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  • 9. Oktober 2026 9:42

Die Arroganz, die nur die anderen sehen

ByAnton Aeberhard

Sep. 10, 2026

ESSAY

Warum Anhänger Alice Weidels in ihrem Auftreten nicht das erkennen, was ihre Gegner erkennen – und was die politische Psychologie daraus erklärt

Es gibt diesen Moment nach einem politischen Auftritt, in dem jemand den Fernseher ausschaltet und sagt: Wie kann man diese Frau eigentlich wählen? Oft kommt danach eine Beschreibung, die für den Sprecher gar keiner weiteren Erklärung bedarf: arrogant, kalt, von oben herab. Und dann die eigentliche Verwunderung: Wie können Menschen so jemanden sympathisch finden?

Vielleicht liegt in dieser Frage schon ein kleiner Irrtum. Denn woher wissen wir eigentlich, dass diese Menschen Alice Weidel sympathisch finden? Und woher wissen wir, dass sie in ihrem Auftreten überhaupt das erkennen, was wir darin erkennen?

Vielleicht sehen sie dasselbe. Vielleicht stört es sie sogar. Vielleicht aber nennen sie es anders. Was für den einen Überheblichkeit ist, kann für den anderen Selbstbewusstsein sein. Kühle kann als Sachlichkeit erscheinen. Eine Politikerin, die nicht um Zustimmung zu kämpfen scheint, kann auf manche Menschen gerade deshalb unabhängig wirken. Das ist mehr als eine Frage des persönlichen Geschmacks. Es geht um einen ziemlich grundlegenden Mechanismus menschlicher Wahrnehmung.

Wir sehen Menschen nicht einfach so, wie sie sind. Wir sehen sie durch Erwartungen, Erfahrungen und Vorurteile. Das gilt für den Nachbarn genauso wie für einen Politiker. Nur wird es bei Politikern besonders deutlich, weil wir sie kaum als Privatpersonen betrachten. Sie stehen für etwas. Für eine Partei, für ein Milieu, für politische Hoffnungen – und für die Gegner dieses Milieus eben auch für das, was sie ablehnen.

Wer Alice Weidel betrachtet, sieht deshalb nicht nur Alice Weidel. Er sieht die AfD. Und genau das verändert die Wahrnehmung.

Die politische Psychologie beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie stark unsere politischen Bindungen beeinflussen, wie wir andere Menschen beurteilen. Die Antwort fällt ernüchternd aus: ziemlich stark.

Menschen bewerten Vertreter der eigenen politischen Seite häufig großzügiger. Informationen, die zur eigenen Überzeugung passen, erscheinen glaubwürdiger; Widersprüche werden eher erklärt oder relativiert. Das geschieht nicht nur bei einer bestimmten Partei und auch nicht nur auf einer Seite des politischen Spektrums. Wir hören einen Satz eben nicht nur danach, was gesagt wird. Wir hören auch darauf, wer ihn sagt.

Das ist bei der Beurteilung politischer Persönlichkeiten besonders interessant. In der Forschung spielen dabei unter anderem zwei Eigenschaften eine Rolle: Wärme und Kompetenz. Wir wollen wissen, ob uns jemand wohlgesonnen ist. Und wir wollen wissen, ob er etwas kann und etwas durchsetzen kann. Beides muss nicht zusammenfallen.

Ein Politiker kann sympathisch und zugewandt wirken, aber nicht besonders entschlossen. Ein anderer kann ausgesprochen kühl auftreten und gerade dadurch den Eindruck vermitteln, er werde sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen. Das ist der Punkt, an dem sich die Wahrnehmung dreht. Der eine sieht einen Menschen, der sich für etwas Besseres hält. Der andere sieht jemanden, der sich nicht einschüchtern lässt. Beide müssen dafür nicht lügen. Sie müssen nicht einmal unterschiedliche Dinge beobachtet haben. Sie geben demselben Verhalten nur eine andere Bedeutung.

Das kann bei dominanten Führungspersönlichkeiten besonders deutlich werden. Eine internationale Studie mit mehr als 140.000 Teilnehmern aus 69 Ländern zeigte, dass unter Bedingungen wirtschaftlicher Unsicherheit und eines empfundenen Kontrollverlusts die Neigung zu dominanten Führungspersönlichkeiten zunehmen kann.

Das heißt nicht, dass AfD-Wähler verunsichert sind. Und es heißt schon gar nicht, dass man ihre Wahlentscheidung damit erklären könnte. Es zeigt aber etwas anderes: Dominanz ist nicht unter allen Umständen ein Nachteil. Sie kann als Stärke gelesen werden.

Man kennt das aus Situationen, die mit Politik zunächst nichts zu tun haben. Wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten steckt, wünschen sich manche Mitarbeiter einen Chef, der zuhört, abwägt und Unsicherheit offen zugibt. Andere wollen jemanden, der eine Entscheidung trifft und sie nicht fünfmal erklärt.

Der eine sagt: Endlich hört uns jemand zu. Der andere: Endlich entscheidet einer. Beides kann vernünftig sein. Es hängt davon ab, was man gerade erwartet. In der Politik kommt die Zugehörigkeit hinzu. Und sie kann solche Unterschiede noch verstärken. Wer eine Politikerin grundsätzlich aus dem eigenen Lager betrachtet, wird manche ihrer Eigenschaften anders bewerten. Das gilt auch dann, wenn er sich selbst für völlig objektiv hält.

Vielleicht ist das einer der unangenehmsten Aspekte politischer Polarisierung: Wir halten unsere eigenen Maßstäbe für allgemeingültig und bemerken oft nicht, wie großzügig wir sie anwenden. Bei Alice Weidel lässt sich dieses Problem besonders gut beobachten. Sie tritt kontrolliert auf, häufig kühl und sehr sicher. Sie vermittelt nicht den Eindruck, dass sie die Zustimmung des Gegenübers unbedingt braucht. Das kann souverän wirken. Es kann aber genauso gut überheblich wirken.

Bis hierhin wäre es tatsächlich nur eine Frage der Wahrnehmung. Nur bleibt es bei Weidel nicht dabei. Ihr Auftreten ist Teil einer politischen Kommunikation, die häufig sehr scharf ist. Die AfD hat in den vergangenen Jahren Begriffe und politische Forderungen in die öffentliche Debatte gebracht, die weit über eine gewöhnliche Auseinandersetzung mit der Bundesregierung hinausgehen. „Remigration“ ist dafür nur das bekannteste Beispiel. Auch Weidels Rhetorik gegenüber politischen Gegnern und etablierten Institutionen ist immer wieder Gegenstand heftiger Kritik gewesen.

Das sollte man nicht einfach unter „unterschiedliche Wahrnehmung“ verbuchen. Denn es gibt einen Unterschied zwischen einer Politikerin, die selbstbewusst auftritt, und einer politischen Sprache, die andere Menschen abwertet. Zwischen Klarheit und Aggressivität. Zwischen der Fähigkeit, sich gegen Kritik zu behaupten, und der Vorstellung, Kritik sei grundsätzlich illegitim.

Diese Grenze wird in der politischen Auseinandersetzung allerdings schnell unscharf. Für einen Weidel-Anhänger kann ein harter Satz bedeuten: Sie traut sich etwas. Für ihren Gegner bedeutet derselbe Satz vielleicht: Sie überschreitet eine Grenze.

Und hier kommt die sogenannte motivierte Kognition ins Spiel. Menschen verarbeiten politische Informationen nicht völlig unabhängig von ihren Überzeugungen und sozialen Bindungen. Wir suchen nicht immer nach der Information, die unsere Meinung widerlegt. Wir sind häufig empfänglicher für das, was in unser bereits bestehendes Bild passt. Das geschieht meistens nicht mit dem Vorsatz, sich selbst zu täuschen.

Niemand sitzt vor dem Fernseher und denkt: „Ich weiß, dass sie arrogant ist. Das werde ich jetzt verdrängen.“ So funktioniert es vermutlich nicht. Es kann viel einfacher sein.

  • „Die lässt sich wenigstens nichts gefallen.“ „Die sagt, was sie denkt.“
  • „Die hat keine Angst vor denen.“
  • Mit einem anderen politischen Hintergrund wird daraus:
  • „Die hält sich für etwas Besseres.“
  • „Die ist kalt.“
  • „Die behandelt andere von oben herab.“

Interessant ist deshalb nicht unbedingt, welche Beschreibung am Ende „die richtige“ ist. Interessant ist, dass beide Seiten ihre eigene Beschreibung für selbstverständlich halten können. Und damit erklärt sich vielleicht auch ein Teil der politischen Fassungslosigkeit, die nach Wahlen entsteht. Menschen sehen einen Politiker und denken: Das kann doch nicht funktionieren.

Nicht mit diesem Ton. Nicht mit dieser Sprache. Nicht mit diesem Auftreten. Aber warum eigentlich nicht?

Vielleicht funktioniert es gerade deshalb.

Nicht ausschließlich, selbstverständlich. Wahlen werden nicht nach Körpersprache entschieden. Migration, wirtschaftliche Sorgen, politische Entfremdung, Protest gegen etablierte Parteien und konkrete politische Positionen spielen eine wichtige Rolle. Wer den Erfolg der AfD ausschließlich psychologisch erklären will, macht es sich zu einfach.

Trotzdem ist die Person Teil des politischen Angebots. Und manchmal wird genau das als Stärke empfunden, was andere für einen Charakterfehler halten. Eine Politikerin wirkt nicht angepasst? Gut. Sie scheint sich nicht um die Zustimmung ihrer Gegner zu bemühen? Umso besser. Sie reagiert auf Kritik nicht mit Entschuldigung, sondern mit Gegenangriff? Für den einen ein Warnsignal. Für den anderen der Beweis, dass sie „sich nicht verbiegen lässt“.

Das macht politische Kritik schwieriger. Denn wenn man einem Menschen immer wieder sagt, wie unsympathisch sein politischer Favorit sei, setzt man voraus, dass beide Seiten überhaupt dasselbe unter Sympathie verstehen. Das muss nicht so sein.

Vielleicht will der Wähler gar keinen Politiker, den er gerne zum Abendessen einladen würde. Vielleicht will er jemanden, der seine Interessen vertritt. Vielleicht ist ihm ein freundlicher Politiker sogar suspekt, wenn Freundlichkeit für ihn nach Anpassung aussieht.

Politische Wahl ist schließlich keine Partnerwahl. Man muss einen Politiker nicht mögen, um ihn zu wählen. Und man muss ihn nicht für sympathisch halten, um seine Härte zu schätzen. Gerade deshalb halte ich den Begriff der „Blindheit“ für problematisch. Blindheit klingt so, als gäbe es eine eindeutige Wahrheit, die jeder vernünftige Mensch erkennen müsste. Bei politischen Charaktereigenschaften ist das selten so einfach. Man kann Verhalten beschreiben. Man kann Aussagen überprüfen. Man kann politische Positionen analysieren.

Aber aus einem Gesichtsausdruck wird nicht automatisch „Arroganz“. Aus einem kurzen Satz wird nicht automatisch „Kälte“. Und aus Entschlossenheit wird nicht automatisch „Stärke“. Die Bedeutung entsteht im Kopf des Betrachters.

Das heißt allerdings nicht, dass alles beliebig wäre. Das wäre die andere bequeme Ausrede.

Wenn ein Politiker politische Gegner pauschal herabsetzt, demokratische Institutionen delegitimiert oder bestimmte Gruppen zum Problem erklärt, kann man das kritisieren. Man muss nicht sagen: Das ist eben nur eine andere Perspektive. Die psychologische Erklärung darf nicht zur politischen Entschuldigung werden. Vielleicht liegt gerade darin der entscheidende Punkt bei Weidel.

Ihre Wirkung lässt sich nicht allein damit erklären, dass ihre Anhänger „etwas anderes sehen“. Sie sehen möglicherweise sehr genau, was sie tut. Sie bewerten es nur anders – und manchmal ist genau diese Härte ein Teil dessen, was sie überzeugt.

Das ist unangenehmer als die Vorstellung, die Wähler seien einfach blind. Denn gegen Blindheit kann man Fakten liefern. Gegen eine andere Bewertung hilft das nicht unbedingt. Wer Arroganz sieht, kann nicht einfach beweisen, dass der andere darin Stärke sehen muss. Wer Härte als Rückgrat versteht, wird sich von der Beschreibung „aggressiv“ nicht automatisch überzeugen lassen.

Vielleicht ist deshalb auch die übliche politische Empörung nicht besonders erfolgreich. Sie sagt dem anderen immer wieder: Du musst doch sehen, wie diese Person ist. Aber vielleicht sieht er es. Vielleicht sieht er nur etwas anderes darin. Und trotzdem sollte man an diesem Punkt nicht aufhören zu urteilen.

Denn politische Stärke und politische Geringschätzung sind nicht dasselbe. Wer Widerspruch grundsätzlich als Schwäche behandelt, politische Gegner pauschal abwertet oder ihnen die Legitimität abspricht, ist deshalb noch kein starker Demokrat. Entschlossenheit ist eine politische Eigenschaft. Respekt vor dem Gegner ist eine andere.

Beides kann zusammengehen. Es muss aber nicht.

Vielleicht sehen Weidels Wähler die Härte tatsächlich. Vielleicht sehen sie auch die Kälte, die ihre Gegner beklagen. Vielleicht nehmen sie sogar die Radikalität wahr, über die sich andere empören. Nur bewerten sie all das anders. Das ist kein Freispruch für Alice Weidel. Es ist der Versuch zu verstehen, warum die Kritik an ihr bei einem Teil ihrer Wähler nicht ankommt – und warum sie manchmal sogar das Gegenteil bewirken kann.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, warum so viele Menschen Alice Weidel sympathisch finden. Sie lautet, warum Eigenschaften, die für den einen nach Arroganz, Kälte oder Verachtung aussehen, für den anderen als Beweis von Stärke, Unabhängigkeit und Entschlossenheit funktionieren.

Vielleicht ist die Arroganz tatsächlich sichtbar. Vielleicht ist sie nur nicht das, was ihre Wähler stört. Vielleicht ist sie sogar ein Teil dessen, was sie wählen.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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