Möchten Sie Push-Benachrichtigungen von unserer Zeitung erhalten? Ja Nein, danke
  • 8. September 2026 20:36

Amerika zuerst? Dann sollte Amerika zunächst vor der eigenen Haustür kehren

ByAnton Aeberhard

Aug. 20, 2026

KOMMENTAR

Donald Trump hat mit einer Sache recht: Europa hat sich zu lange darauf verlassen, dass Amerika einen großen Teil seiner Sicherheit übernimmt. Aber daraus folgt nicht, dass Washington deshalb die moralische Rechnung der Welt ausstellen darf. Wer seine Verbündeten zur Verantwortung auffordert, sollte auch bereit sein, über die eigene Bilanz zu sprechen.

Europa muss mehr für seine Verteidigung tun. Das ist keine besonders kontroverse Erkenntnis mehr. Die europäischen NATO-Staaten haben ihre Armeen über Jahrzehnte kaputtgespart oder zumindest auf Verschleiß gefahren. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist endgültig klar geworden, dass Europa seine Sicherheit nicht dauerhaft an Washington delegieren kann. Trump hat also einen Punkt. Nur: Ein Punkt ist noch keine ganze Wahrheit.

Denn Amerika ist nicht der großzügige Onkel, der seit Jahrzehnten die Rechnung für alle anderen bezahlt und dafür nichts bekommt. So funktioniert die NATO nicht.

Amerika ist nicht nur Zahler

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 berief sich die NATO erstmals auf Artikel 5. Die Verbündeten standen damit an der Seite der Vereinigten Staaten. Auch Staaten außerhalb der NATO beteiligten sich am Einsatz in Afghanistan. Australien schickte Soldaten, ebenso viele andere Partner. Europäische Staaten stellten Truppen, Infrastruktur, Geld und politische Unterstützung bereit.

Natürlich kann man darüber streiten, ob der Afghanistan-Einsatz sinnvoll war. Man sollte sogar darüber streiten. Am Ende kehrten die Taliban an die Macht zurück. Aber genau deshalb ist die amerikanische Erzählung vom einsamen Lastenträger zu einfach. Die Vereinigten Staaten haben für ihre Kriege nach dem 11. September gewaltige Summen ausgegeben. Die Brown University kommt in ihrer Berechnung auf rund acht Billionen Dollar für die amerikanischen Kriege nach 9/11. Allein Afghanistan kostete demnach etwa 2,3 Billionen Dollar.

Das ist viel Geld. Es ist auch ein Beleg dafür, dass militärische Macht teuer ist. Aber es ist kein Beleg dafür, dass Amerika in der NATO nur gibt und alle anderen nur nehmen. Die Vereinigten Staaten bekommen etwas zurück: politischen Einfluss, militärische Präsenz, Stützpunkte, Verbündete und eine internationale Sicherheitsordnung, die auch amerikanischen Interessen dient. Das ist keine Kritik. Das ist schlicht die Realität.

Europa muss mehr zahlen. Ja.

Hier sollte man nicht herumreden. Europa hat zu wenig für seine Verteidigung getan. Deutschland eingeschlossen. Wer jahrzehntelang davon ausgeht, dass im Ernstfall amerikanische Soldaten, amerikanische Aufklärung, amerikanische Luftverteidigung und amerikanische Logistik schon irgendwie zur Verfügung stehen werden, darf sich nicht wundern, wenn Washington irgendwann die Rechnung präsentiert.

Und inzwischen hat die NATO die Latte sogar deutlich höher gelegt: Bis 2035 sollen die Mitgliedstaaten 5 Prozent ihres BIP für Verteidigung und verteidigungsbezogene Ausgaben aufwenden. Das ist eine gewaltige Veränderung. Europa wird mehr leisten müssen. Nicht, weil Trump es sagt. Sondern weil sich die Welt verändert hat. Aber genau hier endet die Berechtigung für die amerikanische Opfererzählung.

Denn Amerika hat seine eigenen Rechnungen

Die amerikanische Staatsverschuldung liegt inzwischen bei knapp 40 Billionen Dollar. Das ist keine Kleinigkeit. Natürlich bedeutet diese Zahl nicht, dass die USA vor dem Bankrott stehen. Der Dollar ist die wichtigste Reservewährung der Welt. US-Staatsanleihen sind ein Fundament des internationalen Finanzsystems. Und die amerikanische Wirtschaft ist stark genug, sich eine Verschuldung leisten zu können, bei der andere Staaten längst nervös würden.

Trotzdem bleibt die Frage erlaubt:

Wie lange kann Washington anderen Ländern finanzielle Verantwortung predigen, während die eigene Rechnung immer größer wird?

Amerika hat Schulden für Kriege gemacht. Für Steuersenkungen. Für Sozialprogramme. Für Infrastruktur. Für alles Mögliche.

Das ist Politik.

Aber eben amerikanische Politik. Deshalb sollte niemand so tun, als käme die Idee der staatlichen Verantwortung erst aus dem Weißen Haus, wenn Europa an der Reihe ist.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Noch interessanter wird es, wenn man vom Staat auf die Menschen schaut. Die Federal Reserve fragt Amerikaner regelmäßig, ob sie eine unerwartete Ausgabe von 400 Dollar aus eigenen Mitteln bezahlen könnten. 63 Prozent sagen: ja. 37 Prozent können es nicht vollständig.

Man muss daraus keine große Armutsstatistik machen. Das wäre unseriös. Aber man kann sich die Zahl einmal durch den Kopf gehen lassen. Ein Land mit einer Wirtschaftsleistung von mehr als 30 Billionen Dollar, mit einigen der reichsten Unternehmen der Welt, mit Silicon Valley, Wall Street und einem gigantischen Kapitalmarkt – und für einen erheblichen Teil der Bevölkerung sind 400 Dollar plötzlich eine ernsthafte finanzielle Hürde.

Das ist der amerikanische Widerspruch in einem Satz: Das Land ist enorm reich. Viele seiner Bürger fühlen sich trotzdem finanziell erstaunlich wenig sicher.

Gesundheit für fast 15.000 Dollar pro Kopf

Noch größer ist der Widerspruch beim Gesundheitssystem. Die USA geben pro Einwohner mehr für Gesundheit aus als jedes andere OECD-Land. 2024 waren es rund 14.885 Dollar pro Kopf. Fast 15.000 Dollar.

Und trotzdem liegen die USA bei wichtigen Gesundheitskennzahlen hinter zahlreichen anderen wohlhabenden Ländern. Man muss kein Fan des europäischen Sozialstaats sein, um sich darüber zu wundern. Amerika bezahlt sein Gesundheitssystem wie ein Luxusprodukt und bekommt dafür nicht die gesundheitlichen Ergebnisse eines Luxusprodukts. Dazu kommen die Kosten für die Patienten.

Menschen verschieben Medikamente oder nehmen sie nicht wie vorgesehen ein, weil sie sie sich nicht leisten können. Das betrifft auch Insulin. Die Politik hat inzwischen reagiert und für viele Medicare-Versicherte eine monatliche Obergrenze von 35 Dollar eingeführt. Gut so.

Nur sollte man sich auch fragen, warum diese Grenze überhaupt nötig wurde.

771.480 Menschen ohne Wohnung

Dann ist da die Wohnungslosigkeit. Bei der offiziellen Erhebung im Januar 2024 wurden 771.480 Menschen als wohnungslos erfasst. Nein, das bedeutet nicht, dass an diesem Abend 771.480 Menschen unter einer Brücke geschlafen haben. Die amerikanische Statistik ist eine Stichtagsaufnahme und umfasst auch Menschen in Notunterkünften. Aber selbst mit dieser Einschränkung bleibt die Zahl gewaltig.

Mehr als 770.000 Menschen ohne eigene Wohnung in einem der reichsten Länder der Welt.

Auch hier gilt: Amerika ist nicht einzigartig. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und andere europäische Staaten haben ebenfalls ein Obdachlosenproblem. Aber genau deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn man mit dem Finger auf die soziale Unfähigkeit anderer Länder zeigt.

Und dann sind da die Gefängnisse

Ende 2023 saßen rund 1,25 Millionen Menschen in staatlichen und bundesstaatlichen Gefängnissen. Dazu kommen Hunderttausende in lokalen Haftanstalten. Die oft zitierte Zahl von zwei Millionen Gefangenen ist je nach Definition nicht sauber. Die Größenordnung bleibt trotzdem bemerkenswert.

Ausgerechnet das Land, das Freiheit zu einem Kernbestandteil seines nationalen Selbstbildes gemacht hat, hat eine der größten Gefängnispopulationen der Welt. Natürlich gibt es Kriminalität. Natürlich müssen Täter bestraft werden. Aber irgendwann darf man auch fragen, ob ein Strafsystem mit dieser Größenordnung noch nur eine Antwort auf Kriminalität ist – oder selbst zu einem gesellschaftlichen Problem geworden ist.

Amerika ist stark. Aber Stärke ist keine moralische Immunität.

Und dann ist da Donald Trump. Hier wird die Sache unangenehm, weil es nicht mehr nur um Staatsausgaben oder NATO-Beiträge geht. Trump wurde 2024 in New York in 34 Fällen wegen Fälschung von Geschäftsunterlagen schuldig gesprochen. Das Gericht verhängte später keine Haft- oder Geldstrafe, sondern eine sogenannte „unconditional discharge“. Die Verurteilung blieb bestehen.

Auch im Fall E. Jean Carroll gibt es eine klare juristische Bilanz. Eine Jury stellte fest, dass Trump Carroll sexuell missbraucht und anschließend verleumdet hatte. Im August 2026 lehnte der Supreme Court erneut ab, seinen 5-Millionen-Dollar-Schuldspruch zu überprüfen. Man kann Trump politisch unterstützen. Man kann seine Außenpolitik richtig finden. Man kann sogar der Meinung sein, dass die amerikanische Justiz politisch instrumentalisiert wird. Aber man kann nicht gleichzeitig so tun, als gäbe es diese gerichtlichen Entscheidungen nicht.

Moralische Autorität entsteht nicht dadurch, dass man sie laut beansprucht.

Die NATO ist kein Restaurant

Das ist vielleicht der entscheidende Punkt. Die NATO ist kein Restaurant, in dem am Ende jeder seine Rechnung auf den Tisch legt und Washington ausrechnet, wer noch 14 Prozent schuldet. Bündnisse funktionieren anders. Amerika trägt den größten militärischen Anteil. Europa muss deutlich mehr tun.

Aber Amerika bekommt dafür ebenfalls etwas: Einfluss, Partner, militärische Infrastruktur und eine Sicherheitsordnung, die seit Jahrzehnten wesentlich auch amerikanischen Interessen dient. Und als Amerika selbst angegriffen wurde, standen seine Verbündeten an seiner Seite. Das ist keine Einbahnstraße.

Europa muss erwachsen werden. Aber Amerika muss es ebenfalls.

Vor der eigenen Haustür

Amerika ist keine gescheiterte Nation. Ganz im Gegenteil. Es ist wirtschaftlich, militärisch und technologisch eine außergewöhnlich starke Macht. Genau deshalb darf man von den Vereinigten Staaten auch mehr erwarten. Nicht Perfektion. Aber Selbstkritik.

Ein Land mit fast 40 Billionen Dollar Schulden darf Europa zu mehr Haushaltsdisziplin auffordern. Es sollte dabei nur nicht vergessen, wie seine eigene Bilanz aussieht. Ein Land, das fast 15.000 Dollar pro Einwohner für Gesundheit ausgibt, darf europäische Gesundheitssysteme kritisieren. Es sollte dann aber erklären können, warum die Ergebnisse nicht entsprechend besser sind. Ein Land mit Hunderttausenden Wohnungslosen darf anderen Staaten schlechte Sozialpolitik vorwerfen. Aber es sollte wissen, dass auch die eigene Haustür nicht besonders sauber ist.

Und ein Land, in dem Kinder regelmäßig lernen müssen, was bei einem bewaffneten Angriff in ihrer Schule zu tun ist, sollte vielleicht etwas vorsichtiger sein, wenn es anderen Gesellschaften erklären will, wie eine funktionierende Ordnung auszusehen hat. Das ist kein Anti-Amerikanismus. Es ist auch kein Plädoyer dafür, dass Europa weniger tun soll. Im Gegenteil.

Europa muss seine Verteidigung stärken. Es muss mehr investieren. Es muss militärisch handlungsfähiger werden. Und es muss aufhören, amerikanische Sicherheit als selbstverständlich zu betrachten. Aber Amerika sollte im Gegenzug aufhören, seine Macht mit moralischer Unfehlbarkeit zu verwechseln. Wer andere zur Verantwortung ruft, sollte seine eigene Bilanz kennen.

Und wer ständig „America First“ sagt, sollte eine einfache Frage beantworten können:

Wenn Amerika immer zuerst kommt – wer übernimmt dann eigentlich die Verantwortung für den Rest der Rechnung?

Fehler gefunden?
Wir sind dankbar für jeden Hinweis, der uns hilft, unsere Berichterstattung zu verbessern. Bitte senden Sie eine kurze E-Mail an feedback@dmz-news.online mit folgenden Angaben:

  • Die genaue URL des Artikels
  • Beschreibung des Fehlers
  • (Optional) Vorschlag zur Korrektur

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.

Wir glauben daran, dass jede und jeder das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.

Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.

Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.

By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert