Warum die Vereinten Nationen über Weltkarten streiten – und weshalb keine von ihnen die Erde unverzerrt zeigen kann
Wer eine Weltkarte betrachtet, hält sie leicht für eine ziemlich genaue Beschreibung der Wirklichkeit. Die Kontinente sind dort, die Grenzen sind eingezeichnet, und auch die Größenverhältnisse scheinen auf den ersten Blick selbstverständlich. Erst ein Vergleich macht stutzig: Grönland wirkt auf vielen Karten fast so groß wie Afrika. Tatsächlich ist Afrika rund vierzehnmal größer.
Der Grund dafür ist nicht ein Fehler in den geografischen Daten. Es ist die Art, wie die Erde auf eine flache Fläche übertragen wird.
Über diese Frage haben nun die Vereinten Nationen abgestimmt. Die Generalversammlung nahm am 4. September eine Resolution an, die eine stärkere Verwendung flächentreuer Weltkarten empfiehlt. 164 Staaten stimmten dafür, sechs enthielten sich, die Vereinigten Staaten dagegen. Die Entscheidung hat vor allem symbolischen Charakter. Sie schreibt niemandem vor, künftig eine bestimmte Weltkarte zu verwenden, und sie verbietet insbesondere nicht die seit Jahrhunderten bekannte Mercator-Projektion.
Im Mittelpunkt der Debatte steht die Equal-Earth-Projektion. Sie wurde 2018 von den Kartographen Bojan Šavrič, Tom Patterson und Bernhard Jenny vorgestellt. Ihr entscheidender Vorzug besteht darin, dass die Flächen der Kontinente und Länder in ihrem Verhältnis zueinander erhalten bleiben.
Damit wird Afrika nicht größer. Es wird nur nicht länger durch die Projektion kleiner dargestellt. Das ist ein Unterschied, der in der politischen Debatte leicht verloren geht.
Mercator war für einen anderen Zweck gedacht
Gerardus Mercator, der flämische Kartograph, veröffentlichte seine berühmte Weltkarte im Jahr 1569. Seine Projektion war vor allem für die Seefahrt von Bedeutung. Sie bildet Winkel besonders zuverlässig ab und hat die für die Navigation wichtige Eigenschaft, dass Linien eines konstanten Kurses als gerade Linien dargestellt werden können. Für einen Seefahrer war das ein großer Vorteil.
Für den Vergleich der Größe von Kontinenten ist dieselbe Eigenschaft allerdings wenig hilfreich. Die Mercator-Projektion vergrößert die Flächen, je weiter sie vom Äquator entfernt liegen. In den Polarregionen wird dieser Effekt besonders stark.
Grönland erscheint deshalb auf einer Mercator-Karte riesig. Auch Nordeuropa, Kanada und Russland werden deutlich größer dargestellt, als es ihrem tatsächlichen Flächenanteil entspricht. Afrika liegt dagegen zu großen Teilen in niedrigeren Breiten und erscheint im Vergleich kleiner. Das bedeutet nicht, dass Mercator eine „falsche“ Karte ist. Sie beantwortet eine andere Frage. Der amerikanische Geological Survey weist deshalb darauf hin, dass es keine Weltkartenprojektion gibt, die zugleich Flächen, Formen, Entfernungen und Richtungen überall unverzerrt wiedergibt. Welche Projektion sinnvoll ist, hängt vom Zweck der Karte ab. Das klingt banal, ist für die aktuelle Diskussion aber entscheidend.
Eine neue Karte löst das alte Problem nicht
Equal Earth setzt andere Prioritäten. Die Projektion ist flächentreu. Wer wissen möchte, wie groß Afrika im Verhältnis zu Europa oder Grönland ist, erhält damit eine wesentlich aussagekräftigere Darstellung. Dafür gehen andere Eigenschaften verloren. Formen und Winkel können nicht überall so erhalten werden wie bei Mercator, auch Entfernungen lassen sich nicht einfach von der Karte ablesen.
Das ist kein besonderer Fehler von Equal Earth. Es ist das grundsätzliche Problem jeder Weltkarte. Die Erde ist annähernd kugelförmig. Eine Karte ist flach. Beides lässt sich nicht ohne Verzerrung miteinander verbinden. In der Kartographie ist das seit langem bekannt. Man kann sich dem Problem auf unterschiedliche Weise nähern, aber man kann es nicht abschaffen. Jede Projektion entscheidet letztlich darüber, welche Eigenschaft der Erde besonders zuverlässig dargestellt werden soll. Eine Weltkarte ist deshalb immer auch ein Kompromiss.
Aus Kartographie wird Politik
Dass die Vereinten Nationen sich überhaupt mit dieser Frage befassen, hat mit mehr zu tun als mit Mathematik. Die Befürworter der Initiative sehen in Weltkarten auch ein Instrument der politischen Wahrnehmung. Wenn Europa und Nordamerika auf einer häufig verwendeten Karte vergleichsweise groß erscheinen und Afrika klein, so könne dies Vorstellungen über die Bedeutung und Größe einzelner Weltregionen beeinflussen.
Diese Überlegung ist nicht von vornherein abwegig. Karten sind schließlich Darstellungen und keine neutralen Abbilder. Was auf einer Karte groß erscheint, nimmt auch visuell mehr Raum ein. Allerdings sollte man daraus nicht vorschnell eine wissenschaftlich bewiesene Ursache-Wirkungs-Beziehung machen.
Dass die Mercator-Projektion Flächen in hohen Breiten vergrößert, lässt sich mathematisch eindeutig zeigen. Ob und in welchem Umfang diese Darstellung das politische oder kulturelle Weltbild von Menschen verändert, ist eine andere Frage. Dafür wären Untersuchungen nötig, die den Einfluss von Karten mit anderen Faktoren vergleichen – etwa Unterricht, Medien, historischen Erfahrungen und politischen Machtverhältnissen. Die These vom „kolonialen Weltbild“ lässt sich deshalb nicht einfach aus der Geometrie der Mercator-Projektion ableiten.
Welche Karte soll ins Klassenzimmer?
Vielleicht liegt hier der interessanteste Punkt der ganzen Debatte. Die Frage sollte nicht lauten, welche Karte künftig die einzig richtige sein soll. Sinnvoller wäre es, unterschiedliche Projektionen nebeneinander zu zeigen. Auf einer Mercator-Karte lässt sich erklären, warum sie für die Navigation so erfolgreich war. Auf einer flächentreuen Projektion lässt sich zeigen, wie groß die Kontinente tatsächlich im Verhältnis zueinander sind. Andere Projektionen wiederum versuchen, Flächen- und Formverzerrungen unterschiedlich miteinander auszugleichen.
Damit würde aus dem Streit über eine Weltkarte eine kleine Lektion über wissenschaftliche Modelle. Denn Modelle müssen auswählen. Sie können die Wirklichkeit nicht in jeder Hinsicht gleichzeitig bewahren. Das gilt nicht nur für Karten. Es gilt überall dort, wo eine komplizierte Wirklichkeit vereinfacht werden muss, damit sie überhaupt dargestellt werden kann.

Equal Earth und Mercator im direkten Vergleich. Karte: Equal Earth Lab, auf Grundlage von Natural Earth 5.1.2. Quelle: Equal Earth Lab – Presentation Maps
Was die UN-Resolution tatsächlich verändert
Die Abstimmung in New York wird deshalb an der Kartographie selbst zunächst wenig ändern. Mercator wird nicht verschwinden. Navigationskarten werden nicht plötzlich anders funktionieren, und auch digitale Kartendienste werden nicht aufgrund der Resolution ihre Projektionen austauschen müssen.
Verändern könnte sich eher die Aufmerksamkeit dafür, welche Weltkarte für welchen Zweck verwendet wird. Das wäre durchaus sinnvoll. Eine Karte, die Größenverhältnisse vermitteln soll, sollte Flächen nicht unnötig verzerren. Eine Karte für die Navigation braucht andere Eigenschaften. Und eine politische Weltkarte kann wieder andere Anforderungen haben. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Mercator oder Equal Earth die „wahre“ Welt zeigen. Keine von beiden kann das.
Die eine bewahrt bestimmte Winkel und Richtungen, die andere die Flächenverhältnisse. Beide machen dabei Kompromisse. Vielleicht ist das die nüchternste Lehre aus der politischen Auseinandersetzung: Nicht die Welt hat sich verändert, sondern unser Blick auf ihre Darstellung. Und wer eine Weltkarte künftig betrachtet, sollte sich gelegentlich fragen, was er dort eigentlich sieht – die Erde oder eine bestimmte mathematische Entscheidung darüber, wie die Erde auf ein Blatt Papier passt.
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