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  • 8. September 2026 21:36

Die Schweiz braucht keine neuen AKW für den Klimaschutz

ByAnton Aeberhard

Aug. 21, 2026

KOMMENTAR

Ein emeritierter ETH-Professor warnt, ohne neue Atomkraftwerke sei der Klimaschutz gefährdet. Das klingt nach einem wissenschaftlichen Befund. Den gibt die aktuelle Forschung allerdings nicht her.

„Ohne AKW könnte es das mit dem Klimaschutz gewesen sein.“

So ein Satz bleibt hängen. Er klingt nach jemandem, der im Maschinenraum steht und eine unbequeme Wahrheit ausspricht: Wer die Kernkraft abschreibt, riskiert die Klimaziele.

Nur: So eindeutig ist die wissenschaftliche Lage nicht.

Horst-Michael Prasser hat einen Punkt. Kernkraftwerke produzieren unabhängig vom Wetter Strom. Ihre CO₂-Emissionen sind im Betrieb sehr niedrig. Und die Schweiz hat im Winter tatsächlich einen erhöhten Stromimportbedarf. Das ist kein Hirngespinst. Aber aus einem Vorteil wird noch keine Notwendigkeit. Eine aktuelle Studie von ETH Zürich und Paul Scherrer Institut hat verschiedene Wege für das Schweizer Energiesystem durchgerechnet. 19 Energieexperten, vier Modelle. Das Ergebnis: Die Schweiz kann ihr Netto-Null-Ziel bis 2050 auch ohne neue Kernkraftwerke erreichen.

Das ist kein Wunschdenken. Es ist eines der Energiesysteme, die die Forschenden für möglich halten. Natürlich ist ein Modell keine Prophezeiung. Niemand weiss heute, wie der Strommarkt 2050 aussieht oder wie teuer Speicher dann sein werden. Genau deshalb sollte man vorsichtig sein mit der Behauptung, ohne neue Reaktoren sei der Klimaschutz erledigt.

Das Winterproblem bleibt – aber es ist kein Todesurteil

Solarstrom ist im Winter schwächer. Die Modelle rechnen in einem System ohne neue AKW deshalb auch 2050 mit Netto-Stromimporten von 5,4 bis 12,4 Terawattstunden. Das ist beachtlich. Neue AKW würden die Situation verbessern. Sie könnten die Winterimporte je nach Modell um ein bis sechs Terawattstunden senken. Verschwinden würde das Problem aber nicht. Auch mit neuen Reaktoren bliebe die Schweiz auf den europäischen Strommarkt angewiesen.

Ein AKW kann das System stärken. Es macht die Schweiz nicht energieautark.

Wer aus der Winterstromlücke eine zwingende Notwendigkeit neuer Reaktoren ableitet, muss deshalb mehr zeigen, als dass Kernkraft zuverlässig Strom produziert. Er muss zeigen, dass ein neues AKW gegenüber anderen Investitionen die bessere Lösung ist.

Und dann ist da noch der Preis

Neue Kernkraftwerke sind teuer und brauchen viele Jahre bis zur Inbetriebnahme. Die ETH/PSI-Studie ist hier nüchtern: Unter den aktuellen Bedingungen sind neue AKW in der Schweiz wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig, wenn der Staat sie nicht zusätzlich unterstützt. Selbst bei Baukosten von 5000 bis 8000 Franken pro Kilowatt sind sie nach den meisten Modellrechnungen zu teuer, sobald nur erneuerbare Energien gefördert werden. Bei Kosten von rund 12’000 Franken pro Kilowatt, wie sie derzeit bei neuen Projekten in Europa und den USA beobachtet werden, wird es noch deutlicher.

Das bedeutet nicht, dass Kernkraft grundsätzlich unsinnig wäre. Es bedeutet: Wer neue Reaktoren bauen will, redet über Milliarden und über ein Projekt, dessen Nutzen erst nach langer Planungs- und Bauzeit zur Verfügung steht. Geld kann man nur einmal ausgeben. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ein AKW CO₂-armen Strom liefern kann. Natürlich kann es das.

Die Frage lautet: Ist ein neuer Reaktor der klügste Einsatz dieses Geldes, wenn das Ziel lautet, möglichst schnell möglichst viel fossile Energie zu ersetzen? Die Studie entscheidet diese politische Frage nicht. Sie zeigt aber, wie hoch die wirtschaftlichen Hürden sind.

Die andere Seite ist kein Spaziergang

Wer jetzt jubelt und sagt, man brauche ja keine AKW, sollte sich nicht zu früh freuen. Ein System ohne neue Reaktoren braucht einen massiven Ausbau der Photovoltaik – die Modelle rechnen für 2050 mit 36 bis 43 Terawattstunden. Wasserkraft und Solarstrom würden zusammen rund drei Viertel der Versorgung stellen. Dazu kommen Wind, Biomasse, Speicher und zusätzliche Netze. Und im Winter bleibt die Schweiz auf den europäischen Stromhandel angewiesen.

Das ist ambitioniert. Aber ambitioniert heißt nicht unmöglich. Die Forschung zeigt mehrere mögliche Wege zu Netto-Null. Sie zeigt nicht einen einzigen Weg, der zwingend über neue Reaktoren führt.

Eine politische Entscheidung, keine wissenschaftliche Offenbarung

Prasser darf für neue AKW kämpfen. Er darf den Winterstrom zum entscheidenden Problem erklären und die Abhängigkeit vom europäischen Markt für riskant halten. Das ist legitim. Nur sollte man eine solche Haltung auch als das bezeichnen, was sie ist: eine energiepolitische Position.

Denn die aktuellen Modelle zeigen etwas anderes: Netto-Null ist in der Schweiz auch ohne neue Kernkraftwerke möglich. Das ist keine Aussage darüber, welcher Weg politisch der beste ist. Es ist eine Aussage darüber, was unter den Modellannahmen möglich ist. Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.

Die Schweizer Entscheidung ist noch nicht endgültig

2017 stimmten die Schweizer Stimmberechtigten dem revidierten Energiegesetz mit 58,2 Prozent zu. Das Gesetz verbot unter anderem den Bau neuer Kernkraftwerke. Heute ist die Lage anders. Das Parlament hat im Juni 2026 beschlossen, das Neubauverbot aufzuheben. Gegen die Änderung wurde das Referendum ergriffen; voraussichtlich 2027 entscheidet das Stimmvolk darüber.

Das ist demokratisch legitim. Gerade deshalb sollte die Debatte jetzt ohne Alarmismus geführt werden. Die Schweiz entscheidet erneut über einen energiepolitischen Kurs. Dafür braucht es Argumente über Kosten, Versorgungssicherheit, Bauzeiten, Importe und erneuerbare Energien. Die Behauptung, ohne neue Reaktoren sei der Klimaschutz erledigt, reicht dafür nicht.

Die Kernkraft ist nicht alternativlos

Kernkraft ist CO₂-arm und liefert zuverlässig Strom. Neue Reaktoren könnten die Winterimporte reduzieren. Aber sie sind teuer, brauchen Zeit und beseitigen die Abhängigkeit vom europäischen Strommarkt nicht. Vor allem: Sie sind nicht erforderlich, um Netto-Null zu erreichen. Wer sie trotzdem bauen will, soll dafür werben – mit ehrlichen Kosten, realistischen Zeitplänen und einer klaren Antwort auf die Frage, wer das finanzielle Risiko trägt, wenn das Projekt teurer und später fertig wird als geplant.

Was die Debatte nicht braucht, ist die Geschichte vom drohenden Ende des Klimaschutzes. Die Schweiz muss nicht zwischen AKW und Klimaschutz wählen. Sie muss zwischen verschiedenen Wegen zum Klimaschutz wählen. Ein neuer Reaktor ist einer davon.

Aber er ist nicht der einzige. Und nach der aktuellen Forschung ist er schon gar nicht alternativlos. Das klingt weniger dramatisch. Es ist aber näher an dem, was die Zahlen hergeben.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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