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  • 8. September 2026 21:27

Die Flutkatastrophe im Norden Nepals hat mindestens 469 Menschen das Leben gekostet. Noch immer werden fast tausend Menschen vermisst. Wissenschaftler rekonstruieren eine Kette aus Eis, Fels und Wasser, die sich binnen Minuten entlud.

Kathmandu – Die Suche nach Vermissten ist noch nicht beendet, da droht bereits die nächste Flut. Im Norden Nepals sind am Freitag die Rettungsarbeiten in Teilen des Distrikts Rasuwa unterbrochen worden. Ein See, der sich nach einem Erdrutsch hinter einer natürlichen Barriere gebildet hatte, läuft über. Die Behörden fürchten, dass sich die Wassermassen weiter talwärts ergießen könnten.

Zwei Tage zuvor hatte eine Flutwelle im selben Gebiet Häuser, Brücken, Straßen und Anlagen der Energieversorgung fortgerissen. Nach den jüngsten Angaben der nepalesischen Polizei sind 469 Menschen ums Leben gekommen, 977 werden vermisst. Auf der anderen Seite der Grenze, im tibetischen Gyirong, wurden drei Tote gemeldet; dort gelten 558 Menschen als vermisst. Unter den Vermissten sind zahlreiche Ausländer. Die Zahlen bleiben vorläufig, weil die Einsatzkräfte noch immer in abgeschnittene Gebiete vordringen.

Das Zentrum der Katastrophe liegt im Distrikt Rasuwa, nahe der Grenze zu China. Dort trifft der Lhende Khola auf den Bhote Koshi. Von hier aus läuft das Wasser weiter in das Flusssystem des Trishuli. Was am Morgen des 26. August zunächst wie ein plötzlich anschwellender Gebirgsfluss erschien, erwies sich als das Ergebnis eines weit komplexeren Vorgangs.

Der Anfang lag im Eis

Nach derzeitigem Stand geht die Katastrophe auf eine große Eis-Fels-Lawine zurück. Satellitenaufnahmen und seismologische Daten liefern Hinweise darauf, dass sich im Hochgebirge eine beträchtliche Masse aus Eis und Gestein löste und in das Flusssystem stürzte.

Das International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) spricht von einer Massenbewegung im Bereich des Lhende Khola als dem wahrscheinlichen Ausgangspunkt. Die genaue Abfolge der Ereignisse wird noch rekonstruiert. Sicher ist inzwischen vor allem, dass nicht ein gewöhnliches Erdbeben die Flut ausgelöst hat.

Für einige Stunden hatten seismische Messungen zunächst einen anderen Eindruck vermittelt. Die gewaltige Bewegung von Eis und Gestein erzeugte selbst Erschütterungen, die von Messstationen registriert wurden. Spätere Analysen ordneten das Signal der Massenbewegung zu. Es handelte sich also nicht um ein Erdbeben, das einen Hang ins Rutschen brachte, sondern um einen Bergsturz, der seinerseits ein seismisches Signal erzeugte.

Was anschließend geschah, lässt sich als Kettenreaktion beschreiben. Eis, Fels und Geröll gelangten in den Lhende Khola und veränderten den Abfluss des Flusses. Nach vorläufigen Rekonstruktionen wurde das Wasser zeitweise durch das abgelagerte Material zurückgehalten. Als diese natürliche Barriere nachgab, setzte sich das Wasser schlagartig in Bewegung.

Dabei blieb es nicht bei Wasser. Die Flut nahm auf ihrem Weg große Mengen an Sediment, Geröll und Fels mit. Aus dem Fluss wurde ein Strom, der nicht nur überschwemmte, sondern mit hoher Geschwindigkeit Material talabwärts transportierte. Gerade in den engen Tälern des Himalaya kann eine solche Mischung eine enorme Zerstörungskraft entwickeln.

Wenige Minuten für eine Katastrophe

Wie schnell sich die Lage veränderte, zeigen die Pegeldaten. Nach vorläufigen Auswertungen stieg der Wasserstand in einem betroffenen Flussabschnitt innerhalb von etwa einer halben Stunde um bis zu neun Meter. Für Menschen, die sich in den Flusstälern aufhielten, blieb damit kaum Zeit, höher gelegene Bereiche zu erreichen.

Die Schäden erstrecken sich über weite Teile des Flusssystems. Straßen wurden unterbrochen, Brücken weggerissen, Strom- und Wasserkraftanlagen beschädigt. Ganze Abschnitte der Verkehrsverbindung zwischen Nepal und Tibet sind nicht mehr passierbar. In manchen Orten haben die Fluten nicht einzelne Gebäude beschädigt, sondern die Infrastruktur, von der die gesamte Region abhängt.

Das erschwert nun die Rettung. Wo Straßen fehlen, bleiben Hubschrauber die wichtigste Verbindung. Doch auch die Luftrettung stößt an Grenzen: Das Wetter im Himalaya kann sich rasch ändern, und oberhalb der betroffenen Täler besteht weiterhin die Gefahr von Erdrutschen und weiteren Abgängen.

Der zweite See

Besonders schwierig ist die Lage, weil die erste Flut nicht das Ende der Gefahrenlage bedeutet. Durch Erdrutsche und das in den Flüssen abgelagerte Material sind natürliche Barrieren entstanden. Hinter einer solchen Barriere kann sich Wasser sammeln, ohne dass von unten sofort erkennbar wäre, wie instabil der Damm ist.

Am Freitag begann ein solcher See überzulaufen. Nach Angaben von Reuters fasste er etwa 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Behörden zogen Rettungskräfte aus gefährdeten Bereichen zurück und setzten die Suche zeitweise aus.

Das ist die bittere Ironie dieser Katastrophe: Diejenigen, die nach Überlebenden suchen, müssen zugleich darauf achten, nicht selbst von der nächsten Flutwelle erfasst zu werden.

Ein Gletschersee war es offenbar nicht

In ersten Berichten war von einem Gletscherseeausbruch die Rede. Der Begriff ist eingängig, aber wissenschaftlich nicht unbedingt treffend. Ein sogenannter Glacial Lake Outburst Flood, kurz GLOF, entsteht, wenn ein See, der sich vor oder auf einem Gletscher gebildet hat, plötzlich ausbricht.

Für das Ereignis in Rasuwa zeichnet sich dagegen ein anderes Bild ab. Der derzeitige Forschungsstand spricht für eine Eis-Fels-Lawine, die den Fluss beeinflusste und vermutlich einen vorübergehenden Aufstau erzeugte. Die genaue Prozesskette ist noch nicht abschließend geklärt. Deshalb wäre es verfrüht, von einem klassischen GLOF als gesicherter Ursache zu sprechen.

Der Unterschied ist nicht nur terminologischer Natur. Er entscheidet darüber, welche Gefahren künftig überwacht werden müssen. Wer ausschließlich bekannte Gletscherseen kontrolliert, könnte eine Massenbewegung übersehen, die einen Fluss erst im Augenblick ihres Auftretens staut.

Was der Klimawandel damit zu tun hat

Die Frage nach dem Klimawandel liegt angesichts des Ereignisses nahe. Der Himalaya erwärmt sich, Gletscher verlieren Eis, und auch Permafrostböden verändern sich. Solche Veränderungen können die Stabilität von Hängen und Eis beeinflussen.

Doch aus diesen Tatsachen folgt nicht automatisch, dass die Flut vom Mittwoch durch den Klimawandel verursacht wurde. Dafür fehlen derzeit die notwendigen Daten. Wissenschaftler müssen zunächst klären, warum sich die konkrete Eis- und Gesteinsmasse gelöst hat und welche Rolle Temperaturen, Niederschlag, Schmelzwasser und die Beschaffenheit des Untergrunds gespielt haben.

Diese Zurückhaltung ist wichtig. Der Klimawandel kann die Bedingungen verändern, unter denen Hochgebirgsgefahren auftreten. Er liefert aber nicht ohne Weiteres die Erklärung für ein einzelnes Ereignis.

Gerade im Himalaya ist die Lage kompliziert. Gletscher, Fels, Permafrost, Schnee und Wasser wirken auf engem Raum zusammen. Verändert sich eines dieser Elemente, kann das Folgen für die anderen haben. Eine Massenbewegung kann einen Fluss blockieren; der Fluss kann einen See bilden; der See kann ausbrechen. Die eigentliche Gefahr liegt dann weniger in einem einzelnen Naturereignis als in dessen Verkettung.

Frühwarnung jenseits der Landesgrenzen

Für Nepal stellt sich damit eine praktische Frage: Wie lässt sich eine Gefahr erkennen, die hoch oben im Gebirge beginnt und wenige Minuten später weit flussabwärts zur Bedrohung wird?

Satelliten können Veränderungen an Gletschern und Hängen sichtbar machen. Seismische Messungen können große Massenbewegungen registrieren. Pegelstationen können einen ungewöhnlichen Anstieg des Wassers erkennen. Keine dieser Methoden reicht für sich allein aus. Entscheidend wäre die Verbindung der Daten zu einem Frühwarnsystem, das Warnungen schnell an die Menschen im Tal weitergibt.

Hinzu kommt die politische Geographie. Die Flüsse machen an der Grenze zwischen China und Nepal nicht halt. Der Ursprung eines Ereignisses kann auf der einen Seite liegen, seine Folgen können sich auf der anderen Seite entfalten. Ein funktionierendes Warnsystem muss deshalb zwangsläufig grenzüberschreitend arbeiten.

Die Suche geht weiter

Während Wissenschaftler noch versuchen, die Ereignisse vom Mittwoch im Detail zu rekonstruieren, warten Angehörige in Nepal und zahlreichen anderen Ländern auf Nachrichten. Unter den Vermissten sind Bewohner der betroffenen Orte, Beschäftigte von Infrastrukturprojekten, Reisende und Menschen, die sich auf dem Weg in Richtung Tibet befanden. Nach Angaben der Associated Press stammen Vermisste aus mehr als 30 Ländern.

Eine endgültige Bilanz ist deshalb noch nicht möglich. Die Zahl der Toten dürfte steigen, wenn weitere zerstörte Gebäude und abgelegene Flussabschnitte erreicht werden. Zugleich bleibt die Gefahr weiterer Überschwemmungen bestehen.

Was sich bereits sagen lässt, ist weniger spektakulär als manche der Bilder, die seit Mittwoch aus Nepal um die Welt gehen: Im Hochgebirge hat eine Massenbewegung eine Reihe von Prozessen in Gang gesetzt, die sich gegenseitig verstärkten. Eis und Fels veränderten den Fluss, der Fluss nahm Wasser und Sediment mit, und daraus entstand eine Flut, die weit entfernt vom Ausgangspunkt ihre zerstörerische Wirkung entfaltete.

Die Katastrophe von Rasuwa zeigt damit vor allem eines: Im Himalaya kann eine Veränderung hoch oben am Berg innerhalb kürzester Zeit zu einer tödlichen Gefahr im Tal werden. Und selbst wenn das Wasser abläuft, ist der Berg noch nicht zur Ruhe gekommen.

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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