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  • 9. Oktober 2026 9:47

Sachsen-Anhalt vor dem AfD-Experiment

ByLiselotte Hofer

Sep. 4, 2026

Die AfD könnte am Sonntag erstmals in Deutschland ein Bundesland regieren. Ihr Programm verspricht weniger Bürokratie, niedrigere Kosten, Steuerentlastungen und wirtschaftliches Wachstum. Doch bei den Problemen, die Sachsen-Anhalt tatsächlich beschäftigen, bleiben erhebliche Fragen offen: beim Fachkräftemangel, beim Landeshaushalt und bei der internationalen Einbindung der Wirtschaft. An einigen Stellen könnte die Politik der AfD die bestehenden Probleme sogar verschärfen.

Sachsen-Anhalt braucht vor allem Menschen, die arbeiten, und Unternehmen, die investieren. Beides steht unter dem Druck des demografischen Wandels. Die AfD will deshalb stärker auf heimische Arbeitskräfte, höhere Erwerbsbeteiligung und Automatisierung setzen und die Zuwanderung deutlich begrenzen. Eine Landesabschiebeoffensive gehört ebenfalls zu ihren Forderungen. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat zudem angekündigt, nur bei einer absoluten Mehrheit Ministerpräsident werden zu wollen. Eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien schließt er damit faktisch aus.

Das Problem beginnt beim Arbeitsmarkt. Im Juni 2025 waren in Sachsen-Anhalt 68.420 ausländische Beschäftigte sozialversicherungspflichtig tätig, 5.560 mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig sank die Zahl der deutschen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 10.530. Über zehn Jahre hat sich die Zahl der ausländischen Beschäftigten damit mehr als vervierfacht. Besonders deutlich ist die Entwicklung im Gesundheitswesen: Mitte 2025 arbeiteten dort 6.383 Ausländer, darunter 5.258 Beschäftigte aus Drittstaaten.

Diese Zahlen sind keine politische Meinung. Sie zeigen, wie sehr Sachsen-Anhalt inzwischen auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen ist. Wer diese Zuwanderung zurückdrängen will, muss deshalb eine überzeugende Antwort darauf geben, wer die frei werdenden Stellen besetzen soll.

Die AfD verweist auf Ausbildung, eine höhere Erwerbsbeteiligung und den Einsatz von Automatisierung und künstlicher Intelligenz. Das kann Teil einer vernünftigen Fachkräftestrategie sein. Es löst aber nicht das kurzfristige Problem. Eine Ausbildung, die heute beginnt, füllt keine Stelle, die heute unbesetzt bleibt. Und eine Pflegekraft lässt sich nicht einfach durch Software ersetzen.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle kommt bei einer anderen zentralen Frage zu einem ähnlich ernüchternden Ergebnis: beim Geld. Das IWH hat das AfD-Programm für Sachsen-Anhalt untersucht. Von 136 kostenwirksamen Vorhaben konnten 28 anhand amtlicher Daten konkret berechnet werden. Allein diese Maßnahmen würden rund 1,6 Milliarden Euro im Jahr kosten. Zusammen mit der bereits eingeplanten Neuverschuldung ergibt sich ein bezifferbarer Finanzierungsbedarf von rund 2,5 Milliarden Euro. Selbst bei großzügiger Anrechnung der Einsparungen bleibt nach der Rechnung des Instituts eine Lücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro jährlich. Das entspricht etwa einem Viertel der Steuereinnahmen des Landes.

Das IWH nennt die Rechnung ausdrücklich konservativ. Viele Vorhaben der AfD konnten mangels belastbarer Daten überhaupt nicht beziffert werden. Die 2,2 Milliarden Euro sind deshalb keine Prognose darüber, wie ein künftiger AfD-Haushalt exakt aussehen würde. Sie zeigen aber ein grundlegendes Problem des Programms: Neue Leistungen, Steuersenkungen und der Verzicht auf zusätzliche Schulden lassen sich nicht gleichzeitig versprechen, ohne zu erklären, wie die Rechnung am Ende aufgeht. Auch die AfD selbst räumt inzwischen ein, dass Vorhaben priorisiert oder zeitlich gestreckt werden müssten.

Die wirtschaftliche Ausgangslage ist ohnehin schwierig. Das Bruttoinlandsprodukt Sachsen-Anhalts ist 2025 preisbereinigt um 0,2 Prozent gesunken, während die deutsche Wirtschaft insgesamt leicht gewachsen ist. Besonders die Industrie steht unter Druck. Unternehmen beklagen hohe Kosten, schwache Nachfrage, lange Genehmigungsverfahren und unsichere Rahmenbedingungen.

Hier benennt die AfD tatsächlich Probleme, die nicht erfunden sind. Schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Energiepreise sind auch Forderungen, die aus der Wirtschaft seit Jahren zu hören sind. Eine wirtschaftspolitische Analyse darf diesen Punkt nicht unterschlagen.

Aber daraus folgt nicht, dass die Antworten der AfD überzeugen.

Denn Sachsen-Anhalt ist kein abgeschotteter Wirtschaftsraum. Die Unternehmen des Landes sind in europäische Lieferketten eingebunden. Mehr als 70 Prozent der Exporte gingen in den ersten neun Monaten 2025 in andere EU-Staaten. Polen, Tschechien, die Niederlande und Frankreich gehören zu den wichtigsten Absatzmärkten. Die wirtschaftliche Zukunft des Landes hängt deshalb auch davon ab, wie attraktiv es für internationale Unternehmen, Beschäftigte und Investoren bleibt.

Die AfD verfolgt außen- und europapolitisch einen deutlich anderen Kurs. Sie will unter anderem auf eine Aufhebung der Russland-Sanktionen hinwirken und steht der europäischen Integration wesentlich skeptischer gegenüber. Eine Landesregierung kann die deutsche Außenpolitik oder die europäische Handelspolitik zwar nicht im Alleingang verändern. Sie kann aber politische Signale setzen – und damit beeinflussen, wie ein Standort von Unternehmen und Fachkräften wahrgenommen wird.

Das gilt besonders für die Migrationspolitik. Der Landesverband der AfD Sachsen-Anhalt wird seit November 2023 vom Landesverfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. Die Behörde begründet dies unter anderem mit einem ethnisch geprägten Volksverständnis sowie Positionen, die mit dem Schutz der Menschenwürde und den Grundsätzen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung kollidieren. Auch beim von der AfD verwendeten Begriff der „Remigration“ sieht der Verfassungsschutz eine Nähe zu Konzepten, die über die Rückführung von Menschen ohne Aufenthaltsrecht hinausreichen können.

Das ist für eine wirtschaftliche Betrachtung nicht nebensächlich. Ein Unternehmen, das Fachkräfte aus dem Ausland benötigt, braucht nicht nur Strom zu konkurrenzfähigen Preisen und schnelle Genehmigungen. Es braucht einen Standort, an dem diese Menschen arbeiten, leben und bleiben wollen.

Genau hier liegt eines der größten wirtschaftlichen Risiken eines AfD-Regierungswechsels. Es wäre unseriös zu behaupten, am Tag nach einer Wahl würden Fabriken schließen oder Investoren massenhaft ihre Koffer packen. Dafür gibt es keine belastbare Grundlage. Investitionsentscheidungen sind langfristig, und die Folgen einer Landespolitik lassen sich nicht auf einen einzigen Wahltag zurückführen.

Aber Standortentscheidungen bestehen auch aus Erwartungen. Unternehmen schauen auf politische Stabilität, Fachkräfte, Infrastruktur und die Einbindung in größere Märkte. Menschen mit gefragten Qualifikationen entscheiden ebenfalls, wo sie leben wollen. Ein Land, das demografisch unter Druck steht, kann es sich deshalb nicht leisten, genau für jene Menschen unattraktiver zu werden, die es wirtschaftlich dringend braucht.

Die AfD hat reale Schwächen des Landes erkannt. Das macht ihre Antworten nicht automatisch richtig. Beim Fachkräftebedarf setzt sie stärker auf Abschottung, obwohl die Wirtschaft bereits heute auf Zuwanderung angewiesen ist. Beim Haushalt verspricht sie mehr Leistungen und niedrigere Belastungen, obwohl unabhängige Berechnungen eine Milliardenlücke zeigen. Und außenwirtschaftlich setzt sie auf mehr Distanz zu Europa und auf eine andere Russlandpolitik, obwohl Sachsen-Anhalts Unternehmen eng in den europäischen Binnenmarkt eingebunden sind.

Hinzu kommt der politische Befund, der sich nicht wegdiskutieren lässt: Der AfD-Landesverband ist als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Wer diese Tatsache ernst nimmt, kann eine mögliche AfD-Regierung nicht als gewöhnlichen politischen Wechsel behandeln.

Wie stark eine AfD-Regierung tatsächlich auf Investitionen, Beschäftigung und Wachstum wirken würde, lässt sich vor der Wahl nicht seriös beziffern. Die wirtschaftlichen Ausgangsdaten zeigen jedoch, wo die Risiken liegen: Sachsen-Anhalt braucht zusätzliche Arbeitskräfte, hat wenig finanziellen Spielraum und ist eng in europäische Märkte eingebunden. Eine Politik, die Zuwanderung begrenzen, Ausgaben zugleich ausweiten und die europäische Zusammenarbeit zurückfahren will, müsste deshalb erst zeigen, wie sie diese Zielkonflikte auflösen kann.

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By Liselotte Hofer

Liselotte Hofer ist freie Autorin bei DMZ-News und schreibt zu Themen aus den Bereichen Soziales, Kino, Kultur, Politik, Geschichte und Musik. Ihre Texte zeichnen sich durch fundierte Recherche und klare, verständliche Darstellung aus.

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