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  • 8. September 2026 20:37

Long Covid und ME/CFS belasten nicht nur die Betroffenen. Sie kosten Arbeitskraft, verändern Familienleben und stellen Ärzte vor schwierige Aufgaben. Eine neue Modellrechnung schätzt die gesellschaftlichen Kosten in Deutschland für 2025 auf 64,4 Milliarden Euro. Die Zahl ist mit Vorsicht zu lesen. Das Problem, auf das sie hinweist, ist es weniger.

Corona ist aus dem Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Das Virus ist deshalb nicht verschwunden. SARS-CoV-2 zirkuliert weiterhin, auch wenn die Virusaktivität in Deutschland derzeit nicht hoch ist.

Das Robert Koch-Institut überwacht die Virusaktivität und die Verbreitung von Varianten weiterhin. Auch 2026 werden Infektionen und die Viruslast im Abwasser erfasst. Corona gehört inzwischen zum normalen Infektionsgeschehen – mit dem Unterschied, dass die Folgen einer Infektion für manche Menschen weit über die akute Erkrankung hinausreichen.

Eine dieser Folgen ist Long Covid beziehungsweise Post Covid. Die Weltgesundheitsorganisation fasst darunter Beschwerden zusammen, die typischerweise drei Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion beginnen, mindestens zwei Monate anhalten und sich nicht durch eine andere Diagnose erklären lassen. Häufig sind unter anderem Erschöpfung, Atembeschwerden und Probleme mit der Konzentration. Die Ausprägungen sind sehr unterschiedlich.

Für manche Menschen bedeutet das einige Wochen oder Monate mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Für andere verändert sich das Leben grundlegend.

Eine Zahl, die man nicht für bare Münze nehmen sollte

Eine im Frühjahr 2026 veröffentlichte Modellrechnung von Risklayer und der ME/CFS Research Foundation kommt zu dem Ergebnis, dass Long Covid und ME/CFS Deutschland im Jahr 2025 gesellschaftliche Kosten von rund 64,4 Milliarden Euro verursacht haben könnten. Das entspricht etwa 1,44 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für die Jahre 2020 bis 2025 errechnet das Modell insgesamt 318,8 Milliarden Euro.

Das klingt nach einer präzisen volkswirtschaftlichen Kennziffer. Es ist aber keine. Die 64,4 Milliarden Euro stammen nicht aus einer amtlichen Statistik. Sie sind das Ergebnis einer Modellierung, die unterschiedliche Folgen der Erkrankungen zusammenführt. Berücksichtigt werden unter anderem Ausfälle bei der Erwerbsarbeit sowie medizinische, pflegerische und weitere gesellschaftliche Kosten. Wie belastbar die Zahl ist, hängt deshalb von den Annahmen und Daten des Modells ab. Andere Berechnungen könnten zu anderen Ergebnissen kommen. Das sollte man bei der Zahl im Hinterkopf behalten. Es macht die dahinterstehende Frage allerdings nicht kleiner. Denn Krankheit verursacht Kosten nicht erst dann, wenn jemand im Krankenhaus liegt.

Wenn Menschen nicht mehr arbeiten können

Wer wegen Long Covid oder ME/CFS seine Arbeit nicht mehr oder nur noch eingeschränkt ausüben kann, fehlt nicht nur im Betrieb. Es verändert sich auch das Einkommen, die soziale Absicherung und häufig das Leben der Familie. Besonders schwer ist das bei Menschen, die zuvor mitten im Berufsleben standen. Ein Ausfall von mehreren Monaten kann bereits berufliche Folgen haben. Bei einer chronischen Erkrankung können daraus Jahre werden.

Auch Angehörige geraten in diese Situation. Sie fahren zu Arztterminen, übernehmen Einkäufe und Haushalt oder reduzieren ihre eigene Arbeitszeit. Bei schwer erkrankten Kindern können Eltern zu einem wesentlichen Teil der Versorgung werden. Ein Teil dieser Arbeit wird in der klassischen Wirtschaftsstatistik kaum sichtbar. Das ist einer der Gründe, warum die Diskussion über die Kosten von Long Covid und ME/CFS schwierig ist. Es geht nicht nur um die Rechnung der Krankenkasse. Es geht auch um Zeit, die jemand nicht mehr aufbringen kann.

Long Covid ist nicht dasselbe wie ME/CFS

Beide Erkrankungen werden häufig gemeinsam genannt. Medizinisch sollte man sie dennoch auseinanderhalten. ME/CFS – Myalgische Enzephalomyelitis beziehungsweise Chronisches Fatigue-Syndrom – gab es lange vor Covid-19. Die Erkrankung kann nach unterschiedlichen Infektionen auftreten. Seit der Pandemie ist allerdings deutlicher geworden, dass auch eine SARS-CoV-2-Infektion bei einem Teil der Betroffenen zu einem ME/CFS-ähnlichen Krankheitsbild führen kann.

Long Covid wiederum umfasst ein breites Spektrum unterschiedlicher Beschwerden. Manche Menschen leiden unter anhaltender Erschöpfung, andere unter Atemnot, Schmerzen, Herz-Kreislauf-Problemen oder kognitiven Einschränkungen. Bei einem Teil der Patienten treten Beschwerden auf, die die Kriterien für ME/CFS erfüllen können.

Eine Gleichsetzung wäre deshalb falsch. Für Menschen mit ME/CFS ist insbesondere die sogenannte Belastungsintoleranz von Bedeutung. Körperliche oder geistige Anstrengung kann die Beschwerden deutlich verschlechtern. Die Verschlechterung kann verzögert auftreten und länger anhalten. Das hat Konsequenzen für die Behandlung. Die britische Gesundheitsbehörde NICE rät bei ME/CFS ausdrücklich von einer standardisierten stufenweisen Steigerung körperlicher Aktivität als Heilbehandlung ab. Stattdessen soll die Belastung individuell angepasst werden.

Für beide Erkrankungen gilt: Eine Therapie, die die zugrunde liegende Erkrankung zuverlässig heilt, gibt es bislang nicht. Behandelt werden vor allem die jeweiligen Beschwerden und Begleiterkrankungen. Bei ME/CFS kommt der Vermeidung von Überlastung besondere Bedeutung zu. Bei Long Covid richtet sich die Behandlung ebenfalls nach den individuellen Symptomen.

Wie viele Menschen betroffen sind, ist schwer zu sagen

Auch bei der Zahl der Erkrankten muss man genauer hinschauen. Das aktuelle Kostenmodell schätzt für Ende 2025 rund 757.000 aktive Long-Covid-Fälle und etwa 657.000 aktive ME/CFS-Fälle in Deutschland. Diese Angaben sind Schätzungen aus dem Modell und keine vollständig erhobene amtliche Patientenstatistik. Gerade bei Long Covid unterscheiden sich Studien je nach Definition und Untersuchungsmethode. Manche erfassen selbst berichtete Beschwerden, andere stützen sich auf ärztliche Diagnosen oder Krankenkassendaten. Auch die Frage, ab wann Beschwerden als chronisch gelten, kann die Ergebnisse verändern.

Deshalb wäre es unseriös, eine einzelne Zahl als endgültige Antwort auf die Frage zu präsentieren, wie viele Menschen in Deutschland an Long Covid leiden. Die Größenordnung des Problems ist dennoch erkennbar. Die WHO geht davon aus, dass ein Teil der Menschen nach einer SARS-CoV-2-Infektion länger anhaltende Beschwerden entwickelt. Wie groß dieser Anteil ist, hängt unter anderem von Virusvariante, Impfstatus, Infektionsgeschichte und der verwendeten Definition ab.

Die Arbeit, die niemand abrechnet

Besonders schwer zu beziffern ist, was in den Familien passiert. Wenn ein Mensch krank wird, übernimmt häufig jemand anderes die Aufgaben, die vorher selbstverständlich verteilt waren. Der Partner kocht, die Mutter fährt das Kind zum Arzt, der Vater reduziert seine Arbeitszeit. Manchmal sind es Freunde oder Großeltern, die einspringen. Das sind keine Nebensachen. Sie entscheiden darüber, ob ein Haushalt noch funktioniert.

Volkswirtschaftlich werden solche Leistungen allerdings nur teilweise sichtbar. Eine reduzierte Arbeitszeit lässt sich erfassen. Die Stunden, die ein Angehöriger unbezahlt im Haushalt verbringt, sind schwieriger zu bilanzieren. Das gilt auch für die Folgen für Bildung und Berufswege. Wer eine Ausbildung oder ein Studium wegen einer chronischen Erkrankung unterbrechen muss, verliert möglicherweise nicht nur ein Jahr. Der weitere Berufsweg kann sich verändern. Eine Kostenrechnung kann solche Folgen annähernd bewerten. Ersetzen kann sie die Erfahrung der Betroffenen nicht.

Die Forschung ist weiter – aber längst nicht am Ziel

Inzwischen ist die Forschung zu Long Covid und ME/CFS deutlich umfangreicher als zu Beginn der Pandemie. Trotzdem sind viele grundlegende Fragen offen. Warum entwickeln manche Menschen nach einer Infektion lang anhaltende Beschwerden und andere nicht? Welche biologischen Veränderungen lassen sich bei den Erkrankten nachweisen? Welche Untergruppen gibt es? Und welche Behandlung hilft welchem Patienten?

Die deutsche Forschungsförderung beschäftigt sich deshalb nicht nur mit möglichen Medikamenten. Auch Diagnostik, Versorgung und die Frage, wie schwer erkrankte Menschen medizinisch erreicht werden können, spielen eine Rolle. Das ist besonders wichtig für Patienten, die wegen ihrer Erkrankung kaum eine Arztpraxis aufsuchen können. Ein Versorgungssystem, das grundsätzlich davon ausgeht, dass ein Patient selbstständig zum Arzt kommt, stößt bei den schwersten Fällen an Grenzen. Gleichzeitig bleibt die Datenlage ein Problem. Wenn nicht klar ist, wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind und wie sich die Erkrankungen über die Jahre entwickeln, ist auch die Planung der Versorgung schwierig.

Corona ist kein abgeschlossenes Kapitel

Die öffentliche Wahrnehmung hat sich verändert. Das Virus selbst ist geblieben. SARS-CoV-2 verursacht weiterhin Infektionen. Die meisten verlaufen inzwischen nicht mehr so schwer wie während der frühen Pandemiephase, was unter anderem mit Immunität durch Impfungen und frühere Infektionen sowie mit Veränderungen des Virus zusammenhängt. Trotzdem bleiben schwere Erkrankungen und Todesfälle möglich. Und mit jeder Infektion besteht grundsätzlich auch die Möglichkeit länger anhaltender Beschwerden.

Das bedeutet nicht, dass jede Infektion zu Long Covid führt. Das tut sie nicht. Es bedeutet aber, dass Long Covid und die damit verbundenen Erkrankungen kein abgeschlossenes Problem der Jahre 2020 bis 2022 sind. Die Frage hat sich vielmehr verändert. In der akuten Pandemie ging es darum, Krankenhäuser vor Überlastung zu schützen und Todesfälle zu verhindern. Heute geht es stärker darum, mit einem weiterhin zirkulierenden Virus umzugehen und diejenigen zu versorgen, bei denen eine Infektion langfristige gesundheitliche Folgen hat.

Was hinter den 64,4 Milliarden steckt

Man kann über die genaue Höhe der Modellrechnung streiten. Das ist bei einer Modellrechnung sogar notwendig. 64,4 Milliarden Euro sind keine Zahl, die man einfach aus der Statistik ablesen kann. Sie hängen davon ab, welche Krankheitsfälle berücksichtigt werden, welche Kosten angesetzt werden und wie lange die Folgen einer Erkrankung angenommen werden. Trotzdem wäre es falsch, die Zahl deshalb einfach beiseitezuschieben. Sie lenkt den Blick auf einen Teil der Pandemie, der in den Jahren der akuten Krisenbewältigung kaum sichtbar war: Eine Infektionskrankheit kann auch dann erhebliche gesellschaftliche Folgen haben, wenn die meisten Infizierten wieder gesund werden. Für diejenigen, die nicht gesund werden, sieht die Rechnung anders aus.

Sie beginnt beim Arztbesuch, setzt sich beim Arbeitgeber fort und reicht bis in die Familie. Manchmal führt sie bis zum Verlust des Berufs. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus der aktuellen Kostenrechnung: Die Folgen einer Pandemie lassen sich nicht daran messen, wie schnell die Schlagzeilen verschwinden. SARS-CoV-2 zirkuliert weiter. Die Forschung macht Fortschritte, aber viele Fragen sind offen. Und Menschen mit Long Covid oder ME/CFS leben weiterhin mit den Folgen ihrer Erkrankung.

Die medizinische und gesellschaftliche Geschichte von Covid-19 ist noch lange nicht abgeschlossen.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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