache hat, sollte man nicht warten, bis es in der Schule scheitert. Nur muss auf die Diagnose auch etwas folgen.

Ein Test allein hilft keinem Kind

Genau hier wird die Sache kompliziert. Die Bundesregierung will Kinder früher und verbindlicher auf ihren Sprach- und Entwicklungsstand überprüfen. Wird Förderbedarf festgestellt, soll Unterstützung folgen. Der Ansatz ist leicht zu verstehen: Probleme erkennen, bevor sie sich verfestigen. Aber ein Test allein verändert noch keine Sprachkompetenz.

Wenn bei einem vierjährigen Kind Förderbedarf festgestellt wird, braucht es anschließend jemanden, der mit ihm arbeitet. Es braucht Zeit, Fachkräfte und ein vernünftiges Förderkonzept. Und genau deshalb ist die Frage nach dem Geld keine Nebensache.

Mehr Aufgaben – weniger Bundesmittel

Der Bund hat über das Kita-Qualitätsgesetz zuletzt rund zwei Milliarden Euro jährlich für die frühkindliche Bildung und Betreuung bereitgestellt. Für 2026 sind knapp 1,993 Milliarden Euro vorgesehen. Danach soll die Bundesfinanzierung schrittweise zurückgehen. Für 2027 und 2028 sind jeweils rund 1,49 Milliarden Euro vorgesehen, 2029 etwa 1,24 Milliarden. Ab 2030 sollen es jährlich knapp 993 Millionen Euro sein.

Das ist deutlich weniger als die bisherige Größenordnung. Gleichzeitig sollen Kitas zusätzliche Aufgaben übernehmen. Hier liegt der eigentliche politische Konflikt. Es wäre falsch, daraus den Satz zu machen: „Prien schafft die Sprachförderung ab.“ Das geben die Zahlen nicht her.

Die interessante Frage lautet vielmehr:

Reichen die Mittel aus, wenn gleichzeitig mehr diagnostiziert und mehr gefördert werden soll?

Darauf braucht es eine konkrete Antwort.

PISA liefert keine Gebrauchsanweisung für Bildungspolitik

In der politischen Debatte wird PISA gern als Begründung für neue Maßnahmen verwendet. Das ist verständlich – aber wissenschaftlich hat die Studie Grenzen. PISA zeigt, dass Deutschland erhebliche Probleme bei den Basiskompetenzen hat. Die Ergebnisse zeigen auch, dass Bildungserfolg stark mit der sozialen Herkunft zusammenhängt.

Was PISA nicht zeigt, ist, welche einzelne politische Maßnahme diese Probleme lösen wird. Die Studie ist keine Untersuchung darüber, ob ein bestimmtes Sprachförderprogramm erfolgreich ist oder wie viele zusätzliche Förderstunden notwendig wären.

Deshalb wäre die Gleichung

schlechte PISA-Ergebnisse → mehr Sprachtests → bessere Bildung

zu einfach.

Zwischen Diagnose und Wirkung liegen viele Fragen: Welche Förderung funktioniert? Für welche Kinder? Wie lange? Mit welchem Personal? Und was passiert dort, wo dieses Personal bereits heute fehlt? Das sind die Fragen, die politisch beantwortet werden müssen.

Die Gefahr liegt in der Lücke zwischen Diagnose und Förderung

Man kann künftig sehr genau feststellen, wie viele Kinder Förderbedarf haben. Das ist zunächst einmal gut. Nur hilft die beste Diagnostik wenig, wenn danach die Fachkräfte fehlen. Ein Kind zu testen ist etwas anderes, als es über Monate gezielt zu fördern. Dafür braucht man Menschen, Zeit und verlässliche Rahmenbedingungen.

Wenn eine Kita bereits heute mit Personalmangel, großen Gruppen und hoher Belastung kämpft, stellt sich deshalb eine ganz praktische Frage:

Wie sollen zusätzliche Aufgaben dort noch untergebracht werden?

Das ist keine theoretische Diskussion. Für das einzelne Kind entscheidet sich daran, ob aus einem festgestellten Förderbedarf tatsächlich Hilfe wird.

Was kommt am Ende beim Kind an?

In Berlin, München oder einer kleinen Gemeinde auf dem Land sieht die Situation möglicherweise unterschiedlich aus. Auch deshalb reicht es nicht, auf Bundesebene neue Anforderungen zu formulieren. Für Eltern ist die Sache wesentlich einfacher. Sie wollen wissen, ob ihr Kind Hilfe bekommt, wenn es sie braucht.

Wenn ein vierjähriges Kind Schwierigkeiten mit der Sprache hat, ist es wenig tröstlich, dass irgendwo ein Förderprogramm beschlossen wurde. Entscheidend ist, ob in seiner Kita eine qualifizierte Fachkraft vorhanden ist, die Zeit für dieses Kind hat. Daran muss sich Bildungspolitik messen lassen. Nicht an der Zahl der Pressemitteilungen.

Mehr als neue Programme

Nach schlechten PISA-Ergebnissen ist die Versuchung groß, schnell neue Maßnahmen anzukündigen. Das gehört zur Politik. Bildung funktioniert allerdings anders. Ein Gesetz schafft keine Fachkräfte. Eine Diagnose schafft keine Förderstunde. Und eine Pressekonferenz verbessert noch keine Lesekompetenz. Wenn frühe Sprachförderung ausgeweitet werden soll, muss deshalb auch über die Voraussetzungen gesprochen werden: Personal, Gruppengrößen, Arbeitsbedingungen, Qualität der Förderung und Finanzierung.

Vor allem aber muss irgendwann die Frage beantwortet werden, ob die Maßnahmen wirken. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis wird dieser Teil der Bildungspolitik allerdings häufig erst dann interessant, wenn das Geld bereits ausgegeben ist.

Der Widerspruch bleibt

Die Bundesregierung hat gute Gründe, angesichts der PISA-Ergebnisse stärker auf Basiskompetenzen zu setzen. Auch eine frühere Förderung kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Aber wenn zusätzliche Aufgaben in den Kitas ankommen, muss auch geklärt werden, wer sie übernimmt und wie sie finanziert werden.

Genau deshalb ist der Rückgang der geplanten Bundesmittel politisch relevant. Er beweist nicht, dass die Bundesregierung Kinder bewusst schlechter fördern will. Dafür gibt es keine belastbare Grundlage.

Er wirft aber eine Frage auf, die man der Regierung stellen darf:

Passen die politischen Ziele und die dafür vorgesehenen Mittel tatsächlich zusammen?

Die Antwort sollte möglichst konkret ausfallen.

  • Wie viele zusätzliche Fachkräfte werden gebraucht?
  • Wie viele Kinder sollen gefördert werden?
  • Was kostet die Förderung?
  • Und woran wird gemessen, ob sie funktioniert?

Denn hinter PISA stehen keine Zahlen, sondern Kinder

PISA liefert Tabellen und Durchschnittswerte. Hinter diesen Zahlen stehen Kinder mit sehr unterschiedlichen Startbedingungen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob eine Generation „dümmer“ geworden ist. Das gibt die Studie ohnehin nicht her. Die Frage ist, warum es Deutschland so schwerfällt, Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gute Bildungschancen zu ermöglichen.

Frühe Sprachförderung kann dabei ein wichtiger Baustein sein. Aber sie ist kein Ersatz für ausreichendes Personal, gute Kitas und funktionierende Schulen. Und wenn der Staat künftig genauer feststellen will, welche Kinder Förderung brauchen, sollte er auch dafür sorgen, dass diese Förderung tatsächlich stattfinden kann. Sonst wird am Ende vor allem eines besser:

die Diagnose.

Nicht unbedingt die Bildung.

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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