KOMMENTAR
Es ist nur ein Konzert. Eine Popband sollte auftreten, Menschen sollten Musik hören, feiern und ein paar Stunden lang keine Nachrichten lesen müssen. Genau dafür gibt es Festivals. Und trotzdem ist die Ausladung von Alphaville beim Glücksgefühle-Festival ein Vorgang, über den man reden sollte. Nicht, weil ein Veranstalter nicht bestimmen dürfte, was auf seiner Bühne gesagt wird. Das darf er selbstverständlich. Ein Festival ist keine politische Versammlung.
Aber die Begründung macht einen Unterschied.
In dem Schreiben, das Alphaville veröffentlicht hat, heißt es, der Veranstalter dulde „keine politischen Themen oder Äußerungen jeglicher Art“ auf seiner Bühne. Alphaville wurde deshalb kurzfristig vom Auftritt ausgeschlossen.
Marian Gold reagierte darauf mit dem Vorwurf eines „Maulkorberlasses“. Das ist eine harte Formulierung. Ein staatlicher Eingriff in die Meinungsfreiheit liegt hier nicht vor. Der Veranstalter ist kein Staat und darf seine Veranstaltung organisieren, wie er es für richtig hält.
Aber die Debatte ist damit nicht erledigt.
Denn Gold hatte sich bei Auftritten gegen rechtsradikale Tendenzen und für Freiheit, Toleranz und Demokratie ausgesprochen. Im Juli hatte er sich bei einem Konzert in Hamburg zudem gegen die AfD positioniert. Das kann man politisch nennen. Natürlich ist es das. Die entscheidende Frage ist aber: Ist jede politische Äußerung deshalb gleich zu behandeln?
Nein.
Es ist ein Unterschied, ob ein Künstler auf einer Bühne Wahlwerbung für eine Partei macht oder ob er sagt, dass er Rechtsextremismus ablehnt und Demokratie, Freiheit und Toleranz für verteidigungswürdige Werte hält. Wer diesen Unterschied nicht mehr machen will, verwechselt Neutralität mit Gleichgültigkeit. Das Festival hat seine Position inzwischen selbst ausführlich erklärt. Es gehe um Musik, Freude und ein gemeinsames Erlebnis. „Gesellschaftlich kontrovers diskutierte Themen und politische Reden“ sollten auf der Bühne keinen Platz haben. Man wolle „GOOD VIBES ONLY“.
Das ist als Konzept verständlich. Niemand muss ein Festival besuchen, um dort politische Grundsatzdebatten zu führen. Nur funktioniert eine Demokratie nicht ganz so einfach. Demokratische Werte sind nicht irgendein politisches Programm. Freiheit, Menschenwürde und die Ablehnung von Rechtsextremismus sind nicht deshalb problematisch, weil sie im weitesten Sinne „politisch“ sind.
Und genau deshalb halte ich es für falsch, einen Satz gegen Rechtsextremismus mit einem beliebigen parteipolitischen Statement gleichzusetzen. Man muss daraus auch keinen Kulturkampf machen. Und man muss das Glücksgefühle-Festival deshalb nicht als „braun“ bezeichnen. Dafür gibt es keine seriöse Grundlage. Gerade bei einem Thema wie Rechtsextremismus sollten wir uns an Fakten halten und nicht mit Etiketten arbeiten.
Aber wir sollten genauso wenig so tun, als sei die Angelegenheit völlig belanglos. Denn die Frage, wie eine Gesellschaft mit demokratischer Haltung umgeht, ist nicht belanglos. Wir erleben seit Jahren, dass rechtsextreme Positionen sichtbarer und selbstverständlicher werden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die Sicherheitsbehörden beobachten einen wachsenden Rechtsextremismus in Deutschland. Das bedeutet nicht, dass jeder politische Streit zum Kampf gegen den Faschismus erklärt werden muss. Es bedeutet aber, dass eine demokratische Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass ihre Mitglieder ihre demokratischen Werte nicht nur im Sonntagswort bekennen.
Auch Künstler gehören zu dieser Gesellschaft. Sie müssen nicht politisch sein. Aber sie dürfen politisch sein. Und wenn ein Musiker sagt, dass er gegen Rechtsextremismus und für Demokratie steht, sollte unsere erste Reaktion nicht sein: Das ist uns zu politisch. Vielleicht ist die angemessenere Reaktion: Gut, dass jemand Haltung zeigt.
Das gilt übrigens unabhängig davon, ob man Alphaville mag, Marian Gold sympathisch findet oder seine politische Einschätzung teilt. Demokratie verlangt nicht, dass wir dieselbe Meinung haben. Sie verlangt, dass wir unterschiedliche Meinungen aushalten und bestimmte Grenzen verteidigen.
Eine dieser Grenzen liegt dort, wo Menschen wegen ihrer Herkunft, Religion oder anderer Merkmale abgewertet werden und demokratische Grundprinzipien angegriffen werden. Das muss man nicht auf jede Konzertbühne tragen. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei es störende Politik, wenn jemand diese Grenze benennt. Bemerkenswert ist deshalb auch die spätere Kehrtwende des Veranstalters. Die Ausladung wurde inzwischen als Fehler bezeichnet und Alphaville wieder eingeladen.
Das ist richtig.
Eine Entscheidung zu korrigieren, wenn man erkennt, dass sie falsch war, ist keine Schwäche. Im Gegenteil. Vielleicht sollte man aus diesem Vorgang deshalb etwas sehr Einfaches mitnehmen: Ein Festival darf unpolitisch sein. Aber seine Besucher, Künstler und Veranstalter leben trotzdem in einer politischen und gesellschaftlichen Realität. Und manchmal reicht es nicht, nur gute Stimmung zu versprechen.
Man braucht auch einen klaren Kompass. Nicht gegen Menschen. Nicht für eine bestimmte Partei. Sondern für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie – und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Das ist keine parteipolitische Forderung.
Das ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt gemeinsam feiern können.
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