KOMMENTAR
Um 8.46 Uhr wird es still auf der Memorial Plaza in Lower Manhattan. Genau in dem Moment, in dem vor 25 Jahren das erste Flugzeug in den Nordturm einschlug.
Angehörige lesen die Namen der Toten vor. Einen nach dem anderen. Manche Stimmen zittern, andere sind fest. Dazwischen läuten die Glocken. Sieben Schweigeminuten gibt es in diesem Jahr, eine mehr als sonst. Zum ersten Mal werden bei dem offiziellen Gedenken auch jene Menschen ausdrücklich einbezogen, die erst Jahre nach den Anschlägen an deren Folgen starben – an Krebs, Lungenkrankheiten oder anderen Erkrankungen, die mit dem Staub und den Giftstoffen vom Ground Zero in Verbindung gebracht werden.
Fast 3000 Menschen starben am 11. September 2001. Zwei Flugzeuge trafen die Türme des World Trade Centers, eines das Pentagon. Ein viertes stürzte in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere versucht hatten, die Entführer zu überwältigen.
Die Bilder kennt jeder, der damals alt genug war, sie zu sehen: die Rauchwolken über Manhattan, die Menschen, die aus den Türmen sprangen, Feuerwehrleute, die in die Gebäude liefen. Für eine jüngere Generation ist das Geschichte. Für diejenigen, die damals dabei waren, kann es sich noch immer anfühlen, als sei es erst gestern gewesen.
Heute stehen in New York vier ehemalige Präsidenten: George W. Bush, Barack Obama, Bill Clinton und Joe Biden. Auch Vizepräsident JD Vance ist da. Der amtierende Präsident Donald Trump nimmt nicht an der Zeremonie in New York teil. Er gedenkt am Pentagon. In New York sind politische Reden bei der Gedenkfeier seit Jahren nicht erwünscht. Es soll um die Namen gehen. Um die Familien. Um die Menschen, die damals starben und um jene, die später an den Folgen starben.
Auch Zohran Mamdani, der erste muslimische Bürgermeister der Stadt, kommt. Dass er bei der Zeremonie dabei sein würde, hatte im Vorfeld für Streit gesorgt. Er selbst hält sich zurück. Der Tag gehört den Familien und den Ersthelfern, sagt Mamdani. Vielleicht ist das tatsächlich die beste Haltung für diesen Tag. 25 Jahre später ist vieles anders. Und manches erstaunlich gleich geblieben.
Die Kriege, die nach den Anschlägen begannen, sind aus dem Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die Sicherheitskontrollen an Flughäfen sind geblieben. Das Misstrauen gegenüber Muslimen ist mal lauter, mal leiser, aber nicht verschwunden.
Und die Zahl der Menschen, die an den Spätfolgen der Anschläge sterben, wächst weiter. Mehr als 9000 Todesfälle werden inzwischen mit den Folgen von 9/11 in Verbindung gebracht. Am Vorabend zeichnen fast 3000 Drohnen über dem Hafen die Umrisse der beiden Türme in den Nachthimmel. Es ist schön. Und irgendwie auch merkwürdig. Technik erinnert an etwas, das sich technisch nicht zurückholen lässt.
Die eigentliche Zeremonie bleibt dagegen schlicht. Keine großen Gesten. Keine langen politischen Reden. Namen, Glocken, Stille. Vielleicht liegt gerade darin ihre Stärke. Niemand versucht, den Verlust größer zu machen, als er ohnehin ist. Die Namen werden vorgelesen. Die Familien hören zu. Die Glocken läuten.
Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit. Lang genug, dass viele, die damals Kinder waren, heute selbst Kinder haben. Lang genug, dass die Frage „Wo warst du an diesem Tag?“ für eine jüngere Generation keine persönliche Erinnerung mehr meint. Und trotzdem verändert sich etwas, wenn die Namen verlesen werden. Dann ist der 11. September 2001 für einen Moment nicht Geschichte. Nicht Außenpolitik. Nicht der Beginn von Kriegen und einer neuen Sicherheitsordnung.
Dann sind es wieder einzelne Menschen. Und danach wieder Stille.
Vielleicht ist das, was 25 Jahre später bleibt, genau das: kein einzelnes Bild, keine große Erklärung. Sondern Namen. Erinnerungen. Und die Ahnung, dass manche Ereignisse zwar vergangen sind, aber nie ganz aufhören, nachzuwirken.
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