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  • 9. Oktober 2026 9:23

Bildung entscheidet nicht, was wir wählen – aber wie wir wählen

ByAnton Aeberhard

Sep. 8, 2026

Immer wieder hört man den Satz: „Bildung hat doch nichts damit zu tun, wie jemand wählt.“ Dahinter steckt ein nachvollziehbarer Gedanke. Jeder Mensch hat unabhängig von seinem Schulabschluss das gleiche demokratische Recht. Eine Stimme ist eine Stimme. Und natürlich bedeutet ein Hochschulabschluss nicht automatisch, dass jemand politisch klüger entscheidet.

Trotzdem greift die Aussage, Bildung habe mit Wahlen und Abstimmungen nichts zu tun, zu kurz. Die Forschung zeigt seit Jahren einen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau, politischem Wissen, politischem Interesse und der Wahrscheinlichkeit, sich überhaupt an Wahlen oder Abstimmungen zu beteiligen.

Das bedeutet aber nicht, dass höher gebildete Menschen „besser“ oder „richtiger“ wählen. Darum geht es auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, welche Voraussetzungen Menschen haben, wenn sie eine politische Entscheidung treffen.

Das zeigt sich schon bei der politischen Beteiligung. Internationale Daten der OECD zeigen, dass Menschen mit höherem Bildungsniveau im Durchschnitt häufiger wählen. In 20 von 24 untersuchten OECD-Ländern lag die selbstberichtete Wahlbeteiligung von Menschen mit tertiärer Bildung über derjenigen von Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau. Im Durchschnitt gaben 84 Prozent der Personen mit tertiärer Bildung an, gewählt zu haben. Bei Personen mit maximal sekundärer Bildung waren es 78 Prozent.

Natürlich kann man daraus nicht einfach schließen, dass der Bildungsabschluss selbst dafür verantwortlich ist. Das wäre zu einfach. Menschen mit höherer Bildung unterscheiden sich im Durchschnitt auch beim Einkommen, beim Beruf, im sozialen Umfeld, beim Zugang zu Informationen und beim politischen Interesse. All das kann ebenfalls eine Rolle spielen.

Die Frage ist deshalb nicht nur, ob Bildung und politische Beteiligung zusammenhängen. Das tun sie. Interessanter ist, warum das so ist und welchen Anteil Bildung selbst daran hat. Eine mögliche Erklärung liegt im politischen Wissen. Wer politische Entscheidungen beurteilen möchte, muss dafür kein Politikwissenschaftler sein. Ein gewisses Grundverständnis kann aber einen Unterschied machen. Man sollte zum Beispiel erkennen können, welche politische Ebene für eine bestimmte Entscheidung zuständig ist, was eine Gesetzesänderung tatsächlich bewirkt oder ob eine Behauptung überhaupt durch Zahlen und andere Belege gestützt wird.

Gerade bei Abstimmungen wird das deutlich. Bei einer Parlamentswahl kann die Entscheidung stark von grundsätzlichen politischen Überzeugungen geprägt sein. Bei einer Sachabstimmung geht es dagegen um eine konkrete Vorlage. Was wird genau geändert? Welche Folgen sind vorgesehen? Welche Argumente von Befürwortern und Gegnern lassen sich tatsächlich mit Fakten belegen? Und was ist eigentlich sicher – und was ist nur eine Prognose?

Dafür braucht es keinen bestimmten Abschluss. Aber es braucht Fähigkeiten, die durch Bildung gefördert werden können: Informationen verstehen, Argumente einordnen, Quellen kritisch hinterfragen und zwischen einer Behauptung und einem Beleg unterscheiden. Auch die OECD versteht politische Bildung nicht einfach als das Auswendiglernen politischer Fakten. Es geht ebenso um Fähigkeiten und um das Gefühl, politische Prozesse verstehen und selbst beeinflussen zu können. Dieses Gefühl politischer Selbstwirksamkeit hängt wiederum mit politischer Beteiligung zusammen.

Die Politikwissenschaft beschäftigt sich schon lange mit der Frage, ob Bildung tatsächlich einen eigenständigen Einfluss auf politische Beteiligung hat. Eine vielzitierte Studie von Christopher Kam und John Palmer aus dem Jahr 2008 ging genau dieser Frage nach. Sie untersuchte, ob der Zusammenhang zwischen Bildung und politischer Beteiligung wirklich auf Bildung zurückzuführen ist oder ob andere Unterschiede zwischen höher und niedriger gebildeten Menschen dahinterstehen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn zwei Gruppen unterschiedlich häufig wählen, reicht es nicht zu sagen: Die eine Gruppe ist gebildeter, deshalb geht sie häufiger wählen. Es kann viele andere Gründe dafür geben. Auch andere Untersuchungen haben versucht, diesen Zusammenhang besser zu verstehen, unter anderem anhand von Bildungsreformen oder Veränderungen der Schulpflicht. Die Ergebnisse sind nicht in allen Punkten gleich. Insgesamt gibt es aber Hinweise darauf, dass zusätzliche Bildung zumindest teilweise tatsächlich politische Beteiligung beeinflussen kann.

Damit ist allerdings noch lange nicht gesagt, dass Bildung Menschen automatisch zu besseren Wählern macht. Das wäre eine ziemlich falsche und auch elitäre Schlussfolgerung. Ein Mensch mit Universitätsabschluss kann genauso Vorurteile haben, politische Informationen falsch einschätzen oder einer populistischen Behauptung glauben. Umgekehrt kann jemand ohne höheren Bildungsabschluss politische Zusammenhänge sehr gut verstehen und sich intensiv mit einer Abstimmungsvorlage beschäftigen.

Ein Bildungsabschluss ist also kein Gütesiegel für politische Urteilsfähigkeit.

Das gilt auch im Zeitalter sozialer Medien. Gut ausgebildete Menschen sind nicht automatisch vor Desinformation geschützt. Eine aktuelle Meta-Analyse zur Online-Desinformation zeigt, dass die Fähigkeit, wahre von falschen Informationen zu unterscheiden, von vielen psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird. Bildung ist dabei nur einer von mehreren Faktoren.

Dazu kommt etwas sehr Menschliches: Wir suchen Informationen nicht immer völlig unvoreingenommen. Unsere politischen Überzeugungen, persönlichen Erfahrungen und die Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen, beeinflussen, welchen Quellen wir vertrauen und welche Argumente uns überzeugen.

Ein hoher Bildungsabschluss schützt deshalb weder vor politischer Ideologie noch vor Bestätigungsfehlern. Aber daraus folgt eben nicht, dass Bildung keine Rolle spielt. Zwischen „Bildung macht Menschen zu besseren Wählern“ und „Bildung hat keinen Einfluss auf politische Entscheidungen“ liegt ein ziemlich großer Bereich. Und genau dort liegt ein großer Teil der Forschung.

Bildung kann zum Beispiel dabei helfen, komplexe Informationen schneller zu erfassen. Sie kann den Zugang zu unterschiedlichen Informationsquellen erleichtern und das Verständnis für statistische Zusammenhänge verbessern. Außerdem kann sie dazu beitragen, dass Menschen sich eher zutrauen, politische Themen selbstständig zu beurteilen. Gerade bei Volksabstimmungen ist das relevant. Eine Abstimmung ist keine einfache Meinungsumfrage. Die Bürgerinnen und Bürger entscheiden unmittelbar über eine politische Sachfrage. Je komplizierter eine Vorlage ist, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Informationen zu verstehen und unterschiedliche Argumente gegeneinander abzuwägen.

Dabei sollte man aber einen Punkt nicht vergessen: Mehr Bildung führt nicht automatisch zu einer bestimmten politischen Richtung. Zwei Menschen können dieselben Fakten kennen und trotzdem zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen. Der eine legt vielleicht mehr Wert auf individuelle Freiheit, der andere auf soziale Sicherheit. Einer hält mögliche wirtschaftliche Folgen für besonders wichtig, während für die andere Person ökologische oder gesellschaftliche Auswirkungen im Vordergrund stehen.

Das ist kein Zeichen mangelnder Bildung. Solche Unterschiede gehören zur Demokratie. Bildung sollte deshalb auch nicht dazu dienen, Menschen beizubringen, was sie wählen oder wie sie abstimmen sollen. Dann wäre man schnell nicht mehr bei politischer Bildung, sondern bei politischer Beeinflussung. Das Ziel sollte etwas anderes sein: Menschen sollen in der Lage sein, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Und genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt. Eine demokratische Gesellschaft braucht keine Bürgerinnen und Bürger, die alle dasselbe denken. Sie braucht Menschen, die sich mit politischen Fragen auseinandersetzen, Informationen überprüfen und anschließend zu einer eigenen Entscheidung kommen können. Genau deshalb ist Bildung demokratiepolitisch relevant. Es geht nicht darum, dass jemand mit höherem Bildungsabschluss mehr Recht auf seine politische Meinung hätte. Im Gegenteil. In einer Demokratie muss jede Stimme denselben Wert haben. Politische Rechte dürfen nicht vom Bildungsniveau abhängen.

Die Herausforderung ist eine andere: Die Voraussetzungen für informierte politische Beteiligung sollten möglichst breit verteilt sein. Denn wenn politisches Wissen, Medienkompetenz und das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit stark vom Elternhaus, vom Einkommen oder vom Bildungsweg abhängen, entsteht eine andere Form politischer Ungleichheit. Formal haben alle dieselben Rechte. Aber nicht alle haben dieselben Möglichkeiten, diese Rechte informiert wahrzunehmen.

Deshalb ist die Frage nach Bildung bei Wahlen und Abstimmungen keineswegs nebensächlich. Sie gehört zu den grundlegenden Fragen einer demokratischen Gesellschaft. Die Forschung rechtfertigt weder die Behauptung, gebildete Menschen würden automatisch besser abstimmen, noch die gegenteilige Behauptung, Bildung spiele überhaupt keine Rolle.

Die empirischen Befunde sprechen für eine nüchterne Schlussfolgerung: Bildung steht in einem robusten Zusammenhang mit politischer Beteiligung und politischem Wissen und kann Fähigkeiten fördern, die Menschen dabei helfen, politische Informationen zu verstehen und eigenständig zu bewerten. Wie groß der unmittelbare kausale Einfluss eines Bildungsabschlusses tatsächlich ist, hängt allerdings von vielen weiteren Faktoren ab und wird in der Forschung differenziert diskutiert.

Vielleicht lässt sich die ganze Diskussion am einfachsten so zusammenfassen:

Bildung entscheidet nicht darüber, welche Meinung ein Mensch haben soll. Aber sie kann entscheidend dafür sein, wie gut ein Mensch in der Lage ist, sich diese Meinung selbst zu bilden.

Und genau deshalb spielt Bildung bei Wahlen und Abstimmungen eben doch eine große Rolle.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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