Möchten Sie Push-Benachrichtigungen von unserer Zeitung erhalten? Ja Nein, danke
  • 8. September 2026 20:00

Großbritannien brennt – was das mit dem Klima zu tun hat

ByAnton Aeberhard

Aug. 19, 2026

In England und Wales gibt es in diesem Sommer so viele Waldbrände wie nie zuvor. Die Wissenschaft kann inzwischen zeigen, dass sich die Bedingungen für schwere Feuer verändern. Der Zusammenhang ist allerdings komplizierter, als es manche Schlagzeile nahelegt.

London – Die Zahl der Waldbrände in England und Wales hat in diesem Sommer einen neuen Höchststand erreicht. Mitte August waren bereits mehr als 1017 Brände registriert – mehr als im bisherigen Rekordjahr 2025. In den West Midlands griff ein Feuer von trockenen Feldern auf Häuser über. Bewohner mussten ihre Wohnungen verlassen, Feuerwehrleute waren mit mehreren größeren Bränden gleichzeitig beschäftigt.

Die Wetterlage hilft, die Entwicklung zu verstehen. Mitte August wurden in London 38,1 Grad Celsius gemessen. Es war der fünfte Hitzewellenabschnitt des Jahres. Der Juli war in England und Wales der trockenste seit 190 Jahren. Nach Regierungsangaben lebten zu diesem Zeitpunkt rund 45 Millionen Menschen in Gebieten mit Dürrebedingungen.

Damit ist noch nicht gesagt, warum ein bestimmtes Feuer entstanden ist. Das ist eine andere Frage.

Ein Waldbrand braucht eine Zündquelle. In Großbritannien sind dafür häufig Menschen verantwortlich – absichtlich oder aus Unachtsamkeit. Ob sich daraus ein kleiner Brand oder ein Feuer entwickelt, das über große Flächen läuft, hängt auch von der Beschaffenheit der Landschaft und vom Wetter ab.

Genau dort kommt der Klimawandel ins Spiel.

Nicht der Funke, sondern das Feuerwetter

Das Met Office unterscheidet zwischen der Entstehung eines Feuers und den Bedingungen, unter denen es sich ausbreitet. Hitze, geringe Luftfeuchtigkeit, trockene Vegetation und Wind können die Intensität eines Feuers erhöhen. Der britische Fire Severity Index versucht deshalb nicht vorherzusagen, wo jemand ein Feuer entzünden wird. Er beschreibt, wie günstig die Wetterbedingungen für die Entwicklung eines schweren Feuers sind.

Diese Unterscheidung klingt zunächst akademisch. Sie ist es nicht. Denn für Großbritannien lässt sich der Einfluss des Klimawandels inzwischen an konkreten Ereignissen untersuchen.

Eine 2025 veröffentlichte Studie des Met Office und weiterer britischer Forschungseinrichtungen befasste sich mit den schweren Bränden während der Hitzewelle von 2022. Die Forscher verglichen die damaligen Bedingungen mit einer Modellwelt, in der der menschliche Einfluss auf das Klima fehlte. Ihr Ergebnis: Die für schwere Feuer günstigen Wetterbedingungen waren durch die menschengemachte Erwärmung mindestens sechsmal wahrscheinlicher geworden.

Das bedeutet nicht, dass der Klimawandel einen bestimmten Brand entzündet hat. Untersucht wurde die Wahrscheinlichkeit der Wetterbedingungen, unter denen sich Feuer besonders stark ausbreiten können.

Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

2025 war ein Wendepunkt

Im vergangenen Jahr zeigte sich, was solche Bedingungen bedeuten können. Der britische Climate Change Committee bezeichnet 2025 als die zerstörerischste Waldbrandsaison, die das Land bisher erlebt hat. Mehr als 40.000 Hektar brannten ab. In Schottland erreichte ein einzelnes Feuer eine Fläche von mehr als 10.000 Hektar.

Der Klimawandel war dabei nicht die unmittelbare Ursache der Brände. Der Ausschuss nennt menschliche Aktivitäten als wichtigste Zündquelle. Gleichzeitig habe die außergewöhnliche Kombination aus Trockenheit und Hitze dafür gesorgt, dass sich Feuer wesentlich leichter ausbreiten konnten.

Für die kommenden Jahrzehnte erwartet der Ausschuss mehr Tage mit solchen Bedingungen. Unter einem Szenario mit etwa zwei Grad globaler Erwärmung könnte sich die Zahl der Tage mit Wetterbedingungen für schwere Waldbrände bis zur Mitte des Jahrhunderts verdoppeln. Auch die Feuersaison könnte länger werden.

Dabei bleibt eine wichtige Unsicherheit: Mehr „Feuerwetter“ bedeutet nicht automatisch genauso viele zusätzliche Brände. Dafür braucht es weiterhin eine Zündung. Auch Landnutzung, Vegetation und Brandbekämpfung spielen eine Rolle. Das britische Climate Risk Assessment weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass die Entwicklung der tatsächlichen Brandhäufigkeit weniger eindeutig ist als die Entwicklung der für Feuer günstigen Wetterbedingungen.

Wenn der Torf brennt

Besonders problematisch sind die Moorlandschaften. Ein Großbrand auf Dava Moor in den schottischen Highlands im Sommer 2025 hat gezeigt, warum. Mehr als 10.000 Hektar standen in Flammen. Eine im Mai 2026 in Nature Geoscience veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 84 Prozent des bei dem Feuer freigesetzten Kohlenstoffs aus der Verbrennung von Torf stammten. Insgesamt wurden nach der Berechnung der Forscher rund 38.600 Megagramm Kohlenstoff freigesetzt.

Torf ist ein langfristiger Kohlenstoffspeicher. Wenn er verbrennt, gelangt dieser Kohlenstoff als CO₂ in die Atmosphäre. Gleichzeitig geht ein Teil des Speichers verloren, der den Kohlenstoff über Jahrhunderte gebunden hatte.

Die Forscher fanden für die Region zum Zeitpunkt des Feuers eine ungewöhnlich niedrige Bodenfeuchte. Selbst Flächen, die normalerweise relativ feucht sind, konnten dadurch brennen. Die Autoren warnen, dass eine zunehmende Austrocknung der Böden die Bedeutung von Torfbränden für die Kohlenstoffbilanz verstärken könnte.

Auch hier wäre es falsch, aus der Studie abzuleiten, dass der Klimawandel das Dava-Moor-Feuer verursacht habe. Dafür ist die Untersuchung nicht angelegt. Sie zeigt vielmehr, was unter extrem trockenen Bedingungen passieren kann.

Der zweite außergewöhnliche Sommer

2026 hat die Entwicklung nicht beendet. Mitte August meldete die britische Regierung eine landesweit hohe Waldbrandgefahr. Feuerwehren bekämpften mehrere große Brände, teilweise mit Unterstützung des Militärs. In England und Wales war die Zahl der registrierten Feuer bereits höher als im Rekordjahr 2025.

Für die laufende Saison gibt es bislang keine vergleichbare Attributionsstudie wie für die Brände von 2022. Das ist wichtig. Aus den Rekordzahlen allein lässt sich nicht berechnen, welchen Anteil der Klimawandel an der Entwicklung dieses Sommers hat.

Was sich sagen lässt, ist etwas anderes: Die meteorologischen Bedingungen, die schwere Brände begünstigen, treten in einem wärmeren Klima häufiger auf. Für Großbritannien ist dieser Zusammenhang inzwischen beobachtet und für einzelne Extremereignisse quantifiziert worden.

Die Frage ist deshalb weniger, ob der Klimawandel „für“ einen einzelnen Brand verantwortlich ist. Interessanter ist, ob sich die Ausgangslage verändert, in der solche Brände stattfinden. Die Daten sprechen dafür.

Und was steht in den Zeitungen?

Eine Analyse der britischen Medienberichterstattung wirft auf diese Frage ein eigenes Licht. Die Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU) hat 2806 Artikel über Waldbrände untersucht, die zwischen dem 22. Mai und dem 31. Juli 2026 in neun britischen überregionalen Zeitungen erschienen. In 65,4 Prozent der Beiträge wurde der Klimawandel nicht erwähnt.

Die Unterschiede zwischen den Zeitungen sind beträchtlich. In Financial Times und Guardian wurde der Klimawandel in rund 64 Prozent der untersuchten Artikel erwähnt. Bei Times und Telegraph waren es etwa ein Drittel. Bei der Sun lag der Anteil bei 5,8 Prozent.

Die Zahlen müssen allerdings vorsichtig gelesen werden. Die ECIU hat nicht untersucht, ob ein Artikel wissenschaftlich richtig oder falsch war. Gezählt wurde, ob bestimmte Begriffe zum Klimawandel vorkamen. Ein Bericht über einen Brandstifter kann ohne jeden Klimabezug korrekt sein. Auch ein Text über eine Evakuierung muss nicht erklären, wie sich die globale Durchschnittstemperatur verändert.

Die Auswertung zeigt also nicht, dass die britische Presse den Klimawandel falsch darstellt. Sie zeigt etwas enger Gefasstes: In der Mehrzahl der untersuchten Artikel wird der Zusammenhang überhaupt nicht angesprochen. Ob das angemessen ist, hängt vom jeweiligen Bericht ab.

Eine Frage der Einordnung

Wissenschaftlich lässt sich inzwischen zwischen mehreren Ebenen unterscheiden. Ein Mensch kann ein Feuer entzünden. Das Wetter kann bestimmen, wie schnell es sich ausbreitet. Die Landschaft kann darüber entscheiden, wie viel Brennmaterial vorhanden ist. Und der langfristige Klimatrend kann die Häufigkeit und Intensität bestimmter Wetterlagen verändern.

Keine dieser Aussagen macht die anderen überflüssig. Für Großbritannien ist inzwischen belegt, dass die Bedingungen für schwere Feuer durch den Klimawandel wahrscheinlicher geworden sind. Für die Brände von 2022 wurde der menschliche Einfluss auf das Klima quantifiziert. Für 2025 dokumentieren die britischen Behörden eine außergewöhnlich große Waldbrandsaison. Und 2026 hat England und Wales bereits einen neuen Rekord bei der Zahl der registrierten Feuer erreicht.

Wie groß der Einfluss des Klimawandels auf die gesamte Waldbrandsaison 2026 ist, wird erst eine spätere Attribution beantworten können. Die Entwicklung selbst ist weniger schwer zu fassen: Ein wärmeres Großbritannien bekommt häufiger Wetterbedingungen, unter denen Vegetation austrocknet und Feuer sich leichter ausbreiten kann. Die Zündquelle bleibt dabei eine andere Frage.


Wissenschaftliche Studien und staatliche Fachquellen

Aktuelle Berichterstattung

Medienanalyse

Fehler gefunden?
Wir sind dankbar für jeden Hinweis, der uns hilft, unsere Berichterstattung zu verbessern. Bitte senden Sie eine kurze E-Mail an feedback@dmz-news.online mit folgenden Angaben:

  • Die genaue URL des Artikels
  • Beschreibung des Fehlers
  • (Optional) Vorschlag zur Korrektur

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.

Wir glauben daran, dass jede und jeder das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.

Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.

Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.

By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert