ESSAY
Man kann einen Menschen aus unzähligen Gründen attraktiv finden. Das Gesicht, den Körper, eine Begabung – für Mathematik, für Musik, für die schnelle, treffende Formulierung. Das ist der leichte Teil, der Teil, über den man spricht, weil er sich zeigen und benennen lässt.
Schwieriger wird es bei jemandem, der auf den ersten Blick all das mitbringt und einem trotzdem nach einiger Zeit unerträglich wird. Jeder, der schon einmal eine solche Erfahrung gemacht hat, kennt das eigentümliche Gefühl: Nichts von dem, was zunächst beeindruckte, ist verschwunden. Das Gesicht ist noch dasselbe, die Begabung ebenfalls, der Witz vielleicht sogar noch vorhanden. Und doch hat sich etwas Grundsätzliches verändert.
Attraktivität funktioniert offenbar nicht wie eine Addition. Schönheit plus Intelligenz plus Charme ergibt nicht automatisch einen attraktiven Menschen. Manche Eigenschaften lassen sich durch andere nicht kompensieren. In der Entscheidungstheorie gibt es dafür den Begriff der nicht-kompensatorischen Entscheidung: Bestimmte Merkmale können ausreichen, eine Option unabhängig von ihren übrigen Vorzügen aus dem Rennen zu nehmen. Amos Tversky hat eine solche Logik in seinem Modell der „Elimination by Aspects“ beschrieben. Das war keine Theorie der Liebe. Aber die Grundidee lässt sich übertragen: Es gibt Eigenschaften oder Verhaltensweisen, deren Bedeutung nicht darin besteht, dass sie ein wenig vom Gesamtwert abziehen. Sie verändern die Wahrnehmung des Ganzen.
Was eine solche Veränderung auslöst, ist allerdings selten ein einzelner Vorfall. Ein unpassender Satz, ein falscher Ton, eine unnötige Schärfe – das kann man verzeihen. Jeder Mensch hat Momente, in denen er sich nicht von seiner besten Seite zeigt. Entscheidend wird es erst, wenn man dieselbe Reaktion wiedererkennt.
Und noch einmal.
Bei einem völlig anderen Anlass ist sie plötzlich wieder da. Ein Streit, ein Sachgespräch, ein Abend mit Freunden, eine beiläufige Bemerkung: Der Gegenstand wechselt, die Reaktion bleibt. Irgendwann beginnt man nicht mehr über einzelne Ereignisse nachzudenken, sondern über das Muster, das sie verbindet.
Das ist ein merkwürdiger Moment der Erkenntnis. Was man beim ersten Mal für einen Ausrutscher hielt, bekommt im Rückblick eine andere Bedeutung. Jede Wiederholung macht die Erklärung „Das war eine Ausnahme“ etwas unwahrscheinlicher. Nicht im mathematisch strengen Sinn eines psychologischen Bayes-Theorems, sondern als ganz gewöhnlicher Vorgang menschlicher Wahrnehmung: Wir bilden Erwartungen aus dem, was wir wiederholt beobachten.
Irgendwann steht deshalb eine unangenehme Möglichkeit im Raum: Vielleicht war das, was zunächst wie eine Ausnahme aussah, die Regel. Dabei ist Konsequenz an sich keineswegs unattraktiv. Im Gegenteil. Verlässlichkeit gehört zu den Eigenschaften, auf denen Vertrauen beruht. Das Problem ist eine andere Art von Konsequenz: die reflexhafte, die auf verschiedene Situationen immer dieselbe Antwort gibt.
Man könnte sagen: Charakter zeigt sich darin, dass bestimmte Dinge nicht beliebig werden. Starrheit zeigt sich darin, dass bestimmte Reaktionen nicht mehr situationsabhängig werden können. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Ein Mensch kann prinzipientreu sein und trotzdem flexibel reagieren. Er kann dieselben Werte haben und in verschiedenen Situationen unterschiedlich handeln. Dazu braucht es eine innere Instanz, die zwischen Situationen unterscheiden kann.
Fehlt sie, wird der eigene Reflex leicht mit dem eigenen Charakter verwechselt. „So bin ich eben“ ist dann nicht unbedingt eine Beschreibung der Persönlichkeit. Es kann auch die Kapitulation vor einem Muster sein. Wilhelm Reich hat für psychische Erstarrungen den Begriff des „Charakterpanzers“ geprägt. Unabhängig davon, wie man seine Theorie insgesamt beurteilt, ist das Bild bis heute suggestiv: Verhaltensweisen können so eingeübt und verfestigt sein, dass sie dem Menschen nicht mehr wie Entscheidungen vorkommen. Sie fühlen sich selbstverständlich an. Natürlich. Eigen. Eben wie das eigene Wesen.
Vielleicht liegt genau darin eine der schwierigsten Formen mangelnder Selbsterkenntnis: Man hält nicht nur an einem Verhalten fest, sondern hält das Verhalten für sich selbst. Besonders sichtbar wird das in Gesprächen, die eigentlich einer Sache gelten.
Zwei Menschen versuchen, etwas zu verstehen. Es geht um eine politische Frage, eine berufliche Entscheidung, ein wissenschaftliches Problem oder schlicht um eine Tatsache, bei der man sich nicht einig ist. Niemand muss gewinnen. Im besten Fall verändert jeder im Laufe des Gesprächs ein wenig seine Position. Und dann kippt die Unterhaltung.
Ein Einwand wird persönlich. Der Ton wird schärfer. Plötzlich geht es nicht mehr darum, was stimmt, sondern darum, wer recht hat. Aus einem gemeinsamen Versuch, etwas herauszufinden, wird ein Kampf um Stellung.
Paul Watzlawick und seine Kollegen haben zwischen dem Inhalts- und dem Beziehungsaspekt von Kommunikation unterschieden. Eine Äußerung teilt demnach nicht nur etwas über einen Gegenstand mit; sie enthält immer auch eine Aussage darüber, wie die Beteiligten zueinander stehen. Zur Darstellung der Kommunikationstheorie bei Taylor & Francis
Das erklärt noch nicht, warum ein Gespräch plötzlich in ein Machtspiel umschlägt. Aber es hilft zu verstehen, was in solchen Augenblicken geschieht: Man kann aufhören, über die Sache zu sprechen, und beginnen, die eigene Position in der Beziehung zu verteidigen.
Vielleicht weil man merkt, dass man fachlich nicht mithalten kann. Vielleicht weil man sich missverstanden fühlt. Vielleicht weil eine einfache Frage plötzlich wie eine Kränkung wirkt. Die möglichen Gründe sind zahlreich. Sicher ist nur: Es wäre etwas anderes möglich gewesen.
- Man könnte fragen.
- Man könnte sagen: Das weiß ich nicht.
- Man könnte den anderen ausreden lassen.
- Man könnte sogar feststellen, dass der andere recht hat.
Die Fähigkeit, dies tun zu können, scheint mir wichtiger zu sein als die Fähigkeit, in jedem Gespräch souverän zu wirken.
Noch deutlicher wird das, wenn der andere vor Publikum zum Material der eigenen Selbstdarstellung wird. Der Partner wird zum Stichwortgeber, zur Kontrastfolie, zum Beweisstück der eigenen Brillanz. Eine Bemerkung des anderen wird aufgegriffen, um sich selbst darüber zu stellen. Eine Unsicherheit wird nicht geschützt, sondern vorgeführt.
Martin Buber hat mit seiner Unterscheidung zwischen Ich-Du und Ich-Es eine Sprache für einen solchen Unterschied gefunden. Im Ich-Du-Verhältnis begegnet einem der andere als Gegenüber; im Ich-Es-Verhältnis wird er zum Gegenstand. Das ist keine vollständige Beschreibung menschlicher Beziehungen – wir behandeln einander ständig auch funktional. Aber die Unterscheidung macht etwas sichtbar: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Gebrauch einer Person und der Begegnung mit ihr.
Vor Publikum wird dieser Unterschied besonders scharf.
Erving Goffmans Beschreibung des sozialen Lebens als einer Art Bühne hilft zu verstehen, warum eine Demütigung vor anderen eine andere Qualität hat als eine unbedachte Bemerkung unter vier Augen. Auf der Bühne geht es nicht nur um das Gesagte, sondern auch um das Gesicht, das jemand vor den anderen wahren kann. Wer den eigenen Partner benutzt, um größer, witziger oder überlegen zu erscheinen, verletzt deshalb mehr als eine private Empfindlichkeit. Er macht den anderen ungefragt zum Teil einer Aufführung.
Das Bemerkenswerte daran ist, dass solche Situationen manchmal lange nachwirken, obwohl äußerlich wenig geschehen ist. Ein Satz, ein Blick, ein Lachen zur falschen Zeit. Danach weiß man etwas, das man vorher vielleicht nicht wusste. Nicht unbedingt über die Absichten des anderen. Aber über seine Art, mit Menschen umzugehen, wenn ein Publikum da ist.
Heinz Kohuts Selbstpsychologie bietet für bestimmte Formen eines solchen Verhaltens eine mögliche psychodynamische Deutung. Kohut beschäftigte sich unter anderem mit der Regulierung des Selbstwertgefühls und mit der Bedeutung anderer Menschen für die Stabilisierung des Selbst. Aus dieser Perspektive ließe sich verstehen, warum ein Mensch auf eine gewöhnliche Kränkung mit einem übermäßigen Bedürfnis nach Anerkennung, Dominanz oder Grandiosität reagieren kann.
Aber gerade hier muss man vorsichtig sein. Aus einem arroganten Satz lässt sich keine Diagnose ableiten. Nicht jeder, der sich aufspielt, besitzt einen fragilen Selbstwert; nicht jede Kränkung führt zu kompensatorischer Grandiosität. Psychologische Modelle können Beobachtungen deuten. Sie ersetzen die Beobachtung nicht. Vielleicht ist das sogar ein Teil psychologischer Intelligenz: nicht für alles sofort eine Erklärung zu haben. Soziale Intelligenz bedeutet, andere Menschen und Situationen lesen zu können. Zu spüren, welcher Ton angemessen ist, wann ein Gegenüber Raum braucht, wann ein Scherz trägt und wann er verletzt. Psychologische Intelligenz wäre etwas anderes und vielleicht Schwierigeres: sich selbst in dem Moment wahrzunehmen, in dem man reagiert.
Ich meine den Begriff hier nicht als etablierten psychologischen Fachbegriff, sondern als Bezeichnung für eine bestimmte Fähigkeit: Selbstdistanz unter Belastung. Ein Mensch mit dieser Fähigkeit muss keineswegs besonders sanft sein. Er darf wütend werden, sich irren, einen schlechten Satz sagen. Er muss auch nicht jeden inneren Vorgang analysieren. Entscheidend ist etwas viel Unspektakuläreres: dass er später erkennen kann, was da gerade mit ihm passiert ist.
„Das war ich“ ist etwas anderes als „So bin ich“.
Im ersten Satz liegt eine Möglichkeit zur Veränderung. Man kann sich entschuldigen. Man kann beim nächsten Mal früher bemerken, wann der eigene Reflex einsetzt. Man kann feststellen, dass die Situation, die sich gerade so vertraut anfühlt, diesmal eine andere Antwort verlangt. Das bedeutet nicht, dass Erkenntnis automatisch Veränderung bringt. Menschen wiederholen auch das, was sie längst verstanden haben. Aber zwischen einem erkannten Muster und einem unbewusst ausgeführten Muster liegt ein entscheidender Unterschied: Im ersten Fall entsteht zumindest die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen.
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Bedeutung dessen, was wir „Wellenlänge“ nennen. Sie besteht nicht unbedingt darin, denselben Geschmack zu haben, dieselben Bücher zu lesen oder über dieselben Dinge zu lachen. Zwei Menschen können sich in fast allem unterscheiden und trotzdem erstaunlich gut miteinander auskommen.
Was sie verbindet, kann etwas Unsichtbareres sein: eine ähnliche Fähigkeit, zwischen Situationen zu unterscheiden und einander nicht ständig zum Mittelpunkt der eigenen Selbstbehauptung zu machen. Der eine merkt, wann der andere widersprechen möchte und wann er einfach erzählen will. Der andere spürt, wann ein Scherz funktioniert und wann er besser unterbleibt. Beide können sich irren, ohne dass jeder Irrtum zu einer Verteidigungsschlacht werden muss.
Daniel Stern hat den Begriff der „Affektabstimmung“ geprägt, zunächst für die feine Abstimmung emotionaler Zustände zwischen Säugling und Bezugsperson. Eine Darstellung von Sterns Konzept der Affektabstimmung. Man muss daraus keine direkte Theorie erwachsener Liebe machen, um die Idee fruchtbar zu finden. Zwischen Menschen gibt es Formen der Abstimmung, die kaum ausgesprochen werden. Man merkt, wann der andere einen Raum braucht. Man merkt, wann man selbst zurücktreten sollte. Man merkt manchmal sogar, dass ein Satz, den man gerade sagen möchte, zwar richtig, aber trotzdem nicht der richtige Satz für diesen Moment ist.
Das ist keine Magie.
Es ist Aufmerksamkeit.
Und vielleicht ist Aufmerksamkeit eine der unterschätztesten Voraussetzungen von Attraktivität.
Denn Schönheit kann Aufmerksamkeit erzeugen. Kompetenz kann Bewunderung erzeugen. Witz kann Begeisterung auslösen. Status kann Eindruck machen. Aber all diese Dinge müssen nicht dauerhaft tragen. Was langfristig zählt, ist etwas schwerer Sichtbares: ob man mit einem Menschen das Gefühl bekommt, dass hinter seinem Verhalten jemand anwesend ist, der dieses Verhalten gelegentlich betrachten kann.
Der andere muss nicht perfekt sein. Er muss sich nur selbst begegnen können.
Vielleicht ist das der Grund, warum sich unsere Wahrnehmung eines Menschen durch ein einziges wiederkehrendes Muster so grundlegend verändern kann. Nicht weil seine Vorzüge plötzlich verschwunden wären. Sondern weil wir eine Eigenschaft entdeckt haben, die alle anderen in ein anderes Licht rückt.
Es ist nicht der Fehler, der einen Menschen unattraktiv macht. Es ist die Erfahrung, dass der Fehler für ihn selbst gar nicht als Fehler existiert. Ein einzelner Fehltritt sagt wenig. Ein Muster sagt mehr. Am meisten aber sagt die Reaktion auf das Muster: ob jemand es erkennen, benennen und gegebenenfalls korrigieren kann – oder ob er es mit seinem Charakter verwechselt.
Vielleicht liegt darin eine strengere Definition von Intelligenz. Nicht darin, wie viel jemand weiß. Nicht darin, wie schnell jemand denkt. Und auch nicht allein darin, wie gut er andere Menschen lesen kann. Sondern darin, ob er sich selbst beim Lesen nicht ausnimmt. Aussehen kann die Tür öffnen. Kompetenz kann ein Gespräch beginnen. Charme kann Interesse erzeugen. Was all das über die Zeit trägt, ist etwas Unsichtbareres: die Fähigkeit, zwischen sich selbst und dem eigenen Reflex einen kleinen Abstand zu lassen.
Vielleicht ist das psychologische Intelligenz.
Und vielleicht entscheidet sich genau dort, ob aus Anziehung irgendwann Achtung wird.
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