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  • 8. September 2026 21:39

Die neue Welt der Energiepreise – und was sie Deutschland kostet

ByAnton Aeberhard

Aug. 22, 2026

Die Energiekrise von 2022 ist vorbei. Das Preisniveau von damals ist es nicht. Für deutsche Haushalte und Unternehmen bleibt Energie teurer als vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Gleichzeitig investiert Deutschland Milliarden in Netze, Kraftwerke und erneuerbare Energien. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob die alte Welt billiger war. Sondern ob das neue Energiesystem auf Dauer wirtschaftlicher und weniger krisenanfällig sein kann.

Es gibt viele Zahlen, mit denen sich der Wandel auf dem deutschen Energiemarkt beschreiben lässt. Eine davon ist 40,55.

So viele Cent kostete eine Kilowattstunde Strom für private Haushalte im zweiten Halbjahr 2025 im Durchschnitt. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Rückgang von 1,6 Prozent. Verglichen mit dem zweiten Halbjahr 2021 lag der Preis allerdings noch 23,4 Prozent höher. Beim Erdgas ist der Abstand noch größer. Eine Kilowattstunde kostete im zweiten Halbjahr 2025 durchschnittlich 12,23 Cent. Das waren 79,1 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Damit ist die wichtigste Entwicklung schon beschrieben: Der extreme Preisschub von 2022 ist vorbei. Auf das Preisniveau der Jahre davor ist Deutschland aber nicht zurückgekehrt.

Das zeigt sich auch in den jüngsten Zahlen. Im Juli 2026 lagen die Preise für Energieprodukte insgesamt 8,3 Prozent über dem Vorjahresmonat. Strom war gleichzeitig 5,3 Prozent günstiger, Erdgas einschließlich Betriebskosten 2,9 Prozent. Den Anstieg bei Energie insgesamt trieben vor allem Mineralölprodukte. Wer heute über Energiepreise spricht, muss deshalb genauer hinsehen. Strom, Gas, Benzin und Heizöl entwickeln sich nicht zwangsläufig gemeinsam. Und der Preis, den ein Haushalt bezahlt, ist etwas anderes als der Preis, der an der Strombörse entsteht.

Was von der Energiekrise geblieben ist

Vor 2022 war die deutsche Energieversorgung in hohem Maße auf russisches Pipelinegas angewiesen. Das war für die deutsche Industrie über lange Zeit ein erheblicher Standortvorteil. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zerbrach dieses Modell innerhalb weniger Monate. Deutschland musste neue Lieferquellen erschließen. Norwegen wurde wichtiger, Flüssigerdgas kam hinzu, und die Infrastruktur für LNG-Importe wurde in ungewöhnlich kurzer Zeit aufgebaut. 2025 wurden über deutsche LNG-Terminals 106 Terawattstunden Erdgas importiert. Das entsprach 10,3 Prozent der deutschen Gasimporte.

Parallel dazu veränderte sich der Strommix. Nach Angaben der Bundesnetzagentur kamen 2025 rund 58,8 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Zugleich erzeugten Gaskraftwerke 60,6 Terawattstunden Strom. Das ist kein Widerspruch. Wind- und Solaranlagen liefern Strom abhängig vom Wetter. Gaskraftwerke können einen Teil der Lücke schließen, wenn die erneuerbare Erzeugung nicht ausreicht.

Genau darin liegt eine der Herausforderungen des neuen Systems. Mit mehr Wind- und Solarstrom wird es wichtiger, Erzeugung und Verbrauch zeitlich zusammenzubringen. Strom muss außerdem dorthin transportiert werden, wo er gebraucht wird. Das klingt technisch. Es hat aber eine sehr konkrete wirtschaftliche Folge: Der Umbau der Stromversorgung erfordert hohe Investitionen.

Der Börsenpreis ist nicht die Stromrechnung

Das lässt sich an den Strompreisen besonders gut beobachten. 2025 lag der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis in Deutschland bei 89,32 Euro je Megawattstunde. Er war damit 13,8 Prozent höher als 2024. Gleichzeitig gab es 573 Stunden mit negativen Großhandelspreisen. In 40 Stunden lag der Preis bei mehr als 300 Euro je Megawattstunde.

Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Tatsächlich zeigt es aber ziemlich genau, wie ein Strommarkt mit viel Wind- und Solarstrom funktioniert. Wenn viel Strom produziert wird und die Nachfrage gering ist, kann der Börsenpreis stark fallen. Bei hoher Nachfrage und gleichzeitig schwacher Wind- und Solarproduktion kann es umgekehrt sehr teuer werden. Die niedrigen Grenzkosten erneuerbarer Energien sind dabei ein Vorteil. Wind und Sonne brauchen keinen Brennstoff. Die Herausforderung besteht darin, den erzeugten Strom dann verfügbar zu machen, wenn ihn Haushalte und Unternehmen benötigen.

Dafür braucht Deutschland zusätzliche Leitungen, Speicher, flexible Nachfrage und Kraftwerke, die auch dann Strom liefern können, wenn Wind und Sonne wenig beitragen. Das kostet Geld. Die Frage ist, wie viel und mit welchem langfristigen Nutzen.

Die Netze werden zum entscheidenden Kostenfaktor

Der Stromnetzausbau ist dabei kein Randthema mehr. Neue Windparks entstehen häufig im Norden, große industrielle Verbraucher sitzen unter anderem im Westen und Süden. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Strom durch Elektroautos, Wärmepumpen, Rechenzentren und die Elektrifizierung industrieller Prozesse. Die Netzentgelte machen deshalb einen erheblichen Teil der Stromrechnung aus. Für 2026 übernimmt der Bund 6,5 Milliarden Euro der Übertragungsnetzentgelte, um Verbraucher und Unternehmen zu entlasten.

Für den einzelnen Stromkunden ist das zunächst eine Entlastung. Für den Staat ist es eine Ausgabe. Das ist ein Unterschied, der in der politischen Diskussion leicht verloren geht. Ein Zuschuss senkt den Preis, den der Kunde bezahlt. Er senkt aber nicht automatisch die Kosten, die beim Ausbau und Betrieb des Netzes entstehen. Die Kosten werden vielmehr anders verteilt.

Ob diese Ausgaben wirtschaftlich sinnvoll sind, hängt deshalb davon ab, was die Infrastruktur künftig leistet. Eine Leitung, die über Jahrzehnte benötigt wird, ist etwas anderes als eine dauerhafte Subvention für einen hohen laufenden Energieverbrauch.

Deutschland importiert weiterhin Energie in Milliardenhöhe

Die zweite große Rechnung betrifft die fossilen Energieträger. Deutschland ist weiterhin auf Importe angewiesen. Besonders deutlich lässt sich das beim Erdgas zeigen. 2025 wurden Gasimporte im Wert von 24,8 Milliarden Euro verzeichnet. 2022 waren es 67,9 Milliarden Euro. Der Unterschied sagt allerdings nicht, dass Deutschland heute nur noch einen Bruchteil des Gases von damals benötigt. Vor allem die Preise haben sich verändert.

Und auch diese 24,8 Milliarden Euro sind nicht mit den „Kosten der Energiewende“ gleichzusetzen. Deutschland hätte auch ohne Ausbau von Wind- und Solarenergie Gas importieren müssen. Der Gaspreis wird auf dem europäischen und internationalen Markt bestimmt. Die Zahl zeigt vielmehr, welche laufende Rechnung mit fossiler Energie verbunden bleibt. Bei Wind und Sonne ist das anders. Der Bau der Anlagen kostet Geld, ebenso Netze und Wartung. Einen Brennstoff, der jedes Jahr erneut eingekauft werden muss, gibt es aber nicht.

Damit verändert sich die Struktur des Energiesystems. Ein Teil der Kosten wandert von laufenden Brennstoffkäufen in Investitionen. Ob das auf lange Sicht günstiger ist, hängt von mehreren Faktoren ab – vor allem davon, wie sich die Preise fossiler Energieträger entwickeln und wie teuer der Aufbau des neuen Systems wird.

Für die Industrie ist Energie eine Standortfrage

Private Haushalte zahlen die höchsten Strompreise. Unternehmen haben andere Tarife und Verbrauchsprofile. Im zweiten Halbjahr 2025 lag der durchschnittliche Strompreis für Nicht-Haushalte bei 19,22 Cent je Kilowattstunde. Für Unternehmen mit einem Jahresverbrauch von mehr als 150.000 Megawattstunden waren es 13,07 Cent.

Für große Verbraucher ist die Lage also eine andere als für einen privaten Haushalt. Trotzdem sind die Energiepreise für Teile der Industrie von großer Bedeutung. In der Chemie, bei Metallen, Glas, Papier und anderen energieintensiven Branchen kann Energie einen erheblichen Anteil der Produktionskosten ausmachen. Das Problem lässt sich nicht allein mit dem deutschen Strompreis beschreiben. Ein Unternehmen vergleicht seinen Standort mit anderen Ländern. Es fragt, wie viel Energie kostet, wie zuverlässig sie verfügbar ist und wie sich diese Kosten in den kommenden Jahren entwickeln könnten.

Das ist besonders wichtig bei Investitionen, die über Jahrzehnte laufen. Nicht jede Produktionsverlagerung aus Deutschland ist auf Energiepreise zurückzuführen. Die Industrie hat auch mit schwacher Nachfrage, internationalem Wettbewerb, hohen Arbeitskosten und strukturellen Veränderungen zu kämpfen. Energie kann diese Probleme aber verschärfen. Die Bundesbank erwartet für Deutschland 2026 ein kalenderbereinigtes Wachstum von lediglich 0,5 Prozent. Sie sieht im aktuellen Energiepreisschock einen zusätzlichen Belastungsfaktor für Inflation und Konjunktur.

Was kostet die neue Energieordnung?

Hier wird die Antwort schwieriger, als die Frage klingt. Eine seriöse Gesamtsumme gibt es nicht. Man könnte höhere Energiepreise, Netzkosten, staatliche Zuschüsse und Investitionen in neue Erzeugungsanlagen addieren. Man könnte außerdem versuchen, mögliche Produktionsverluste der Industrie zu schätzen. Das Ergebnis wäre eine große Zahl. Nur wäre nicht klar, was sie eigentlich aussagt.

Ein höherer Ölpreis aufgrund eines geopolitischen Konflikts ist keine Ausgabe der Energiewende. Eine neue Stromleitung ist eine Investition. Ein staatlicher Zuschuss verschiebt die Finanzierung vom Stromkunden zum Steuerzahler. Ein möglicher Verlust industrieller Wertschöpfung wiederum ist eine Schätzung über eine Entwicklung, die vielleicht eintreten wird und vielleicht nicht.

Diese Dinge gehören deshalb nicht in einen einzigen Topf. Sinnvoller ist es, die einzelnen Rechnungen nebeneinanderzustellen.

Da ist zunächst die Rechnung für fossile Energieimporte. 2025 kosteten allein die Erdgasimporte 24,8 Milliarden Euro. Dann kommen die Investitionen in das neue Energiesystem. Ein Teil davon entfällt auf Stromnetze, ein Teil auf Wind- und Solaranlagen, Speicher und Kraftwerke. Dazu kommen staatliche Entlastungen. Der Bund übernimmt 2026 beispielsweise 6,5 Milliarden Euro der Übertragungsnetzentgelte. Und schließlich steht die Standortfrage im Raum. Wenn energieintensive Produktion wegen dauerhaft hoher Kosten aus Deutschland verschwindet, geht Wertschöpfung verloren. Wie groß dieser Effekt sein wird, lässt sich heute nicht seriös beziffern. Gerade deshalb wäre eine präzise klingende Gesamtsumme irreführend.

Entlastung ist nicht dasselbe wie Kostensenkung

Der Staat kann Energiepreise beeinflussen. Er kann Steuern und Abgaben verändern, Netzentgelte bezuschussen und bestimmte Verbrauchergruppen unterstützen. 2026 können Haushalte, die sowohl Strom als auch Gas beziehen, nach Berechnungen der Bundesregierung durch verschiedene Maßnahmen im Durchschnitt rund 160 Euro entlastet werden. Zugrunde gelegt wird dabei ein Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden Strom und 20.000 Kilowattstunden Gas.

Für die betroffenen Haushalte ist das spürbar. An den tatsächlichen Kosten der Energieversorgung ändert sich dadurch zunächst wenig. Der Staat übernimmt einen Teil davon oder verzichtet auf Einnahmen. Das kann in einer Krisensituation sinnvoll sein. Auf Dauer ist aber etwas anderes entscheidend: ob es gelingt, die Kosten des Energiesystems selbst zu reduzieren. Dafür braucht es nicht unbedingt die billigste Kilowattstunde zu jeder Tageszeit. Es braucht ein System, das mit den Schwankungen umgehen kann.

Wenn Strom dann verbraucht wird, wenn viel Wind- und Solarstrom vorhanden ist, kann das günstiger sein. Speicher können Preisspitzen abfedern. Ein leistungsfähiges Netz kann verhindern, dass günstiger Strom regional nicht genutzt werden kann. Das sind keine Nebensächlichkeiten. Sie entscheiden mit darüber, ob der Ausbau erneuerbarer Energien am Ende tatsächlich zu einem kostengünstigeren Energiesystem führt.

Der eigentliche Wandel: Deutschland kann Energiepreise weniger kontrollieren als früher

Die Energiekrise hat vor allem eines gezeigt: Energie ist nicht nur eine Wirtschaftsfrage. Deutschland kann den Preis für Erdgas oder Öl auf dem Weltmarkt nicht bestimmen. Politische Konflikte können die Preise innerhalb kurzer Zeit verändern. Auch 2026 ist das wieder sichtbar. Im Juli lagen die Verbraucherpreise für Energieprodukte insgesamt 8,3 Prozent über dem Vorjahresmonat. Strom und Erdgas entwickelten sich dabei allerdings günstiger als der Energieindex insgesamt.

Für Unternehmen ist diese Unsicherheit problematischer als eine einzelne Preisspitze. Eine Fabrik wird nicht für zwei oder drei Jahre gebaut. Investitionen in Chemieanlagen, Stahlwerke oder andere energieintensive Produktionsstätten müssen sich über lange Zeit rechnen. Deshalb zählt nicht nur, was Strom heute kostet. Es zählt auch, ob ein Unternehmen einigermaßen verlässlich abschätzen kann, was Energie morgen und übermorgen kostet.

Die Rechnung wird sich erst später entscheiden

Deutschland wird wahrscheinlich nicht zum Land mit den weltweit niedrigsten Energiepreisen werden. Dafür sind die Standortbedingungen zu unterschiedlich. Das Ziel der Energiepolitik kann deshalb nicht allein darin bestehen, einen möglichst niedrigen Endkundenpreis zu erreichen. Es muss darum gehen, die Abhängigkeit von volatilen Brennstoffimporten zu verringern, die Versorgung abzusichern und gleichzeitig die Kosten des neuen Systems unter Kontrolle zu halten.

Das ist kein Selbstläufer. Wind- und Solarenergie können die laufenden Brennstoffkosten des Stromsystems senken. Dafür müssen Netze ausgebaut, Speicher geschaffen und flexible Kraftwerke vorgehalten werden. Der Staat kann den Übergang erleichtern, aber nicht jede Kostensteigerung dauerhaft ausgleichen. Die Energiewende ist deshalb weder automatisch billig noch zwangsläufig ein wirtschaftliches Verlustgeschäft.

Sie ist zunächst eine Veränderung der Kostenstruktur. Deutschland bezahlt heute für neue Infrastruktur und für den Umbau seiner Energieversorgung. Im Gegenzug kann es künftig einen größeren Teil seines Stroms aus heimischen Quellen erzeugen und muss weniger fossile Brennstoffe einkaufen. Ob sich dieser Tausch lohnt, lässt sich nicht an der Stromrechnung eines einzelnen Jahres ablesen. Man wird ihn erst über einen längeren Zeitraum beurteilen können – daran, wie viel die neue Infrastruktur kostet, wie stark die fossilen Importe zurückgehen und ob die deutsche Industrie mit den verbleibenden Energiekosten international wettbewerbsfähig bleibt.

Die eigentliche Rechnung der neuen Energiewelt ist deshalb noch nicht abgeschlossen. Sie läuft.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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