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  • 8. September 2026 20:50

KOMMENTAR

Wie aus einer medizinischen Entscheidung eine Identität wurde – und warum sechs Jahre nach Beginn der Pandemie endlich wieder über Evidenz gesprochen werden sollte

Es gibt Entscheidungen, die ein Mensch einmal trifft und dann irgendwann hinter sich lässt. Und es gibt Entscheidungen, die er immer wieder erzählen muss. Die eigene Impfentscheidung gehört für manche Menschen offenbar zur zweiten Kategorie.

Sechs Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie findet sich in sozialen Netzwerken noch immer eine erstaunlich lebendige Erzählung vom ungeimpften Helden: vom Menschen, der sich nicht habe einschüchtern lassen, der „selbst gedacht“ habe, der den Versprechen der Politik und den Empfehlungen von Ärzten misstraut habe und deshalb „standhaft“ geblieben sei.

Die Pointe dieser Erzählung ist fast immer dieselbe: Ich habe widerstanden, also hatte ich recht.
Das ist ein bemerkenswerter Schluss.

Denn zwischen einer persönlichen Entscheidung und ihrer wissenschaftlichen Bewertung liegen normalerweise einige Dinge: Daten, Vergleichsgruppen, Wahrscheinlichkeiten, Studien und die Bereitschaft, sich von neuen Erkenntnissen korrigieren zu lassen.

In den sozialen Medien reicht dagegen häufig die eigene Biographie.

„Ich bin ungeimpft und gesund.“

Damit scheint der Fall für manche erledigt.

Nur ist eine persönliche Erfahrung kein medizinisches Experiment.

Und genau an diesem Punkt lohnt sich, sechs Jahre nach dem Beginn der Pandemie, eine nüchterne Frage: Was ist von der damaligen Impfdebatte tatsächlich übrig geblieben – und was lediglich von den Identitäten, die sich um sie herum gebildet haben?

Der Sportler als Widerstandssymbol

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist Novak Djokovic. Der serbische Tennisspieler ist einer der erfolgreichsten Sportler der Geschichte. Gerade deshalb wurde seine Haltung zur Corona-Impfung weit über den Sport hinaus zu einem Symbol. 2022 wollte Djokovic bei den Australian Open antreten. Er war nicht gegen COVID-19 geimpft. Seine Einreise nach Australien wurde zunächst wegen der fehlenden Impfung beziehungsweise der damit verbundenen Einreisevoraussetzungen zum politischen und juristischen Streitfall. Nach mehreren Gerichtsverfahren wurde sein Visum endgültig annulliert und Djokovic aus Australien abgeschoben. Der australische Federal Court bestätigte am 16. Januar 2022 einstimmig die Entscheidung des Einwanderungsministers.

Das Gericht entschied dabei nicht, dass Djokovic ein gefährlicher Infizierter sei. Genau diese Differenzierung ist wichtig. Die damaligen Gerichtsunterlagen zeigen sogar, dass eine Gesundheitsberatung des australischen Gesundheitsministeriums davon ausging, Djokovic sei wahrscheinlich nicht mehr infektiös und stelle ein niedriges Risiko für die Übertragung dar. Der Minister argumentierte jedoch unter anderem mit dem öffentlichen Interesse und der möglichen Wirkung von Djokovics Haltung auf die Impfbereitschaft.

Das ist etwas anderes als die Behauptung, Djokovic habe konkret Menschen angesteckt. Aber es verweist auf eine andere Frage, die in der damaligen Debatte gerne unterschlagen wurde: Was bedeutet es, wenn ein weltberühmter Mensch seine Impfverweigerung öffentlich zum Bestandteil seiner Identität macht?

Ein Tennisspieler ist kein Epidemiologe. Sein Grand-Slam-Rekord macht seine medizinischen Einschätzungen nicht wahrer. Ein Weltklasseathlet kann über Ernährung, Training und Regeneration außergewöhnlich viel wissen und gleichzeitig über Infektionsmedizin nicht mehr wissen als ein anderer gebildeter Laie.

Das ist keine Beleidigung. Es ist schlicht eine Frage der Zuständigkeit.

Und dennoch wird Djokovic bis heute von manchen Anhängern seiner Haltung als Symbol desjenigen gefeiert, der „nicht mitgemacht“ habe. Auch in einer aktuellen Dokumentation über sein Leben wird die australische Kontroverse wieder aufgegriffen; Djokovic hält an seiner Darstellung fest, die Entscheidung gegen die Impfung sei eine Frage persönlicher Freiheit gewesen.

Man kann das als persönliche Freiheitsposition respektieren. Man sollte daraus aber keinen wissenschaftlichen Ritterschlag machen.

Der entscheidende Denkfehler

Das Problem der Impfdebatte war nie, dass Menschen Fragen gestellt haben. Fragen sind gut. Zweifel sind nicht verboten.

Auch Wissenschaftler widersprechen einander. Studien können fehlerhaft sein. Empfehlungen können sich verändern. Medizinische Produkte können Nebenwirkungen haben. Das alles gehört zur Wissenschaft.

Der Denkfehler beginnt an einer anderen Stelle:

Wenn aus „Ich zweifle“ irgendwann „Deshalb weiß ich es besser“ wird.

Noch problematischer wird es, wenn jede Information, die der eigenen Überzeugung widerspricht, automatisch als Beweis für die Verschwörung interpretiert wird.

  • Eine Studie sagt das Gegenteil? Manipuliert.
  • Ein Experte widerspricht? Gekauft.
  • Eine Behörde korrigiert eine Empfehlung? Sie hat vorher gelogen.
  • Neue Daten sprechen für einen Nutzen? Pharmaindustrie.
  • Neue Daten zeigen eine Nebenwirkung? Endlich die Wahrheit.

Eine solche Weltanschauung besitzt einen bemerkenswerten Vorteil: Sie kann praktisch nicht mehr widerlegt werden. Und genau darin liegt ihr Problem.

Wer wirklich selbst denkt, muss auch das Gegenteil aushalten

Wissenschaftliches Denken bedeutet nicht, möglichst wenig zu glauben. Es bedeutet, die eigenen Überzeugungen prinzipiell korrigierbar zu halten.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht:

„Glaubst du an Impfungen?“

Sondern:

„Was würde dich dazu bringen, deine Meinung zu ändern?“

Das ist ein viel härterer Test.

Wer sagt, eine große, methodisch saubere Studie könne ihn überzeugen, dass er falschliegt, lässt seine Position offen. Wer dagegen sagt, jede Studie, die ihm widerspricht, sei zwangsläufig manipuliert, hat keine wissenschaftliche Position mehr. Er hat eine Überzeugung, die gegen Widerlegung abgeschirmt wurde. Das ist übrigens kein exklusives Problem der Impfgegner.

Auch überzeugte Impfbefürworter können Informationen selektiv wahrnehmen. Auch Behörden können irren. Auch Journalisten können sich von ihrer eigenen politischen oder moralischen Position leiten lassen. Gerade deshalb muss derselbe Maßstab für alle gelten.

Aber die Tatsache, dass beide Seiten kognitive Fehler machen können, bedeutet nicht, dass beide Seiten bei jeder medizinischen Frage gleich recht haben.

Meinungen sind symmetrisch. Evidenz ist es nicht.

Was die Masern über den Wert von Impfungen erzählen

Manche Fragen lassen sich mittlerweile ziemlich eindeutig beantworten. Masern gehören dazu.

Die Masernimpfung ist keine neue Technologie, deren Nutzen sich erst noch herausstellen müsste. Die WHO beschreibt sie als hochwirksam; für die Aufrechterhaltung der Masernelimination werden Impfquoten von mindestens 95 Prozent mit zwei Dosen angestrebt.

Warum so hoch?

Weil Masern außerordentlich leicht übertragbar sind.

Wenn zu viele Menschen empfänglich sind, entstehen Lücken in der Immunität. Dann können sich Ausbrüche entwickeln. Das ist der sogenannte Gemeinschaftsschutz – und er ist keine politische Metapher, sondern Epidemiologie. Die aktuelle Entwicklung in Europa zeigt, dass das Problem nicht erledigt ist. 2025 wurden in Europa und Zentralasien fast 34.000 Masernfälle registriert. Die Zahl lag zwar deutlich unter dem Rekordwert von 2024, doch WHO und UNICEF warnten weiterhin vor Ausbrüchen in Gemeinschaften mit Impflücken.

Hier zeigt sich ein merkwürdiger Erfolg der Impfmedizin. Eine Krankheit wird so selten, dass Menschen ihre Gefährlichkeit vergessen.

Dann sinkt die Impfbereitschaft.

Dann kehrt die Krankheit zurück.

Und plötzlich erscheint die Impfung wieder notwendig. Der Erfolg wird gewissermaßen zum eigenen Unsichtbarkeitsproblem.

Nein, COVID ist nicht Masern

Gerade deshalb sollte man aber nicht den Fehler machen, sämtliche Impfungen über einen Kamm zu scheren. Die COVID-Impfung ist kein zweites Masernprogramm. SARS-CoV-2 hat sich verändert. Die Bevölkerung verfügt inzwischen über eine erhebliche Grundimmunität durch Impfungen und Infektionen. Die Impfstoffe wurden angepasst, und der wichtigste Nutzen liegt heute insbesondere beim Schutz gefährdeter Menschen vor schweren Erkrankungen.

Die WHO hat ihre Empfehlungen 2026 entsprechend risikobasiert aktualisiert. Routinemäßige COVID-Impfungen werden vor allem für Menschen mit besonders hohem Risiko für schwere Verläufe empfohlen: für sehr alte Menschen, bestimmte ältere Menschen mit erheblichen Begleiterkrankungen, Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie Menschen mit moderater oder schwerer Immunschwäche. Weitere Gruppen können abhängig von den nationalen Gegebenheiten berücksichtigt werden.

Das ist eine wichtige Botschaft für das Jahr 2026:

Die heutige Empfehlung ist nicht einfach die Empfehlung von 2021.

Das ist kein Beweis dafür, dass die Wissenschaft damals „gelogen“ hat. Es ist das, was Wissenschaft tun soll: auf veränderte Bedingungen und neue Daten reagieren. Auch die WHO bewertet COVID-Impfstoffe weiterhin als wirksam bei der Reduktion schwerer Erkrankungen und Todesfälle. Gleichzeitig wird ausdrücklich anerkannt, dass der Schutz nachlässt und sich die Virusvarianten verändern.

Wer daraus „Die Impfstoffe verhindern nicht jede Infektion“ macht, hat recht. Wer daraus „Die Impfstoffe sind wirkungslos“ macht, nicht.

Beides sind unterschiedliche Aussagen.

Die Nebenwirkungen: kein Tabuthema, aber auch kein Freibrief

Eine seriöse Verteidigung von Impfungen darf nicht so tun, als seien Impfstoffe risikofrei. Das wären schlechte Wissenschaft und schlechte Kommunikation. Medizinische Produkte können Nebenwirkungen haben. Manche sind häufig und mild, andere sehr selten und ernst. Deshalb werden Impfstoffe nach ihrer Zulassung weiter überwacht.

Aber auch hier muss die Diskussion bei den Daten bleiben. Die Europäische Arzneimittel-Agentur erklärt, dass die langfristigen Sicherheitsdaten zu den COVID-Impfstoffen weiterhin sehr beruhigend seien und dass es keine Evidenz dafür gebe, dass COVID-Impfstoffe Krebs verursachen. Die Sicherheitsüberwachung werde dennoch fortgesetzt.

Damit lassen sich zwei Dinge gleichzeitig sagen.

Erstens: Nebenwirkungen sind real und müssen ernst genommen werden.
Zweitens: Aus der Existenz von Nebenwirkungen folgt nicht, dass eine Impfung insgesamt mehr schadet als nützt.

Genau diese Nutzen-Risiko-Abwägung ist der Kern medizinischer Entscheidungsfindung.

Die erstaunliche Umkehrung

Und hier kommt der vielleicht interessanteste Teil der gesamten Debatte. Viele Menschen, die Impfungen ablehnten, verstanden ihre Entscheidung als Ausdruck besonders kritischen Denkens. Sie wollten nicht einfach glauben. Sie wollten Fragen stellen.

Sie wollten sich nicht von Autoritäten vorschreiben lassen, was sie zu tun hätten. Das ist zunächst eine vernünftige Haltung.

Aber sie kann sich ins Gegenteil verkehren.

Wer nur noch Quellen akzeptiert, die das eigene Misstrauen bestätigen, informiert sich nicht unabhängiger. Er informiert sich selektiver. Wer jeden Experten, der widerspricht, als gekauft bezeichnet, ist nicht automatisch kritischer. Er hat lediglich die Kriterien verändert, nach denen Informationen akzeptiert werden.

Und wer sagt, die Mehrheit sei manipuliert, weil sie eine andere Entscheidung getroffen hat, muss sich irgendwann fragen, ob er selbst noch bereit ist, die Möglichkeit eines Irrtums zuzulassen. Das ist der Spiegel, den die Impfdebatte braucht.

Nicht: „Ihr seid alle dumm.“

Sondern:

Wenn ihr von anderen verlangt, selbst zu denken, dann tut es auch dort, wo das Ergebnis nicht zu eurer Geschichte passt.

Das Problem mit dem „Ich hatte recht“

Sechs Jahre später ist dieser Satz besonders beliebt.

„Ich hatte recht.“

Aber worüber genau?

Dass eine bestimmte politische Maßnahme falsch war?

Vielleicht.

Dass eine einzelne Prognose nicht eingetroffen ist?

Möglich.

Dass COVID-Impfstoffe nicht jede Infektion verhindern?

Ja.

Dass deshalb jede Impfung unnötig war?

Nein.

Dass Masernimpfungen wirkungslos seien?

Nein.

Dass COVID-Impfstoffe keinen Schutz vor schweren Verläufen bieten?

Die Evidenz spricht dagegen.

Dass COVID-Impfstoffe Krebs verursachen?

Dafür gibt es keine belastbare Evidenz.

Das ist der Unterschied zwischen einer teilweise berechtigten Kritik und einer allgemeinen Weltanschauung. Die Tatsache, dass ein Staat eine falsche Entscheidung treffen kann, macht nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis falsch. Die Tatsache, dass ein Wissenschaftler irren kann, macht nicht Wissenschaft wertlos. Und die Tatsache, dass sich Empfehlungen verändern, bedeutet nicht, dass alle früheren Empfehlungen Betrug waren.

Niemand wird durch seinen Impfstatus zum besseren Menschen

Vielleicht sollte man deshalb auch die moralische Aufladung beenden. Ein ungeimpfter Mensch ist nicht automatisch mutiger. Ein geimpfter Mensch ist nicht automatisch klüger.

Der Impfstatus ist kein Charaktertest.

Aber sobald jemand aus seinem Impfstatus einen Beweis moralischer Überlegenheit macht, darf man widersprechen.

Wer sich selbst zum Widerstandskämpfer erklärt und Millionen anderer Menschen als manipulierte Mitläufer darstellt, macht aus einer medizinischen Entscheidung eine Weltanschauung. Und diese Weltanschauung sollte nicht deshalb Respekt genießen, weil sie sich selbst „kritisch“ nennt. Kritik muss Kritik aushalten.

Skepsis muss Gegenargumente aushalten. Und Wissenschaft muss neue Daten aushalten. Das unterscheidet sie von einem Glaubenssystem.

Sechs Jahre danach

Die Corona-Jahre waren keine einfache Zeit.

Es gab politische Fehler.

Es gab schlechte Kommunikation.

Es gab überzogene Gewissheiten.

Es gab Maßnahmen, über deren Verhältnismäßigkeit man heute anders urteilen kann als damals.

Das alles darf und muss diskutiert werden.

Aber die Aufarbeitung der Pandemie darf nicht zu einer nachträglichen Totalabrechnung mit der Medizin werden. Denn während sich im Internet noch manche Menschen gegenseitig dafür feiern, „standhaft“ geblieben zu sein, existieren draußen weiterhin Krankheiten, deren Verbreitung durch Impfungen erheblich reduziert werden kann.

Masern sind nicht verschwunden.

Polio ist nicht deshalb Geschichte, weil Impfungen wirkungslos wären, sondern gerade weil Impfprogramme sie in weiten Teilen der Welt zurückgedrängt haben.

COVID ist 2026 nicht mehr die Krankheit von 2020 – aber die Impfung hat ihren Stellenwert bei Menschen nicht verloren.

Und die wissenschaftliche Bewertung einer Impfung hängt nicht davon ab, wie viele Menschen unter einem Facebook-Post „Danke!“ schreiben.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus sechs Jahren Impfdebatte:

Man muss nicht alles glauben, was Behörden sagen. Aber man muss auch nicht alles glauben, was den Behörden widerspricht.

Man darf Experten widersprechen. Dann sollte man allerdings bereit sein, die eigenen Argumente demselben Prüfverfahren zu unterwerfen.

Man darf sich gegen eine Impfung entscheiden. Aber aus dieser Entscheidung folgt kein wissenschaftlicher Adelstitel.

Und wer seit Jahren behauptet, er habe sich nicht belügen lassen, sollte sich irgendwann die unangenehmere Frage stellen:

Wie viel von dem, was er heute glaubt, hat er tatsächlich selbst geprüft – und wie viel davon hat er nur deshalb für wahr gehalten, weil es ihm immer wieder von den Menschen erzählt wurde, die ohnehin dasselbe glauben wie er?

Das wäre tatsächlich selbstständiges Denken. Alles andere ist nur die nächste Echokammer.

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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