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  • 9. Oktober 2026 9:40

Die Zahl, die es nie gab

BySarah Koller

Sep. 6, 2026

Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verbreitet sich eine angebliche INSA-Umfrage. Sie sieht aus wie eine gewöhnliche Wahlgrafik und weist der AfD 46 Prozent zu. Das Problem: INSA hat diese Umfrage nicht veröffentlicht. Die tatsächlichen Erhebungen liegen niedriger – und zeigen trotzdem einen außergewöhnlich starken AfD-Wert.

Auf den ersten Blick ist nichts Spektakuläres zu sehen. Ein Balkendiagramm, Parteifarben, Prozentzahlen, darüber der Name eines bekannten Meinungsforschungsinstituts. So sehen Wahlumfragen aus, wie sie vor Wahlen täglich durch soziale Netzwerke und Nachrichtenseiten laufen.

In diesem Fall steht bei der AfD: 46 Prozent. Die Grafik ist falsch.

Eine solche Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA gibt es nicht. Das Institut hat gegenüber der Nachrichtenagentur AFP bestätigt, die Erhebung nicht durchgeführt zu haben. Auch die „Mitteldeutsche Zeitung“, die auf der Grafik als Auftraggeber genannt wird, hat die Umfrage nicht in Auftrag gegeben. Faktenchecker fanden darüber hinaus mehrere Auffälligkeiten in der Gestaltung und bei den angegebenen Umfragedaten. Die Grafik wurde demnach mithilfe künstlicher Intelligenz gefälscht.

Das Bemerkenswerte an der Fälschung ist nicht allein, dass sie erfunden wurde. Es ist die Nähe zur Realität. Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt tatsächlich weit vor der CDU. Nur eben nicht bei 46 Prozent.

Die tatsächlichen Umfragen

Die jüngsten seriösen Erhebungen zeichnen ein bemerkenswert geschlossenes Bild. Die Forschungsgruppe Wahlen ermittelte für das ZDF 41 Prozent für die AfD und 23 Prozent für die CDU. Befragt wurden 1.044 Wahlberechtigte zwischen dem 1. und 3. September. INSA kam in seiner Erhebung vom 26. August bis zum 1. September auf 43 Prozent für die AfD und 22 Prozent für die CDU. Infratest dimap sah die AfD Ende August bei 42 Prozent und die CDU bei 22 Prozent.

Die Unterschiede zwischen den Instituten sind damit gering. Der AfD-Wert bewegt sich in den jüngsten Erhebungen zwischen 41 und 43 Prozent. 46 Prozent liegen außerhalb dieses Korridors.

Das ist politisch relevant, obwohl es sich nur um wenige Prozentpunkte handelt. Eine Umfrage mit 46 Prozent vermittelt einen anderen Eindruck als eine mit 41 Prozent. Sie legt die Vorstellung einer Partei nahe, die einer eigenen Mehrheit besonders nahekommt.

Allerdings wäre auch daraus keine automatische Regierungsmehrheit abzuleiten. Für die Sitzverteilung im Landtag zählt nicht allein der Stimmenanteil einer Partei. Entscheidend ist auch, welche anderen Parteien die Sperrklausel überwinden und wie sich die Sitze anschließend verteilen. Die aktuellen Umfragen sehen neben AfD und CDU auch Linke, SPD und Grüne im Landtag; BSW und FDP liegen unter fünf Prozent. Die Zahl 46 ist also keine bloße Rundung eines realen Ergebnisses. Sie verändert die Größenordnung.

Warum gerade diese Fälschung plausibel wirkt

Desinformation ist besonders dann anschlussfähig, wenn sie nicht völlig losgelöst von bekannten Tatsachen ist. In Sachsen-Anhalt braucht es derzeit keine erfundene Erfolgsgeschichte der AfD. Die tatsächlichen Umfragen liefern bereits eine. Die Partei liegt seit Monaten bei beziehungsweise über 40 Prozent. Schon im Mai hatte Infratest dimap 41 Prozent gemessen.

Die Fälschung setzt deshalb nicht am Anfang der Geschichte an. Sie setzt am Ende an. Aus einem sehr hohen Umfragewert wird ein noch höherer. Aus einem deutlichen Vorsprung wird eine vermeintlich bevorstehende absolute Mehrheit. Und aus einer Grafik, die auf den ersten Blick wie ein journalistisches Dokument aussieht, wird ein scheinbarer Beleg.

Gerade diese Nähe zur Realität erschwert die Einordnung. Wer die politische Lage in Sachsen-Anhalt verfolgt, muss die Zahl 46 Prozent nicht für absurd halten. Sie erscheint zunächst lediglich als besonders gutes Ergebnis innerhalb eines ohnehin starken Trends. Das macht die Überprüfung der Quelle wichtiger als die Plausibilität der Zahl.

Eine Umfrage ist keine Prognose

Hinzu kommt ein zweites Missverständnis, das im Wahlkampf regelmäßig auftritt: Umfragewerte sind keine Vorhersagen des Wahlergebnisses. Eine repräsentative Stichprobe soll die Wahlabsichten einer größeren Bevölkerung abbilden. Sie bleibt aber eine Stichprobe. Damit ist sie mit statistischer Unsicherheit verbunden. Außerdem können sich Wahlabsichten verändern, und nicht jeder Befragte verhält sich bei einer Umfrage so, wie er später an der Wahlurne handeln wird.

Wie groß die Unsicherheit ist, hängt unter anderem von Stichprobengröße und methodischem Vorgehen ab. Eine einzelne Zahl sollte deshalb nie als exakte Messung der „wahren“ politischen Stimmung verstanden werden. Das gilt auch für die echten 41, 42 oder 43 Prozent.

Bemerkenswert ist vielmehr, dass mehrere Institute unabhängig voneinander einen ähnlichen Befund liefern. Die aktuellen Erhebungen unterscheiden sich bei den Methoden und Feldzeiten, weisen aber alle auf einen deutlichen Vorsprung der AfD hin. Auch der Blick zurück mahnt zur Vorsicht. Bei der Landtagswahl 2021 unterschätzten die Umfragen die CDU deutlich. Wahlforscher führen das unter anderem darauf zurück, dass sich kurz vor der Wahl Wähler zugunsten des damaligen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff mobilisierten. Für 2026 erwarten die befragten Wahlforscher keinen vergleichbaren Effekt.

Das bedeutet nicht, dass die jetzigen Umfragen zwangsläufig richtig liegen. Es bedeutet nur, dass aus ihnen keine Gewissheit über den Ausgang des Sonntags gewonnen werden kann.

Was die künstliche Grafik tatsächlich zeigt

Der Einsatz künstlicher Intelligenz verändert an diesem Grundproblem zunächst wenig. Eine erfundene Umfrage war auch vor generativer KI möglich. Neu ist vor allem, wie einfach sich heute das äußere Erscheinungsbild eines seriösen Dokuments nachbilden lässt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Sieht die Grafik echt aus?

Sie lautet: Wo ist die Quelle?

Im konkreten Fall ist die Antwort schnell gefunden. INSA hat die angebliche Umfrage nicht durchgeführt. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ hat sie nicht in Auftrag gegeben. Die veröffentlichten Werte der tatsächlichen Institute liegen niedriger. Mehr lässt sich aus dem Fall allerdings nicht seriös ableiten. Insbesondere ist damit nicht geklärt, wer die Grafik hergestellt hat, wer sie zuerst verbreitete oder ob dahinter eine organisierte politische Kampagne stand. Dafür wären weitere Belege notwendig.

Das ist eine wichtige Grenze der Berichterstattung über Desinformation. Aus einer falschen Information wird nicht automatisch eine beweisbare Verschwörung.

Das größere Problem liegt bei der Quelle

Die politische Wirkung einer einzelnen falschen Grafik lässt sich kaum messen. Ob jemand wegen der 46 Prozent anders wählt, sich stärker mobilisiert oder die Wahlentscheidung überhaupt verändert, ist aus dem Auftauchen der Grafik allein nicht abzuleiten. Wissenschaftlich wäre es deshalb nicht haltbar, der Fälschung einen konkreten Einfluss auf das Wahlergebnis zuzuschreiben.

Das heißt nicht, dass solche Inhalte bedeutungslos sind. Forschung und politische Kommunikationswissenschaft beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, wie digitale Desinformation politische Wahrnehmung beeinflussen kann. Dabei ist die Wirkung nicht so einfach, wie es manche Debatten nahelegen. Künstlich erzeugte Inhalte können die Herstellung und Verbreitung irreführender Informationen erleichtern; daraus folgt aber nicht automatisch ein messbarer Einfluss auf eine Wahlentscheidung. Für den einzelnen Wähler bleibt deshalb eine vergleichsweise unspektakuläre, aber wirksame Methode: die Quelle prüfen.

Bei einer Wahlumfrage sind das zunächst das Institut, der Auftraggeber, der Befragungszeitraum, die Stichprobengröße und die Veröffentlichung der Untersuchung. Fehlt eine dieser Grundlagen oder lässt sich die angebliche Studie beim genannten Institut nicht finden, sollte die Grafik nicht als Umfrage behandelt werden.

In Sachsen-Anhalt war die entscheidende Prüfung besonders einfach. Die Zahl von 46 Prozent war nicht das Ergebnis einer außergewöhnlichen Umfrage. Sie war das Ergebnis einer erfundenen.

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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