KOMMENTAR
Im Mai hatte ich die Q1-Daten der chinesischen Automobilindustrie aufbereitet und viele Unstimmigkeiten mit den typischen Berichten dazu thematisiert.
Die Herausforderungen der Automobilindustrie sind tief – die Berichte dazu sind es nicht.

Über den chinesischen Autosektor lesen wir fast nur unterkomplexe Meinungsberichte. Das fängt mit den wirklich jährlich statt findenden “Einbrüchen”, die jedes Jahr durch die Neujustierung von Fördermaßnahmen sowie durch die Hersteller an der Stelle geplanten Modellwechsel statt finden. Das passiert genauso zuverlässig wie die Schrottberichte über irgen…
Nun kommt ein Update mit den jüngsten Daten, die weiter wie bisher kommentiert werden: Einbruch Binnenmarkt, Überkapazitäten, Subventionen, Ausweichreaktionen in den Export. Oft werden mit diesen Behauptungen rhetorisch Forderungen nach Zollbarrieren und Subventionen für die europäische Industrie vorbereitet. Das ist durchschaubar, aber hoffentlich nicht erfolgreich. Aber wer weiß, das “Aus” des nicht existierenden “Verbrennerverbots” wird ja auch ernsthaft diskutiert.
Speziell zu BYD hatte ich kürzlich einen tieferen Bericht über deren technologiegetriebene Strategie verfasst. Bereits hier wird sichtbar, dass die angebliche Reaktion auf irgendeinen Inlandseinbruch keine hinreichende Erklärung ist, weil diese Exportstrategie seit einer Dekade vorbereitet wird und auch mit einer dafür eigenen Logistik sowie Produkttechnologie erfolgt. Die behauptete Reaktion auf die Inlandsnachfrage ist gar nicht möglich und es gibt auch keine Planungsgrundlagen dazu.

Ich begleite die Strategie von BYD schon länger, auch an den Kapitalmärkten. Während real seit ca. 2015 eine Verzehnfachung des Werts erreicht wurde, wird in Börsenkanälen das Gerede von „Überkapazitäten“ und „mangelnder Profitabilität“ mit Charts erläutert, die nicht mal die massive Kapitalmaßnahme 2025 korrekt bewerten: Da hat BYD fast 9,5 Milliarden …
Wie im Mai berichtet, ist im Inlandsmarkt etwas ganz entscheidendes passiert und zwar lange angekündigt: Die Subventionen für E-Autos sind weitgehend ausgelaufen. Mehr noch, die strategische Ebene der E-Mobilität ist beendet. Die Technologie bzw. Transformation ist nicht mehr Bestandteil der Mehrjahrespläne, Subventionen von Produkten und Unternehmen sind überwiegend ausgelaufen und auch die noch bestehenden existieren nur wegen der lange geplanten Fristen, die man natürlich einhält. Daher werden auch die vielen unwirtschaftlichen Hersteller von E-Autos nicht mehr gestützt, es gibt sogar konkrete Maßnahmen, nicht mehr aussichtsreiche Unternehmen zu schließen.
Auch das wird in vielen Papern und Studien m.E. falsch bewertet. Die Aussagen zu Überkapazitäten, ruinösem Preiswettbewerb bis zur Unwirtschaftlichkeit des gesamten Sektors übersehen, was hier wirklich passiert: Diese Transformation gilt für Peking als abgeschlossen und der Sektor soll nun seinen Weg gehen. Dazu gehört auch, Akteure nun aus dem Markt ausscheiden zu lassen. Das ist letztlich genau das Gegenteil der Berichte bei uns und wenn jetzt unsere Industrie Zölle oder Subventionen fordert, sollte schon offen dazu gesagt werden, dass China genau das gerade beendet hat. Viel umfassender als bei uns dargestellt!
Damit zur Aktualisierung der Mai-Daten, die ich mit langfristigen Trendlinien ergänzt habe, um die wesentlichen Merkmale aufzuzeigen. Diese gestrichelten Trendlinien zeigen den bis Ende 2025 sehr stabilen langfristigen Wachstums- bzw. beim Verbrenner schon lange laufenden Schrumpfungsprozess. Um die 2026 nun in der Tat feststellbaren Brüche deutlich zu machen, sind diese Trendlinien durch gezeichnet. Nun sollte man aber nicht zu früh oder gar falsch urteilen, denn wie gesagt war das Ende 2025 ein struktureller Bruch mit der bisherigen Strategie – und das hat in China massives Gewicht!

Die Daten zeigen folgende Signale:
- Der Inlandsmarkt reagiert tatsächlich eruptiv, was nicht überrascht. Der übrigens schon immer eine gewisse Sättigung signalisierende Gesamttrend von 4,8% Marktwachstum (schwarze Kurve) ist nach unten verlassen. Aber: Das ist immer noch keine klare Aussage, denn der Einbruch ist vor allem bei den E-Autos (grüne Kurve) festzustellen und das ist wegen der umfassenden Maßnahmen Ende 2025 noch gar nicht zu bewerten. Erkennbar ist nämlich, dass die Daten sich seit Ende Q1 wieder wie erwartet und übrigens jedes Jahr erholen.
Es ist nicht zu erwarten, dass der frühere steile Trend von 30% Wachstum bei den E-Autos wieder erreicht wird, aber es wird sich ein neuer einstellen, der vermutlich bis zur kompletten Substitution der Verbrenner oberhalb des früheren Gesamtwachstums einpendeln dürfte. Der Verbrenner hingegen ist interessant, denn der müsste vom Auslaufen der E-Subventionen eher profitieren, aber die Zahlen brechen sogar noch schneller weg als zuvor. Das ist vermutlich auf Hormuz zurück zu führen und ich erwarte hier keine Erholung mehr.
Mein Fazit: Der Markt wird die Substitution des Verbrenners noch schneller vollziehen, als sogar die Strategen planten. E-Autos werden sich weiter erholen und einen neuen Trend finden, der die 30% nicht mehr erreichen dürfte. Verbrenner sind in China tot und das ist in den Bilanzen der deutschen Autoindustrie leider bestens ablesbar. - Der Exportmarkt zeigt die umgekehrten Signale, was gerne zu den zitierten Bewertungen führt. Betrachtet man die dabei maßgeblichen Exporteure wie BYD kann man aber eine Reaktion auf den Binnenmarkt ausschließen. Ich vermute im Gegenteil ein lange exakt für 2026 auch geplantes Ausrollen der über ein Jahrzehnt systematisch aufgebauten Wertschöpfungskette von den Produktionslinien bis zu den Absatzmärkten. Da wurde kein “Schalter umgelegt”, weil “plötzlich” im Inland zu viel Kapazität herrscht, ich halte diese Überlegungen angesichts der Komplexität dieser Lieferketten und der nun täglich sichtbaren Initiativen von Markteintritten bis zu Auslandswerken für naiv.
Meine Bewertung lautet, dass dieses Exportwachstum lange vorbereitet wurde, weil man die Überlegenheit der eigenen E-Strategie global plante – das steht genau so in den Fünfjahresplänen seit 2015. Ich würde wirklich jedem empfehlen, diese zu lesen und nicht die eigene Wahrnehmung mit irgendwelchen Quartalsdaten zu irritieren.
Denn: Ich gehe davon aus, dass diese Strategie nun erst mit ihrer Ernte beginnt. Der Export wächst sei einigen Jahren bereits mit starken 30% und der ist lange geplant 2026 nach oben ausgebrochen. Es mag sein, dass hier einige Verbrenner als Ausweichreaktion auf den Inlandsmarkt eine Rolle spielen. In den Datendetails finden sich Exporte in asiatische Nachbarländer und Schwellenländer, die vielleicht sogar diese Ausweichthese stützen. Das ist aber ein absoluter Nebenbefund, denn vor allem seitens der Marktanteile sind die E-Autos auch hier der relevante Trend. Wir sollten uns darauf einstellen, dass die chinesischen E-Exporte die auch im Inlandsmarkt lange gezeigte Wachstumsrate von 30% in den nächsten Jahren mindestens stabil erreichen, wenn nicht sogar deutlich übertreffen. Und das heißt: Dieser Trend wird die in den Fünfjahresplänen angestrebte globale Marktdominanz wie bei PV- und Batterien erreichen, wenn globale Wettbewerber nicht sehr schnell wuchtige Antworten finden! - Was die Gesamtindustrie betrifft, so sind die Daten klar: Das langfristige Wachstum von 8,3% wird schnell wieder erreicht und sehr wahrscheinlich sogar übertroffen, weil sowohl Inlands- wie Exportmärkte für die Chinesen sprechen. Das Wachstum der 30% bei den E-Autos werden die sogar insgesamt mindestens wieder erreichen, eher sogar noch eine ganze Weile bei der globalen Transformation übertreffen. Daher glasklar: Es gibt keine Überkapazitäten, die Chinesen beschäftigen sich sogar mit dem genauen Gegenteil!
Fazit: Während bei uns von Subventionen gesprochen wird, lassen die Chinesen diese Industrie nun ohne ihre typischen strategischen oder finanziellen Eingriffe im nationalen wie globalen Markt frei laufen. Und zwar steil aufwärts! Daher denken die chinesischen Hersteller darüber nach, wo sie neue Produktionsstätten aufbauen, während bei uns von Überkapazitäten gesprochen wird.
Diese eklatant unterschiedlichen Bewertungen und Handlungsweisen sind leider nicht neu. In der Chipindustrie sowie vielen Elektronikmärkten haben Asiaten seit Dekaden mit technologischer Exzellenz und nahezu vollständig automatisierter Produktion hoch skalierte und sehr preis- sowie mengenelastische Kapazitäten für Wachstumsmärkte errichtet, während Europäer mit unterkomplexen bis ängstlichen Auslastungsmetriken veraltete Linien verfolgten.
Die Geschichte dieser Märkte ist bekannt, nahezu alle Massenproduktionen vom Flachbildschirm über Speicherchips bis zu Smartphones sind nach Asien abgewandert. Wer sich mit Robotik und AI befasst, darf erkennen, dass es kein einziges industrielles Produkt gibt, das nicht denselben Weg gehen wird. Die Industrie der Zukunft ist automatisiert und kann hoch elastisch von immer noch profitabler geringer Auslastung bis zu zyklischen Spitzenmengen gefahren werden. Sie kann das auch mit entsprechenden Preisschwankungen tun.
Wenn die Europäer nicht schnell beginnen, moderne Metriken der Industrie, von der Investitionsrechnung über Technologien bis zu strategischen Planungen, zu begreifen, werden wir über Spezialmanufakturen keine Industrie mehr haben. Selbst dann nicht, wenn man bei uns die ach so bedeutenden Strompreise auf Null subventioniert, bis 100 Jahre Lebensalter mehr arbeitet und bei der sozialen Umverteilung das Geheimnis der Brotvermehrung doch noch findet!
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