Möchten Sie Push-Benachrichtigungen von unserer Zeitung erhalten? Ja Nein, danke
  • 8. September 2026 21:34

KOMMENTAR

Es ist eine Nachricht, die zunächst wie ein Rückfall in eine längst vergangene Zeit wirkt. In Palermo ist ein vierjähriges Mädchen gestorben. Nach den bisherigen Untersuchungen besteht der Verdacht auf Diphtherie, jene bakterielle Infektionskrankheit, die in Europa dank konsequenter Impfprogramme über Jahrzehnte weitgehend aus dem Alltag verschwunden ist. Die endgültige Bestätigung der Diagnose steht noch aus. Die italienischen Behörden haben eine epidemiologische Untersuchung eingeleitet, die Staatsanwaltschaft eine Autopsie angeordnet.

Nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA war das Mädchen nicht gegen Diphtherie geimpft. Auch ein gleichaltriger Cousin wurde mit ähnlichen Symptomen behandelt. Er war nach den bisherigen Angaben geimpft und erkrankte weniger schwer. Das allein beweist selbstverständlich keinen Zusammenhang zwischen Impfstatus und Krankheitsverlauf dieses Einzelfalls. Dafür ist die Faktenlage noch nicht abgeschlossen.

Gerade bei einer solchen Nachricht ist Zurückhaltung angebracht. Wer aus einem einzelnen Todesfall vorschnell eine allgemeine Schuldzuweisung ableitet, verlässt den Boden einer seriösen Betrachtung. Doch die größere Frage, die dieser Fall aufwirft, ist durchaus beantwortbar: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft den Schutz vor vermeidbaren Infektionskrankheiten für selbstverständlich hält und zugleich das Vertrauen in Impfungen verliert? Die Antwort lässt sich inzwischen beobachten.

Krankheiten verschwinden nicht, weil wir sie vergessen

Diphtherie ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Die Krankheit ist in Europa selten geworden, aber nicht verschwunden. Die Weltgesundheitsorganisation weist ausdrücklich darauf hin, dass keine WHO-Region vollständig frei von Diphtherie ist. Wo die Impfquoten sinken, kann das Bakterium weiter zirkulieren und Ausbrüche können wieder auftreten.

Das ist eine der großen, aber wenig sichtbaren Leistungen der modernen Medizin. Der Erfolg einer Impfung besteht schließlich gerade darin, dass die Krankheit nicht mehr stattfindet. Wer heute in Europa aufwächst, kennt Diphtherie in der Regel nicht aus eigener Anschauung. Das kann leicht den Eindruck erzeugen, die Krankheit selbst sei verschwunden. Sie ist es nicht.

Der Erreger interessiert sich nicht dafür, ob eine Gesellschaft sich noch an seine früheren Opfer erinnert. Sinkt die Immunität einer Bevölkerung ausreichend, können Infektionen wieder auftreten. Bei den Masern ist dieser Zusammenhang bereits deutlich zu sehen. WHO und UNICEF registrierten 2024 in Europa und Zentralasien 127.412 Fälle – so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr. 2025 ging die Zahl zwar um fast 75 Prozent auf 33.998 Fälle zurück. Entwarnung geben die Organisationen dennoch nicht: Der Rückgang ist auch auf Ausbruchskontrolle und Impfkampagnen zurückzuführen, während in unterversorgten oder untergeimpften Gemeinschaften weiterhin ein erhebliches Risiko besteht.

Das ist kein Beweis dafür, dass „die Impfgegner“ für jeden einzelnen Masernfall verantwortlich wären. Impfquoten sinken aus unterschiedlichen Gründen. Manche Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zur medizinischen Versorgung, Impfungen werden versäumt, andere fürchten Nebenwirkungen oder misstrauen staatlichen Institutionen. UNICEF und WHO weisen zugleich auf stagnierende oder teilweise rückläufige Impfquoten in Europa und Zentralasien hin. Und dann gibt es diejenigen, die Impfungen grundsätzlich ablehnen und diese Haltung mit Behauptungen begründen, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Hier liegt der entscheidende Unterschied.

Skepsis ist nicht das Problem

Es wäre falsch, jeden kritischen Einwand gegen Impfungen als Impfgegnerschaft abzutun. Medizinische Eingriffe haben Risiken. Impfstoffe sind keine Ausnahme. Es ist legitim, nach Nebenwirkungen zu fragen, Studien zu prüfen oder Entscheidungen von Behörden zu hinterfragen. Das ist kein Gegensatz zur Wissenschaft. Es ist ein Teil von ihr. Wissenschaft funktioniert gerade deshalb, weil Behauptungen überprüft werden dürfen und müssen.

Etwas anderes ist es, wenn aus Skepsis ein geschlossenes Weltbild wird. Wenn eine einzelne Nebenwirkung als Beweis für die Gefährlichkeit eines gesamten Impfprogramms dient. Wenn persönliche Erfahrungsberichte mehr gelten sollen als große epidemiologische Untersuchungen. Oder wenn wissenschaftliche Institutionen grundsätzlich als Teil einer Verschwörung betrachtet werden.

Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, wie sicher ein Impfstoff ist. Dann geht es um die Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt noch als Maßstab akzeptiert wird. Ein Beispiel ist die immer wieder behauptete Verbindung zwischen Impfungen und Autismus. Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Frage 2025 erneut anhand der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz prüfen lassen. Das Ergebnis: Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus.

Eine solche Feststellung bedeutet nicht, dass jede denkbare Frage zu Impfstoffen erledigt wäre. Sie bedeutet aber, dass eine konkrete Behauptung am Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis gemessen werden muss – und nicht daran, wie oft sie in sozialen Netzwerken wiederholt wird.

Der Erfolg der Impfung wird gegen sie selbst gewendet

Paradoxerweise arbeitet der Erfolg der Impfmedizin dabei gegen sie. Wenn eine Krankheit selten geworden ist, verschwindet auch die unmittelbare Erfahrung ihrer Gefährlichkeit. Eltern kennen Masern vielleicht nur noch aus einem Impfpass. Diphtherie kennen sie aus einem Lehrbuch. Polio ist für viele eine historische Krankheit. Die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung dagegen können unmittelbar erlebt werden – und sei es nur ein schmerzender Arm oder Fieber für einen Tag.

Das menschliche Gehirn ist schlecht darin, solche Risiken gegeneinander abzuwägen. Ein unmittelbar wahrnehmbares Ereignis wirkt größer als ein abstraktes Risiko, das durch eine Impfung verhindert wird. Daraus entsteht ein folgenschwerer Denkfehler: Weil die Krankheit kaum noch vorkommt, erscheint die Impfung plötzlich unnötig. Tatsächlich ist es umgekehrt.

Die Krankheit kommt kaum noch vor, weil geimpft wird.

Die Pandemie hat eine zweite Aufgabe hinterlassen

Die wichtigste Auseinandersetzung über Impfungen wird deshalb nach COVID-19 nicht darin bestehen, Kritiker zum Schweigen zu bringen. Sie wird darin bestehen, Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist schwieriger, als neue Impfkampagnen zu starten. Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es entsteht, wenn Behörden transparent mit Unsicherheit umgehen, wenn Nebenwirkungen nicht heruntergespielt werden, wenn Fehler eingestanden werden und wenn wissenschaftliche Empfehlungen nachvollziehbar erklärt werden.

Aber Vertrauen bedeutet auch, zwischen einer berechtigten Frage und einer unbelegten Behauptung unterscheiden zu können. Wer fragt, wie groß ein Risiko ist, verdient eine Antwort. Wer behauptet, Impfstoffe verursachten grundsätzlich Autismus, obwohl die wissenschaftliche Evidenz keinen kausalen Zusammenhang zeigt, verbreitet keine bloße „alternative Meinung“. Und wenn solche Behauptungen millionenfach verbreitet werden, bleiben sie nicht ohne Folgen. Menschen treffen auf ihrer Grundlage medizinische Entscheidungen – mitunter Entscheidungen, die nicht nur sie selbst betreffen.

Das ist der Punkt, an dem die Debatte über Impfungen politisch und gesellschaftlich wird.

Was der Fall Palermo tatsächlich zeigt

Der Tod des Mädchens in Palermo sollte deshalb nicht als Beweisstück in einem ideologischen Streit missbraucht werden. Dafür ist die Faktenlage des Einzelfalls noch nicht abgeschlossen. Er sollte vielmehr daran erinnern, wie schnell etwas, das als selbstverständlich gilt, selbstverständlich nicht mehr sein kann.

Diphtherie wurde nicht deshalb zurückgedrängt, weil sie ungefährlich geworden wäre. Sie wurde zurückgedrängt, weil Menschen sich schützen konnten und geschützt haben. Die WHO bezeichnet Impfungen weiterhin als entscheidendes Mittel zur Verhinderung von Diphtherie und warnt zugleich vor dem Risiko erneuter Ausbrüche bei unzureichender Impfquote.

Dass eine Krankheit selten geworden ist, ist deshalb kein Argument gegen die Impfung. Es ist eines der stärksten Argumente für ihren Erfolg. Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie der Impfdebatte: Eine Generation erlebt die Freiheit von Krankheiten, die ihre Großeltern noch fürchten mussten, und hält diese Freiheit schließlich für den Normalzustand. Genau darin liegt das Paradox des Impferfolgs: Je erfolgreicher er ist, desto leichter wird vergessen, wovor er schützt.

Fehler gefunden?
Wir sind dankbar für jeden Hinweis, der uns hilft, unsere Berichterstattung zu verbessern. Bitte senden Sie eine kurze E-Mail an feedback@dmz-news.online mit folgenden Angaben:

  • Die genaue URL des Artikels
  • Beschreibung des Fehlers
  • (Optional) Vorschlag zur Korrektur

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.

Wir glauben daran, dass jede und jeder das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.

Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.

Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.

By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert