Zum Internationalen Tag des Gedenkens und der Ehrung der Opfer des Terrorismus am 21. August
Ein Anschlag endet nicht in dem Moment, in dem die Sirenen verstummen. Für die Menschen, die ihn erlebt haben, beginnt danach oft eine andere Zeit: eine Zeit mit Verletzungen, mit Angst, mit Verlust – und mit der Erfahrung, dass die öffentliche Aufmerksamkeit irgendwann weiterzieht.
Am 21. August erinnert die internationale Gemeinschaft an die Opfer des Terrorismus. Die Vereinten Nationen haben diesen Tag 2017 ins Leben gerufen. In diesem Jahr steht er unter dem Motto „Healing through Memory“ – Heilung durch Erinnerung.
Das ist mehr als eine Formel für einen Gedenktag. Denn Erinnerung entscheidet auch darüber, wie eine Gesellschaft mit den Menschen umgeht, deren Leben durch Terror verändert wurde.
Terrorismus trifft nicht nur diejenigen, die unmittelbar getötet oder verletzt werden. Er trifft Familien. Er verändert Freundschaften und Arbeitsleben. Er kann Menschen Jahre später noch einholen. Manche tragen körperliche Folgen davon, andere psychische Verletzungen, die nach außen kaum sichtbar sind. Wieder andere kämpfen vor allem mit dem Gefühl, dass ihre Geschichte irgendwann niemanden mehr interessiert.
Gerade darin liegt eine politische Verantwortung, die über den Tag des Gedenkens hinausgeht. Deutschland hat nach den Anschlägen der vergangenen Jahre Strukturen geschaffen, um Betroffene terroristischer und extremistischer Gewalt besser zu unterstützen. Es gibt einen Opferbeauftragten des Bundes, finanzielle Hilfen und psychosoziale Angebote. Auch die Arbeit von Opferverbänden hat dazu beigetragen, dass die Perspektive der Betroffenen stärker wahrgenommen wird.
Das ist ein Fortschritt. Aber es ist noch keine Garantie dafür, dass Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Wer einen Angehörigen durch einen Anschlag verliert, braucht nicht nur in den ersten Tagen einen Ansprechpartner. Wer verletzt wurde oder ein Trauma davongetragen hat, braucht unter Umständen Jahre später noch Unterstützung. Und wer sich durch Anträge, Gutachten und Zuständigkeiten arbeiten muss, erlebt schnell eine zweite Belastung: Man muss die eigene Betroffenheit immer wieder erklären und nachweisen.
Hier sollte der Staat genauer hinsehen. Opferhilfe darf nicht davon abhängen, wie lange ein Anschlag in den Nachrichten bleibt. Sie muss auch dann funktionieren, wenn die Kameras längst verschwunden sind. Dazu gehören verlässliche psychosoziale Angebote, verständliche und möglichst unbürokratische Verfahren und Ansprechpartner, die Betroffene nicht nach kurzer Zeit wieder aus dem Blick verlieren.
Dabei geht es nicht um eine Politik des Mitleids. Es geht um einen Anspruch, der aus dem Rechtsstaat selbst folgt: Wer durch politische Gewalt zum Opfer geworden ist, darf nicht mit den Folgen allein gelassen werden.
Auch die Betroffenen selbst sollten dabei eine größere Rolle spielen. Viele Überlebende und Angehörige haben nach Anschlägen begonnen, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. Manche engagieren sich gegen Extremismus, andere in der Prävention oder in der Unterstützung anderer Betroffener. Ihre Erfahrungen sind nicht nur Teil der Erinnerung. Sie können auch helfen, die richtigen Fragen an die Prävention zu stellen.
Denn die Bedrohung verändert sich. Terroristische Organisationen können geschwächt werden, ohne dass die Gefahr verschwindet. Radikalisierung findet heute auch im Internet statt. Einzelne Täter können sich in digitalen Räumen selbst radikalisieren und ihre Gewaltvorstellungen unmittelbar in die Realität tragen. Dazu kommen politische und gesellschaftliche Konflikte, die extremistische Bewegungen für ihre Zwecke nutzen.
Darauf muss ein demokratischer Staat reagieren. Mit Sicherheitsbehörden, selbstverständlich. Aber nicht ausschließlich. Prävention beginnt früher. Sie betrifft Schulen und Familien, digitale Plattformen und politische Bildung. Sie betrifft den Umgang mit antisemitischer, rassistischer und extremistischer Propaganda. Und sie betrifft die Frage, ob Menschen in einer offenen Gesellschaft das Gefühl haben, dass ihre Erfahrungen und ihre Ängste ernst genommen werden.
Gerade deshalb ist Gedenken keine Nebensache. Ein Gedenktag kann die Toten nicht zurückbringen und die Folgen eines Anschlags nicht ungeschehen machen. Aber er kann verhindern, dass die Opfer auf Zahlen in einer Statistik reduziert werden. Er kann ihre Geschichten im öffentlichen Gedächtnis halten. Und er kann daran erinnern, dass staatliche Verantwortung nicht mit der Festnahme eines Täters oder dem Ende eines Gerichtsverfahrens endet.
Deutschland hat inzwischen einen nationalen Gedenktag für die Opfer terroristischer Gewalt. Der internationale Gedenktag der Vereinten Nationen setzt einen anderen, weltweiten Akzent. Beide sind sinnvoll. Entscheidend ist jedoch, was zwischen den Gedenktagen geschieht.
Denn Erinnerung ist dann glaubwürdig, wenn sie Folgen hat. Wenn Betroffene auch Jahre später Unterstützung erhalten. Wenn ihre Erfahrungen in die Prävention einfließen. Wenn Behörden aus vergangenen Anschlägen lernen. Und wenn eine Gesellschaft nicht nur dann hinsieht, wenn Terror wieder Schlagzeilen macht. Terroristen wollen Angst hinterlassen. Sie wollen Menschen gegeneinander aufbringen und das Vertrauen in die offene Gesellschaft beschädigen.
Die Antwort darauf besteht deshalb nicht allein darin, Anschläge zu verhindern. Sie besteht auch darin, den Menschen, die sie erlebt haben, zu zeigen: Wir vergessen euch nicht. Am 21. August ist dafür ein guter Tag. Aber eben nur ein Anfang.
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