Eine neue Studie zeigt: Wer seine Aufmerksamkeit bewusst auf körperliche Empfindungen richtet, kann eine akute Entzündungsreaktion messbar beeinflussen. Das ist bemerkenswert – aber kein Beleg dafür, dass man Krankheiten „wegdenken“ kann.
Man muss nicht viel tun, damit der Körper eine Entzündung produziert. Ein kleiner Stich in den Unterarm genügt. Wenige Minuten später schwillt die Haut an, sie wird rot, es juckt oder brennt. Das Immunsystem hat seine Arbeit aufgenommen.
Doch was geschieht, wenn man sich in diesem Moment ganz bewusst auf die betroffene Stelle konzentriert? Offenbar etwas mehr, als man vermuten würde. Eine am 17. August in Nature Human Behaviour veröffentlichte Studie zeigt, dass die willentliche Lenkung der Aufmerksamkeit die Stärke und den zeitlichen Verlauf einer akuten Entzündungsreaktion beeinflussen kann. Richteten die Versuchsteilnehmer ihre Aufmerksamkeit auf die Empfindungen an der entzündeten Hautstelle, fiel die Reaktion geringer aus und klang schneller ab, als wenn sie sich von der Stelle ablenkten. Der Effekt zeigte sich in zwei unabhängigen Versuchsgruppen bei rund neunzig Prozent der Teilnehmer. Im Mittel waren die Entzündungsreaktionen unter nach innen gerichteter Aufmerksamkeit etwa eineinhalbmal kleiner.
Das Ergebnis ist deshalb interessant, weil Aufmerksamkeit gewöhnlich als eine Funktion des Gehirns betrachtet wird, die vor allem bestimmt, was wir wahrnehmen. Die Studie legt nun nahe, dass sie unter bestimmten Bedingungen auch beeinflussen kann, was der Körper tut.
Ein einfacher Test, ein überraschender Befund
Nofar Mizrachi, Menachem Rottem und Liron Rozenkrantz von israelischen Forschungseinrichtungen untersuchten dafür 57 gesunde Erwachsene in drei vorab registrierten Experimenten. Die Forscher wählten mit Bedacht kein komplexes Krankheitsmodell, sondern eine der einfachsten kontrollierbaren Entzündungsreaktionen beim Menschen: den Histamin-Hauttest.
Histamin lässt an einer kleinen Stelle der Haut die Gefäße durchlässiger werden. Es entsteht eine Quaddel, begleitet von einer Rötung. Die Reaktion entwickelt sich innerhalb weniger Minuten und erreicht nach etwa 15 bis 20 Minuten ihren Höhepunkt. Die Größe von Quaddel und Rötung lässt sich anschließend messen. Im ersten Experiment mit 37 Personen gab es zwei Bedingungen. In der einen sollten die Teilnehmer ihre Aufmerksamkeit auf die Empfindungen an der behandelten Stelle richten: auf Jucken, Brennen und andere körperliche Veränderungen. In der anderen sollten sie sich durch Videoclips ablenken lassen.
Der Unterschied war deutlich. Nach zwanzig Minuten betrug der Durchmesser der Quaddel bei nach innen gerichteter Aufmerksamkeit im Mittel 3,5 Millimeter, bei Ablenkung 5,0 Millimeter. Auch die Rötung war kleiner: 10,6 gegenüber 14,0 Millimetern. Entscheidend war zudem nicht allein die Größe der Reaktion. Unter nach innen gerichteter Aufmerksamkeit ging die Schwellung schneller zurück.
Die Forscher beschreiben dies als eine stärker regulierte Entzündungsreaktion. Das ist eine wichtige Formulierung. Denn eine möglichst kleine Entzündung ist nicht automatisch gesund. Entzündung ist eine Schutzreaktion des Körpers; bei einer Infektion kann eine kräftige Immunantwort lebensnotwendig sein. Entscheidend ist vielmehr, dass eine solche Reaktion in ihrer Stärke und Dauer zur jeweiligen Situation passt.
Aufmerksamkeit statt Ablenkung
Nun könnte man einwenden, dass die Videos die Versuchsteilnehmer schlicht in einen anderen körperlichen Zustand versetzten. Vielleicht waren sie entspannter oder auf andere Weise abgelenkt. Dann wäre nicht die Aufmerksamkeit selbst für den Unterschied verantwortlich.
Deshalb folgte ein zweites Experiment mit 20 weiteren Teilnehmern. Diesmal sahen alle dieselben abstrakten Formen auf dem Bildschirm. Die visuelle Situation war damit vergleichbarer. Wiederum wurde nur die Aufmerksamkeit unterschiedlich gelenkt: einmal auf die körperlichen Empfindungen, einmal auf eine Aufgabe, die nichts mit dem Körper zu tun hatte.
Auch hier war die Entzündungsreaktion unter nach innen gerichteter Aufmerksamkeit geringer. Der Effekt lag wiederum bei etwa dem 1,6-Fachen; rund neunzig Prozent der Teilnehmer zeigten unter Ablenkung die stärkere Reaktion. Das stärkt die Interpretation, dass nicht das konkrete Video oder eine bestimmte Art der Beschäftigung entscheidend war, sondern die Richtung der Aufmerksamkeit. Besonders bemerkenswert ist ein scheinbares Paradox: Diejenigen, die auf ihren Körper achteten, nahmen Jucken und Brennen stärker wahr. Gleichzeitig war die objektiv gemessene Entzündung schwächer. Mehr spüren bedeutete hier also nicht mehr körperliche Reaktion.
Wie könnte das funktionieren?
Die Studie liefert Hinweise auf zwei mögliche Wege, über die Aufmerksamkeit mit der Entzündung verbunden sein könnte. Einen davon vermuten die Forscher in den sensorischen Signalen aus der Haut. Um das zu untersuchen, wiederholten sie das Experiment mit 17 Personen und betäubten die Hautstelle mit Lidocain. Dadurch wurde die Weiterleitung der Signale aus dem entzündeten Areal abgeschwächt. Der Effekt der Aufmerksamkeit wurde kleiner, verschwand aber nicht. Das spricht dafür, dass die Informationen aus der Haut an der Regulation beteiligt sind, aber nicht die gesamte Wirkung erklären. Der zweite Hinweis kommt vom autonomen Nervensystem. Es steuert zahlreiche Körperfunktionen, die nicht unserer unmittelbaren willentlichen Kontrolle unterliegen. Dazu gehören unter anderem Herzschlag, Verdauung und bestimmte Aspekte der Immunregulation.
Die Forscher maßen deshalb auch die Herzratenvariabilität, kurz HRV. Sie gilt als indirekter Hinweis auf die Aktivität des Parasympathikus und insbesondere des Vagusnervs. Während die Teilnehmer ihre Aufmerksamkeit nach innen richteten, war die HRV erhöht. Andere gemessene Größen – darunter Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit, Hauttemperatur und das subjektive Angstempfinden – unterschieden sich dagegen nicht entsprechend.
Das passt zu der Annahme, dass die Aufmerksamkeit nicht einfach dadurch wirkte, dass die Teilnehmer „entspannter“ waren. Vielmehr könnte sie über autonome Regelkreise die Entzündungsreaktion beeinflussen. Doch hier endet das, was die Studie tatsächlich zeigen kann. Die HRV ist ein indirekter Marker. Die Forscher haben den Vagusnerv nicht unmittelbar gemessen und auch nicht nachgewiesen, dass ein bestimmter Nervenweg die Entzündung verursacht oder unterdrückt. Ebenso wurden mögliche hormonelle Mechanismen, etwa über Cortisol, nicht untersucht. Die vermuteten neuronalen Mechanismen bleiben deshalb eine plausible Interpretation und sind kein endgültiger Beweis.
Kein Beleg für „Gedankenkraft“
Die Ergebnisse laden zu großen Schlussfolgerungen ein. Genau hier ist Zurückhaltung angebracht. Die Studie zeigt nicht, dass Menschen Krankheiten durch Konzentration heilen können. Sie zeigt auch nicht, dass Meditation oder Achtsamkeit das Immunsystem generell stärken. Untersucht wurde eine wenige Minuten dauernde, künstlich ausgelöste Entzündung der Haut bei gesunden Erwachsenen.
Ob sich der Befund auf Infektionen, chronische Entzündungskrankheiten oder Autoimmunerkrankungen übertragen lässt, ist unbekannt. Ebenso offen ist, ob eine solche Beeinflussung über längere Zeiträume bestehen bleibt. Die Autoren selbst nennen diese Einschränkungen und fordern weitere Untersuchungen, unter anderem mit direkten Messungen von Gehirnaktivität und Immunprozessen.
Auch die Interpretation einer kleineren Entzündung als „besserer“ Regulation darf nicht verallgemeinert werden. Eine Immunreaktion muss nicht möglichst klein sein. Ihr angemessenes Ausmaß hängt davon ab, was im Körper passiert. Eine starke Entzündung kann bei einer Verletzung oder Infektion sinnvoll sein; eine überschießende oder anhaltende Entzündung kann dagegen schädlich werden. Die Studie beantwortet also eine sehr viel kleinere Frage – dafür aber eine interessante: Kann die willentliche Ausrichtung der Aufmerksamkeit eine akute Immunreaktion beim Menschen verändern?
Für das untersuchte Modell lautet die Antwort offenbar ja.
Eine neue Verbindung zwischen Wahrnehmung und Körper
Die größere Bedeutung der Arbeit liegt möglicherweise darin, dass sie eine alte Trennung weiter aufweicht: hier das bewusste Erleben, dort die vermeintlich automatisch ablaufende Körperphysiologie.
Dass Gehirn und Immunsystem miteinander kommunizieren, ist längst bekannt. Nervenbahnen, Hormone und Botenstoffe verbinden beide Systeme. Auch aus früheren Untersuchungen gibt es Hinweise darauf, dass Stress, Erwartungen, Konditionierung und andere kognitive Prozesse Immunreaktionen beeinflussen können. Die neue Studie setzt an einer besonders elementaren Stelle an: bei der Aufmerksamkeit.
Die Forscher interpretieren ihre Ergebnisse im Rahmen sogenannter prädiktiver und allostatischer Modelle. Vereinfacht gesagt geht es dabei um die Vorstellung, dass das Gehirn nicht lediglich auf Veränderungen im Körper reagiert. Es versucht fortlaufend vorherzusagen, was im Körper geschieht, und trägt dazu bei, dessen Zustand zu regulieren.
In diesem Modell könnte Aufmerksamkeit eine Art Verstärker sein. Sie bestimmt mit, welche Signale aus dem Körper besonders stark verarbeitet werden. Die bewusste Wahrnehmung der entzündeten Stelle könnte dem Gehirn damit nicht nur Informationen über den Zustand des Körpers liefern. Sie könnte zugleich Prozesse anstoßen, die zur Regulation dieses Zustands beitragen.
Das ist eine interessante Hypothese. Mehr ist es vorerst nicht. Denn die eigentliche Arbeit beginnt jetzt erst. Größere Studien müssen zeigen, ob sich der Effekt reproduzieren lässt. Andere Formen von Entzündung müssen untersucht werden. Man müsste wissen, welche Immunzellen und Botenstoffe beteiligt sind und welche neuronalen Schaltkreise die Verbindung herstellen. Erst dann ließe sich abschätzen, ob aus dem Laborbefund irgendwann ein medizinisch nutzbares Verfahren werden könnte.
Bis dahin bleibt eine bemerkenswerte Beobachtung: Die Versuchspersonen mussten weder Medikamente einnehmen noch eine komplizierte Technik erlernen. Sie veränderten lediglich, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richteten.
Und ihr Körper reagierte darauf. Nicht so, als ließe sich das Immunsystem nach Belieben per Gedanken steuern. Aber offenbar auch nicht so, als wäre es vom bewussten Erleben vollständig unabhängig. Die Entzündung im Unterarm war klein. Die Konsequenz für unser Verständnis der Beziehung zwischen Gehirn und Körper könnte größer sein.
-> Zur Studie
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