Seine körperlichen Einbrüche werfen Fragen auf. Eine Post-Covid-Erkrankung wäre eine mögliche Erklärung – bewiesen ist sie nicht.
KOMMENTAR
Es gibt Bilder, die man bei Novak Djoković lange nicht gesehen hat. Der Serbe steht auf dem Tennisplatz, aber sein Körper scheint nicht mehr mitzuspielen. Er muss sich übergeben, bekommt Krämpfe, die Bewegungen werden schwerfällig. Gegen Mariano Navone hält er bei den US Open 4 Stunden und 36 Minuten durch. Dann ist die Reserve offenbar aufgebraucht.
Djoković ist 39 Jahre alt. Für einen gewöhnlichen Tennisspieler wäre das bereits bemerkenswert. Bei ihm ist es etwas anderes: Er hat seinen Körper fast zwei Jahrzehnte lang auf höchstem Niveau belastet, immer wieder Grenzen verschoben und Verletzungen überstanden, bei denen andere längst aufgehört hätten. Dass dieser Körper irgendwann nicht mehr alles mitmacht, wäre zunächst keine Sensation.
Bemerkenswert ist etwas anderes.
Djoković sagt selbst, dass es nicht einfach ein schlechter Tag gewesen sei. Ein gesundheitliches Problem begleite ihn schon seit Jahren. Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit verschärften es. Schon wenige Wochen zuvor, beim Turnier in Cincinnati, war es zu einem ähnlichen Einbruch gekommen. Nun wieder.
Was also passiert mit Djoković?
Eine Antwort darauf gibt es nicht. Er hat keine konkrete Diagnose öffentlich gemacht. Doch eine medizinische Hypothese lässt sich zumindest stellen: Könnte eine Post-Covid-Erkrankung, Long Covid, eine Rolle spielen?
Man muss dabei vorsichtig sein. Gerade bei Djoković ist die Versuchung groß, aus den medizinischen Beobachtungen gleich eine größere Geschichte zu machen. Er hatte Covid-19. Er hat sich entschieden gegen eine verpflichtende Impfung ausgesprochen. Und nun hat er gesundheitliche Probleme. Die Versuchung, daraus eine Verbindung zu konstruieren, ist offensichtlich.
Nur: So funktioniert Medizin nicht.
Djoković hatte nachweislich SARS-CoV-2-Infektionen. Im Juni 2020 wurde er positiv getestet; im Dezember 2021 folgte eine weitere positive Testung. Das macht eine spätere Post-Covid-Erkrankung grundsätzlich möglich. Mehr zunächst nicht.
Denn Long Covid ist kein Krankheitsbild mit einem einzigen typischen Symptom. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt eine ganze Gruppe möglicher Beschwerden, die nach einer SARS-CoV-2-Infektion fortbestehen oder neu auftreten können. Dazu gehören unter anderem Erschöpfung, Atembeschwerden, kognitive Störungen, autonome Funktionsstörungen und eine eingeschränkte Belastbarkeit. Einen einzelnen Test, der Long Covid eindeutig nachweist, gibt es nicht.
Gerade die Belastbarkeit ist interessant. In der Forschung zu Long Covid findet sich bei einem Teil der Patienten eine deutlich reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit. Untersucht werden unter anderem Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Muskulatur und des autonomen Nervensystems. Letzteres reguliert Funktionen, über die wir normalerweise nicht nachdenken: Herzfrequenz, Blutdruck, Gefäßweite, Schweißproduktion, Verdauung. Und hier wird Djokovićs Schilderung medizinisch interessant.
Denn sein Problem scheint nicht einfach darin zu bestehen, dass er müde wird. Es tritt unter extremer Belastung auf und wird nach seinen eigenen Angaben durch Hitze und Feuchtigkeit verschärft. Das ist allerdings zunächst einmal auch bei gesunden Menschen nachvollziehbar. Ein fünfstündiges Tennismatch bei sommerlichen Temperaturen ist eine enorme Belastung. Der Körper muss gleichzeitig Leistung bringen und Wärme loswerden. Hohe Luftfeuchtigkeit macht die Wärmeabgabe über Schweiß schwieriger. Flüssigkeits- und Elektrolytverluste können zusätzlich zu Übelkeit, Erbrechen, Schwäche und Krämpfen führen.
Man braucht dafür keine exotische Diagnose. Das ist die erste und vielleicht wichtigste Gegenhypothese.
Erst danach wird die Long-Covid-Frage interessant. Bei Menschen mit postviralen Beschwerden werden Störungen der autonomen Regulation und eine verminderte Belastungstoleranz beschrieben. Theoretisch könnte eine solche Störung dazu führen, dass ein Körper auf Hitze und körperliche Belastung anders reagiert als früher. Studien zu Long Covid untersuchen genau solche Zusammenhänge.
Ob das bei Djoković der Fall ist, weiß allerdings niemand. Erbrechen ist dafür kein Beweis. Krämpfe ebenfalls nicht. Selbst ein Leistungseinbruch unter Hitze wäre für sich genommen unspezifisch. All diese Symptome können viele Ursachen haben.
Der entscheidende Punkt liegt deshalb woanders: in der zeitlichen Abfolge.
Djoković spricht von einem Problem, mit dem er bereits seit Jahren lebe. Seine bekannten Covid-Infektionen liegen 2020 und 2021. Wann genau die Beschwerden begonnen haben, ist öffentlich nicht ausreichend dokumentiert. Das ist keine Nebensache.
Wenn das Problem bereits vor Juni 2020 bestand, kann die erste bekannte SARS-CoV-2-Infektion nicht seine Ursache gewesen sein. Wenn die Beschwerden dagegen erst nach einer Infektion auftraten oder sich danach deutlich verstärkten, wäre ein Zusammenhang wesentlich interessanter. Möglich wäre auch, dass eine bereits vorhandene Anfälligkeit durch eine Infektion verstärkt wurde.
Wir wissen es schlicht nicht. Und genau deshalb wäre die Aussage „Djoković hat Long Covid“ derzeit nicht seriös. Seriös wäre: Eine Post-Covid-Erkrankung gehört zu den möglichen Differentialdiagnosen, die man bei einem solchen Beschwerdebild prüfen könnte. Das klingt weniger spektakulär. Es ist aber die Aussage, die sich von den verfügbaren Fakten tatsächlich tragen lässt.
Zumal es weitere Erklärungen gibt. Djoković ist 39. Er hat eine außergewöhnlich lange Karriere hinter sich und seinen Körper über Jahre hinweg extrem beansprucht. Rücken, Schulter und Muskulatur bereiten ihm inzwischen immer wieder Probleme. Dazu kommen die Bedingungen des modernen Profitennis: lange Matches, hohe Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und kaum Möglichkeiten, die Belastung nach Bedarf herunterzufahren.
- Vielleicht ist es am Ende genau diese Kombination.
- Vielleicht steckt eine andere Erkrankung dahinter.
- Vielleicht spielt eine postvirale Störung eine Rolle.
Von außen lässt sich das nicht entscheiden.
Die unbequeme Frage nach Covid
Eine Besonderheit des Falles bleibt dennoch bestehen. Djoković ist nicht irgendein Sportler mit einer ungeklärten gesundheitlichen Geschichte. Seine Haltung zur Corona-Impfung hat ihn weltweit bekannt gemacht.
Bereits 2020 sagte er, er lehne eine verpflichtende Impfung ab, wenn sie Voraussetzung für die Teilnahme an Wettbewerben oder für Reisen sein sollte. 2022 machte er deutlich, dass er wegen seiner Haltung bereit sei, auf Turniere zu verzichten. Das ist Teil seiner öffentlichen Biographie. Es ist aber kein medizinischer Befund.
Noch weniger ist es ein Beweis dafür, dass Djoković eine mögliche Post-Covid-Erkrankung verheimlicht, weil er sonst seine frühere Haltung erklären müsste. Für eine solche Behauptung gibt es keinen belastbaren Beleg. Man kann allerdings verstehen, warum diese Vermutung entsteht. Wer jahrelang mit einer bestimmten Haltung zu Covid verbunden wurde und später an einer möglicherweise durch Covid ausgelösten Erkrankung leiden sollte, hätte eine komplizierte Geschichte zu erzählen. Das ist menschlich nachvollziehbar.
Nur sollte Journalismus nicht aus der Nachvollziehbarkeit eines Motivs dessen Existenz machen. Das gilt gerade bei einem Sportler, über dessen medizinischen Zustand die Öffentlichkeit nur einen sehr kleinen Ausschnitt kennt.
Was würde die Hypothese tatsächlich stärken?
Es bräuchte zunächst eine genaue Krankengeschichte. Wann begannen die Beschwerden? Gab es vor 2020 bereits ähnliche Probleme? Wie veränderte sich Djokovićs Belastbarkeit nach seinen Infektionen? Treten die Beschwerden auch außerhalb von Tennismatches auf? Kommt es nach Belastungen zu einer verzögerten Verschlechterung?
Daneben ließe sich untersuchen, wie sein Kreislauf auf Belastung und Hitze reagiert. Eine Spiroergometrie könnte Aufschluss über die körperliche Leistungsfähigkeit geben. Untersuchungen des autonomen Nervensystems könnten zeigen, ob Herzfrequenz und Blutdruck unter bestimmten Bedingungen ungewöhnlich reagieren. Andere Ursachen müssten selbstverständlich ebenfalls geprüft werden.
Das wäre Medizin. Alles andere bleibt Interpretation.
Die Forschung zu Long Covid ist inzwischen weit genug fortgeschritten, dass eine solche Untersuchung keineswegs abwegig wäre. Gleichzeitig ist sie noch nicht so weit, dass sich aus einigen Beobachtungen auf dem Tennisplatz eine Diagnose ableiten ließe. Die WHO selbst betont die klinische Natur der Diagnose und die Notwendigkeit, andere Erklärungen zu berücksichtigen. Vielleicht ist deshalb gerade die Zurückhaltung die interessanteste Schlussfolgerung.
Djoković hat einen Körper, der ihm offenbar Grenzen setzt. Das ist bei einem 39 Jahre alten Athleten nach einer solchen Karriere nicht überraschend. Überraschend ist eher, wie deutlich diese Grenzen inzwischen sichtbar werden – und dass der Spieler selbst von einem länger bestehenden gesundheitlichen Problem spricht. Long Covid könnte eine Erklärung sein.
Es könnte aber genauso gut etwas anderes sein.
Was man derzeit sagen kann, ist ziemlich nüchtern: Djokovićs Körper setzt ihm offenbar Grenzen. Welche genau, weiß außerhalb seines medizinischen Teams niemand.
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